If your memory serves you well ...

Auf dem weiten Mär

In der Wirtschaftsredaktion der FAZ verzapfen sie ein ganz besonderes Gebräu. Die davon Beduselten zieht es unwiderstehlich hinaus aufs offene Meer, wo ihnen im großen Ungefähr keine Fakten im Wege stehen. Verträumt und unbeschadet von jeder Realität dümpeln sie weitab vom sicheren Hafen der Vernunft herum und verkünden dem staunenden Publikum, was sie im großen Grau in Grau dort zu erblicken wähnten: Vom Leid der dicken Fische singen sie, von kühnen Projekten, die tapfere Unternehmerpersönlichkeiten auf solch schwankendem Grund errichten wollen, von meterhohen Fiskalwellen, die alle Zivilisation und alle Portfolios unter sich zu begraben drohen, und von tagelangen Medienstürmen, welche die stärksten Ruder der Wirtschaftslogik zerbrechen könnten. Mit einem Wort: Es geht immer um Seemannsgarn.

So klingelt uns auch der neueste Shanty eines derart Berauschten in den Ohren, komponiert von Manfred Schäfers, seines Zeichens Berliner Wirtschafts-Chef. Ein düsteres Bild in Moll ist es, das er uns dort auf seinem Schifferklavier zusammenklimpert:

“Plagiatssucher bringen prominente Promovierte zur Strecke. Politiker drohen Bankern mit Knast. Aktuell ist die Meute hinter Uli Hoeneß her.”

Halten wir doch zunächst mal fest, dass bisher doch noch gar keine ‘Promovierten’, sondern allenfalls pseudo-promovierte Titelerschleicher zur Strecke gebracht wurden. Dass in diesem Land unverändert nicht die Politiker, sondern immer noch die Richter für Knaststrafen zuständig sind. Und dass die ‘Meute’, die er wie Hyänen hinter seiner schäumenden Gischt aus Phantasmagorien zu erblicken wähnt, am ehesten der eigenen Zunft entstammen dürfte. Anders ausgedrückt: Selber Hyäne!

Doch damit nicht genug – insbesondere die braven Steuerhinterzieher würden zur Beute eines Aas witternden Rudels, obwohl diese doppelt Geschädigten doch notgedrungen schon Einsicht gezeigt hätten:

“Ganz unten in der Hierarchie der Gefallenen stehen die Steuerhinterzieher. … Sie sind zum Freiwild geworden, sogar wenn sie sich selbst angezeigt haben.”

Sogar dann noch? Diese armen Täter, die so gerne Opfer wären! Fürwahr – ganz schröcklich ist es, wie erbarmungslos der Staat bei den Reichen durchgreift, bloß, weil sie es mal wagten, ein Familienessen als Geschäftsessen zu verbuchen:

“Beim kleinen Mann ist die Politik immer noch eher geneigt, wegzuschauen und Fünfe gerade sein zu lassen. Gegen die oben Härte zu zeigen ist dagegen populär. Das gilt für SPD und Grüne, aber auch die Union ist nicht frei davon.”

Wenn’s so wäre, wie er tremoliert, dann könnte das vielleicht auch an den Summen liegen, die in Rede stehen. Faktisch aber ist es meines Wissens so, dass bundesweit erst ein einziger ‘Reicher’ wegen eines Steuerverbrechens in den Knast wandern musste. Ich rede von Steffi Grafs Erzeuger, der bekanntlich nicht gerade zur Haute Volée zählte. Nichts ist es also mit einer besonderen ‘Unbarmherzigkeit’ deutscher Richter gegenüber der Bourgeoisie. Aber was kümmert’s den Schreiber: Passen mir die Fakten nicht, dann passe ich die Fakten an!

Zum Schluss wird mal wieder an der Zeitachse gedreht. Erst wären – so die Suggestion des Textes – die rotgrünen Steuerpläne bekannt gewesen, dann erst – und deswegen – sei es zur verständlichen ‘Steuerflucht’ gekommen. Dabei geht es doch meist um Millionenvermögen, die in den Steueroasen schon das Dolce Vita pflegten, als von solchen Plänen noch gar nichts bekannt war. Die große Regel sieht daher eher so aus: Würden die Vermögenden keine Steuern hinterziehen, dann müsste auch niemand von Steuererhöhungen reden.

Interessieren würde es mich aber schon, ob auf den Wundertrunk der FAZ-Wirtschaftsredaktion am nächsten Tag ein Kater folgt …

“Oh, FAZ, du olen Kasten,
dit Leed schall di een Denkmol sien.
Bi Snee un Reg’n wascht Jan Maat de Fakten,
un achtern suupt se unsen Kööm.
Rolling home, Rolling home … “

Wer übrigens glaubt, es können sich bei einem solchen Text möglicherweise nur um einen einmaligen Ausrutscher der FAZ handeln, der führe sich das neueste ‘Oeuvre’ des Mitherausgebers Jasper von Altenbockum zu Gemüte …

2 Kommentare

  1. Jeeves

    Ach ja, die “Wirtschaft-Redaktion” in der FAZ. Die halten immer noch als letzte & einzige die Fünfziger-Jahre-Fahne “Reaktionäres Blatt” hoch.
    Der Rest der FAZ ist seit Jahren und zum Glück anders.

  2. Erbloggtes

    Äußerst amüsant. Wenn es nicht so traurig wär. Jaja, dieser fiese Abschaum, die Steuerhinterzieher, selbst im Knast bilden die noch die unterste Kaste. (Oh, ein schönes Gefühl, auch mal solchen haarsträubenden Unsinn aufzuschreiben. Das könnte ich öfter tun. Vielleicht sollte ich bei der FAZ anheuern.)

    Das letzte grün eingefärbte Zitat kann sich ja auch auf den Volksmund berufen:
    “Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.”
    Diese Phrase findet sich bei Google in 110.000 Treffern. Ach nee, der Schäfers erzählt ja genau die gegenteilige Geschichte:
    “Die Großen hängt man, die Kleinen lässt man laufen.”
    Dafür hat Google leider nur 572 Stellen gefunden. Aber darunter besonders prominent ein Deutschlandradio-Kultur-Radiofeuilleton mit dem bezeichnenden Untertitel “Sind wir ein Volk von Steuerhinterziehern?” Merke: Dem Volksmund dreht man besonders gut das Wort im selbigen herum, wenn es um die gesellschaftlich besonders benachteiligte und ausgegrenzte Gruppe der Schwerreichen geht, die nur dank ihrer persönlichen vorbildlichen Leistung überhaupt dazu in der Lage sind, die nennenswerten Summen zu besitzen, die sie dann der Steuer entziehen. Solche Leute haben dieses Land groß gemacht, und wie dankt man es ihnen?
    Indem man sie schamlos zu Tätern erklärt. Also manchmal. Und außerhalb der Qualitätsmedien. Denn innerhalb der Qualitätsmedien ist ja bloß genug Platz, um Leute, die aus Rassismus erschossen werden, zu Tätern zu erklären. Erst jahrelang zu Mafiatätern, jetzt zu Integrationsverweigerungstätern.

    Bäh.

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