If your memory serves you well ...

Bevor die Suppe überkocht …

Vielleicht sollten wir da einfach mal auf den Heribert Prantl hören:

“Man hat keine festen Anhaltspunkte für eine Straftat, durchsucht aber, um feste Anhaltspunkte zu finden – und dann damit die vorherige Durchsuchung zu begründen. Und wenn man sie nicht findet, wird gesagt, dass wohl Beweise vernichtet worden seien.”

Tscha, Kausalitätsumkehr nennt man das wohl: Wir wissen zwar von nichts Strafbarem, aber dieses Nichtwissen versuchen wir jetzt mit der untrüglichen Methode des feuchten Fingers durch eine Hausdurchsuchung zu belegen. Es erinnert mich fatal an meine Jugend, wo bei Polizeikontrollen auch galt: Wer lange Haare hat und einen Parka trägt, der ist ‘erfahrungsgemäß’ auch ein RAF-Sympathisant. Und wenn man dann Jerry Rubins ‘Do it!’ im Bücherregal fand, war allen Kleinhirnen die Sache wieder mal klar. Wer’s immer noch nicht glaubte, der musste nur täglich die ‘Bild’ befragen.

Trotzdem, erledigt ist der Edathy jetzt so oder so, selbst wenn er – wie’s derzeit aussieht – gesetzlich gar keine Straftat begangen hat. Nackedei-Bildchen – igittegitt! Wo gibt’s denn so was! Und so jemand darf im Bundestag die Verbrechen anständiger Nazis aufklären!

Das moralische Empfinden ist nur leider keine Rechtsnorm – das ‘gesunde Volksempfinden’ wurde aus gutem Grund aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Und selbst wenn – das weiß ja noch niemand – der Edathy solche Bildchen besessen haben sollte, dann hat er damit nun mal gegen kein existierendes Gesetz verstoßen. Weil es sich bei solchen ‘FKK-Fotos’ nicht immer gleich um ‘Kinderpornographie’ handeln muss. Dazu bedarf es ‘sexueller Handlungen’. Lange Zeit waren auch an jedem deutschen Kiosk solche Freikörper-Magazine frei verkäufliche ‘Bückware’:

“Jung und Frei (auch Jung & Frei geschrieben) gehörte zu den sogenannten FKK-Magazinen, die sich mit Kindern und Jugendlichen beschäftigten und in Deutschland jahrelang an Kiosken und in Zeitschriftenläden frei auslagen und verkauft wurden. … Ein US-Gericht befand den Inhalt nicht als obszön oder pornografisch, sondern als normale Naturisten-Darstellungen, wie sie auch in anderen Magazinen vorkommen. … Die Magazine fallen in den USA unter das First Amendment, das Recht auf Meinungsfreiheit, und sind dem Gericht nach von politischem Wert, da sie die Freiheit und Einstellungen der FKK-Bewegung forcieren.”

Man kann ja gern diese FKK-Bewegung als schweinigelnde Sekte betrachten, das steht jedem frei. Ich finde unsere Nudisten auch sonderlingshaft. Ferner wurden die bunten Heftchen sicherlich nicht nur aus ästhetischen Gründen gekauft. Angesichts der diskutierten juristischen Sachlage aber sollte eigentlich, nach meinem Rechtsempfinden, jetzt die ermittelnde Staatsanwaltschaft vor Gericht gezerrt werden. Und die einschlägigen Medien gleich dazu.

Nachtrag: Zum angeblichen ‘Milliardenmarkt Kinderpornographie’ gibt es hier Erhellendes. Das scheint auch nur so ein Buhmann für ganz andere Absichten zu sein …

2 Kommentare

  1. hardy

    [..] jerry rubin

    yiha! read this book stoned 😉

    ich hoffe, du hast mal “wiedersehen mit der revolution” von daniel cohn bendit gesehen (teil 1) … da wirst du jerry rubin wiederbegegnen, inmitten einer wohnung voller pillen und vitaminpräparate, die er nach einem plan nimmt um möglicht lange zu leben. er veranstaltet da gerade parties für die yuppie.scene und ist begeisterter fan von ronald reagan

    achtung, jetzt kommt der witz (wenn dir der gerade nicht schon gereicht hat): ein paar jahre später wird er auf der straße überfahren. wolfgang neuss, der nun wirklich nicht gerade gesund lebte, hat ihn um jahre überlebt und wurde in der relation geradezu steinalt. 😉

    [..] edathy

    “bilder von nackten jungs darf jeder besitzen”

    mehr gibt’s dazu nicht zu sagen: es geht uns einen ###### an, auf was jemand “steht”, es geht uns nur dann was an, wenn er ein verbrechen begeht oder von den verbrechen anderer profitiert.

    ob edathy auf jungs steht, geht mich jedenfalls nichts an. und, ich will es auch eigentlich nicht wissen.

  2. sol1

    Was öffentlich hätte gesagt werden dürfen, war folgendes:

    “Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass gegen Sebastian Edathy ermittelt wird. In diesem Rahmen wurden unter anderem seine Wohn- und Arbeitsräume durchsucht. Die umfangreichen Maßnahmen haben bislang keine Belege für ein strafbares Verhalten des Beschuldigten zu Tage gebracht. Angesichts dessen gebietet es die Unschuldsvermutung momentan, den Persönlichkeitsrechten des Beschuldigten Vorrang vor dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit einräumen. Sollte sich dies ändern, werden wir Sie gegebenenfalls informieren.”

    https://www.lawblog.de/index.php/archives/2014/02/17/fuenf-saetze-haetten-genuegt/

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