If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2014 (Seite 3 von 8)

Die Geschichtslosen

Wer über Stalins Massenmord an den ‘Kulaken’ nicht reden will, der sollte zur Situation in der Ukraine heute auch den Mund halten. Hier, im millionenfachen Mord des Diktators vor allem in der Westukraine, liegt die Ursache für die ‘Russophobie’ der Menschen in Lemberg, in Kiew und in den ländlichen Gebieten dort. Geschichte ist niemals vorbei … dieser ‘Holodomor’ durch die Russen ist in der Westukraine ein fester Bestandteil kollektiver Erinnerung.

“[Stalin] fürchtete, „die Ukraine zu verlieren“. Deshalb wurde der Hunger als Waffe gegen das ukrainische Dorf ein gesetzt, wo der Widerstand gegen Kollektivierung und Getreiderequirierungen national aufgeladen war. Zugleich wurden die ukrainischen National-kommunisten und die ukrainische Intelligenz einer bis dahin beispiellosen Welle von Säuberungen und Repressalien unterworfen und vielfach umgebracht.”

Ich mach’ mir den ‘Traffic’ selber

Was diese SEO-Nasen sich einbilden, bleibt mir oft unerfindlich:

“Lieber Webmaster,
Ich habe Ihre Webseite stilstand.de gefunden, während ich im Internet unterwegs war, und würde gerne Links mit Ihnen tauschen. Ich biete Ihnen ein kostenloses, faires und vorteilhaftes Geschäft im Gegenzug zu einem Backlink an.
Auf [XYZ] finden Sie alles – von Anleitungen für Anfänger bis zu fortgeschrittenen Themen, die zu echtem Traffic auf Ihrer Seite führen. All das ist komplett kostenlos. Lassen Sie mich wissen, was Sie davon halten. Ich freue mich darauf, Links mit Ihnen zu tauschen.
Mit freundlichen Grüßen, [XYZ]”

Da wanderte also jemand im Netz so vor sich hin – und stieß rein zufällig auf den Stilstand. Du willst also wissen, was ich von solchen Ammenmärchen halte. Glaub’ mir, das willst du besser nicht wissen, junger Mann. Weil’s bei euch man bloß tröpfelt, kobert ihr euch mit eurer Linkschleuderei an andere ran – ‘völlig kostenlos’ natürlich. Tsss – mit solchen Methoden mir beibringen wollen, wie ich zu echtem ‘Traffic’ komme? Ich setze mir doch auch keine Läuse in den Pelz …

Oh, Menno!

Ob nun AfD, Republikaner oder ProNRW – unsere Rechtspöbelisten machen es doch immer wieder selbst, dass sie sich versenken:

“Am 25. Januar will die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland ihren Wahlparteitag in Aschaffenburg abhalten und dort ihre Kandidaten für die Wahl zum Europäischen Parlament bestimmen. Zur Wahl steht mit Prof. Menno Aden auch der Vorsitzende der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft e.V. (SWG).”

Niklaus Meienberg

Er ist der ‘Kurt Tucholsky der Schweiz’ – und ebenso wie Tucho schied er früh durch Freitod aus dem Leben. Die Nachrufe der Zeitungen waren mit klinischen Diagnosen schnell zur Hand: ‘Unter Depressionen’ hätte der Mann gelitten, da könne man also nichts machen. Ich würde sagen, dass vor allem blanke Verzweiflung am eigenen Berufsstand ursächlich war.

Niklaus Meienberg bietet heute noch eine höchst erhellende Lektüre, wo großer Erkenntnisgewinn oft aus kleinen Beobachtungen fließt. In seiner Beschreibung der schweizerischen Stadt Fribourg macht er bspw. auf die Seilbahn aufmerksam, welche die strikt getrennte Oberstadt mit der ärmeren Unterstadt dort verbindet. Raffinierte Eidgenossen entwickelten hierfür ein fäkalienbetriebenes System: Unter jeder Gondel hängt ein Güllekübel, der sich am oberen Kehrpunkt mit der Scheiße der Oberstadt füllt. Wie von selbst zieht dann die schwerere Gondel bei ihrer Abfahrt das Gegenstück den Berg hinauf. Alles Gute kommt auch in Fribourg mal wieder von oben. Die Unterstadt entsorgt, natürlich absolut energieeffizient, die gebenedeiten Verdauungsprodukte der weißen Villen hoch oben auf dem Berg. Klingt klassenkämpferisch? Nö, das war wohl einfach so.

Interessanter in unserem Zusammenhang sind jene Texte, die sich mit dem Journalismus befassen. So die Innenausleuchtung des Rattenkäfigs beim ‘Stern’, für den Meienberg einige Jahre als Pariser Korrespondent arbeitete. Auch das wieder eine Parallele zu Tucholsky, nur dass auf der anderen Seite kein Siegfried Jakobsohn saß. Meienberg filetiert das Nannen’sche Star-System, er zeigt uns, wie man dort, immer wenn die Auflage fiel, ein Tittenbild auf dem Titel platzierte, wie gnadenlos die Hahnenkämpfe bei den Redaktionskonferenzen verliefen – man sollte dies Schurkenstück einfach gelesen haben. Am heutigen Journalismus erscheint einem dann nichts mehr neu, allenfalls der Fakt, dass die Bezahlung in diesem Masochisten-Genre seither in den Keller rauschte.

Ein weiterer Text, eine ‘Berufsberatung’ mit dem Titel “Wer will unter die Journalisten”, sticht besonders hervor: Am fiktiven Lebenslauf eines gutwilligen und schreibkundigen jungen Mannes, der sich in den Journalismus begibt, zeigt Meienberg die Charakterdeformation, die jetzt notwendig folgen wird. Er lässt den jungen Aufklärer in den Maschen all der Netzwerke aus ‘Old Boys’ und ‘Industrieinteressen’ sich verfangen, er jagt ihn durch die Tretmühlen des Redigierens, des Kommentierens, auch des Feuilletons. Zum Schluss sehen wir ihn, rundgepisst wie ein Duftstein im Urinal, seinen Frieden mit den Verhältnissen machen. Denn längst hat er eine Familie gegründet und ein Haus gebaut – er ist ‘klug’ geworden, und schreibt nur noch im schönsten Industrieton, solange, bis er es dann doch nicht mehr erträgt:

‘Im Lokalteil kam ein Nachruf: “… und werden wir den allseits geschätzten, pflichtbewusst-treuen Mitarbeiter nicht so schnell vergessen, der, von einer Depression heimgesucht, freiwillig aus dem Leben geschieden ist.” Pfarrer Vogelsanger hielt die Abdankung, der gemischte Chor Fraumünster sang: “So nimm denn meine Hände und führe mich.” Der Verschiedene wurde versenkt und verfaulte sofort.’

Es ist, als hätte Niklaus Meienberg hier sein eigenes Schicksal vorausgesehen. Einer gewissen Ironie entbehrt es nicht, wenn die rechtsliberalen Blätter der Schweiz, die sich zu Lebzeiten bekreuzigten, wenn der Name Meienberg fiel, noch heute mit süßsäuerlich verzogenem Mundwerk von ‘einem Großen’ des Schweizer Journalismus schreiben müssen. Irrtum, meine Herren – er war euer Größter! Ein Nachfolger ist nicht in Sicht …

Als Einstieg zu einer Meienberg-Lektüre empfehle ich den Band ‘Heimsuchungen’, aus dem Diogenes-Verlag, antiquarisch erhältlich. In ihm finden sich die erwähnten Journalismus-Texte. Fortgeschrittene, die wissen wollen, was Journalismus ist, vor allem aber, wie er sein könnte, die greifen als nächstes dann vielleicht zu ‘Die Welt als Wille und Wahn’.

Die feinen Leute

Da hat die Stadt Zürich endlich einmal eine kluge Entscheidung getroffen – schon mosert die verrannte Bourgeoisie:

“SVP-Gemeinderat Urs Fehr will sich zusammen mit Nachbarn gegen die Einquartierung von Flüchtlingen wehren. «Asylbewerber gehören nicht auf den Zürichberg», sagt er. «Hier wohnen die besten Steuerzahler, und diese wollen kein Asylheim vor der Nase. Wenn die Leute hier wegziehen, hat Zürich ein Problem.» Für die Flüchtlinge werde ein falscher Anreiz geschaffen, wenn sie plötzlich an exklusiver Wohnlage mit reichen Nachbarn, teuren Autos und Blick auf See und Berge wohnten.”

Ich verstehe das nicht. Die Asylbewerber sähen da doch endlich einmal, wie weit man es mit ehrlicher Arbeit in einem solch gesegneten Land bringen kann. Das wäre doch ein sozialer Ansporn – und kein ‘falscher Anreiz’.

So viele Lügen!

Der Staatschef bezeichnete die blutigen Straßenschlachten in Kiew als Gefahr für das ganze Land. “Krieg, Zerstörung und Gewalt ruinieren die Ukraine”, hieß es in einer Mitteilung des Staatschefs am Montag. Er rief alle Bürger auf, gewaltlosen Kräften zu folgen. “Ich verstehe Ihre Teilnahme an Protesten und bin bereit, Ihren Standpunkt anzuhören und gemeinsam eine Lösung für Probleme zu finden”, hieß es weiter.

Oligarchie, Missachtung der Verfassung, Korruption und wirtschaftliche Ausbeutung ruinieren die Ukraine. Und der Staatschef schreit den Kriegszustand herbei. Der Mann versteht faktisch gar nichts, er zeigt sich auch nicht bereit, andere Standpunkte anzuhören, und an einer Lösung der Probleme ist er auch nicht interessiert. ‘Ich will bloß endlich Ruhe’, das hätte er sagen sollen, ‘damit ich weiterhin ungestört kleptokratieren kann’.

Neue liberale Programmatik

Was du nicht willst, was man dir tu, das füge allen andern zu.” Im Großen, wie im Kleinen:

“Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung verfügt über genauso viel Vermögen, wie die reichsten 85 Menschen haben.”

“Nötig hätte die [SVP-Stadträtin] diese günstige Wohnung nicht: Sie versteuert gemäss Steuerausweis 2011 ein Vermögen von 7 Millionen Franken und ein Einkommen von über 200’000 Franken.”

Usw. usf. … aus dem Philosophengrab am Königsberger Dom sollen ständig Rotations- und Kotzgeräusche zu hören sein.

Die Besorgten

Wir sind zutiefst besorgt über die Gewalt heute auf den Straßen von Kiew …”, sagte die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats der USA, Caitlin Hayden. … Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) äußerte sich ebenfalls besorgt über die Lage in der Ukraine.”

Oha, oha, die ‘besorgen’ es den regierenden Kleptokraten in Kiew jetzt aber gründlich. Ich erinnere mal an das gute alte Mittel eines ‘diplomatischen Affronts’: Europäische und amerikanische Botschafter abziehen, Wirtschaftsbeziehungen einfrieren, alle Verhandlungen aussetzen, Exporte stoppen. Eventuell auch gleich Sotschi boykottieren – das wäre ein Abwasch. Ich sei wohl wahnsinnig? Nun ja, das sehe ich umgekehrt.

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