Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2018

1618-1648: Der Krieg als Selbstzweck

Der Krieg nährt den Krieg

„Ein, zwei Stunden kann ich für Sie schon erübrigen. Ich und meine Studenten sind ja wegen ganz anderer Dinge da. Unser Forschungsprojekt lautet ‚Niederdeutsche Ackerbaustädte im Wandel der Zeit‘. Deshalb, weil diese kleinen Orte von unserer Wissenschaft ja noch gar nicht erforscht wurden. Über Hamburg, Bremen oder Osnabrück finden Sie bergeweise Literatur – aber über einen kleinen Ort wie Rethem? Zudem gibt es hier ein gut erhaltenes Archiv. So also sind wir hier gelandet, mit einem Förderprogramm im Rücken …“

Alexander Schirmer sah eigentlich gar nicht aus wie ein Professor, der sich täglich durch Berge von Aktenstaub wühlt. Er war noch jung, Anfang 40 vielleicht, das schmale Gesicht schmückten eine Nickelbrille und ein blonder, sauber gestutzter Vollbart. Dazu trug er eine beige Leinenhose, locker darüber ein offenes, kariertes Sommerhemd. An den Füßen bequeme Laufschuhe, die schon bessere Tage gesehen hatten. Wir beide saßen im Allerhof, oben unter dem Vordach auf der Veranda, mit einem weiten Blick in den blühenden Obstgarten hinein.

Ich erklärte ihm, weshalb uns ein gemeinsames Interesse verband. Ich beabsichtigte, gleichfalls Geschichten aus Rethems Vergangenheit episodenhaft zu illustrieren, dabei aber das Geschehen in eher literarische Bilder zu fassen. Und derzeit hatte ich eben den großen Krieg auf der Palette, beziehungsweise auf dem Bildschirm. Jenen Krieg also, der so vieles in Deutschland veränderte.

„Nicht, dass sie uns dabei in die Quere kommen!“, Schirmer grinste mich an: „Aber ich verstehe schon. Sie wollen den Menschen hier ihre Geschichte nahebringen. Und zwar so, dass sie auch Anklang findet. Unser Publikum hingegen ist ja eher die Fachwissenschaft – und dementsprechend trocken lesen sich die Resultate dann auch. – Aber gut, reden wir also über den Dreißigjährigen Krieg, der fälschlich immer noch als ‚Religionskrieg‘ bezeichnet wird. Da habe ich für Sie als erstes eine Enttäuschung parat. Zwischen 1618 und 1648 lag Rethem – so wie eigentlich ganz Nordwestdeutschland – in einem eher abseitigen Winkel. Das heißt jetzt nicht, dass hier friedliche Zustände herrschten. Die Auswirkungen des großen Krieges waren nur nicht so katastrophal wie die unaufhörlichen Verwüstungen in Flandern, Böhmen oder der Pfalz, wo dieser Krieg nahezu ohne Unterbrechung tobte.“

„Von welchen Auswirkungen reden wir, wo doch die großen Schlachten woanders geschlagen wurden,“ warf ich ein.

„Nun ja, Tilly, Pappenheim, Wallenstein, und wie die großen Söldnerführer alle hießen, die zogen natürlich auch hier gelegentlich die Aller entlang. Aber nicht, um eine Entscheidungsschlacht zu suchen. Generell belauerten sich die Armeen damals eher, als dass sie sich mit Hurra ins Gemetzel stürzten. Und sie folgten, wo es ging, den Flussläufen, weil sich so die Logistik und Versorgung am ehesten sichern ließen. Der Schwarze Tod, der den Heeren immer auf dem Fuße folgte, der forderte dann auch hier in der Heide seine Opfer. Zwei Pestwellen haben auch Rethem wohl getroffen. Hinzu kamen die „Kontributionen“, wie Wallenstein die von ihm erfundene Ausplünderung der Provinzen nannte, was dann auch Rethemer Ställe und Scheunen leerte. ‚Das Land ernährt den Krieg‘, diese Regel galt in der frühen Neuzeit überall – auch an Weser und Aller. Und die Bevölkerung fraß nach dem Durchzug dieser gefräßigen Heuschrecken oft genug Wurzeln und Gras.“

Plünderer berauben ein Dorf

„Und diese Zustände herrschten dreißig Jahre lang? Da verwundert es ja, dass überhaupt jemand überlebte.“ Ich schaute Schirmer fragend an.

„Natürlich nicht.“ Schirmer stopfte sich eine Pfeife und sah den blauen Rauchkringeln nach: „Wir Historiker unterscheiden im Kern vier Phasen – den verworrenen böhmisch-pfälzischen Krieg von 1618 bis 1623, der uns hier in Norddeutschland aber kaum betraf. Dann den niedersächsischen Krieg von 1623 bis 1629. Zu jener Zeit hoffte der dänische König Christian IV., im allgemeinen Tohuwabohu die Herrschaft über die Flussmündungen von Elbe und Weser gewinnen zu können. Mit dem frischen Geld aus den Fluss-Zöllen wäre er zum reichsten Monarchen Europas aufgestiegen. Dänische Truppen zogen im Sommer 1625 also gen Nienburg, wobei sie selbstverständlich auch durch Rethem kamen. Tilly versperrte ihm weiter südlich bei Höxter den Weg, und so entstand ein niedersächsisches Patt, während die dänischen Truppen das Land kahlfraßen.

„Und wie endet dieses Patt?“ Die Dänen hatte ich als Rethemer ‚Volksbeglücker‘ noch gar nicht auf der Liste gehabt.

„Naja, 1630 setzte dann bekanntlich der Schwedenkönig Gustav II. Adolf über die Ostsee. Es folgte ein legendärer Triumphmarsch, der ihn bis vor die Tore Wiens führte, wo er dann bei Lützen fiel. Vermutlich hatte er noch zu viel Wikingerblut in den Adern, denn Armeeführer waren anderswo nur selten in der ersten Reihe zu finden. Diese Phase ging als ‚Schwedischer Krieg‘ von 1630 bis 1636 in die Bücher ein. Mit ihrem unerwarteten Sieg bei Wittstock 1636 konnten die schwer demoralisierten und geldklammen Schweden dann ihren Kopf nochmals aus der Schlinge ziehen. Woraufhin sie im Bündnis mit den Bourbonen den französisch-schwedischen Krieg führten, der von 1636 bis zum Westfälischen Frieden 1648 andauerte.“

„Aber wer hatte in all dem Gewimmel europäischer Mächte dann hier vor Ort das Sagen?“

„Nach den Dänen herrschten seit 1630 in unserer Region die Schweden. Zumindest, seit die Dänen aus Geldmangel aufgegeben hatten. Sie mussten nach dem Frieden von Lübeck 1629 auch ihre Hochburg Verden räumen. Die Kommandogewalt hatte in den dreißiger Jahren dann die schwedische ‚Weser-Armee‘, deren Winterquartier gleichfalls in Nienburg lag. Deshalb, weil Nienburg früh zu einer Festung ausgebaut worden war. Sogenannte ‚Schwedenschanzen‘ aber gibt es verstreut in ganz Deutschland noch heute wie Sand am Meer. Um eine ‚schwedische Armee‘ handelte es sich bei den Nienburger Truppen damals nur dem Namen nach, denn gebürtige Schweden musste man in ihren Reihen mit der Lupe suchen. Geführt wurde die Weser-Armee von dem schottischen Feldmarschall Alexander Leslie. Die Mannschaften bestanden aus einem bunten Völkergemisch – aus Iren, Schotten, Spaniern, Italienern, Deutschen, Letten oder Finnen. Diese Zusammensetzung zeigen die Skelette aus einem Massengrab bei Wittstock, wo nach der gewonnenen Schlacht gegen die Kaiserlichen im Jahr 1636 die Leichen von 125 Soldaten dieser Weser-Armee bestattet und wiederaufgefunden worden waren. Seither wissen wir sehr viel mehr über die einfachen Truppen im Dreißigjährigen Krieg.“

Weiterlesen

Heidjer-Sprache

Dej höögt sich wat …

Als dieser Lulatsch beim Betreten der Gaststube uns „Guude!“ zurief, da war uns gleich klar, dass er zu einem Volksstamm gehörte, der hier nicht heimisch war. Trotzdem durfte er sich zu uns an den Tisch setzen. Bekanntlich sind wir tolerant, verbunden mit einem gewissen Interesse am Exotischen. Der Mann zog sich den Stuhl heran, rückte einige Male den Mors zurecht, und fragte: „Wasch dringgt ihr so?“

„Meistens Flüssiges“, antwortete Horst. Er musterte den Herrn mit seinem etwas zu vertreterblauem Oberhemd und dem etwas zu billigem C&A-Anzug von oben nach unten und wieder zurück: „Wat’n für’ne Sparte?“

„Thermomix“, antwortete der: „Abba de Stinkstibbel hier sind so was von geiddzisch – hör mer uff! Da redst und redst, bis de Geujelknebbsche wund is, und am End heescht et ‚Vielleicht’n annernmal‘. – Naja, Lebbe geht weider!“

„Das mag vielleicht auch daran liegen, wie du sprichst.“ Dirk mischte sich jetzt in das Gespräch ein: „Wat um Himmels willen soll denn so‘n Goiglknipsken sein?“

„Dat Geujelkneppsche, oder ‚Gurgelknöpfchen‘, um dir‘s mol zu verkliggern, dat ist dat, was da unner dei’m Herndeggel auf und ab hüpft. Also dein Kehlkopf, um mich mal medizinisch uuszudrügge. Mer in Frankfort am Maa kenne ebbe de deutsche Sprach.“

„Wenn dat deutsch is, dann bün ik’n Winnewoarp“, murmelte Axel in seinen Bart.

„Wat bischt du denn?“, kam prompt die Rückfrage.

„Na, ‘nen Moltworm, oder’n Maulwurf, wenn di dat denn klorer woard.“

„Aha, du meenscht’n Mollwed oder’n Mullbruff – da bruuchst doch net drumrum sabbele mit dein‘m Kauderwelsch.“

„Wat’n für’n Kauderwelsch?“ Horst mischte sich wieder ein: „Wir Heidjer sprechen hier heidjerisch, da muss du dich schon drauf einlassen, wenn du hier Maschinchen für Leute verkaufen willst, die nicht kochen können, aber gern so tun möchten, als ob sie kochen könnten.“

Der lange Kerl wiegte den Kopf: „Da isch wosch dran. Ihr sprecht hier ja alle noch platt. Und ich eben hochdeutsch.“ Sprach’s und hob überlegen lächelnd das Glas zum Mund: „Ich heiße übrischens Herbert.“

Horst kroch mit dem Oberkörper halb über den Tisch: „Dann pass ma op, Herbert! An deinem Satz stören mich genau drei Sachen: das ‚noch‘, das ‚platt‘ und das ‚hochdeutsch‘.“ Der Zeigefinger zeigte jetzt direkt auf Herberts Stirn: „Erstens wird Platt auch hier nur noch in ganz wenigen Familien gesprochen, meist unter älteren Leuten oder in Bauernfamilien. Da würdest du bloß noch mit den Ohren schlackern, du Ossenkopp, wenn dir jemand noch richtig op platt käme. Und zwar is dat mindestens schon seit Anno Adolf so. Zweitens kommt das Wörtchen ‚platt‘ bekanntlich aus dem Holländischen, und es heißt schlicht ‚verständlich‘. Wir können uns also verständlich ausdrücken, im Gegensatz zu dir. Drittens ist dein Deutsch alles, nur kein Hochdeutsch.“

„Na, horschemo, da schmeißt ihr hier hinnervotzisch mit Ausdrügge umenand, die kaan Mensch je hört hedd – ‚Tüddelbüdel‘ oder ‚verklogfideln‘ falln mer grod mol inn – und dann wollt ihr Heesje mer erzähln, das dat verständlich wär?“

„Verständlicher als dein Gesabbel allemal!“ Dirk tippte sich an die Stirn.

„Momendemal! Nu spielt er dä beleidischd Lebberworscht, nur weil ich sach, wie’sch is!“ Herbert echauffierte sich zusehends: „Abba deswächn biddä kein Zorres, sächt dä Wutz zum Wermsche. Mer petze jetzt noch e Schöppsche, und denn muss ich misch ooch uffrabbele un ableesche. “

„Zeit wird’s ja!“, murmelte Axel entnervt, „sonst krieg ich hier mit unserm Frankfurter Zorro auch noch Zorres.“

„Eihorschemaa, dat hessische Zorres is’n guudes Wort. Es erweitert den Sprachschatz. Da mustu nich immer Streit, Zank oder Krach sagen.“

„Ach? Und wat is mit Stunk, Krakeel, Stried und Aneenannerraken? Wer hier wem den Sprachschatz erweitert, das ist doch noch gar nicht ausgemacht!“

„Nu, miedd euch ischa nich z’rede. Ich sag denn ma Genacht!“ Sprach’s, stand auf, bezahlte und entschwand.

„War war dat denn nu?“, fragte Axel.

Weiterlesen

© 2018 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑