Stilstand

If your memory serves you well ...

Kategorie: Grundsätze (Seite 2 von 9)

Wort und Bild

Gute Fragen werden oft nicht gestellt … wer also rätselt, weshalb die derzeitige Abmahnwelle raffigieriger Kanzleien vor allem Bildrechtsverletzungen betrifft, der stößt schnell auf einen grundlegenden Unterschied zwischen Wort und Bild: Ein Text lässt sich zitieren, ein Foto nicht. Betrachte ich diese Differenz als des “Pudels Kern“, kann mir die fidele Verwertungsgemeinschaft ‘Goethes Erben & Co KG’ dafür keinerlei Abmahnschreiben ins Haus schicken, obwohl es sich doch eindeutig um eine Faust-Reminiszenz handelt. Ebenso darf ich weiterhin ganz unbefangen von einer “Johurnaille” reden, auch wenn das Wort auf dem fruchtbaren Mist des Ingolstädters wuchs. Es gibt keinen ‘Besitz’ an Wörtern, allenfalls Firmennamen sind geschützt.

Auch Neologismen frisch aus dem Ofen – eine dahergeklimperte “Emmentaler-Argumentation”, “das Eigendumm”, “die Dorfbuurgeoisie”, “der Liberaltismus”, “das Porkfolio” – die stünden vom Moment ihrer Geburt an unter keinerlei Schutz des Gesetzgebers, sie wären sofort eine kurrente Münze, sofern jemand diesen Stuss überhaupt nachplappern will.

Mit einem Wort: Die Sprache ist eine durch und durch gesellschaftliche Veranstaltung, wo nirgends Schilder mit der Aufschrift ‘Privat’ stehen DÜRFEN, weil sonst die Funktion des Systems behindert wäre. Allenfalls genießen längere Texte einen gewissen Schutz vor Plagiatoren wie dem Guttenberg, vor Figuren also, die nie im Leben etwas Eigenes aufs Papier zu bringen vermöchten. Bei dieser Form des Schutzrechtes handelt es sich also vor allem um die gesellschaftliche Abwehr von ‘Blendern’ und Betrügern.

Gerade wegen dieser durch und durch gesellschaftlichen Fundierung der Sprache ist ja auch der Kampf der Verleger gegen Textausrisse oder ‘Snippets’ so irre, weil sie keinerlei Begriff von der Funktion einer Sprache zu haben scheinen. Die Folgen sind eigentlich jedem klar: Entweder sie verabschieden sich mit ihrem Medium aus dem Diskurs oder sie behindern die allgemeine Kommunikation. Produktiv sind sie in keinem Fall.

Kurzum: Copyright ist deshalb nicht gleich Copyright, weil ein Bild niemals die Flughöhe eines Wortkunstwerkes erreichen kann – was wiederum mit dem kollektiven Charakter der Sprache zusammenhängt. Niemand würde sich ein Wort übers private Sofa pinnen, aber privatisierte Bilder hängen dort oft. Dass die Sprache allen gehört, zählt zu ihren Funktionsbedingungen. Würde sie jemals von Abmahnwälten parzelliert, dann hätten wir zwar einen Kleingartenverein, jedes Verständnis untereinander aber wäre sofort dahin. Auch so etwas gibt es vor allem in hirnvernagelten Kleingärtnervereinen, die da meinen, diese Welt wäre eine Privatveranstaltung, so auch in dem Schrebergarten ‘Zum florierenden Paragraphenritter’, den ich eingangs erwähnte …

Ironie schadet nie!

Bis dato wird dem Publikum zugemutet, das Unmögliche zu glauben: dass nämlich tatsächlich einstige Tankwarte und Heizungstechniker, Kofferträger und Landadelige, Agenturbesitzer und Trauzeugen, Immobilienmakler und Steuerberater, Haider-Jünger und Grasser-Freunde so unschätzbare Dienste leisteten, dass sie mit etlichen Millionen nicht überbezahlt waren. Die Erörterung der weit näher liegenden Variante – dass ein Gutteil der Millionen entweder in Parteikassen oder in den Taschen vom Amtsträgern landete – verbietet das Mediengesetz. Das sollte die Justiz aber nicht hindern, ihre Aufklärungsarbeit drastisch zu intensivieren.”

Tscha, vermutlich waren das ja alles liberale ‘Leistungsträger’ – und somit per Definition stets chronisch unterbezahlt. Eine solch süffige Ironie aber fließt nur österreichischen Journalisten derart fehlerfrei in die Tastatur. Der gemeine deutsche Schreiberling sieht nur jene Hühneraugen, auf die er – ogottogott! – bei diesem unerhörten Verfahren treten müsste …

Thesen bestätigen

Keine Antwort ist auch eine Antwort: Als Sven Kohlmeier, netzpolitischer Sprecher der SPD, auf einer Podiumsdiskussion behauptete, dass man mit den Piraten im Landtag nicht kommunizieren könne, stieß Berlins dünnhäutiger Oberpirat erzürnt den Stuhl zurück und stratzte von der Bühne. Welch schönere Bestätigung einer These kann es geben …

Lebensregel

Glaube nie einem Menschen, der die Hand aufs Herz legt.

Die Heimat meiner Sprache

Mein Buch über das ‘Schreiben im Web 2.0’ nähert sich rapide der Fertigstellung. Bis zur Seite 152 ist es jetzt durchredigiert. Hier folgt ein Passus, der beschreibt, weshalb jeder bessere Schreiber auch sprachlich durch seine Herkunft in der Wolle gefärbt bleibt, während diejenigen, die ihrer ‘Provinz der Sprache’ mit Bleichmitteln zu Leibe rücken, zumeist in fremden Zungen reden müssen, in denen der ‘Public Relations’, des ‘Wissenschaftssprechs’ oder im ‘Industrieton des Journalismus’. Es sind Heimatvertriebene:

“… Jeder Schriftsteller hat auch sprachlich eine Heimstatt – seine Imagination, seine Kunst, sein Witz, sein Können ist an eine bestimmte Region und an eine bestimmte Zeit der Erinnerung – zumeist an jene der Jugend – fest geknüpft. Stephen King stellte in seinem höchst empfehlenswerten Buch über ‚das Leben und das Schreiben‘ klar, dass die unendliche Reihe seiner Romane fast alle einen Ort als Zentrum haben, ein Brachgrundstück, das ihn in jungen Jahren fast das Leben gekostet hätte. Nahezu immer habe bei ihm ‚der Ort des Grauens‘ jene Wildnis der Kindheit zum Ursprung:

„Unsere neue Wohnung befand sich in der dritten Etage auf der West Broad Street. Einen Häuserblock weiter hügelabwärts, nicht weit von Teddy’s Market und gegenüber von Burret’s Building Materials, erstreckte sich ein weitläufiges, verwuchertes Gelände, das rückseitig von einem Schrottplatz begrenzt und in der Mitte von Eisenbahnschienen durchquert wurde. Dieses Stück Wildnis gehört zu den Orten, auf die ich immer wieder zurückgreife. Es taucht hier und dort unter allen möglichen Bezeichnungen in meinen Büchern und Geschichten auf. Die Kinder in Es nennen es „die Barrens“, wir nannten es Dschungel.“

Was für Stephen King gilt, trifft auch für andere Autoren zu. Ein Sven Regner ist ohne die regional verankerte, höchst ‚fiekeliensche‘ Art zu denken und zu argumentieren, gar nicht denkbar. Auch dort, wo er seinen Herrn Lehmann durch das Berlin der Wendezeit stapfen lässt. Seine Protagonisten sind stets ‚Bremer im Ausland‘. Frank Schulz trägt in seiner ‚Hagener Trilogie‘, der wohl besten ‘Heimatgeschichte’ in deutscher Sprache, die sehnsuchtsvolle Erinnerung an ein kleines Dörfchen an der Elbmündung tief ins sonnige Griechenland hinein; ein Joachim Ringelnatz klingt immer nach Waterkant, seine Metaphorik bleibt meerverbunden, selbst dann, wenn er ausnahmsweise auf einer Bänkeltour in München seinen Verstand versäuft; ein Heimito von Doderer ist nur in Wien denkbar, ein Charles Dickens nur in London, ein Alfred Döblin nur mit Berliner Kodderschnauze … die Reihe ließe sich schier endlos fortsetzten.

Uns alle prägte irgendein Ort, aus dem wir schreibend dann die Details, die Atmosphäre, den Sprachklang und generell unsere Glaubhaftigkeit beziehen. Anders herum wird aber auch ein Schuh daraus: Vieles von dem, was einstmals Pop-Literatur hieß, das war ja deswegen sprachlich so arm, weil es ständig seine Herkunft aus der Provinz verleugnete, um sich stattdessen im angelesensten Szene-Jargon als hipper, trendiger Großstadt-Nomade zu präsentieren, der trotzdem ohne jeden Anker der Erinnerung in eben dieser Großstadt auch schriftstellerisch nie Wurzeln schlug. Die Pop-Literatur versuchte ersatzweise sich aus Plattensammlungen, In-Lokalen, Modeartikeln u.ä. eine ‚Heimat‘ zu zaubern. Was gründlich misslang.

Natürlich habe auch ich eine solche Heimat, die umso präsenter wird, je älter ich werde. In meinem Fall ist es Bremerhaven, eine geschichtsarme Stadt am Geestebogen, im grauen Schlick der Unterweser. …”

Metaphern altern

Metaphern haben die machtvolle Eigenschaft, präexistente Vorstellungen in den Köpfen der Zuhörer oder Leser evozieren zu können. Ein bildhaftes Wort – schon wächst die zugehörige ‘Weltanschauung’ in unserem Kopf unwillkürlich heran. Das vollzieht sich oft ‚durch die Hintertür‘. Wenn deutungsmächtige Metaphern ihre Überzeugungskraft verlieren, wenn ganze semantische Felder veröden, dann ändern sich auch Gesellschaften – einen solchen Prozess erleben wir aktuell. Wir leben in einer aufregenden Zeit. Metaphoriker vom anderen Ufer nennen sie ‚krisenhaft‘.

Seit dreißig Jahren, im Prinzip seit dem Beginn der Reagan-Ära, überschwemmten uns alle die Bildwelten und das Vokabular einer völligen Selbstregulation. Die konservativen Thinktanks in den USA hatten ihre Schleusen geöffnet, mächtige Verleger lenkten die neue Ideologie durch ihre Kanäle, aufstiegswillige Journalisten verstanden den Wink und lieferten die erwünschten Bildwelten.

Die Autopoiese, der neue Weltgeist aus der Kybernetik, gab sich omnipotent und war an die Stelle Gottes getreten. Lohnfragen, Strompreise, Umweltbelange, Wohnungsnot, Beziehungen … alles sollte sich quasi naturwüchsig und autonom wie von selbst in einen Gleichgewichtszustand bringen, vermittelt über den Markt als ‘großen Regulator’, der zugleich ‘von selbst gerecht‘ sein würde. Dummerweise waren zynische Selbstgerechte die offensichtlichere Folge.

Theoretisch begleitet und untermauert wurde dies alles von einer wildwuchernden konstruktivistischen Gesellschaftstheorie, die ihre zunehmend undurchschaubaren Begriffe so fruchtbar entwickelte, wie eine Hasenkolonie zu Jungen kommt. Sie vergaß dabei eines, den ‘Steuermann’, der doch mit aller Kybernetik untrennbar verbunden ist, ja, der ihr erst ihren Namen gab. Aus einer systemischen Steuerungstheorie wurde eine systemische Nichtsteuerungstheorie, alle Regulierung, alle staatlichen Eingriffe wurden zu Eingriffen in eine ominöse Freiheit, die mit dem Marktgeschehen gleichgesetzt wurde.

Was wiederum im völligen Widerspruch stand bspw. zu einem Ahnvater und Moralapostel der Kybernetik wie v. Foerster. Aber auch – mit Verlaub – zu einem Niklas Luhmann. Denn der wusste immerhin noch, wie sehr die Metaphern das Geschehen in jedem gesellschaftlichen Subsystem prägen, ja, wie es auf sprachlichem Weg seine Realitäten erst schafft. Luhmann nannte diese gesellschaftsbildenden Mega-Metaphern ‘symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien’.

Mit der Krise und spätestens seit der Lehman-Pleite jedenfalls liegt die altbackene Bildwelt naiver Selbstregulation in Scherben. Kaum ein Mensch glaubt mehr daran, dass die ‚unsichtbare Hand‘ eines ökonomischen Weltgeistes irgendein Subsystem – ob Markt, ob Wissenschaft – am Patschehändchen nähme und ins Himmelreich führe, dass sich irgendetwas ‘wie von selbst’ regulieren könne, schon gar nicht auf wirtschaftlichem Gebiet. Selbstregulation gilt einem neuen gesellschaftlichen Bewusstsein fast schon als sichere Methode, ökonomische Luftblasen zu erzeugen.

Die Differenz beim akklamatorischen oder spöttischen Bildgebrauch unterscheidet inzwischen marktradikale Konservative und neue Progressive, vor allem daran, ob sie uns unverbesserlich ‘freie Märkte’ noch mit Paradiesfarben ausmalen möchten – oder eben nicht. Im beginnenden Sprachbildwandel liegt in meinen Augen der wahre Gewinn der Krise: Die Blackberry-Metaphern der Unverantwortlichkeit, das Deregulierungs-Kisuaheli schwindet dahin. Es wächst eine neue Sprache heran, eine neue Bildlichkeit der Weltbeschreibung. Nur die Redakteure sind oft noch die alten geblieben.

Warum sollte Google das tun?

Schwarzgelbs neues Leistungsschutzrecht wird die große Suchmaschine wohl kaum beeindrucken. Ich nehme mal an, diese Fundstellenlieferanten werden das journalistische Angebot deutscher Zeitungsverlage dann schlicht nicht mehr bewerben. Für die Verleger bedeutet das weniger Klicks, weniger Werbeeinnahmen, weniger Kunden:

“Deutsche Presseverlage sollen für ihre journalistischen Erzeugnisse künftig von Internetdiensten wie Google ein angemessenes Entgelt fordern können, wenn diese Zeitungstexte verwerten.”

Ach so – das sind übrigens die absehbaren Folgen: “So sei es dann doch nicht gemeint gewesen, gaben die vom Google-Universum ausgeschlossenen Zeitungen empört zurück; gar von Boykott sprachen sie.” Buhuu, buhuu – wie gemein!

Der Anakoluth

Ein Anakoluth* ist ein Satz, der tölpelhaft über seine eigenen Füße stolpert, weil ihm beim Fortschreiten ständig etwas zwischen dieselben kommt. Der Text beginnt mit einem Thema, schon aber schießt dem Schreiber der nächste Gedankensplitter durch den Kopf, weshalb er im Reden das Gleis wechselt, bis weder Anfang noch Mittelteil darauf hindeuten, wie dieses Satzgeröll einmal enden könnte. Irgendwann, wenn er sich ausgiebig ausgeschäumt hat, setzt der erschöpfte Schreiber einfach einen Punkt.

In der Literatur ist der Anakoluth oder ‘Satzbruch’ ein probates Mittel, will man bspw. einen Menschen darstellen, der von seinen Gefühlen so übermannt wird, dass alles nur noch in Brocken seinem Mund entquillt. Der Anakoluth deutet dann auf seinen Seelenzustand hin. In der Realität wiederum treffen wir das Phänomen am häufigsten bei Mitgliedern der ‘Familie Schwurbel’ an, bei jenen Leuten also, die intellektuell gar keinen klaren Gedanken fassen können und deshalb ständig hormonales Konfetti daherreden – wie z.B. jener hier:

“Tsipras und seine kommunistische Bande hat jedes mit tausenden kleinen Streiks die das Land lahm legten und mit mindestens 1 Generalstreiks pro Jahr…und zwar VOR 2008 ,rückgratlose Politiker in Griechenland erpresst dem korrupten Beamtenapparat und Arbeitern der verfaulten Staatsbetriebe exorbitante Löhne zu zahlen die nur durch Kredite zu bezahlen waren.”

* Manche sagen nicht ‘der’ sondern ‘das’ Anakoluth’.

An alle Populisten:

Wenn Probleme so einfach zu lösen wären, gäbe es keine.

Treppauf, treppab

Klimax nennt die Rhetorik eine zumeist dreistufige ‘Leiter’ oder ‘Treppe’ sprachlicher Steigerung. Im Text klettern wir mit ihrer Hilfe in immer lichtere Höhen: “Gut. Besser. Paulaner.” Erst nach einem Dutzend dieser Paulaner ginge es mit uns dann wieder bergab. Sobald es aber bergab geht, sprechen Rhetoriker von einer ‘Antiklimax’: Dumm, dümmer, Dobrindt – je nach parteipolitischer Präferenz abzuwandeln.

Diese beiden Redefiguren lassen sich aber durchaus auch mischen, wie in den folgenden pseudo-klimakterischen Beispielen, die ich mir völlig anlasslos aus den Fingern saugte. Auf eine verbale Aufwertung folgt bei dieser weltweisen Steigerungsform der überraschende Absturz zwar erst im dritten Schritt – aber recht bedacht war oft schon das zweite komparative Glied die Absturzursache:

Journalismus – Qualitätsjournalismus – Public Relations
Politiker – Realpolitiker – Tanzbär
Management – Topmanagement – Konkursverwaltung

 

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