If your memory serves you well ...

Anno 1999

Weil die Debatte mit dem hardy einen Text weiter unten die Erinnerungen weckte, habe ich einen alten Text von mir hier mal recycelt. Die Grünen steckten damals mal wieder (immer noch) in einer Sinnkrise, und der grüne Landesverband bat mich – und andere – ‘Ehemalige’, doch mal aufzuschreiben, wie wir die Lage der Grünen sähen. Das kam bei mir damals dabei raus, und vieles ist heute, 14 Jahre später, noch immer ziemlich aktuell, anderes ist zumindest lustig. Los geht’s:

“An „die“ Grünen
in Bremen

: Debattenbeitrag

Ihr habt es so gewollt!

Ich setze mich also hin und beginne einen Debattenbeitrag, von dem ich selbst noch nicht weiß, an welchem Punkt der enden wird. Weil ich mich systematisch mit dem beschäftigen soll, was ich für und gegen die Grünen (noch) im und auf dem Herzen habe. Eigentlich ist das Thema für mich ja inzwischen Steppe, eher gelb als grün, Terra incognita – eine ziemliche Mülldeponie.

Meine einzige Leitlinie für diesen Beitrag daher: Er soll gewaltig aus jenem Rahmen fallen, den ihr unermüdlichen und braven ParteisoldatInnen euch erwartet – erhofft – befürchtet (Nichtzutreffendes bitte streichen). So, wie ich mir das von jedem der 34 Texte der anderen auch wünsche.

Eins vorab: Objektivität – in eurem Fall also die „wirklichen“ Gründe für die grüne Krise – das sind für mich mehr oder minder geteilte (Zwischen-)Resultate vieler subjektiver Entwürfe, vieler einzelner oder organisierter Versuche, mit der Widersprüchlichkeit dieser Welt fertig zu werden. Die Ichhaftigkeit meiner Kritik bitte ich euch damit zu entschuldigen. Sie wird sich sicher von dem hohen und rationalen Ton soziologischer Bestandsaufnahmen unterscheiden. Auf dieser Röhre kann ich schon längst nicht mehr pfeifen.

Ausgetreten bin ich bei den Grünen 1989. Als die Weltgeschichte mit ihrer Schleppe damals Mauern umriß, plakatierten die Grünen: „Alle reden von der Einheit. Wir nicht!“ Das empfand ich als reichlich dumpfe Äußerung beleidigter linker Leber- und Laberwürste, die genervt waren, weil sie ihre bipolaren außenpolitischen Konzepte umschreiben mußten. Gefragt, weshalb ich unter solchen Umständen noch Grüner sei, und darauf ohne schlüssige Antwort, bin ich gegangen.

Dieser letzte Absatz bringt mich unmittelbar zu einem ersten wesentlichen Grund für das tiefe Unbehagen der Grünen an der heutigen Gesellschaft und Kultur. Sie sind in der heutigen Zeit unbeheimatet, denn:

1. Der Weltgeist ist ein Verräter!

Die Geschichte, diese alte Mähre, will doch partout nicht in die Richtung laufen, in welcher der Löwenanteil von uns Opa- und Oma-Grünen wohl immer noch den Fortschritt vermutet. Dort hinter den Nebelbänken links! Mit anderen Worten: Die Grünen wirken, wie an einer Bushaltestelle stehengelassen.

Wenn ich bloß an die grünen Prognosen Mitte der 80er denke: Demnach müßte diese Gesellschaft längst an inneren Widersprüchen zerbrochen und im ökologischen Desaster notgelandet sein. Sind wir aber nicht! Es genügt eben nicht, Entwicklungslinien linear oder hyperbolisch in die Zukunft zu verlängern. Damit kann man höchstens Trendforscher werden! Für die Intellektuellen unter euch: Die auf Krisen setzende grüne Logik ist unfähig, die Krise des krisenhaften Denkens zu reflektieren. Sie verlangt Kontingenz um jeden Preis!

Ach, wenn doch die Grünen sich unter diesen Umständen mal nach vorn in den Führerstand begeben würden, um zu gucken, wohin die Reise geht! Aber nein, sie drängen sich auf der Plattform des letzten Wagens zusammen, deuten aufgeregt auf alte Mythologien, die in der Abendsonne hinterm Horizont verschwinden und fordern: „Vorwärts in die 70er Jahre“. Hand in Hand übrigens mit den Traditionssozis.

2. Bitte, wer braucht die Grünen noch?

Klassische Antwort: „Die Natur, denn die hat keine Lobby!“ „Schließlich haben wir die Erde nur von unseren Kindern geborgt!“ Ohauahaoha! Werfen wir also – stellvertretend für die verehrte Frau Natur – einen Blick auf die kürzlich erfolgte grüne Erfolgsbilanz: Trittin´sche Nicht-Altautoverordnung, die Frage, ob 29 oder 35 Jahre AKW-Restlaufzeit, fünf Pfennig Öko-Steuer auf Benzin. Boah, ej, das bringt´s! Das hätten die Sozen alleine nie so hingekriegt! Da soll doch mal einer kommen und meckern … Jetzt mal ganz ohne Sarkasmus: Auf ihrem ureigensten Gebiet kauft man doch den Grünen nicht mehr ab, daß sie hier irgend etwas bewirken könnten, was ökologischer ist als – sagen wir – Angela Merkel!

Wenn also das hehre Ideologische und Programmatische nicht klappt, dann schaut der verehrte Wähler – zum Beispiel ich! – auf seine Interessen. Was wollte rotgrün da reinklotzen! Rechts und links wollte man mit dem Vorschlaghammer alle überfälligen Reformen nur so voranpushen: Bei der Steuerreform, bei der Sicherung des Wirtschaftsstandortes, bei der Entspeckung des öffentlichen Dienstes, bei den Renten, bei der Förderung des innovativen Mittelstandes, bei der Ökosteuer, beim Ausbau der Dienstleistungsgesellschaft, beim Abbau der alten deutschen Verbotskultur. Geblieben ist, als einziges, die halbwegs passable Gesundheitsreform von Andrea Fischer. …

Weshalb also sollte ich weiter grün wählen? Wegen des gebrochenen (oder bloß erlahmten?) Wahlversprechens auf eine groß angelegte Gesellschaftsreform? Oder ist es mehr wegen euch, die ich etwa so sehe:

Ein kleiner Suppentopf von Parteifunktionären, die ihre Lebensentwürfe auf Politik gestellt haben, kreist über der kalten Asche des alten Basisinitiativenfeuers. Dabei wird´s ihnen nicht sonderlich warm – verständlicherweise. Denn das frühere Umfeld, die Unterstützer der Grünen fehlen. Wo sind denn eure Rechtsanwälte, die Journalisten, die Physiker, die Soziologen, die alle etwas können, was den Grünen nützt, nämlich das, was Politik erst mit Inhalt füllt? Was früher einmal „Netzwerk“ hieß, ist komplett zerrissen. Ihr vertraut stattdessen auf mehr oder minder gute Drähte in die Verwaltung. Ein neuer Informant in der Innenbehörde und ihr feiert, als hättet ihr eine Wahl gewonnen! Die möglichst große Nähe zur Bürokratie, wenn nicht sogar ein Job dort, das ist des Grünenfunktionärs Traum vom Himmelreich geworden. Irgendwie war das ja immer schon angelegt …

Das heißt jetzt nicht, daß ich mir in irgendeiner Form eine „Power-Basisfrau“ wie Jutta Ditfurth zurückwünsche, mitsamt ihrer Basis-ist-wichtig-aber-nur-das-was-mir-paßt-Diktatur. Oder einen Überüberzeugten wie Rudolf Bahro. Wenn aber die Grünen heute Experten für ihre Themen aufs Podium einladen, dann müssen sie Honorare zahlen, als ginge es zu SAT1 oder Sabine Christiansen. Das ging doch mal umsonst – und war Ehrensache! Weshalb ist das alles kaputt? Da stimmt´s doch nicht!

Die meisten Unternehmen, die ich kenne, geben viel Geld aus für Adressen, für Beziehungs- und Kontaktpflege. Das ist professionell. Die Grünen machen alle vier Jahre ´ne Wahlfete – und wer hingeht, klagt tagelang über eingeschlafene Füße! Die Grünen sind – schlimmster aller Fehler! – sterbenslangweilig geworden. Wenn ich will, daß sich eine Gesprächsrunde um mich herum schlagartig lichtet, dann muß ich nur den Grünen spielen.

Natürlich ist das alles auch eine Geschichte gegenseitiger Enttäuschungen. Natürlich kränkt ihr euch zurecht über die Karrieregier einiger ehemaliger Unterstützer! Natürlich haben viele ihr Mäntelchen nach dem Wind gehängt! Aber wie ist das mit euch? Wie existentiell ist eigentlich für die Fraktionäre unter euch das Bürgerschaftsmandat? Und was würdet ihr maximal dafür tun? Seht ihr – genauso kann man vom ewigen Basisinitiative-Sein nicht leben. Vielleicht heißt Moral haben ja, sich mit seinem eigenen Anstandsbauch nicht zu weit über Bord zu lehnen.

Die innovative Einspeisung der 5.000 findet bei den Grünen also kaum statt: Gemeint ist eine massive Unterstützung durch die intellektuelle Szene der Republik. Denn die brauchen Grün längst nicht mehr. Ein Naumann ist für sie interessanter als alle anderen Grünen zusammen. Bis auf Cohn-Bendit vielleicht. Aber der geht ja nach „Frangreisch“. Mit anderen Worten: Ein Bekenntnis zu Grün ist überhaupt nicht hip! In dem Punkt hat selbst eine Knallcharge wie Schlingensief den Grünen den Rang abgelaufen! Wer heute nicht für grün ist, muß sich noch nicht einmal sonderlich verrenken oder rechtfertigen. Beim Small Talk debattiert wird heute über den Partywagen der Jungen Union auf der Love Parade. Meinungsführerschaft haben die Grünen leider noch nicht einmal auf ökologischem Gebiet mehr. …

Viele von euch aber glauben, es ginge um die Förderung eines linksalternativen Projektes gemeinsam mit allen anderen linken Kräften in der Republik. Ja, wo denn, Blauauge? Wie denn? Was denn? Seitdem der Scheinriesen-Schatten von Lafontaine weg ist, zeigt sich, daß die SPD-Linke ein hohler Popanz ist. Hier in Bremen vielleicht zwanzig Leutchen, die beim letztenmal auch noch öffentlich verkündet haben, daß sie diesmal PDS wählen. Glückauf mit solchen Unterstützern im anderen Lager! Bevor rotgrün funktionieren kann, muß erst einmal glaubhaft schwarzgrün veranstaltet werden!

3. Immer nur links ist auch im Kreis!

Mit den Linken in der Partei liege ich bekanntlich überkreuz. Nicht weil ich grundsätzlich etwas gegen links hätte. Vor der Vernunft- und Aufklärungstradition der Linken habe ich sogar große Achtung. Inzwischen habe ich aber den Eindruck, daß hier inzwischen nicht mehr die Geistesriesen, sondern sentimentale Storck-Riesen eine Zuflucht gefunden haben. Mit anderen Worten: Eigentlich stört mich nicht das Linksssein, sondern der Intelligenzquotient auf diesem Flügel, und der damit verbundene Mangel an Logik und gesundem Menschen-verstand! Auch muffelt das wie alte Waschküche! So selbstgerecht! So unbezweifelbar! So beratungsresistent! So humorlos! So gestrig! So alt! Voller Pathos immer im Rückwärtsgang „Hü!“ schreien! Bestenfalls ein Zoo voll mit lustigen Tieren, die anfängerhaft Auto-Scooter fahren: immer links lenken, nie geradeaus gucken und mit Schleudertrauma aussteigen! Jede Splittergruppe – ob solitäre Friedensfreunde oder die letzte stille Reserve des Feminats – wähnt sich Chef auf erhobenem Standpunkt, klammert sich an ihr Streichhölzlein der letzten Wahrheit – und die gesellschaftliche Karawane zieht an den ganzen Maulwurfshügeln vorbei …

Was bei den linken Müffels beschlossen wird, ist einfach nicht mehr relevant. Niemand, den ich kenne, glaubt, daß aus den Vorschlägen dieser Ecke je etwas Vernünftiges herauskommen könnte. Und alle grüninternen Schlachten gehen doch immer darum, daß um Gotteswillen die Müffels sich nicht durchsetzen, damit die Partei nicht im Abseits landet. Sie sind also meist grünschädigend, inzwischen eher glossen- als diskussionswürdig, und immer für ein gesamtgesellschaftliches Kopfschütteln gut.

Ich erinnere nur an die geplante Bestrafung von Ehemännern, die nicht die Hälfte der Hausarbeit verrichten wollen. Natürlich kann ich verstehen, daß irgendeine grüne Else sich über ihren Karl-Heinz aufregt, der wieder mal nicht abgewaschen hat. Aber muß das denn immer gleich Politik werden!? Das geht zu wie damals bei selig Peter Willers´ Hundekotanträgen. Die ganze Welt sagt TocTocToc, dem Antragsteller ist´s ein wenig leichter ums Herz, und die Hunde kacken weiter.

4. Die Grünen sind weder jung, noch schön, noch fortschrittlich.

Als ich damals der Liebe halber im Umfeld des erleuchteten Bhagwan kreiste, gab´s dort zwei Gruppen von Jüngern. Diejenigen, die sich eine eigene Anwendung aus der Lehre machten, und die Augenverdreher, welche die Weisheit der seligen Altvorderen nachquatschten. So ähnlich geht´s mir auch mit dem Özdemir-Papier und der junglinken Antwort darauf. Natürlich hat die Kritik an uns Ollen recht. Denn die Jungen haben immer recht. Wißt ihr das nicht mehr aus eurer eigenen Jugend? — Damals? — Der junglinke devote Rest wird besser Sozialpädagoge – Fachrichtung Altenarbeit.

Wer die Bilder eines grünen Parteitages verfolgt, der begibt sich – leider immer noch – auf eine Zeitreise. Mir ging´s so beim Farbbeutelkongress, den der Studienratssender „Phoenix“ dankenswerterweise in voller Länge übertrug. Sonst sieht man ja immer nur die üblichen halbwegs professionellen Verdächtigen in der Tagesschau. Bei Phoenix aber ging einem erst der ganze Jammer auf! Ich denke, daß die moderneren unter den Parteifunktionären diese Mitglieder nicht mehr verdient haben!

Diese grobgestrickte Ästhetik, diese selbstgehäkelten pädagogischen Beiträge, mit denen Gegenredner – selbstverständlich völlig solidarisch – weichgespült und ganz alternativ gemobbt werden! Von diesem Gefühlsseminarismus, diesem Spät-Freudianertum, wo der politische Gegner immer gleich etwas „verdrängt“ haben muß, hat sich nicht nur die Jugend, sondern die Gesellschaft insgesamt sehr weit fortbewegt.

Kurz: Die Grüne Partei ist ein Indianer-Reservat, das bestimmt nicht „die“ Gesellschaft widerspiegelt! Und der weiße Vater der SPD spricht mit ihnen so, wie sie es verdienen. Hugh! Den grünen Binnenzustand kann man bedauern, man darf privat auch mal ein nostalgisches Kostümfest im Stil der frühen 80er veranstalten, aber man soll sich dabei als Clown, und nicht als dynamischer Rattenfänger der Moderne fühlen.

5. Die Grünen haben schon längst keine Theorie mehr gewälzt.

Das ist schlecht, wenn man die Sisyphusarbeit einer Parteireform in Angriff nehmen will. Und es ist ein großes und zu wenig beachtetes Problem. Denn dadurch wird geklaut, abgekupfert und recycelt. Die einen kommen dann mit liberaler Angebotspolitik daher, die anderen pusten den Staub von ihrem Ernest Mandel. Der Ostblock ging aber den Bach runter, das Proletariat ist verdampft, der Kapitalismus, der doch angeblich so krisenhaft ist, läßt sich an Stabilität kaum überbieten, aus unseren Dritte-Welt-Heroen sind ausbeuterische Diktatoren geworden, in Chile und anderswo hat die Roßkur der „Chicago-Boys“ doch wirklich recht gut funktioniert – die Grünen aber verfügen bei ihrer Gesellschaftsanalyse über ein Rüstzeug, das immer noch bei Anno Adorno oder am Point of Keynes verharrt. Viele können es eben bis heute nicht verwinden, daß die Lektüre der vielen blauen Bände damals umsonst gewesen sein soll.

Selbst Luhmann samt Systemtheorie oder anderes redliches Intellektuellen-Schwarzbrot sind in der grünen Seniorenuniversität noch nicht angekommen. Eine echte Ausnahme hier in Bremen ist hierbei Lothar Probst, der immerhin Michael Walzer und die Kommunitaristen zu zitieren weiß. – Aber der Rest? Damit man´s nicht lesen muß, heißt es dort, Luhmann sei ja ein Rechter. Das übliche Totschlagsargument. Höchstens kommt mal ein Neil Postman oder anderes nährstoffarmes Toastbrot auf den Teller! Oder ein Schaumschläger wie Sloterdijk, der seine beste Zeit auch längst hinter sich hat. So einfach, so schlicht, so schlecht!

Ohne Fundament aber kein Standpunkt. Und die alten Fundamente sind nun mal weg! Wenn sich die Grünen als ein System unter anderen begreifen könnten, ganz ohne privilegierten Standpunkt, dann wäre das bestimmt recht hilfreich – und theoretisch sogar recht modern.

Ein wenig Name-Dropping zur Förderung Bremer Buchhändler: Rorty, von Foerster, Glasersfeld, Hejl, Maturana undundund … Bin ich privilegiert oder bloß interessiert, weil ich Zeit finde, so etwas noch zu lesen? Es gibt doch auch „grüne“ Professoren, die berufsmäßig Tag für Tag lesen dürfen. Verstehe einer diesen Theorieunwillen in der Partei mit der höchsten Akademikerdichte der Republik!

6. Die Grünen wissen nicht, was Kommunikation ist.

Zu diesem Thema habe ich nach dem Wahlkampf ein längeres Papier geschrieben. Hier nur in aller Kürze die Hauptkritikpunkte:

Wenn eine Partei, welche die Originalität von Ideen und Konzepten als ihre einzigartige USP, ihre Unique Selling Proposition, ausgibt, beim Bremer Wahlkampfauftritt schlicht und ergreifend von den „Filmplakaten“ der SPD im Bundestagswahlkampf abschreibt, dann ist dieser Anspruch hohl. Und der Wahlkampf geklaut!

Ferner: Menschen wollen vor einer Wahl nicht wissen, was wegen der bösen anderen Parteien in den letzten vier Jahren alles nicht passiert ist, sie wollen wissen, was passiert, wenn sie diesmal eine andere Partei wählen. In Bremen erfuhren sie zu diesem Thema, daß es mit Helga Trüpel „charmant“ würde. Wie schön!

Die Ästhetik, wenn man das noch so nennen darf, war grauenhaft! Gerade grünferne Menschen, die schließlich nicht wissen können, was für nette Leute doch Grüns eigentlich sind, schließen aber immer vom Äußeren auf die Partei. Ihr Eindruck: Mit den Grünen geht´s mit unbekanntem Ziel auf Kaffeefahrt!

Generell: Die Grünen haben in den Bereichen Werbung und Massenkommunikation schon immer Schwierigkeiten gehabt. Und Berührungsängste, die, glaube ich, auf dem Kinderglauben beruhen, daß man mit „Reklame“ den Menschen etwas vormache. Sie können´s daher nicht – und sie erkennen nicht, daß auch ihr Auftritt immer nur ein Auftritt ist. Das sehen sie in Ewigkeit nicht ein, amen! Ein Grüner vor laufender Kamera – das wirkt meist, als würde er gleich losheulen (z. B. Andrea Fischer), sich als Stehpinkler outen (z. B. Christian Ströbele) oder ein Kolloq eröffnen (z. B. Ludger Vollmer). Bis auf Joschka, natürlich …

Manchmal denke ich, die Grünen haben überhaupt keine Kommunikationstheorie. Oder eine eher schlichte, nach dem Motto: Ich sage den Leuten einfach, „wie´s wirklich ist“. Und dann, wenn ich genügend Plakate aufstelle, kommt die Information von dort in die Köpfe der Leute, und zwar ganz besonders leicht, weil´s ja die Wahrheit ist, welche die anderen Parteien verschweigen. Dort bewirkt meine Information dann Veränderung und Fortschritt und die Leute wählen alle grün! Diagnose: Lieschen-Müller-Vorstellungen von menschlicher Kommunikation! Hinter dem schlichten „Wie´s wirklich ist“ lauert doch schon die gesamte abendländische Philosophie.

7. Also am besten Selbstauflösung?

Ganz so schlimm ist´s noch nicht. Hier ein paar subjektive Stichworte darüber, wo die Zukunft liegen dürfte:

Werdet Dienstleistungspartei: Der Aufschrei, der auf dieses Wort aus vollstem grünen Funktionärsherzen jedesmal folgt, zeigt mir, daß ein modernes parteipolitisches Verständnis bei den Grünen nicht existiert. Der Wähler hat euch ein Mandat auf Zeit verliehen. Damit ihr, sofern ihr an der Regierung beteiligt seid, Wahlversprechen umsetzt. Oder aber in der Opposition nach Kräften voranbringt. Sonst werdet ihr beim nächstenmal vielleicht – absolut zu Recht – nicht gewählt! Kurz: die Grünen sind keine Milieupartei, sie haben kein Milieu mehr, das auch nur annähernd an fünf Prozent heranreichen würde, und ihre Wähler sind auch keine strammen Gefolgsleute. Gewöhnt euch ferner ab, von „Stammtischparolen“ oder „Populismus“ zu quatschen, denn erstens macht ihr abends nichts anderes, und zweitens lernt ihr viel, wenn ihr den Leuten endlich einmal zuhören wolltet. Es darf ja ruhig das „Merz“ oder das „Übersee“ sein, statt das Kleinfascholand des „Pusdorfer Stübchens“.

Sucht euch neue Themen: Schaut hierbei auf die aktuelle – nicht die ehemalige – gesellschaftliche Relevanz, auch wenn ein alter Fortbestand wie der Feminismus dabei erst einmal hinten runterfallen sollte. Jede Gruppe, welche sich unter die Schirmherrschaft der Grünen begibt, sollte von Zeit zu Zeit nachweisen müssen, daß sie nicht nur Posten, sondern auch WählerInnen bindet. Viele Leute haben heute andere politische Ansprüche, sie wollen wissen, wie bremst man die Staatsverschuldung, wie sichert man die sozialen Systeme, wie reformiert man den öffentlichen Dienst, wie geht man das Dummen-Problem an, das zunehmend die alte Klassenfrage überlagert. Denn es kann ja nicht jeder Informatiker werden. Weiter: die Rente, die notwendige Stillegung von Krankenhäusern, Fernarbeit etc. Überhaupt, wie werden Aufgaben komfortabler, effektiver und billiger zugleich gelöst? Denkt dabei radikal: Abschaffung des Beamtentums wäre sicher die Position einer Regierungspartei, welche die Grünen quer zu allen Parteien stellen würde – und ihnen die Türen der Talkrunden und der Redaktionsstuben weit öffnet. Ob ihr sie ungerupft wieder verlaßt, ist allerdings eine andere Frage. Weiterhin: Hütet euch vor dem süßen sozialen Gift der Gewerkschaften und laßt euch deshalb nicht gleich als Westerwelle-Partei diffamieren. Diese verunsicherten, proletariatslosen Berufsfunktionäre suchen, unbehaust wie sie unter Schröder sind, auch nur ein neues parteipolitisches Gestern, ohne die Verpflichtung sich ändern zu müssen.

Kümmert euch um eure Leute: „Ihr Kinderlein kommet“ singen, genügt da nicht. Das ist eine Holschuld. Baut eine professionelle Kontaktpflege auf. Setzt dafür Mittel ein. Sonst seid ihr bald eine Partei ohne Umfeld. Bekämpft die Langeweile, die grün umgibt. Kreisvorstandssitzungen in Kneipen-Hinterzimmern, Papiere mit dem Charme einer Behördenverlautbarung etc. – das reißt niemanden mehr vom Hocker, schon gar nicht die Jugend. Politik muß Erlebnischarakter bekommen!

Gebt euch ein Profil, setzt das professionell um, zieht das über Jahre durch. Sonst wird das mit der Identität nie etwas. Ich weiß zwar, daß die Auswahl der Werbeagentur eine der wenigen Entscheidungen ist, die ein Landesvorstand selbst treffen darf, das ist aber kein Grund, in dieser wahlentscheidenden Frage durch die Hintertür das Prinzip der Rotation wiedereinzuführen. Wählt hierfür also dauerhaft Leute – Schwecke, IDC etc. – die euch auch nahe stehen, und haltet euch die gewogen. Von solchen Leuten gibt´s genug. Direkt-Marketing-Agenturen aber wie beim letzten Mal, die sonst nur Schokoriegel-Verpackungen und Kaffeefahrten machen, sind mit Sicherheit Kokolores. Einen schönen Vergleich gibt´s übrigens im September: Dann treten in Berlin die Grünen mit jenem IDC-Wahlkampf an, den ihr verworfen hat. Warten wir also auf die Gewinn-und-Verlust-Rechnung aus der neuen deutschen Hauptstadt! Nebenbei: Nicht nur einige eurer Führungspersonen bräuchten eine Typberatung! Wie man das auf Parteikosten absetzt, weiß ich allerdings auch nicht.

Schafft euch strategische Alternativen: In der babylonischen Gefangenschaft der SPD wird aus den Grünen nie etwas. Wenn es hier zu einer Koalition kommt, lassen die euch anschließend solange durch den Reifen springen, bis alles nach verbrannten Haaren riecht und ihr mit gegrilltem nackten Arsch und ansonsten ohne greifbares Ergebnis dasteht. Zur Zeit, so sehe ich das, gibt´s bei rotgrün für euch immer nur grünblau! Um mit der SPD zu koalieren, müßt ihr glaubhaft machen, daß ihr sonst mit anderen koalieren könntet. Das kann nach Lage der Dinge nur die CDU sein – und es ist eine grüne Überlebensfrage. Dazu aber muß man mit dem Schwarzen Mann auch mal zusammengehen. Sonst glaubt die alte Tante SPD das nie im Leben. Macht das also euren Mitgliedern klar!

Verzichtet auf Mitglieder, die euch nicht wählen. Ihr braucht diese falschen Fuffziger nicht, jene Figuren, die keine Mehrheitsentscheidung akzeptieren können, die eine Partei ständig mit einer Selbsterfahrungsgruppe verwechseln. Die das Mosern und die Opposition als Lebensprinzip benötigen! Ich bin gegangen, obwohl ich die Grünen weiter wähle. Das ist bei Dissens der einzig anständige Weg.

12. 7. 1999

Klaus Jarchow

Copyright-Vermerk: Dieser Text darf ohne Einwilligung des Verfassers nur ungekürzt vervielfältigt und weitergegeben werden. Jede redaktionelle Bearbeitung bedarf der Zustimmung des Autors.

Ferner würde ich mich freuen, wenn ich von den anderen Beiträgen auch ein Exemplar erhalten könnte. Danke. KJ

16 Kommentare

  1. hardy

    weia, klaus, das nenne ich einen veritablen elefanten auf einen drauf klatschen lassen … aus 2 km höhe!

    sehr schön, wirklich, präzise, wahr und eloquent.

    ich hab’ jetzt folgendes problem: du beschreibst ja nicht nur den zustand dieser partei, die ich im wesentlichen nicht ganz so scharf beurteile, aber was weiss ich schon – ich sitze hier draussen auf dem lande, die große welt da draussen, in der es die parteimitglieder, die funktionäre, die politiker _wirklich_ gibt, ist weit weg und ich mache mir nur ein “bild”.

    du beschreibst den zustand all dessen, was mal “links” war, bevor man dokumentationen mit dem titel “was war links?” bemühen musste, den zustand des deutschen “intelektuellen” allgemein und ich habe offen gestanden keine erklärung dafür, was wann “schief gegangen” ist und von den inhalten nur noch die “figuren”, die klischees, die hüllen übrig geblieben sind.

    altersmilde wie ich bin, gebe ich den grünen dafür nicht die “schuld”. ich muss damit leben, daß menschen nun mal so sind, der deutsche mensch im besonderen: gähnend langweilig, denkfaul, phantasielos … alle im hamsterrad, alles dreht sich und keiner hat mehr einen “plan”, wohin die fahrt geht. geschweige denn, woher man kommt. hauptsache drehung.

    what can a poor boy do? ich habe nun mal keine andere partei im keller und deshalb wähle ich die immer noch. nur, ahem, mitglied bin ich nie geworden, das böte ja immerhin die chance, trotzig wieder auszutreten. 😉

    kann man wahrscheinlich eh nur einmal machen ..

  2. Gerald Fix

    Als dummer Mensch kann ich nicht beurteilen, ob die Grünen zwischenzeitlich indelegduell auf der Höhe sind. Aber, “Ein Bekenntnis zu Grün ist überhaupt nicht hip!”, hip sind sie ja jetzt. Oder sie waren es zumindest.

    Sie waren so hip, dass sie mit 20 Prozent rechnen konnten bei der Wahl. Und dann haben sie festgestellt, dass “hip” und “konkrete Politik” nicht zusammengeht. Brav lampenputzermäßig hat der Grün-Sympathisant dann aber klargemacht, dass es natürlich nicht ihn betreffen dürfe, wenn sich was ändert. So geht das, um mal Kurt Vonnegut zu zitieren.

    Zurzeit ziehen sie eine ganz nette Show ab, um ihre Koalitionsbereitschaft zu zeigen. Das kommt gut. Es wird nix draus werden, weil die Grünen nicht so blöd sind, eine Koalition einzugehen, die in weiten Bereichen von der Bundesrats-Blockademehrheit der SPD abhängt. Die SPD könnte die grünen Projekte blockieren und mit der CDU zusammenarbeiten. Das hat ja mit der FDP zuletzt auch ganz gut funktioniert.

  3. Klaus Jarchow

    @ Naja, der Text ist ja ‘historisch’, also aus der Perspektive von 1999 geschrieben, als die Grünen in der Koalition im Bund ständig ‘geschrödert’ wurden. Die beiden Dinos, CDU und SPD, konnten ihre große Koalition in Bremen nach der Juni-Wahl sogar gestärkt fortsetzen, nicht wegen einer großartigen Politik, sondern weil der Henning Scherf und der Hartmut Perschau ja so nette Menschen waren. Das schlug erheblich aufs grüne Selbstbewusstsein, denn die große Koalition – vor allem die CDU mit ihrem Deficit Spending – schuf damals jene Finanzmisere, die Bremen heute zum Schlusslicht im Länderfinanzausgleich macht. Die Grünen ließen dort damals gewaltig Federn, wie heute die Grünen im Bund, sie verloren ungefähr die Hälfte der Bürgerschaftsmandate.

    Inzwischen hat sich aber manches geändert, die Situation ist nicht dieselbe, obwohl das Resultat ähnlich ist …

  4. hardy

    [..] jeunesse dorée vs. arrogantes arschloch [..]

    weit weniger eloquent, dafür wie immer ausschweifend und voller gewagter analogien 😉

  5. Klaus Jarchow

    @ hardy: Du bist schon ein gewaltiger ‘Digressionist’. Das meine ich nicht böse, Doderer, Jean Paul, Vigoleis Thelen usw. waren ja auch welche. Ich liebe das sogar, wenn’s vom Höcksgen aufs Stöcksgen geht, und wenn gerade dadurch, durch den Kontakt von Entlegenem, ungewohnte Erkenntnis entsteht.

    Trotzdem, zwei vielleicht erhellende Anmerkungen – die französische Jeunesse d’orée, die in ein paar Monaten übrigens mehr Menschen abmackelte, als die Republikaner in vier Jahren jemals unter die Guillotine beförderten, die war nicht schlichterdings ‘konterrevolutionär’. Es waren vor allem die Söhne (und Töchter) all der Rüstungslieferanten und Kriegsgewinnler aus den Revolutionskriegen, ein paar Emigrierte mögen dann auch dabei gewesen sein. Diese damalige ‘Popperjugend’ mordete, um ihre familiären Revolutionsgewinne zu sichern. Der ‘weiße Terror’ im Vorfeld des Direktoriums wollte eben nicht die Bourbonenherrschaft wiederherstellen, er wollte die Herrschaft der neuen Bourgeoisie sans phrase. Und die hat er ja auch bekommen …

    Solche Brüche innerhalb einer Bewegung – auch bei den Grünen – sind übrigens oft Folge eines ‘Drogenwandels’. Ich glaube fest, dass Wechsel der Drogenmoden Änderungen des Denkens nach sich ziehen. Drogen gehen nun mal aufs Gehirn. Das Aufkommen von Speed und Kokain – den alten Nazi-Drogen – in den 80er Jahren hat auch hierzulande gewaltige Verheerungen in den Gehirnen angerichtet, auch bei den Grünen – in der Folge auch bei deren politischer Einstellung. Auch dort trugen etliche plötzlich weiße Ringe an der Nase wie der letzte Bankster. Äußerlich zeigte sich der Wandel dann an Bundfaltenhosen, Cashmere, dem Verschwinden der Bartmode usw. Die Welt wurde ‘stylish’. Es entstand – drogeninduziert – eine fickifick-orientierte Hedonismusmentalität, die das werte Ich deshalb ins Zentrum stellte, weil es in seiner versnieften Kokainherrlichkeit überhaupt niemand anderen mehr sah. Und weil man aus der selbstverwalteten Genossenschaft dann durch Mobbing und andere Methoden sein Geschäft machen konnte, zeigte sich doch, dass die Droge völlig recht hatte.

    Das verlief bei den Grünen zwar nicht so ausgeprägt wie in anderen Milieus, aber die weißgekachelten Kokser-Kneipen entstanden eben auch in deren Umfeld. Kurzum: Achtet mir auch auf die verwendeten Drogen, wenn ihr gesellschaftliche Veränderungen beschreiben wollt …

    Heute vollzieht sich übrigens eine ähnliche Empathiebefreiung durch Meth, was auch nichts anderes als Görings gutes, altes Pervitin ist. Und zuvor hatte das flusig-machende Ecstasy nebst ‘Pilzen’ jene große Orientierungslosigkeit der Jahrtausendwende zur Folge: All die ‘Zappler’ zappelten im Undurchschauten herum, die Welt war ein Stroboskop-Gewitter, wo man sich in der ‘Tribal Community’ den Ansichten des Stammes anpasste. Und sie sind deshalb heute auch mit recht und völlig perspektivbefreit in der Jungen Union, wo man längst gern Tattoos tragen darf.

    Dass – vice versa – auch der gute alte ‘Zeitgeist’ eine Vorliebe für bestimmte Drogen erzeugt, ist davon unbenommen: Die Zeit schafft sich ihre Drogen, so sich wie die Drogen ihre Zeit erzeugen …

  6. hardy

    danke für den “digressionisten”.

    ich würde den verehrten montaigne da auch einreihen – daher die methode, wenn mir auch das wissenskonvolut abgeht, das bei ihm spricht. das werde ich wohl nicht mehr schaffen und bin ja schon glücklich, daß PML und paul assal mich überhaupt auf diese schiene setzten und das wortradio in folge den futterlieferanten spielte.

    das mit den drogen sehe ich ähnlich auch wenn ich selbst mir mit “keine pillen & kein pulver” einen rahmen gesetzt habe, der mich (leider?) daran hindert, da kompetent zu sein und mir die pülverchenfreaks lieber mal vom hals gehalten habe und – stand heute – auch meinen kids da ne brauchbare parole mit auf den weg gegeben habe.

    die “jeunesse dorée” ist natürlich ein mehr als spannendes phänomen, danke für die erhellenden anmerkungen. sie sind für mich ein bild für eine enkelgeneration, die unbeleckt von den kämpfen der alten dem von dir beschriebenen hedonismus frönen, der so wenig mit dem zu tun hat, mit dem die “eltern” dieses land erst mal “locker” machen mussten, damit guildo überhaupt in “unserem” auftrag auf die bühne hoppsen konnte.

    ich will auch gar nicht so weit gehen, den “jungen” da ganz allgemein eine tendenz zur einfach noch nicht manifestierten gewalt unterzuschieben, ich ahne bloß, das aus dieser verächtlichen indifferenz den politischen prozessen gegenüber sich gerade eine amorphe masse bildet, die aus der im grunde selbst erzeugten zynischen blasiertheit bloß auf einen “erwecker” wartet und irgendwann mal ihr “heil” bei ihm sucht. ich ahne da wirklich furchtbares, so was wie die afd (bitte lesen!) ist ja nur der anfang.

    ansonsten sehe ich die grünen da wirklich nur als teil, pars pro toto, nicht schlechter und nicht besser als die anderen und frage halt: warum gucken wir auf die und verlernen so, die anderen zu sehen? wir sind gut darin, “uns” selbst bis ins knöchelchen zu durcheuchten, als ob die “anderen” den job nicht auch ganz gut machten. so starren zwei in die selbe richtung und die merkelsche kann sich hinter unserem rücken durchwuseln?

    deine post da oben habe ich ja als liebeserklärung verstanden. nur partner, die sich so streiten, lieben sich noch 😉

    ich hänge noch schnell den hinweis auf diesen kurzen aber dichten beitrag über “die hirnforschung und das subjektive” dran, in dem du ein paar dinge, die du gerade gesagt hast über die drogen, “erweitert” finden wirst, wobei ich persönlich (auch hier bin ich wahrscheinlich inkompetent und stochere wahrscheinlich im nebel) eher die einwirkungen von computerspielen als verbreitester und legaler droge noch dramatischer sehe. ich kam ja schon nicht damit zurecht, bekifft “doom” zu spielen und stelle mir nun einen jungen menschen vor, der auf speed, meth oder koks eins von diesen “alles abknallen” dingern spielt und was das mit seinen synapsen macht, die dann in der folge in dem im beitrag beschreibenen hermetischen system die macht übernehmen und zwangsläufigkeiten (mein 1913 auf dem langen ritt) erzeugen werden.

    womit ich ja eigentlich einerseits den post bis auf die unwesentlichen details aufgedröselt habe und bei meinem lieblingsthema, dem wie wir konditioniert werden (bzw. uns selbst konditionieren) angekommen bin. vielleicht ist es ja genau das, was mich so wütend/verzweifelt macht, dieser mangel an “liebe” und “phantasie”, diese neigung zur boshaftigkeit und zu verächtlichkeit, der um uns herum anschwillt, und dem wir leider nur mit rio reisers “halt dich an deiner liebe fest” als “last men standing” begegnen können.

    samstägliche grüße aus der garage

  7. Antonym

    Ich hab mir (rund) 110% der Texte geschenkt; nicht aber enie Redensart, die nach ihrer Schreibung hier nicht mehr erkennbar ist.
    Vielleicht so; (ja, geschenkt): “Vom Hölzchen aufs Stöckchen” – yeah! Das hätte noch Stil des Ü b e r springens von Form und Inhalt.

  8. Klaus Jarchow

    Nun ja – wenn man nur das eine kennt, muss das andere noch nicht falsch sein: “Vom Höcksken aufs Stöcksken. Hartes und Zartes in Geschichten und Gedichten [Taschenbuch]”

    😉

  9. hardy

    @antonym

    ich habe den namen ja “gedroppt”: montaigne.

    ein spaziergänger, der vom höckchen zum stöckchen kommt, nichts der form gehorchendes formulierte – geschweige denn etwas “überzeugendes” mitzuteilen hat. das ergebnis sind “essaies”, versuche.

    mir persönlich ist unwohl, wenn ich etwas schreiben soll, das form und inhalt hat, ich überlasse mich halt gerne dem fluss der gedanken und bin am ende schon froh, wenn sie für mich selbst einen “sinn” machen und sich zu einem bild formen und – erfüllung! – zu dem einen oder anderen widerspenstigen gedanken bei meinen rar gesäten gegenübern führen.

    so wie klaus’ lange post da oben mich wiederum gestern fast den ganzen tag beschäftigte und eine fülle fragen – eher an mich selbst . auslöste.

    das bestimmte wissen, wie die dinge sind, das argument, das mein gegenüber überzeugt, daß ich irgendwie “recht” haben könnte und er irre, sind nicht mein geschäft.

    wahrscheinlich, weil ich die verantwortung scheue, die das mit sich bringt und die dann jeder, der das anders handhabt, letztlich nicht wahrnimmt.

  10. Klaus Jarchow

    @hardy: Montaigne ist für mich ein noch ein anderer Fall: Da saß ein recht welterfahrener Mann in seinem Türmchen, umgeben von Büchern, ohne sich noch um die ‘große Welt’ zu kümmern. Und er schloss seine Texte strikt an bestehende Texte an. Er erweiterte gewissermaßen das ‘literarische Wissen’, indem er vor allem existierende Zitate mit seiner Meinung ‘ausbaute’, er berichtete nicht, er schrieb Exkurse – über den Tod, die Freundschaft, den Krieg usw. Es ist, um einen gewagten Vergleich zu wählen, als ob heute ein Publizist nicht mehr ins Borchardt stratzen würde, sondern wie ein Arno Schmidt aus einer selbstgewählten provinziellen Einöde heraus weltweise Einsichten nur mit Hilfe blanker Gedankenkraft aufschriebe. Das ist nur wenigen gegeben – und mir fällt auch gerade niemand ein. Denn jeder glaubt doch, er müsse ‘vor Ort’ gewesen sein, um etwas zu sagen haben. Das ist dieses allgemeine Adabeitum. Warst du schon mal in der DDR, fragte mich damals mein Vater, wenn ich mal etwas Politisches äußerte – es ist diese ewige Überschätzung des Augenzeugen. Als ob ich auf der Bundespressekonferenz gewesen sein müsste, um mir ein Bild von der Uckermärkerin zu machen. Mein Vater war übrigens nie in der DDR gewesen, im Gegensatz zu mir …

  11. hardy

    klaus,

    bitte bloß nicht mißverstehen – er ist inspiration und hat halt an einem bestimmten punkt die richtung vorgegeben. das sollte kein anmaßender vergleich sein. er ist der könig, ich bin nur ein bauer.

    in den 80ern lernte ich in frankreich eine beeindruckend schlichte ältere dame kennen, die einen campingplatz führte und mit der ich nächte damit zubrachte, die feinheiten des eurokommunismus zb. durchzudiskutieren. ich fragte mich, was macht die bloß hier auf diesem platz, die sollte die welt regieren, weil ich bis dahin einfach nie einer so klugen und kenntnisreichen person begegnet war.

    es stellte sich heraus, daß sie nicht nur tochter eines evangelischen pfarrers (in frankreich, wie du weisst, gerade im süden, eine rare pflanze) war sondern auch über eine lebens- und liebesgeschichte zwischen paris und berlin “verfügte”, die wohl in einer arte-doku (wie ich vor zwei jahren erfuhr) portraitiert wurde (“nicole & jean”).

    die saß nun also auf diesem klitzekleinen campingplatz und lebte ein einfaches leben, aber wenn man nachts mit ihr im hinterzimmer der bar saß, saß man einer göttin gegenüber, die über sehr komplexe dinge in einer einfachen sprache reden konnte. mein “guru” ist also eine frau 😉

    sie hat mich zu montaigne hin geführt und so energisch beeindruckt, daß ich mein bis dahin durchaus ereignis- und menschenreiches leben komplett umstellte und das “türmchen” bezog. der platz selbst ist dann 25 jahre lang mein (einziges) ferien-zuhause geblieben, auch als längst der besitzer gewechelt hatte, weil nicole nach etwa 8 jahren verstarb.

    verstehe es also nicht als anmaßung miß, es ist ein “tribut” und eine referenz, wenn ich versuche zu erklären, wenn ich es so mache, wie ich es mache.

  12. hardy

    und, wenn ich das gerade noch nachtragen darf, weil du ja eher die literaturwissenschaftlichen aspekte montaigne’s betonst, und ich offensichtlich eher die menschlichen aspekte – wie man ein gutes leben führt – im auge habe: er hat sich ja bewusst dazu entschlossen, dem treiben “da draussen”, der großen welt, den rücken zu kehren und sich nur noch um sich selbst und dem dazulernen, dem nachdenken verschrieben.

    er sah sich nicht als mittelpunkt der welt oder der ereignisse, die er als bürgermeister, diplomat oder berater wohl vorher stark mitprägte – sondern nur noch der eigenen weiterentwicklung verpflichtet, den blick auf sich, auf die familie und nicht auf das feedback der aussenwelt gerichtet.

    ich verstehe “das gute leben” und leben allgemein als vorbereitung auf den tod durchaus ähnlich. wenn ich einmal in der woche das “türmchen” verlasse, gehe ich mit meinen töchtern einkaufen, wir kochen und hocken dann zusammen und reden. das ist mir offen gestanden (haptisch erfahrbare) “welt genug”, ein kleines leben in einem von wald umgebenen türmchen, in dem ich mich um mich kümmern und mich meinen gedanken und der erweiterung meines wissens und meinen interessen hingeben darf.

    das gerangel um einen platz in einer gruppe ist mir so fremd wie ihm … und, das war mein punkt, diese einstellung verdanke ich via nicole seinen einsichten.

    was da draussen so vor sich geht, nehme ich natürlich aus der distanz wahr – das ist der zeitbedingte vorteil montaigne gegenüber, der das wohl auch so gehandhabt hätte, hätte ein pc auf seinem schreibtisch gestanden und ihn mit dem neuesten versorgt.

    ich denke, er hätte wie restif zb. wohl auch gebloggt, wenn er die möglichkeit gehabt hätte. inwieweit er dabei so strikt an die texte der “alten” andockte, kann ich nicht beurteilen und auch nicht das formale, herrimhimmel ich bin programmierer und maße mir eine literaturhistorische autorität in keinem moment an, dafür habe ich ja “euch da draussen” …

    ich neige nun mal zu gewagten vergleichen, wenn ich so etwas wie das hambacher fest mit dem krahlochfestival oder guildo horn beim grand prix mit dem “fest des höchsten wesens” gleich stelle, wobei sich sicher dem einen oder anderen, der sich der hehren reinheit der historischen betrachtung die fussnägel hochrollen dürften 😉

    so ist mein montaigne bezug zu verstehen: nicht als anmaßung sondern als unbekümmerter bezug auf einen für viele vielleicht sakrosankten oder aus der mode gekommenen denker – er hat uns heute, wenn wir ihn von der starren verkrustung als säulenheiliger befreit sehen können, mehr zu sagen, als man das, wenn man ihn in die verstaubte ecke stellt, vielleicht ahnt.

    was ja auch für kierkegaard gilt, wenn man mal den ganzen religiös-zeitgebundenen ballast einfach ignoriert, der ihn so “unhandlich” macht – der mann hat mehr über unsere zeit verstanden als wir das gerne wahrhben wollen 😉

  13. Klaus Jarchow

    Tscha – Kierkegaard, der hat das Christentum in ein Nagelbett verwandelt, zum Ärger aller saturierten Plüschkissen-Christen: Wahre Religion sei individuelle Alltagspraxis in der Nachfolge Christi, und eben kein Sonntagskirchgängertum mit Ablasshandel. Sicherlich ehrenwert, Papst Franziskus hat sicherlich auch Züge dieser Art, ein Volker Kauder flöge hingegen wohl hochkant aus der Gemeinschaft.

    Ich könnte so nur nicht leben, ganz abgesehen vom mangelnden Glauben. Ohne ‘religiösen Ballast’ kann ich mir Kierkegaard allerdings nicht denken …

  14. hardy

    klaus,

    ich hatte mehr das hier im sinn

    Sören Kierkegaard – Teil 2: Der Einzelne und die Massengesellschaft

    und habe bei mir zuhause empfohlen, einfach mal den ganzen religiösen schnickschnack aussen vor zu lassen.

    beide sind ja immer kinder ihrer zeit und da gehörte das sozusagen als petersilie dazu 😉

  15. hardy

    nachtrag: keiner (den ich kenne …) hat den zustand unserer medienwelt heute genauer beschrieben. er hatte das alles schon vor 200 jahren verstanden …

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