Stilstand

If your memory serves you well ...

Kategorie: Bücher (Seite 2 von 4)

Pressekonferenz in der Pampa

Mal wieder was Neues von meinem ‘modernen Bauernroman’. Es geht voran, aber langsam, weil ich zum Ende hin die vielen lose flatternden Fäden wieder sinnvoll verknüpfen muss, ohne dass daraus Spinnerei oder Konfektionsware wird.

Hier ein Ausschnitt, der ungefähr auf halber Strecke liegt. Die Verträge sind in trockenen Tüchern, die chinesische Delegation ist eingetroffen, der Bürgermeister kämpft mit seinem Schulenglisch und träumt vom immerwährenden Fortschritt, der Kommissar schläft prompt ein:

“… Die Gruppe hatte sich in Bewegung gesetzt. Die Chauffeure parkten derweil die schweren Wagen auf dem Kopfsteinpflaster am Allerufer. Der Bürgermeister lotste die Delegation zu den hochlehnigen Sitzen, auf denen sonst der Rat der Stadt dahindämmerte. Dann bestieg er das Podium und klopfte prüfend an eines der Mikrofone. Eine gellende Rückkopplung war die Antwort. Vermooren wich zurück und glättete noch einmal die Blätter in seiner Hand:

„Dies war ein Weckruf – diese Veranstaltung beginnt gleich mit einem technischen Weckruf! Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, ich darf Sie an diesem großen Tag für unsere Samtgemeinde recht herzlich begrüßen. Ganz besonders aber unsere Gäste aus dem fernen China, Abgesandte der weltweiten SinoTec Korporäschn: Herrn Wu Lei Wang links, den Tschief Echsekjutiff Offisser Juropp des Unternehmens, und Herrn Huang Yeh rechts, den Projektmanager jener energetischen Innovation, die hier in unserem beschaulichen Hinterrode jetzt verwirklicht werden soll. Nicht vergessen darf ich natürlich auch Frau Chan Fong Sung. Als Dolmetscherin, die über exzellente Deutschkenntnisse verfügt, erspart sie es uns und mir, Sie mit meinem arg eingestaubten Englisch zu quälen.“

„Bisher schlägt er sich ja recht wacker“, flüsterte Jenny. Vermooren blickte hilfesuchend auf seinen Zettel:

„An der Seite unserer chinesischen Delegation sehen Sie rechts Herrn Dr. Walther Hartmann, Referatsleiter im Wirtschaftsministerium, neben ihm sitzt Dr. Knut Faltenhäuser aus der Staatskanzlei. Ebenfalls aus einer Kanzlei, diesmal aus einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei, sehen Sie Herrn Dr. Kurt von Pieper, der die Frankfurter Societät „Petermann, von Pieper & Halbach“ vertritt. Er sorgt dafür, dass rechtlich alles rasch in trockene Tücher gelangen kann. Begrüßen darf ich nicht zuletzt auch die ungewohnt vielen Vertreter der Öffentlichkeit, auch diejenigen vom Landvolk und aus verschiedenen Umweltorganisationen, die hier im Saal Platz genommen haben. Jetzt aber will ich zur Sache kommen.“

„Na, endlich!“ Karshüsing lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

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The Great Snorby

Ich habe mich immer gefragt, weshalb wohl so viele Leute bei Fitzgeralds ‘Great Gatsby’ in Verzückung geraten. In der FAZ steht jetzt der neueste Hymnus auf diesen Dandy-Roman. Ich dagegen weiß nur, dass ich damals fast eingeschlafen wäre, obwohl es sich doch nur um knapp 200 Seiten handelt.

Da produziert sich – ich rede aus der Erinnerung heraus – eine Generation aus mehr oder minder jungen und stinkreichen Hallodris vor den Lesern (Fitzgerald als Verfasser eingeschlossen), die sich, umgeben von Reichtum, vor Langeweile zu Tode sehnt und säuft. Endlose Partys reihen sich aneinander wie die sprichwörtlichen Perlen auf der Schnur, die Gespräche strotzen vor Banalität, Sottisen à la Dieter Bohlen umflattern das Buffet, niemand scheint je arbeiten zu müssen, Schlaftabletten gehören scheffelweise zum Abendessen, der Arzt ist Dauergast, Eifersucht wird in bunten Cocktails ersäuft, Erlebnisse bestehen darin, dass man ‘dabei’ war, die Depression huscht als grauer Schatten an allen Wänden entlang, während ständig die Reifen irgendwelcher Rolls-Royces im Kies der Einfahrten knirschen. Kurzum: Ein Reigen absolut uninteressanter Figuren in weißen Anzügen, die Veilchenduft schnattern, wenn sie verliebt zu sein wähnen, oder aber mit halbwegs spitzigen Bemerkungen ihren Degout zu maskieren trachten. Lauter arme Würstchen mit Portfolio. Selbst der berühmte Schlußsatz*, mit dem Generationen von Amerikanistik-Studenten gequält wurden und werden, der tändelt doch bloß mit dem Vanitas-Motiv unter falschen Voraussetzungen, denn auf diesen Parties ‘kämpft’ doch keiner, und keiner von denen rudert ‘gegen den Strom’. Und letztlich – sterben müssen wir alle mal. Welch Erkenntnis – was für ein Schmachtfetzen!

Die meisten der Metaphern im Buch sind dabei – gelinde gesagt – noch schräger als meine. Und der unermüdlich herbeigeraunte Gatsby, als er schlussendlich aus den Kulissen tritt, der ist alles, nur eben nicht ‘Great’.

Zwar weiß ich, dass ich hier gegen einen weltliterarischen Kanon anstänkere. Mir aber scheint die Faszination des Romans bloß im sozialen Ort seiner Sehnsuchtslandschaft zu liegen: Alle DSDS-Gucker finden hier eine Traumwelt mit englischem Rasen und Golfplatz, die endlich mal so banal erscheint, wie sie es sind. Deren Protagonisten aber trotzdem in Reichtum baden. Woran die Leser der Jetztzeit ewiglich scheitern werden … weil sie nicht einzusehen vermögen, dass sie zur ‘Lost Generation’ von heute zählen, der bei aller Anpassung sogar ein wenig Luxus und Zugehörigkeit verwehrt bleibt. Ein Buch für feuchte Träume im Prekariat … wer dem amerikanischen Reichtum von damals ins Gesicht schauen will, der greife zu William Faulkner – vor allem zur Snopes-Trilogie. Da geht es reeller zu, es gibt sogar ‘Interessen’.

Nach allem, was man jetzt so liest, soll die derzeitige Neuverfilmung, die all das Raunen im Blätterwald dienstleistungsorientiert auslöste, wie ein ‘überlanger Werbespot’ wirken. Ja, das passt … aber wer tut sich das an?

*So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.” (Übersetzung: B. Arbabanell)

Sind so kleine Hirne …

Verlag streicht “wichsen” aus Kinderbuch.

Als Erstklässler bekam ich noch was hinter die Löffel, weil ich – wie eigentlich unsere ganze Klasse – schon die einschlägigen Verse von der ‘Bremer Fickanstalt’ (s. a. Rühmkorfs Sammlung) rezitieren konnte. Ich behaupte damit nicht, dass ich damals schon wusste, worum es ging. Aufgeweckt von der Ohrfeige schwante mir dann was …

Nase zuhalten!

Hier kommt es jetzt zu einem Fall von duftendem Selbstlob – ich habe mir deshalb auch gleich einen Verweis erteilt, und zwar als Crosspost auf diese Rezension meines Buches:

“… Neben der Vermittlung eines handfesten Anliegens – Werdet besser! – ist das Buch höchst unterhaltsam zu lesen, was ebenso an der sehr persönlichen Schreibe des Autors wie an den vielen kleinen und größeren Seitenhieben auf bekannte Personen, Zeitungen und Blogs liegt. All diese kleinen Sottisen sind jedoch nicht Selbstzweck, sie werden sorgsam begründet und als lebendige Beispiele herangezogen. … Das Buch erfordert Mitdenken, innere Rückfragen und das Eingeständnis der eigenen, schlechten sprachlichen Angewohnheiten, belohnt dies aber mit einigen soliden Techniken und der Fähigkeit, einen guten Text zu erkennen, wenn man ihn sieht. Das größte Plus für mich ist aber die Leidenschaft, mit der Klaus Jarchow streitet: Für lesbare und lesenswerte Texte nach dem Journalismus. …”

Boah, ej!

Mein ungehyptes Buch (s. rechts) verkauft sich immer noch besser als die gelben Seiten von Julia Schramm – trotz ihrer 57 Rezensionen und des übermäßigen Medien-Ballyhoos:

via NovelRank

Abgeschrammt

Julia Schramms nächstes Buch wird dann wohl den Titel “Lost in the Shitstorm” tragen. Diese heftigen Böen wehen derzeit eindeutig aus Holzhausener Richtung. Und wo trifft sie dieser duftende Taifun? Völlig zu Recht trifft er ihre Glaubwürdigkeit mittschiffs, schon haben auch die Piraten eine Guttenberg am Hals …

Nach dem Journalismus

Ab sofort ist mein Buch bei ‘epubli’ erhältlich, entweder als E-Book oder als Book on Demand. Die Preise sind so kalkuliert, dass ich als Autor in beiden Fällen etwa 5 Euro für jedes verkaufte Exemplar erhalte. Das gebundene Buch kostet damit 39,99 Euro, das E-Book ist erheblich preiswerter und kostet 7,99 Euro. Das Buch hat 624 Seiten im A5-Format, auf eine ISBN-Nummer habe ich verzichtet, weil mir der Vertrag mit Holtzbrinck sonst ‘zu intim’ geworden wäre. Eine Inhaltsübersicht findet sich hier … aller Zustimmung, Kritik oder auch den Verrissen sehe ich gefasst entgegen.

Hier noch der Klappentext, den ich für ‘epubli’ geschrieben habe:

“Über den Medienwandel wird zu oft aus Perspektive der ‚Opfer‘ geschrieben, aus der Sicht der Journalisten also. Diese behaupten noch ihre Deutungshoheit vor den Lautsprecherwänden großer Massenmedien, obwohl ihre Arbeit Tag für Tag schon entwertet wird. Glauben wir diesen Altjournalisten, dann welkt der gute, alte ‚Qualitätsjournalismus‘ unter dem Gifthauch eines unqualifizierten ‚Shitstorms‘ aus dem Netz rapide dahin. Schon in diesen Jeremiaden suchen wir stilistische Qualitäten meist vergebens …

Das Buch beginnt mit einer dichten Beschreibung der medialen Ausgangslage, bevor nach etwa 50 Seiten der umfangreiche handwerkliche Teil beginnt. Hier geht es um Techniken des Erzählens, um Sprachrhythmik, um Sprachbilder, um Stilfiguren, um Dramaturgie usw. Es entsteht ein ‚Lehrbuch der Narration‘ oder eine ‚stilistische Erzählkunde‘, wie sie für jeden Schreiber praktischen Nutzen hat – in journalistischen Handbüchern aber selten (bis nie) zu finden ist.

Die große ‚erzählerische Wende‘, die diesen Ansatz begründet, folgt aus der neueren Kommunikationsforschung. Ohne einen grundlegenden Wandel informationstheoretischer Vorstellungen ist die Notwendigkeit einer ‚neuen Schreibe‘ kaum zu verstehen. Leicht verständlich behandelt das Buch daher die ‚Entdinglichung‘ der Information und korrigiert andere kognitive Voraussetzungen, um zu erreichen, dass Autoren sich ein zutreffenderes Bild von ihrer Arbeit am Text machen.

Der kritische Teil versucht allen Schreibern dann die Ehrfurcht vor großen Namen zu nehmen. Exemplarisch werden die stilistischen Tricks und Möglichkeiten einiger Alphajournalisten analysiert – u.a. Broder, Matussek, Seibel, Poschardt, Meckel usw. – um zu zeigen, dass auch sie stilistisch nur mit Wasser kochen, einige sogar nur mit der heißen Luft der Ideologie. Einige neue Schreiber, die ‚Alpha-Blogger‘, dienen zur Erläuterung jener neuen Möglichkeiten, die das Netz bereithält.

Das Schlusskapitel geht noch einmal auf die Frage des medialen Wandels ein. Es zeigt, dass es sich um keine ‚Medienrevolution‘ handelt, es handelt sich eher um eine ‚Evolution‘, die sich als Prozess noch über viele Jahre hinziehen wird. In jedem Fall aber wird sich am Ende die mediale Welt für Autoren wie für das Publikum verändert haben.

Stilistisch versucht das Buch über eine Langstrecke von mehr als 600 Seiten den eigenen Ansprüchen an den neuen Stil zu genügen.”

Umschlag, angedacht …

Der Inhalt

Vorneweg kommt hintennach: Erst schreibt der Mensch ein Buch – und ganz zum Schluss schreibt er dann Vorwort und Inhaltsverzeichnis. Letzteres steht jetzt auch schon vor den 620 Seiten, die dann folgen…

“Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort: Der Abschied vom ‚Industrieton‘

1. Deskriptiver Teil:

1.1. Die Medienrevolution – : Endlich passiert’s!
1.2. Das Schreiben – : Mit 26 Buchstaben jonglieren
1.3. Authentizität – : Echtheit ist Handwerk
1.4. Stil – : Es gibt keine Stile
1.5. Qualitätsjournalismus – : In der stilfernen Zone
1.6. Schreibkulturen – : Als der Stil online ging
1.7. Stilverlust – : Du Schönschreiber!
1.8. Glaubwürdigkeit – : Unter Verzicht auf die Wahrheit

2. Handwerklicher Teil

2.1. Die Wörter – : Stein auf Stein
2.1.1. Die Substantive – : Könige in Schriftgestalt
2.1.2. Die Verben – : Der bewegte Text
2.1.3. Das Adjektiv – : Unter falscher Anklage
2.1.4. Das Adverb – : Überpräzise wie ein Beamter
2.1.5. Die Präposition – : Der Wegweiser im Text
2.1.6. Die Füllwörter – : Keineswegs entbehrlich

2.2. Die Sätze – : Gedanken flechten
2.2.1. Die Satzzeichen – : Mach mal Pause!

2.3. Die Sprachmusik – : Ein Duktus, wo jeder mit muss!

2.4. Die Bildwelten – : Im Kampf mit der Metapher

2.5. Die Dramaturgie – : Der Film im Text
2.5.1. Das Szenische – : Kein langer ruhiger Fluss
2.5.2. Der Protagonist – : Helden wie du und ich
2.5.3. Die Atmosphäre – : Der emotionale Text
2.5.4. Das Interesse – : Das, was uns auffällt

2.6. Stilfiguren – : Rhetorik in der Praxis
2.6.1. Die Repetitio – : Was ich dreimal sage, ist wahr
2.6.2. Klimax und Antiklimax – : Wer bietet mehr?
2.6.3. Negation und Litotes – : Nichts für ungut!
2.6.4. Neologismen – : Neue Wörter braucht das Land
2.6.5. Die Alliteration – : Alles atmet Atmosphäre
2.6.6. Der Dialog – : Wie spricht denn der?
2.6.7. Das Negieren – : Dialektik für Anfänger
2.6.8. Die Idiomatik – : Die Sprache der Leute sprechen
2.6.9. Das Pasquill – : Richtig fies sein
2.6.10. Die Parodie – : Mit anderer Stimme reden
2.6.11. Die Personificatio – : Mir ist alles Mensch
2.6.12. Der Regionalismus – : Ich weiß man, von wo du kommst
2.6.13. Die Digression – : Wo war ich stehen geblieben?
2.6.14. Pars pro toto – : Einer für alle
2.6.15. Der erste Satz – : Einsteigen, bitte!
2.6.16. Die Ironie – : Vom Olymp herab
2.6.17. Anglizismen – : Aber gerne doch!

3. Exkursiver Teil

3.1. Attraktion – : Auf der Suche nach der Information
3.2. Erfinden – : Schreiben, bis sich die Balken biegen
3.3. Stellvertretung – : Handlung bleibt austauschbar
3.4. Standpunkte – : Die Heimat des Autors

4. Sprachkritischer Teil

4.1. Public Relations – : Die Himbeertonis
4.2. Feuilletonismus – : Schwurbeln, was das Zeug hält
4.3. Verschwörungstheoretiker – : Mutanten unter sich
4.4. Die Mittelstands-Foren – : Gepflegter Pöbeln

4.5. Die Alphajournalisten – : Egomanen dürfen alles behaupten
4.5.1. Hans-Ulrich Jörges (Stern) – : Publizistische Militärseelsorge
4.5.2. Helmut Markwort (Focus) – : Es gibt nichts Gutes, außer Litotes
4.5.3. Benjamin von Stuckrad-Barré (Die Welt) – : Benjamins Blümchen
4.5.4. Frank Schirrmacher (FAZ) – : Römpömpöm, ein Föjetöng
4.5.5. Henryk M. Broder (Die Achse des Guten) – : Mal richtig abkotzen!
4.5.6. Matthias Matussek (Spiegel) – : Lieb Vaterland …
4.5.7. Andrea Seibel (Die Welt) – : Reden, Sabbeln, Seibeln
4.5.8. Frank A. Meyer (Ringier) – : Lilliput putt
4.5.9. Malte Lehming (Tagesspiegel) – : Mäandern im Sommerloch
4.5.10. Florian Rötzer (Telepolis) – : Mein Alpha Romeo!
4.5.11. Ulf Poschardt (Rolling Stone) -: Hach, unsere Posh!
4.5.12. Franz Josef Wagner (Bild) – : Dichten, bis der Arzt kommt
4.5.13. Miriam Meckel (Brunswick) – : So schön war Panama

4.6. Die Alpha-Blogger – : Umsonst und draußen
4.6.1. Don Alphonso (Stützen der Gesellschaft) – : Dandy mit Schnauze
4.6.2. Jens Berger (Spiegelfechter) – : Die Gegenöffentlichkeit
4.6.3. Sascha Lobo (Die Mensch-Maschine) – : Der rote Wetterhahn
4.6.4. Herr Bee (Zynaesthesie) – : Form und Stil
4.6.5. Johnny Haeusler (Spreeblick) -: Opinion leader without a cause
4.6.6. Christian Jakubetz (jakblog) – : Postjournalismus in der Praxis

5. Schlusswort: Die Medien-Evolution – : Was lange währt …”

Dann du sprichst so Kiezdeutsch!

Vor Gott sind alle Sprachen gleich – im Reich der Wörter gibt es keine ‘Hochsprachen’ und ‘niederen Dialekte’, jede Sprache ist geeignet, das soziale Zusammenleben zu regeln und den Alltag zu meistern. So lautet – etwas verkürzt gesagt – die pragmatische Sicht der Sprachwissenschaft auf die linguistische Landschaft. Ein Blick, der sich doch erheblich von dem der selbsternannten ‘Sprachkritiker’ unterscheidet.

Vor allem dort, wo ein Bastian Sick, ein Wolf Schneider oder der Verein für deutsche Sprache sich tummeln, wachsen längst die Vorurteile wie Löwenzahn am Wegesrand. Vor allem dann, wenn es sich um Soziolekte aus so genannten “Problemstadtteilen” handeln sollte. Von “Gossensprache” ist dann schnell die Rede, von “Kauderwelsch”, “Primitivsprache” und “Gestammel”.

Schön ist es da, wenn statt dieser retardierten Kulturorakel die Linguistik sich an einer Analyse des Phänomens versucht. Die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese hat das getan – mit durchaus überraschendem Resultat. In Deutschland wächst ein neuer Dialekt heran, gleichwertig dem Sächsischen, Bayrischen oder Niederdeutschen. Es handele sich hierbei keineswegs um eine Flicksprache aus aller Herren Länder, es sei auch weit und breit keine Grammatik im Verstümmelungszustand zu finden, im Gegenteil sei der neue Soziolekt in mancher Hinsicht sprachlich sehr viel effizienter als das “Standarddeutsche”.

Aus einer ganzen Reihe von Wiese’schen Beispielen hier nur eins: Mit der Silbe ‘so’ habe sich ein sprachlicher ‘Marker’ herausgebildet, der wie ein Edding auf funktional besonders bedeutsame Bestandteile eines Satzes hinweise, wie oben in der Überschrift das ‘so’ vor dem ‘Kiezdeutsch’.

Keinesfalls dürfe man ferner Menschen, die Kiezdeutsch sprächen, als ‘defizitäre Sprecher’ betrachten, die nur einen ‘restringierten Code’ beherrschten. Förmlich das Gegenteil sei oftmals richtig. Umstandslos könnten die meisten Jugendlichen ins Standarddeutsche zurückschalten, wenn die Situation dies erfordere. Sie seien also – im Gegensatz zum ‘Standardgermanen’ – zumindest schon mal zweisprachig, sollten die Eltern daheim noch ins muttersprachliche Russisch, Arabisch oder Bosnisch verfallen, oft sogar dreisprachig. Von der Sprachkompetenz her den meisten Deutschen damit weit überlegen.

Die vehemente Ablehnung des neuen Dialektes hätte daher zumeist soziale Gründe, folgert die Potsdamer Professorin: Jugendliche mit oder ohne Migrationshintergrund aus “Problemstadtteilen” hätten eine entwickelte Sprache des sozialen Verkehrs miteinander ausgebildet. Diesen Zwecken sei die neue Variante der deutschen Sprache perfekt angemessen. Wer auf diese neue Sprachvariante schimpfe, pflege vor allem seinen eigenen Dünkel gegenüber jenen Menschen, die sozialen Orten entstammten, wo ein anständiger ‘Standarddeutscher’ doch gar nicht zu verkehren pflege.

Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. beck’sche reihe 6034, München 2012

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