Dej höögt sich wat …

Als dieser Lulatsch beim Betreten der Gaststube uns „Guude!“ zurief, da war uns gleich klar, dass er zu einem Volksstamm gehörte, der hier nicht heimisch war. Trotzdem durfte er sich zu uns an den Tisch setzen. Bekanntlich sind wir tolerant, verbunden mit einem gewissen Interesse am Exotischen. Der Mann zog sich den Stuhl heran, rückte einige Male den Mors zurecht, und fragte: „Wasch dringgt ihr so?“

„Meistens Flüssiges“, antwortete Horst. Er musterte den Herrn mit seinem etwas zu vertreterblauem Oberhemd und dem etwas zu billigem C&A-Anzug von oben nach unten und wieder zurück: „Wat’n für’ne Sparte?“

„Thermomix“, antwortete der: „Abba de Stinkstibbel hier sind so was von geiddzisch – hör mer uff! Da redst und redst, bis de Geujelknebbsche wund is, und am End heescht et ‚Vielleicht’n annernmal‘. – Naja, Lebbe geht weider!“

„Das mag vielleicht auch daran liegen, wie du sprichst.“ Dirk mischte sich jetzt in das Gespräch ein: „Wat um Himmels willen soll denn so‘n Goiglknipsken sein?“

„Dat Geujelkneppsche, oder ‚Gurgelknöpfchen‘, um dir‘s mol zu verkliggern, dat ist dat, was da unner dei’m Herndeggel auf und ab hüpft. Also dein Kehlkopf, um mich mal medizinisch uuszudrügge. Mer in Frankfort am Maa kenne ebbe de deutsche Sprach.“

„Wenn dat deutsch is, dann bün ik’n Winnewoarp“, murmelte Axel in seinen Bart.

„Wat bischt du denn?“, kam prompt die Rückfrage.

„Na, ‘nen Moltworm, oder’n Maulwurf, wenn di dat denn klorer woard.“

„Aha, du meenscht’n Mollwed oder’n Mullbruff – da bruuchst doch net drumrum sabbele mit dein‘m Kauderwelsch.“

„Wat’n für’n Kauderwelsch?“ Horst mischte sich wieder ein: „Wir Heidjer sprechen hier heidjerisch, da muss du dich schon drauf einlassen, wenn du hier Maschinchen für Leute verkaufen willst, die nicht kochen können, aber gern so tun möchten, als ob sie kochen könnten.“

Der lange Kerl wiegte den Kopf: „Da isch wosch dran. Ihr sprecht hier ja alle noch platt. Und ich eben hochdeutsch.“ Sprach’s und hob überlegen lächelnd das Glas zum Mund: „Ich heiße übrischens Herbert.“

Horst kroch mit dem Oberkörper halb über den Tisch: „Dann pass ma op, Herbert! An deinem Satz stören mich genau drei Sachen: das ‚noch‘, das ‚platt‘ und das ‚hochdeutsch‘.“ Der Zeigefinger zeigte jetzt direkt auf Herberts Stirn: „Erstens wird Platt auch hier nur noch in ganz wenigen Familien gesprochen, meist unter älteren Leuten oder in Bauernfamilien. Da würdest du bloß noch mit den Ohren schlackern, du Ossenkopp, wenn dir jemand noch richtig op platt käme. Und zwar is dat mindestens schon seit Anno Adolf so. Zweitens kommt das Wörtchen ‚platt‘ bekanntlich aus dem Holländischen, und es heißt schlicht ‚verständlich‘. Wir können uns also verständlich ausdrücken, im Gegensatz zu dir. Drittens ist dein Deutsch alles, nur kein Hochdeutsch.“

„Na, horschemo, da schmeißt ihr hier hinnervotzisch mit Ausdrügge umenand, die kaan Mensch je hört hedd – ‚Tüddelbüdel‘ oder ‚verklogfideln‘ falln mer grod mol inn – und dann wollt ihr Heesje mer erzähln, das dat verständlich wär?“

„Verständlicher als dein Gesabbel allemal!“ Dirk tippte sich an die Stirn.

„Momendemal! Nu spielt er dä beleidischd Lebberworscht, nur weil ich sach, wie’sch is!“ Herbert echauffierte sich zusehends: „Abba deswächn biddä kein Zorres, sächt dä Wutz zum Wermsche. Mer petze jetzt noch e Schöppsche, und denn muss ich misch ooch uffrabbele un ableesche. “

„Zeit wird’s ja!“, murmelte Axel entnervt, „sonst krieg ich hier mit unserm Frankfurter Zorro auch noch Zorres.“

„Eihorschemaa, dat hessische Zorres is’n guudes Wort. Es erweitert den Sprachschatz. Da mustu nich immer Streit, Zank oder Krach sagen.“

„Ach? Und wat is mit Stunk, Krakeel, Stried und Aneenannerraken? Wer hier wem den Sprachschatz erweitert, das ist doch noch gar nicht ausgemacht!“

„Nu, miedd euch ischa nich z’rede. Ich sag denn ma Genacht!“ Sprach’s, stand auf, bezahlte und entschwand.

„War war dat denn nu?“, fragte Axel.

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