Stilstand

If your memory serves you well ...

Kategorie: Grundsätze (Seite 1 von 9)

Stilregel

Grundsätzlich klingt alles, was nicht funktionieren kann, stets besonders geschraubt und hochgestochen – vom Oswald Spengler über Theodor W. Adorno und dem knödelnden Herrn Heidegger bis hin zum seligen ‘Arbeiterkampf’, zu Alexander Dugin, zu den Ikea-Bauanleitungen oder zum Kleingedruckten in Verträgen. Gut, das Blenden, Formelkompromisse und Täuschungsabsichten mögen oft auch eine Rolle spielen:

“Die AfD hat das unverständlichste EU-Wahlprogramm.”

Ein kleiner Artikel

Schon schäumen die Rechten und die Linken – und die selbsternannte Mitte sowieso. Auch der Zeitgeist geht baden. Kurzum: ‘Last Man Standing’ als Schreibhaltung. So etwas ist Journalismus. Und aus den Kommentaren wird prompt eine Lawine … weil urplötzlich eine gesellschaftliche Debatte entsteht, die eben nicht nur aus dem üblichen Schmäh unserer Hirnverrannten besteht, die da meinen, sie hätten schon deshalb recht, weil sie ‘gewonnen’ haben. Wobei sie doch in Wahrheit nur auf jemanden ‘reingefallen’ sind.

Es gab mal einen Seitenzweig der historischen Forschung, der hieß ‘Mentalitätsgeschichte’. Von dessen Ansätzen scheinen unsere Eliten keinen Schimmer mehr zu haben. Und so kommt es so, wie Constantin Seibt es beschreibt – und wie es eben denselben Eliten gar nicht in den Kram passt. Sie stehen eher hilflos davor. Wobei dann nicht die Mentalität der Bevölkerung in erster Linie reformbedürftig wäre, sondern vor allem die mentale Arroganz unserer Eliten …

“Das Paradoxe an der globalisierten Wirtschaft ist: Sie hat ihre Elite so reich wie nie gemacht und gleichzeitig so unglaubwürdig wie nie.”

Lustig ist auch zu sehen, zu welchen Worthülsen die Begriffe ‘liberal’ und ‘Liberalismus’ heutzutage degeneriert sind. Da stimmen große Teile des Kommentariats fröhlich für eine planwirtschaftliche ‘Kontingentierung von Arbeitskräften’ – und sie nennen diese Planwirtschaft dann einfach mal ‘liberal’. 😉

Boom, Boom, Bang!

Die Industrie ist damit Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Mithilfe der umstrittenen Fracking-Methode ist es den Firmen gelungen, mehr und mehr Gas aus dem Gestein im Untergrund zu pressen, und das hat die Preise 2012 auf einen absoluten Tiefstand gedrückt. Was Verbraucher und Abnehmer in der Wirtschaft freut, verdirbt jedoch Kapitalgebern das Geschäft.”

Überraschung! Wo alle auf Boom setzen, boomt’s auch tatsächlich. Wer konnte das jemals ahnen? Den Gewinn dürfen unsere Neunmalklugen jetzt mit der Lupe dort im vergifteten Erdreich suchen. Anleger mit solch medial befeuerten Hypa-Hypa-Renditeerwartungen sollten vielleicht erst einmal eine ökonomische Klippschule besuchen, um dort das Gesetz von Angebot und Nachfrage zu pauken.

Bekleckertes Feuilleton

Am 2. März 1952 sandte “auf Anraten von Herrn Dr. Gottfried Benn” ein Friedhelm Leucht aus Aschaffenburg ein Konvolut von 19 Gedichten an den Eugen Diederichs Verlag – von einem gewissen George Forestier, einem Ex-SS-Mann und großem Weltenbummler, der im Alter von 30 Jahren als Fremdenlegionär in Indochina verschütt gegangen sei. Eine der größten Blamagen des deutschen Feuilletons war die Folge dieser Germanisten-Saga.

Der dünne Lyrikband erschien 1952 unter dem Titel ‘Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße‘ – eine Metapher, deren platte Epigonalität bis hin zu Uta Danella und Rosamunde Pilcher reicht. Alle Alphamedien und alle Alphadichter der Republik überschlugen sich, von der FAZ bis zur Süddeutschen, von Stefan Andres bis Karl Krolow. Vor allem die Exkulpierung der Kriegsgeneration wurde im Feuilleton mit Hilfe des dichtenden SS-Mannes eifrig betrieben, seine Lyrik zeige, so die FAZ, “daß dieses im Chaos gezeugte, im Chaos großgewordene Geschlecht wunderbarerweise doch nicht zu den verlorenen Generationen gehört.” Beckmesserisch wäre es jetzt, festzustellen, dass diese Generation ja gar nicht ‘im Chaos’ gezeugt wurde, sondern in der Weimarer Republik – aber gut, solche Zeitschiebungen gehören wohl zur großen Persilschein-Metaphorik dieser Nachkriegszeit, vor allem in konservativen Medien. Sensationelle 21.000 Bände dieses verschollenen Militaria-Poeten setzte der Diederichs-Verlag jedenfalls ab, in einem Genre, wo sonst 200 Exemplare als Erfolg gelten. ‘Gaaanz zufällig’ fand der clevere Verleger dann noch weitere Gedichte, die ein weiteres elegant gebundenes Bändchen füllten. Und dann …?

Tscha, und dann flog die Mystifikation unter Getöse auf, und die Gralshüter der deutschen Literatur standen bekleckert da. Der ‘Entdecker’, Dr. Friedrich Leucht, hatte dem Diederichs-Verlag schon Monate zuvor mitgeteilt, wer der wirkliche Verfassser sei: Kein geheimnisvoller Mister X, modernd in den Dschungeln Kambodschas, sondern ein biederer Dr. Karl Emerich Krämer, der im grauen Anzug im Diederichs-Verlag höchstselbst als Herstellungsleiter saß. Der Duft des nachfolgenden Skandals war bis nach Paris und Moskau zu riechen … und das deutsche Feuilleton durfte mal wieder Kränze auf das Grab seiner Urteilskraft legen.

So weit, so gut: Interessanter ist für mich ein anderes Phänomen. Dieser Friedrich Krämer – Träger übrigens diverser Auszeichnungen der Reichsschrifttumskammer – veröffentlichte weiterhin emsig seine gelenkig-gelehrige Lyrik, weiterhin auch unter dem Namen Forestier. Und obwohl die Gedichte nicht um ein Deut besser oder schlechter wurden (letzteres war auch kaum möglich), verkauften sie sich danach nur noch wie Schnee in der Antarktis. Tscha, so ist das halt: Wenn im düstersten Lorca-Stil ukrainische Partisanen im Taigawind an kahlen Bäumen schaukeln, wenn ein marokkanischer Wüstensturm saint-exupéry-mäßig dem Fremdenlegionär die Bartstoppeln schabt – dann erwartet das Publikum, dass dies auch alles ‘wirklich wahr’ sei. Die bloße Erfindung dagegen sei – verglichen mit ‘dem echten Erlebnis’ – ein schales Muster ohne Wert. Dabei verhält es sich, literartechnisch gesehen, genau anders herum. Aber pssst! Nicht weitersagen!

Eine Frage der Wortwahl

Eine ‘Vermögensabgabe’, das klingt so verlogen – so, als würde uns mittelprächtigen Steuerbürgern von den Reichen eine ‘Gabe’ oder ein ‘Almosen’ zugeschnippt, oder als sollte die Bourgeoisie uns mehr oder minder freiwillig etwas ‘abgeben’. Fakt ist: Die Reichen haben das Geld durch ihr Vertrauen in windige Banken und schleimige Berater fast ganz allein ‘verzockt’ – alles, was jetzt ‘Euro-Krise’ oder ‘Staatsschuldenkrise’ genannt wird, ist quasi ein Programm zur Rettung der Reichen vor den Konsequenzen ihres Handelns, denn die Banken, in denen sie als Gläubiger ihr Geld zu haben meinten, sind ‘ausgelutscht’ oder bis auf die Knochen ‘abgenagt’, ohne Geldflutung praktisch insolvent. Insofern sollten wir auch nicht länger von einer ‘Vermögensabgabe’ reden, sondern von einem ‘Lastenausgleich’, wie nach dem zweiten Weltkrieg schon einmal – wahlweise auch von einem ‘Flutopfer’. Der Ansicht sind längst auch Ökonomen:

“Auch die deutschen Krisenkosten [sollten] von den Vermögenden getragen werden.”

Die Theorie lebt!

Zumindestens die kritische – sonst gibt’s ja auch keine, die Ansprüchen von Gourmets genügt. Und zunehmend rückt in den Analysen dabei die Rolle der Medien – Wer, wir? – Ja, ihr! – in den Fokus:

“Wir leben in einer Gesellschaft reißender Wölfe, im Geiste kontrolliert von den Medien und unterdrückt durch die Repräsentanten der Reichen.”

Einen Widerspruch zu diesem Panoramabild habe ich allerdings: Keinerlei Wahrheit hätte mehr Chance auf Durchsetzung, sagen die beiden Großtheoretiker, weil dieses arme, veritable Hobbitwesen sich ja an den großen medialen Lügentürmen von Mordor vorbeischleichen müsste. Irgendwie haben die beiden – weil ‘klassisch’ geschult – die Möglichkeiten des Netzes noch nicht so recht begriffen.

Ich prophezeie mal: Der neue Kommunitarismus wird sich über den digitalen Raum an den Medien vorbei organisieren … Wer nicht weiß, worum es sich dabei möglicherweise handeln könnte, möge sich dieses Interview mal reinpfeifen: “Der wahre Beppe Grillo – nicht der aus den Medien.”

Aus der Frühindustrialisierung

Lokomotive der Weltkonjunktur steht wieder unter Dampf.”

Tscha, wat’n Glück – dank Ruß und Kohle, nebst James Watt. Da kann der ICE des Hochfrequenzhandels gar nicht gegen-anstinken! Kurzum: Zeige mir deine Metaphern und ich sage dir, auf welchem Stand der kognitiven Entwicklung du zurückgeblieben bist. In diesem Fall war’s Anno Märklin. Ähnlich retardiert ist übrigens diese Nummer mit einem rüstigen Hoppelsenior:

“Eine Hürde auf dem Weg dorthin hat der 63-Jährige jetzt genommen.”

Der Doppel-Oxer steht ihm aber noch bevor … oder: Wenn man sich besser nichts darunter vorstellen sollte, war’s bestimmt eine Journalisten-Metapher.

‘Failing Epically’

Wer wissen möchte, weshalb der Netzdiskurs den Journalismus zunehmend übertrifft, möge sich diesen Vortrag zu Gemüte führen (Leerstelle entfernen):

http:// www.youtube.com/watch?v=4ONHziWZ52U

Bilanz der FTD:

Da bleibt nur eines übrig: das totale Misstrauen gegen die Wirtschaft. In der Presse – und hoffentlich in der Öffentlichkeit.”

Gut, eine Wirtschaftszeitung hat hier einfach mal ausgesprochen, wie wir der Wirtschaft vernünftigerweise begegnen sollten  – allerdings auch erst in der letzten Ausgabe.

Lesebefehl!

Sie, meine Damen und Herren, riskieren also als Investoren in eine mediale Gegenwelt mehr als nur viel Geld: den Realitätsverlust. Denn die Denkverbote sind heute längst auf Ihrer Seite.”

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