If your memory serves you well ...

Alles nur relativ!

Klar – entschuldigen lässt sich sprachlich vieles, auch gewaltsam, wie hier durch Thomas Fricke von der FTD. Wie’s dann rüberkommt, ob skurril oder staatsmännisch, das wiederum ist eine andere Frage:

“Um eins vorwegzunehmen: Dieser Bundespräsident ist eine ziemliche Null. Was er gemacht hat, ist blöd. Klar, auch die Salamitaktik. Und viel Schlaues hat er auch nicht gesagt, erst recht nicht zur Krise. Ein Ausfall. Trotzdem …”

Dieses “trotzdem”, das wie eine Narrenschelle am Text baumelt, hat einfach Klasse. Was mache das schon, wenn unser Staatsoberhaupt eine blöde Null und ein Totalausfall sei, argumentiert hier unser Krawallrelativierer. Der Schreiber macht zunächst dem desolaten öffentlichen Bild von Krischan, dem Leitwulff, Konzessionen bis zur Unterkante Oberlippe, um mittenmang plötzlich mit Blaulicht und quietschenden Reifen eine argumentative Schleuderkehre zu vollführen – nach diesem Muster:

“Nero war ein Sadist und Quartalsirrer – klar! Er massakrierte seine Familie, schrieb schlechte Gedichte, verachtete die Menschen und fackelte im Wahn die ganze Stadt Rom ab. Trotzdem …”

Wer will, darf das Muster gern mal mit Dieter Bohlen, Jossip Stalin, Dschingis Khan, Lothar Matthäus oder Hans-Olaf Henkel erproben …

2 Kommentare

  1. Hans Mayer

    Köstlich, W. an Nero zu messen (auch wenn Historiker Zweifel haben, ob N. alle Schurkereien zu Recht zugeschrieben werden). Allerdings: N. produzierte sich, wie behauptet wird, als Künstler und Schauspieler und hatte von Seneca ein solides Wertegerüst der Stoa empfangen. Auch W. hat beim Antritt angekündigt, es zumindest mit Intellektuellen wie Voltaire, Goethe und Humboldt zu halten (es reichte dann nur für Johann Wolfgang von Maschmeyer, Wilhelmine von Ferres etc., aber das ist doch schon etwas), und verwies auf sein katholisches Werteportfolio. W. hat ebenfalls ein Interview-Buch verfassen lassen, das holzlyrisch-eisensurreale Züge trägt, und spielt nun die Charge #1. Natürlich würden nur Ästhetizisten rufen: “Nero for president”, aber die Fackel ist doch längst, nicht zuletzt von neoliberalen Geistersehern wie W., an die Grundlagen des Gemeinwesens gelegt. So gesehen verkennen Sie vielleicht die Subtilität des Kommentators F., dem sich der Unterschied viel diffiziler darstellt als Ihnen. Trotzdem danke.

  2. Antonius

    @Hans Mayer (HOFFENTLICH nicht dem toten Prof. Dr. LiteraturInhaber Hans Mayer…):
    “holzlyrisch-eisensurreale Züge” – Züge eigenster ART!

    Mit dankbaren Eisenbahner-Grüßen: Schienen Heil!

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