Stilstand

If your memory serves you well ...

Kategorie: Neologismen

Die Sprache wächst

In der englischen Sprache gibt es jetzt ein neues Wort deutschen Ursprungs:

“Nervous Europeans, especially Germany’s Putin Verstehers, grouse that their own economies will be harmed more than Russia’s.”

Tscha, Kindergarten, Blitzkrieg, Putin-Verstehers – passt doch. Weit haben sie’s gebracht …

Der Igor Popolochowitsch hat übrigens eine Rede Chamberlains neben eine Rede Steinmeiers gestellt. Ganz erhellend, wie ich finde …

Das wäre übrigens wirklich fies, wo doch die russischen Oligarchen so gern Geldgeschäfte machen:

“The U.K. will press European Union leaders to consider blocking Russian access to the SWIFT banking transaction system under an expansion of sanctions over the conflict in Ukraine, a British government official said.”

Was brüllt übrigens der wackere Alu-Hütler, wenn er erfährt, dass der Putin in die Ukraine eingefallen ist: “Marleeene – die Amis kommen!” …

Hirnschmelze?

Corium – wie schön, mal wieder ein neues Wort für meine Sammlung! Es klingt nach fachlicher Kompetenz und weißen Laborkitteln, ähnlich wie Aluminium, Deuterium oder Helium. Leider suggeriert es diese klinisch-aseptischen Eigenschaften nur: Corium ist schlicht ein Kunstwort, das – abrakadabra! – aus dem ‘Core’ für den Reaktorkern und einer latinisierenden Endung hervorzaubert wurde, um wissenschaftliche Beherrschbarkeit vorzugaukeln. Jenes Corium, das es jetzt am Reaktorboden zu kühlen gilt, ist nachwievor nichts anderes als eine wilde Mischung aus radioaktiven Isotopen, die sich wie glühende Lava durch die Druckbehälter von Fukushima nagen. Dem gemeinen Volk ist dieses Corium übrigens längst als “Kernschmelze” bekannt … was zugegebenermaßen nicht ganz so nett klingt.

Leben Modewörter ewig?

Heute morgen blätterte ich in einem Band Friedrich Spielhagen (‘Das hast du auch noch nie gelesen’ lautete der Auslösereiz) und ich stolperte gleich über den ersten Satz: “Durch den Wald schlenderte lässig ein schlanker Knabe“. Gut, dieser Text ist derart daneben, das er fast wie eine Parodie auf seine Zeit wirkt – ‘schlendern’ kann man schließlich nur im urbanen Raum, nicht aber in einem Wald, wo alle Naslang Stubben. Äste und Brombeeren das beschwingte Schlendern ausbremsen. Mir aber ging es hier um das Wörtchen ‘lässig’. Denn der Roman ‘Das Sonntagskind’, worin dieser Satz sich findet, der erschien schon 1893. Irgendwann im frühen Wilhelminismus also entstand dieses Modewort ‘lässig’, damals, als erstmals ein junger Lebemann sich über die steife zeremonielle Art des Umgangs in der feinen gutbürgerlichen und adligen Gesellschaft ‘lässig’ hinwegsetzte. Das Wort klang für mich ein wenig nach ‘Oscar Wilde’, nach ‘Joris Carl Huysmans‘ oder generell nach einer Bohème, also nach großstädtischen Literatenzirkeln.

Gleichzeitig aber lebt das Wort in unserem Sprachgebrauch ungebrochen fort: ‘Lässig’ heißen bspw. diese PVC-Wickeltaschen, die umrahmt von den Endlosschleifen einer Belanglos-Musik auf sich aufmerksam machen möchten.  Satte 1,2 Mio. Treffer liefert uns Google für dieses Wörtchen ‘lässig’. Sterben also Modewörter am Ende gar nicht wieder aus, wenn ihre Zeit vergangen ist?

Es gibt einige Indizien für diese These. Das Allerweltswörtchen ‘geil’ für jene Lebenslagen, in denen die Menschen einer Generation zuvor vielleicht noch ‘knorke’ riefen, das gibt es nun schon, solange ich denken kann. Das hiphoppende ‘phat’ will auch so recht nicht wieder weichen, ebenso wie dieses ‘krass’ (Komparativ: ‘voll krass’; Superlativ ‘total krass’). Die bequeme Vorstellung also, wonach modische Sprachperlen auch mit der Mode kommen und gehen würden, die hinkt zumindest.

Es gibt allerdings auch Gegenargumente. So klingt ein Adjektiv wie ‘pfiffig’ derartig gestrig und nach miefigster Heinz-Rühmann-Zeit, das höchstens eine Änderungsschneiderei aus Bruchhausen-Vilsen es noch auf ihre Werbetafel setzen würde. Auch ‘schick’ oder ‘chic’ will nicht mehr so recht ziehen, wie überhaupt alles ‘Französische’. Jedenfalls imaginiere ich beim Adjektiv ‘schick’ die Botox-Blondine jenseits der Menopause gleich mit – samt Pelzstola und Perlenkette.

Vermutlich also – das war dann meine Schlussfolgerung, bei der ich mich wieder beruhigte – vermutlich sterben Modewörter zusammen mit jenen Sprechern aus, die sich dabei etwas denken können. Manchmal allerdings erweisen sich ‘Modewörter’ für die folgenden Generationen weiterhin als praktisch. Dann werden sie eben tradiert und am Ende gehen sie sogar in den allgemeinen Wortschatz über. Alle historischen Sprachwissenschaftler mögen mir mein hilfloses Gebrabbel hier verzeihen … oder das Gesagte besserwisserisch ergänzen.

Neutöner (1)

Das ist wirklich ein schönes, neues Wort: Es spricht sich gut, es macht – anders als das verwandte ‘Plutokratie’ – den gemeinten Sachverhalt jedermann anschaulich und es schöpft aus der immer reich sprudelnden Quelle eines populären Sprachgebrauchs (Kommentar # 20):

Knetokratie

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