If your memory serves you well ...

Monat: Juni 2014 (Seite 3 von 7)

Sprachpolizei

Die Russen sollen wieder ‘russisch’ sprechen – sonst setzt es künftig harsche Geldstrafen. Es ginge solchen Sprachdoktoren schließlich allein um die Reinheit der Sprache Puschkins und Tolstois – und keinesfalls um die angestrebte Dominanz einer grossrussischen Sprachgemeinschaft:

“As an example, the deputy head of the Committee Vladimir Bortko used the phrase “we position our brand in the sector of the high middle class.” “In Russian, the only word there is ‘we.’ We have to supervise Russian language – this is the essence of this bill.”

Dieser Satz – “Wir werden unsere Marke im Sektor der gehobenen Mittelklasse positionieren” – wäre also ein schwerwiegender Verstoß gegen die neue Verordnung der Sprachpuristen? Wohl deshalb, weil ‘Sektor’ und ‘positionieren’ aus dem Lateinischen stammen, ‘Marke’ auf das Marketing verweist, und eine ‘gehobene Mittelklasse’ in Russland eh nicht existiert, weil es in diesem Land per ordre de mufti ja gar keine Klassen mehr gibt. Korrekt müsste es daher wohl lauten: “Wir werden unsere Ware auf dem Gebiet zufriedenstellender Einkünfte feilhalten.” So etwas verstünde dann auch die Babuschka, sie wüsste gleich: ‘Das ist nichts für mich’.

Interessieren würde mich ja mal, was nach dem 1. Juli passiert, wenn sich zufällig eine ukrainische Vokabel in dieses russische Quarantänegebiet verirrt? Ob das Geschrei in den Foren dann auch so groß wird, wie beim Kiewer Sprachengesetz?

Tscha, schwere Zeiten jedenfalls, nicht nur für unsere Ökonomen und ihr Marketing-Sprech … die ‘Gesellschaft für deutsche Sprache’ sollte sich an dieser regulatorischen Zungenkontrolle ein Beispiel nehmen. Andererseits: Nationalisierungsversuche auf sprachlichem Gebiet sind bisher noch stets im Grotesken gestrandet …

Der Vladimir Bortko ist übrigens ein leicht überalterter Drehbuchschreiber und KP-Funktionär, der heute treu und stramm die Ukraine-Invasion befürwortet. In seinen Filmen hat er das Gesetz schon vorweggenommen: Ukrainer sprechen dort kein Ukrainisch, sondern eine Art Debilen-Russisch, über welches das Publikum dann herzlich ablachen darf … was ihm eine Menge Ärger einbrachte, als er den ukrainischen Schriftsteller Nikolai Gogol auf diese Art nationalistisch verunstaltete: “When the third dying person begins another tirade on how much he loves his country (which has no relation to what Gogol wrote and even never was true since cossacks have always been the free people) you start to expect Russian flag to wave on the background.”

UNO auch bloß ‘Faschisten’?

Uno-Beobachter warfen den Separatisten die Tötung von Zivilisten, Folter und weitere Verletzungen der Menschenrechte vor.”

Schlimme Vorwürfe! Ist jetzt die UNO etwa auch ein Teil der ‘westlichen Medienmafia’ geworden? Oder in ihrer Dämlichkeit von den ‘EUSA’ gelenkt? Stehen auch sie im Dienst der Kiewer ‘Faschisten-Junta’? Ich gehe gleich mal in das zugehörige Forum, um mich über die neuesten Entwicklungen auf dem Jahrmarkt der Desinformation schlau zu machen … ah, ja, da haben wir’s ja, es ist dies alles zusammen, und noch zwei Kellen wirres Zeug obendrauf. Alles ‘Faschisten’ also – außer Pappi. Hier also die wirkliche Wahrheit, die immer hinter der Wahrheit zu liegen hat:

“Die USA giessen weiter Öl ins Feuer, Sanktionen werden so oder so gemacht, man sucht und konstruiert nur noch einen halbwegs “offensichtlichen” Grund. Die europäischen Bürger glauben dem sowieso nicht mehr, für die amerikanischen Dödels reicht es allemal. … Und die Ukraine soll endlich aufhören, Öl ins Feuer zu giessen!”

Aha, die Ukraine und die USA strullern da also ständig ihr Öl ins Feuer, was diese Zivilisten dann quasi naturgemäß in die Folterkeller der Separatisten treibt. Und die Europäer und die USA – die ‘amerikanischen Dödels’ sowieso – die sind richtig heiß auf Sanktionen, weshalb sie in dem Punkt ja seit Monaten zum Jagen getragen werden müssen. Gut, dass wir unsere ideologischen Lenkwaffen von der Kommentatorenfront haben, die ballern wirklich aus allen Rohren, vor allem aus denen am Unterleib …

Als ‘europäischer Bürger’ mag ich die intellektuellen Zumutungen unserer Foristen aber auch nicht so recht glauben. Woran soll ich mich bloß noch orientieren? Und wie lässt sich das hier erklären – ist das schon der ‘investigative Journalismus 2.0’?

“It took the ‘journalists’ from Russia Today exactly 10 minutes to be on the site of the pipeline explosion, in an unremarkable area, deep in the Poltava Oblast. As they say, they drove around, stopped briefly, and lo and behold, there it was”.

Der Leiter dieses allzeit bereiten Reporterteams soll übrigens Rainer Zufallowitsch heißen … interessieren würde mich es manchmal schon, ob unser Journalistenverband die Jungs und Deerns von Russia Today noch als ‘Kollegen’ bezeichnet?

Trollkunde – ein Leitfaden

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Beim überschäumenden Info-War in deutschsprachigen Foren fällt es manchmal nicht leicht, das Wahre von der Lüge zu unterscheiden. Hier einige Fingerzeige zur Trollkunde für Interessierte. Die Beispiele wurden alle dem eindeutig infizierten Thread eines einzigen Artikels im österreichischen ‘Standard’ entnommen:

1. USA everywhere: Auch wenn niemand je die ‘Nuland-Boys’ auf Kiewer Boden sah, predigen Sie deren Allgegenwart – vor allem aber, machen Sie diese Chimären für alle Untaten verantwortlich – und rühmen Sie stattdessen den unvergleichlichen Staatsmann Vladimir Putin: “Allerdings führen Russland/Putin die Nuland-Boys und ihre Herren nach wie vor am Halsband über die politische Weltbühne und die Wahrscheinlichkeit das auch Teile der Ostukraine verloren gehen, steigt mit jedem Tag des Kiewer Terrors.” Man fragt sich ja, weshalb der Putin sein geniales Spiel noch nicht längst gewonnen hat? Vermutlich sind daran auch wieder bloß die ‘Nuland-Boys’ schuld. Schon hätten Sie einen argumentativen Kreislauf erschaffen, wo sich die Katze immerfort in den Schwanz beißen darf …

2. Cui bono: Fahnden Sie immer nur nach dem Profit ‘des Westens’, auch wenn dies Hirnschmerz auslöst, und selbst noch dort, wo der Westen sich eindeutig ins eigene Fleisch schneidet: “Die USA provitiert doch extrem von explodierten Pipelines. Sie sind sogar die einzigen die was davon haben. Würd mich nicht wundern wenn diese Explosion von den USA verursacht wurde.” Wer übrigens in seiner Orthographie konsequent das ‘f’ durch ein ‘v’ ersetzt, gibt damit zugleich ein Indiz seiner geographischen Herkunft …

3. Medien-Mafia: Das ‘Argument’ darf niemals fehlen. Bezeichnen Sie alle Westmedien als korrupt und gelenkt, mit Ausnahme der Artikel, die Ihnen zufällig mal in den Kram passen (Krone-Schmalz o.ä.). Dass solche ‘Ausreißer’ Ihre Eingangsthese gleich mal widerlegen, darf Ihnen dabei nie auffallen. Verlinken Sie stattdessen lieber die ‘liveleaks’ oder ‘Russia Today’, jene Medien also, wo ‘fakeorg.com’ gar nicht mehr mit dem Auflisten von dümmlichen Fälschungen hinterkommt. Propaganda machen nämlich immer nur die anderen: “Wenn die Westmedien ihre Propaganda nicht derart schlecht machen würden, wenn einem die Voreingenommenheit und der Versuch, alle Leser zu manipulieren nicht derart massiv ins Auge springen würde, gäbe es nicht so viele empörte Leser, die sich diese Verlogenheit nicht mehr länger ertragen wollen. Warum gibt es denn einen solchen Sturm der Entrüstung? Weil man uns für blöder hält, als wir sind. Ein paar Leute mit “langsamem Intellekt” fallen allerdings darauf rein und geben dann lauter Plattitüden von sich. Yep – und als Schreiber selbigens dünken Sie sich turmhoch über andere erhaben, weil Sie über einen ‘schnellen Intellekt’ zu verfügen meinen – weshalb auch immer. Denn wahre Intellektuelle zeichnen sich in der Regel durch Gründlichkeit, Nachprüfbarkeit und Analyse aus, und nicht durch solch ein Pawlowsches Schnappischnappi. Aber das nur nebenbei …

4. Whataboutism: Wenn Ihnen ein Faktum nicht in den Kram passt, zum Beispiel die Anwesenheit russischer Truppen auf ukrainischem Territorium, zeigen Sie getrost und prompt mit dem Finger auf andere: Die einzigen die weltweit immer andere Staaten bekriegen, besetzen, destabilisieren und zerstören sind die USA. Dicht gefolgt von ihren europäischen Pudeln.” Bestreitet dann jemand solch kühne Behauptungen amerikanischer Singularität, dann verweisen Sie bspw. auf die Landung in der Schweinebucht … oder etwas ähnlich möglichst weit Entferntes: “Also haben die US Soldaten in Deutschland in Japan und Südkorea nichts zu sagen und die Waffen die sie tragen sind aus Plastik, die Atomwaffen der USA in Deutschland sind auch nur geduldet so eine Art politisches Asyl für USA-Waffen?” Schon sonnen Sie sich argumentativ siegreich im schönen Seoul …

5. Elefantisierung: Blasen Sie jede Pipi-Summe zu einem Staatshaushalt auf, mindestens – denn da könne man doch mal sehen: Neue EU-Hilfe für die Ukraine: 500.000 € Zur Verwendung OHNE NACHWEIS!!! … Wenn EU-Staaten eine Förderung bekommen, müssen sie die Verwendung nachweisen und alles zur Gänze zurückzahlen. Und hier wird so viel Geld einfach VERSCHLEUDERT.” Für diese Summe gäbe es zwar faktisch noch nicht einmal einen Schützenpanzer, der dann die ‘wehrlose Bevölkerung’ in der Ostukraine ‘massakrieren’ könnte – aber egal. Verbinden Sie Ihre Übertreibung gekonnt mit dem üblichen Neidkomplex des kleinen Mannes: ‘Denen wird der Zucker nur so in den Mors geblasen … und ich?’ Vergessen Sie die Brüllbalken und die Großschreibung ganzer Wörter nicht, die Ihrer Empörung recht anschaulich Ausdruck verleihen …

6. Faschisierung: Streichen Sie die Figuren, die Ihnen nicht in den Kram passen, stets tiefbraun an, während Sie von dem faschistischen Hintergrund Ihrer eigenen Helden dezent schweigen: “Seltsam, es werden mannigfaltige Links zu Ostukrainern gepostet, die geflüchtet sind und sich bitterlich über die Kiewer Faschisten beschweren. Wieso hat von euch nicht einer mal wenigstens 2-3 Links zu Zivilisten die sich über die bösen Separatisten beschweren? Und bitte Ostukrainer Zivilisten keine wolfsangelmarschierenden Maidanstürmer.” Apropos – den ‘Maidan stürmen’, das wollten meines Wissens damals ganz andere, und ‘Wolfsangelmarschieren’, wie soll das gehen? Aber gut … sprachlich und denktechnisch müssen Sie ja keine Leuchte sein, Wutschnauben genügt völlig.

Seht ihr, liebe Kinder, und an solchen Kennzeichen erkennt ihr dann den waschechten Troll, wie er selbstgewiss durch alle Foren randaliert, um jede Diskussion und jedes Gespräch zu unterbinden. Und natürlich an der langen Nase, wie dort oben im Bild zu sehen …

Bild: Immanuel Giel, wikimedia / gemeinfrei

Maskirovka heißt das …

Maskirovka ist ein in der sowjetischen Militärdoktrin etabliertes Prinzip der Tarnung, der Leugnung und der Täuschung. Die wichtigsten Merkmale der Maskirovka sind die Aufrechterhaltung der “Glaubhaften Abstreitbarkeit“, Verschleierung von Kräften und Desinformation sowie Täusch- oder Dummy-Strukturen, um die Fähigkeit des Gegners zu reduzieren, Vorhersagen zu treffen oder auf Aktionen zu reagieren. Das Schlüsselelement in der aktuellen Krise in der Ukraine war die Fähigkeit des Kremls, trotz einer offenen Aggression, Einmischung und Invasion alles glaubhaft abstreiten zu können. Ohne diese Aufmachung wären die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen, von denen Russlands Einfluss abhängig ist, gefährdet. Dieser Einfluss ist sehr wichtig, insbesondere mit Blick auf die europäischen Staaten, die sehr lange zögern würden, ihre Geschäftsinteressen und Gasversorgung zu opfern.

Mit der Zeit lerne ich doch noch Russisch. Nach der Lektüre dieses informativen (und langen) Textes beginnen all die Puzzle-Stücke, ein klareres Bild zu ergeben …

Großartig ist übrigens diese Seite – ein Schatzkästlein voll echter Counter-Propaganda.

Fake-Holidays

Auf Putins Befehl langweilige Urlaubstage auf der Krim verbringen, dort, wo niemand hinwill? Ach was – in Russlands virtueller Welt sind weiterhin Tage mit karibischem Flair und allem westlichen Komfort auch außerhalb von Dugins Soljanka-Eurasien möglich:

“Crimea businessmen work exclusively over the Internet. They offer a full package of documents to the Russian businessmen that confirm that they had indeed spent several weeks on Crimean beaches.”

So’n Service kostet allerdings was … und die Betten bleiben ja auch leer. Derweil werden die ukrainischen ‘Faschisten’ immer raffinierter. Sie versuchen schon mit gebrochenem Bein aus den Folterkellern dieser einzig wahren Piepels Repapplick zu entkommen, und dürfen sich dann doch nicht wundern, wenn sie ‘auf der Flucht erschossen’ werden:

“Today I lost my close friend Oleksandr Reshetnyak. After two days of tortures inside the SBU building and a final shot into his back, Sasha had been fighting for his life in Lyhansk regional Hospital. The gunmen of Luhansk People’s republic tortured him in attempt to receive information about the locations of Ukrainian army forces and patriotic battalion “Aidar”. After ineffective interrogation, rebels shot him in his back. In their report killers wrote that [Sasha] was wounded in attempt to escape. At that moment Sasha had a broken leg and could walk only with the help of crutches! What kind of escape [are they talking about]? I’m speechless…”

Im Rostov-Oblast bewegen sich aktuell übrigens große russische Truppenverbände in Richtung Grenze. Vermutlich alles ‘Freiwillige’ mit Panzern aus dem Obi-Markt … und wer sich fragt, was derzeit der Akhmetov treibt, bekanntlich keine ganz einflusslose Figur, die auch den Janokowitsch höchstpersönlich zum Staatsmann schminkte und den Pauperismus im Donezk-Becken verewigte – dieser milliardenschwere Raffzahn mit der Mafia-Vergangenheit muss wohl glauben, dass er in einem bösen Traum feststeckt:

“Denn nun muss [Akhmetov] nicht Kiew, sondern eine Lumpen-Welle besiegen, die das Donezbecken überspült und mit der viele seiner Landsleute heimlich und offen sympathisieren – weil sie die Reichen hassen, alles aufteilen wollen und über einen Staat träumen, in dem die Brötchen auf Kiefern wachsen und ganz genau wissen, dass der Mensch, der weiß, wie man solche Brötchenbäume anbaut, Putin heißt. … Also hat Achmetow keine leichte Aufgabe: Er muss das besiegen, was er selbst geschaffen hatte. Er selbst hat diese Menschen zu diesem niederen Zustand geführt und gibt sich nun ratlos, warum sie so sind. … Und es gibt überhaupt keine Garantien, dass man einen Golem besiegen kann, der durch den eigenen gierigen Atem erschaffen wurde. Und umso weniger, wenn dieser Golem mit einer Kalaschnikow und einem Chip des russischen Fernsehens im Kopf durch die Gegend spaziert.”

Kiew-Propaganda immer fieser

There are reports today that the “people’s mayor” of Slavyansk, Vyacheslav Ponomarev, has been executed by his own “people’s republic” fighters — although details differ regarding the reasons.”

Die tapferen Kämpfer der Piepels Repapplick sollten jetzt ganz schnell eine Pressekonferenz Seite an Seite mit diesem großen Staatsmann Popoblablanow veranstalten, um der unverantwortlichen Propaganda der Spambots von der ‘Faschisten-Junta’ in Kiew schleunigst entgegenzutreten. Ein solch edler Mann und drogensüchtig … tsss!

Andererseits – auch eine präventive Konterrevolution frisst manchmal wohl ihre Kinder. Derweil verwöhnt uns ‘Russia Today’ mit neuen Exklusiv-Meldungen – oder ist das am Ende ein Fake?

“RT found out, that Adolf Hitler left his hideout in Antarctica following a secret invitation of the fascist ukrainian government. His reichsflugscheibe was recognized by russian radar passing over sudan and egypt. It finally made an overflight at low altitude over the ukrainian parliament before it touched down at Kiews airport. Hitler got a warm welcome by the fascist regime.

Währenddessen hat das Heise-Forum ganze Bataillone frischgebackener Kommentatoren ‘gewonnen’:

“Ihr müsst mal schauen, die ganzen “Entrüstungsbürger” die sich hier über den Artikel mokieren. sind in der Mehrheit nach der Krimbesetzung erstellt worden und haben alle sehr ähnliche Namen, nämlich immer ein bis zwei deutsche Wörter per Zufall aus dem Wörterbuch.”

Wie das wohl kommt …?

Arbeiten bis zum Grab?

Er ist schon ein seltsamer Vogel, dieser Henrik Müller, der beim ‘Spiegel’ über Wirtschaftsthemen schreibt, wohl weil er einst beim ‘Manager Magazin’ sich die ersten Sporen als ökonomischer Eingeweidebeschauer verdiente. Hier seine neueste kühne These:

“Die Rente mit 76 wird kommen.”

Mal abgesehen davon, dass ich diese These schon physiologisch für eine Unmöglichkeit halte – wir dürfen angesichts der Publikationen dieses Herrn getrost davon ausgehen, dass das, was er uns so leichthin aufschreibt, den Blick immer starr in eine grauenhafte demographische Zukunft gerichtet, dass so etwas mit Sicherheit niemals eintreten wird. Allein schon wegen des Gewichts der werten Wählerschaft. Ich meine, was nutzen die dollsten Pläne, wenn man nicht die Macht erhält, sie umzusetzen? Nach dem Verschwinden der FDP sind unsere Ökonomen eine ‘Zunft ohne Partei’ geworden, oder eine Dame ohne Unterleib.

Auch stört mich bei Henrik Müller diese ökonomische Inkonsequenz: Würde als Zeitpunkt des Rentenbeginns das Sterbedatum eingesetzt, dann hätten alle Leute kräftig eingezahlt, ihre Rendite aber wäre gleich null, alle volkswirtschaftlichen Probleme wären final gelöst – und der Staat wäre endlich schuldenfrei. Man muss sich doch nur trauen …

Wie ich zu dieser kühnen These von der Vergeblichkeit alles Müllerns in der Ökonomie komme? Nun, ich habe mir einfach mal angeschaut, was der Herr sonst noch so vom Bücherstapel gelassen hat: Da schrieb er inmitten der Globalisierung einst über den “Wirtschaftsfaktor Patriotismus”, wohl angeregt durch das schwarzrotgüldene Meer bei der Europameisterschaft. Und was finden wir heute auf der Resterampe von solchen bibliophilen Remittenden noch vor? Den patriotischen Krähgockel Bernd Lucke und seine AfD. Oder, er schreibt uns was Flockiges über den “Sprengsatz Inflation”, der alles Volksvermögen in Stücke reißen wird. Und wo stehen wir heute? Bekanntlich kurz vor der Deflation. Ferner schrieb er auch über “Wirtschaftsirrtümer”, vergaß aber ganz, sich selbst dabei zu erwähnen.

Deshalb – und insofern – dürfen wir auch das neueste ‘Krokodil’ auf der Bühne seiner Kasperbude getrost ignorieren. Bis zum Alter von 76 Jahren wird – besser: kann – niemand arbeiten, es sei denn, er wäre von Beruf bloß Wirtschaftsredakteur, jemand, der nur leichthin mit Excel-Tabellen hantieren muss. Und ehe dass es soweit kommt, wird wohl – um letztlich hier auch einmal eine Prognose zu wagen – zuvor die paritätische Finanzierung der Rente durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu gleichen Teilen wieder eingeführt. Oder aber, die gesetzliche Rentenversicherung wird endlich für alle Berufsgruppen Pflicht. Denn nicht immer lassen sich alle Probleme durch ‘Rationalisierung’ (sprich: Einsparen) lösen, manchmal muss auch mehr Geld in die Hand genommen werden, das dann ins System fließen wird. Ich weiß, für alle Neoliberalen bin ich jetzt der Ketzerei in Tateinheit mit erwiesener Häresie schuldig …

Lassen wir uns also überraschen, aber nicht von Henrik Müller … der ist schließlich Ökonom, also Schamane bzw. Propagandist einer ‘Health & Happiness Show’ – wo uns vom bunten Bandwaggon herab Doktor Hayeks Wunderelixire verkooft werden, gut gegen Haarausfall, Hühneraugen und Demographie.

Kosaken antworten Putin

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via: EuromaidanPR

Nebenbei bemerkt, stemmt sich auch auf dieser anderen Baustelle noch jemand gegen den informationellen Hexensabbat, der mit dem kalten ‘Ostwind’ derzeit heulend über uns hinwegfegt:

“Damit meine ich nicht nur die “Montagsdemonstranten” in Deutschland und neuerdings auch in Wien, jene paranoiden Freaks, die sich vor “Chemtrails”, Juden, Bilderbergern, Illuminaten und Außerirdischen fürchten, also vor allem aus Leuten bestehen, die schon vor der Ukraine-Krise nur deswegen nicht in geschlossenen Anstalten saßen, weil es eine Psychiatriereform gegeben hat.”

Psychopathen im Religionskrieg

Radikale Islamisten der ISIS exekutierten nach ihrem Eroberungszug im Irak eignen Angaben zufolge hunderte Schiiten.”

Die Häretiker des eigenen spirituellen Unternehmens haben regelhaft am meisten zu leiden – die Hexe bzw. der Hexer muss brennen, zum größeren Ruhm Gottes. Deren Eigentum wird dann praktischerweise eingezogen. Und natürlich darf man, nach Dreißigjährigem Krieg, nach Albigensergemetzeln und Hugenottenschlachtereien, nach Djihad und nach diversen Amokläufen von Hindu-Radikalen, nach 800 toten Säuglingen vor einem Frauenkloster in Irland und bei einer grassierenden Tebartzopathie – auch Größenwahn ganz kleiner Lichter genannt – da darf man sich natürlich niemals nie nüch fragen, wozu all diese hochsubventionierten Religionen der Menschheit eigentlich generell so dienen. Vermutlich liegt der Grund ja darin, dass sonst das ‘Wort zum Sonntag’ ausfiele …

Der Erfolg als Gefahr

Wie vorhergesagt – die Partei der rhetorischen Drehorgel Bernd Lucke filetiert sich immer weiter. Ob’s aber den Erfolg in Thüringen verhindert? Ich glaube eher (noch) nicht, deren Wähler sind lange Zeit schmerzresistent – und wer sonst könnte ihre Vorurteile so biedermännisch ‘in bürgerlichen Anstand’ gewanden:

“Der Thüringer Landesvorstand der Alternative für Deutschland (AfD) hat geschlossen die Ämter zur Verfügung gestellt. … Die Spaltung im Landesverband rührt auch von Äußerungen des Landesprechers Mattias Wohlfarth her. Er hatte März in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur indirekt Verständnis für fremdenfeindliche Gewalt gezeigt. Die Abneigung gegenüber Ausländern sei “biologisch normal”, hatte er gesagt.”

Das, was mit der AfD passiert, finde ich soziobiologisch übrigens auch ‘völlig normal’ …

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