If your memory serves you well ...

Monat: Juli 2013 (Seite 3 von 4)

Aus Gründen des Klimaschutzes

Zweimal dieselben Daten zu speichern, das wäre unter ökologischen Gesichtspunkten und in Zeiten von Green IT ja auch kontraproduktiv gewesen. Es geht schließlich um den Klimaschutz:

“Nach Informationen der Bild-Zeitung greifen die von der Bundesregierung als “nicht identisch” bezeichneten US-Spähprogramme mit dem Namen “Prism” auf dieselben streng geheimen Datenbanken des US-Geheimdienstes NSA zu.”

Warum sind unter Journalistens geheime Daten eigentlich regelhaft ‘streng geheim’? Bleibt noch die Frage, wer genau eigentlich die Baugenehmigung für die neue NSA-Schnüffelzentrale in Hessens Hauptstadt erteilt hat?

Friedrich, der Outlaw:

Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich. Beschränkungen dürfen nur auf Grund eines Gesetzes angeordnet werden.” (Artikel 10 GG).

Vermutlich glaubt unser famoser Innenminister, E-Mails seien gar keine Briefe, das Internet keine Fernmeldeeinrichtung, und die USA und Großbritannien stünden über einem Gesetz, das es noch gar nicht gibt …

Broder, der Vergessliche

Wer glaubt, der Henryk M. Broder betreibe unermüdlich einen ehrenwerten Kampf gegen den allgegenwärtigen Antisemitismus, der irrt. Ihm geht es vor allem darum, politisch nicht genehmen Figuren einen höchst eigenwilligen Antisemitismus ans Bein zu tüddeln, so wie jetzt dem Volker Beck. Wo also hierzulande der David Irving ins Land zu reisen trachtet, da interessiert folglich nicht dessen völlig irrelevante Person, auch nicht seine Holocaust-Leugnung, das meint jedenfalls unser Broder, sondern es ginge allemal um den “deutschen antifaschistischen Widerstand, die so genannte Antifa.”

Einige Menschen, die sich übrigens selbst wohl kaum unter dem Begriff ‘Antifa’ sammeln dürften, hätten zwar erfolgreich einen Auftritt dieses Kronzeugen der Rechten verhindert, eines Mannes also, dessen Zusammenhang mit dem Wort ‘Historiker’ am besten durch Tüddelchen zu kennzeichnen ist. Das eigentliche Problem aber sei es, sagt Broder, dass ‘sie’ (wer bitte ist denn ‘sie’?) nicht stattdessen den Auftritt eines iranischen Mullah-Dienstleisters an der evangelischen Akademie Loccum kritisiert hätten. So geht’s bei Broder zu – man glaubt in Berlin zu sein, schon steht man in der niedersächsischen Pampa. Dort täuscht der Text dann vor, noch immerfort am Antisemitismus das Bein zu heben, pinkelt aber längst anderen Leuten ans Hosenbein, und wirft ihnen doppelte Standards vor, sobald sie sich über den Uringeruch beklagen …

Prompt aber fällt unser selbst ernannter Hendrix der schrillen Polemik über die eigenen Füße. Denn als gefährlichen Antisemiten und als Leuchtfeuer der Naziszene hat dieser schließlich den David Irving selbst noch jüngst bezeichnet:

“Die Ikone aller Holocaustleugner ist wieder da.”

Aber von solchen ‘Ikonen’ will er heute natürlich nichts mehr wissen. Da käme nur – Broder zufolge – ein ebenso harmloses wie ausgebranntes ideologisches Wrack, für das dieser gewissenlose Volker Beck sich auch noch als PR-Mann hergibt. Was nämlich der eigentliche Skandal sei. Viel gefährlicher als die Nazis wäre folglich diese ominöse ‘Antifa’, die doch mit ihrem Gekreisch nur den Boden bereitet, auf dem alles Braune erst wächst. Über die eigentlichen ideologischen Hoflieferanten dieser Szene aber müsse man am besten dezent schweigen:

“Beck profiliert sich mal wieder als der kleine grüne Stauffenberg und Irving bekommt die PR für seinen Auftritt als Phantom der Geschichte frei Haus geliefert. Zu sagen, beide würden am selben Seil ziehen, wäre ein wenig gemein, dennoch: sie helfen und ergänzen sich gegenseitig.”

Tscha – was interessiert schon mein Geschwätz von gestern, obwohl ich den Irving einst selbst noch zum XXL-Format aufplusterte: Das Leben ist lang, und kurz das Gedächtnis …

Ach, es fällt schon schwer, ein wenig Ordnung in die wimmeligen Hirnhaufen dieser logisch vernagelten Anti-Antifa zu bringen! Zur ergänzenden Lektüre empfehle ich diesen Text, der das Broder’sche Prinzip der ungebremsten Invektive als Stilform illustriert:

“Blöder Schwätzer, Psychopath, Flachmann, Kretin, Spatzenhirn, Parasit, Astloch des Monats, Jung-Stürmer, Schweinsfuß, Kinder-Stürmer, Anal-Phabet, Irrer, Heuchler, Antisemit, autistischer Schmierant, Lump, Depp vom Dienst, Lump vom Dienst, parasitäres Pack, Gutmenschenpack, präpotenter Schmock… – wer den Sinn der Deutschen für gusseisernen Humor und für Fäkalsprache kennt, den überrascht nicht, dass der Urheber dieser im Blog „Die Achse des Guten“ veröffentlichten Beleidigungen vor ein paar Jahren mit dem Ludwig-Börne-Preis für seine Verdienste um Polemik ausgezeichnet worden ist (in anderen Ländern würde ihm jeder Arzt ein schweres Tourette-Syndrom attestieren).”

Seither hält sich jeder, der ein wenig pöbeln kann, gleich für einen Broder …

Merkwürdige Argumente

Im Focus-Forum geht’s oft hoch her – besonders dann, wenn’s der Redakteur gut meint und der versammelten Meute einen rotgrünen Knochen in den Zwinger wirft. Manchmal verrutschen ihnen aber auch die Argumente unbemerkt von knallrechts nach links, wie hier, wo’s doch allzu dialektisch zugeht:

“Rot/Gruen steht fuer hoehere Steuern, auch die Steuern der Reichen muessen von den Armen erst verdient werden!”

Oha, die Armen erwirtschaften also jenen Reichtum, von dem der Vermögende dann seine Steuern zahlt? Wo bleibt das Aufheulen der Leistungsträger, die doch laut Selbstauskunft allen Wohlstand erst erzeugen? Ob der Verfasser selbigen Wahnwitzes sich wohl klar ist, dass er damit knietief auf marxistischem Terrain wandelt. Denn auch bei Marx musste jener Mehrwert erst vom Proletarier erschuftet werden, mit dem sich der Kapitalist dann die Taschen füllte. Die Leistungslosen – oder die ‘leisure class’ – das waren dort noch diejenigen, die wir heute ‘Leistungsträger’ taufen.

Tschaja – kein ‘Ü’ auf der Tastatur, aber gegen den Wind spucken …

Vom Acker zur Steppe

Sobald an schönen Tagen im Frühjahr oder Herbst die Sonne auf die kahlen Felder scheint, sind sie immer öfter zu beobachten: Kleine Tornados oder ‘Staubteufel’ ziehen dann über die weiten Flächen im Heidekreis, sie taumeln hierhin und dorthin, je nachdem, wohin der Wind sie treibt. In ihnen enthalten ist das, was unsere Bauern am meisten schätzen: Es ist ihr Grund und Boden, der dort in der Luft verschwindet. Der Rang eines Bauern bemisst sich eben nicht nur an Fläche und Hektar, sondern auch an der Fruchtbarkeit und am Humusgehalt seines Eigentums.

Der Klimawandel ist nur höchst indirekt die Ursache dieses Phänomens. Fachleute sind sich weitgehend einig, dass vor allem die fortschreitende Bodenerosion hierfür eine große Verantwortung trägt. Besonders auf leichten und sandigen Böden, wie sie hier für die Heide typisch sind. Nach der Ernte, bis ins Frühjahr hinein, liegen viele Böden ungeschützt unter freiem Himmel. Der zunehmende Verlust an Bodenqualität ist eine Folge des großen Wandels im Ackerbau, eine Folge der Transformation hin zum Anbau von immer mehr Energiepflanzen, vor allem also von Mais.

Maisfeld

Auf immer mehr Äckern erblicken wir heute Monokulturen. Die Dreifelderwirtschaft scheint eine Sage aus grauer Vorzeit zu sein. Jeder Spaziergänger möge sich überlegen, wie viele Jahre er schon auf diesem oder jenem Acker nur die immer gleiche Pflanze sah. Der wachsende Maisberg speist dann nicht nur die steigende Zahl von Biogas-Anlagen und die Stallfütterung, er ist auch ein überaus genügsamer Geselle. Allerdings nicht bei der Kultur, das musste schon so mancher Landwirt erfahren, der sich wunderte, weshalb nach nur einem Mal ‚grubbern‘ die Pflänzchen einfach nicht wachsen wollten. Beim Nährstoffbedarf aber braucht der Mais, dieser ‚Trockenkünstler‘, wahrlich nicht viel Abwechslung: Sehr viel Nitrat aus Gülle oder Gärresten genügt ihm, dazu vielleicht ein Hauch von Phosphat und Unkrautschutz – schon hat unser Einwanderer im Prinzip alles, was er fürs Wachstum benötigt.

Das Problem sind daher weniger jene Zweieinhalb-Meter-Mauern aus grünem Bewuchs rechts und links der Wege, die zunehmend allen Touristen den Blick auf die Landschaft verwehren – es geht um die Folgen für die Landwirtschaft selbst, die im Zuge ihrer Industrialisierung nur noch von Jahresabschluss zu Jahresabschluss zu blicken vermag. Ausnahmen bestätigen dabei die Regel: Der Beobachter erkennt verantwortliche Bauern an jenen Feldern, wo noch Senf und andere Bodendecker als Nachsaat die Flächen schützen, oder wo Gras in den jungen Mais hinein gedrillt wurde. Denn sonst überträfe der Erosionsfaktor beim Mais denjenigen von Ackergras gleich um das Zwölffache. Experten sprechen von einer erheblichen ‚negativen Humusbilanz‘ beim Maisanbau, weshalb ja auch das Greening-Programm der EU diese Bodendeckung künftig verpflichtend machen soll.

Auch das überhitzte Pachtsystem mit seinen rapide steigenden Preisen trägt zur Entwicklung wesentlich bei: Hat ein Pächter einige Hektar an sich gebracht, dann ist er im Prinzip frei, auf dieser Fläche zu treiben, was er will. Am Ende eines Zyklus von zehn oder zwölf Jahren erhält der Verpächter unter Umständen eine Steppe zurück, dort, wo er einst einen fruchtbaren Acker übergab. Zwei, drei Jahre lang darf er dann seine Felder aufpäppeln, bis die wieder Frucht zu tragen vermögen. Wenn er nicht sogar verkaufen muss. Mehr Zank und Streit auf den Dörfern sind die Folgen. Die Bauernschaft zerfällt zunehmend – hier das industrialisierte ‘Landvolk’ des Bauernverbandes, dort die Hungerleider von der Arbeitsgemeinschaft, welche ‚die Zeichen der Zeit‘ nicht erkannt haben sollen.

Es sind ja längst nicht nur Bauern, die diese hektische Gewinnmaximierung betreiben. Inzwischen haben – zum Beispiel auf der anderen Weserseite – Fondsverwalter aus Frankfurt oder Berlin im Zuge des Biogas-Booms zugegriffen. „Der Maismarkt hat sich zum Liebling der Hedgefonds entwickelt“, schreibt die Zeitschrift ‚agrarheute‘. Solche offenen oder geschlossenen Fonds erwirtschaften ihre versprochene ‚Zukunftsrendite‘ nicht mehr nur mit den Schiffsbeteiligungen oder mit Altenpflegeeinrichtungen in ihrem Portfolio, sie haben längst auch die Fermenter und die Windkraftanlagen entdeckt.

Fondsgestützte Biogas-Anlagen werden ausschließlich mit Investorenkapital erbaut. Zugleich sind sie – mangels Grundstücken – existentiell auf die Pacht von Fläche für Mais angewiesen, sie erwerben daher alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Die Pachtpreise explodieren, zum Nachteil jener Bauern, die noch mit anderen Feldfrüchten ihr Geld verdienen oder als Verpächter aus alten Verträgen nicht ohne weiteres aussteigen können, um am großen Geldsegen teilzuhaben.

Mit Hilfe von lohnunternehmenden Landwirten, die eigentlich nur noch bessere Angestellte sind, bewirtschaften die Geschäftsführer dieser Fonds dann den gepachteten Boden, ohne jede Rücksicht auf Nachhaltigkeit. Sobald der Boom verebbt, steigen sie wieder aus. Sie haben ja beim Bau, beim Betrieb und bei den Subventionen schon verdient.

Sechzehn Anlagen allein in der Region Diepholz gingen so jüngst vom Netz, zwei Fonds sind pleite. Die ‚Anteilseigner‘ aber, die ja oft aus der näheren Umgebung kommen, stehen mit ihren Beteiligungen dumm in einer ausgelaugten Landschaft herum – und die versprochene Fernwärme fließt auch nicht mehr ins Haus, weil aus ihrer Biogas-Anlage inzwischen eine Investitionsruine wurde. „Die Anleger“, sagt der dortige Insolvenzverwalter, „werden wie Gesellschafter behandelt, ihre Ansprüche sind nachrangig zu bedienen. … Mit einem Wort: Totalverlust“. Das Kuppeldach, das dereinst vom gewonnenen Methan stolz gebläht wurde, das wird jetzt von Stangen gestützt, um die Folie unter der Regenlast nicht reißen zu lassen. Die große Regel hieraus: Wer keine eigenen Flächen hat, der sollte die Finger vom Biogas lassen. Aber auch Massentierhaltung und der Anbau dieser ‘sauberen Biogaspflanzen’ stehen in einem engen Zusammenhang: Irgendwoher müssen die dreißig Prozent Gülle ja kommen, welche die Maissilage erst richtig schön ‘sämig’ machen.

Es sind also viele Faktoren, welche die eingangs beschriebenen Tornados erzeugen. Selbst die Flurbereinigung, so sinnvoll die oft sein mag, trägt zu dieser Entwicklung bei. Dort, wo immer größere Flächen zusammenwachsen, verschwinden im gleichen Ausmaß oft jene Hecken und Knicks, die alte Grenzen markierten, die aber den Boden gleichfalls schützten.  Wie viel kahler die Landschaft in jedem Jahr wird, davon kann sich jeder überzeugen, der mit offenen Augen durch unsere Felder fährt. Immer mehr Kolchosepampa, dort, wo einst bäuerliche Landwirtschaft war …

Bild: Axel Hindemith, wikimedia, Creative Commons

Peterchens Mondfahrt

Guten Tag, mein Name ist Hans-Peter Friedrich. Ich bin der deutsche Innenminister und habe auf meiner großen Reise einen Termin bei euch bekommen. Gute Freunde, wie die Amerikaner, die dürfen mich übrigens auch Peterchen nennen?”

“Worum geht’s denn, Peterchen?”

“Naja, zurzeit habe ich daheim ziemlichen Ärger. Deshalb wollte ich mich mal nach eurem Umgang in der NSA mit deutschen Daten erkundigen.”

“Dass du das willst, das wissen wir doch längst. Auch, dass du dich gestern bei Verbraucherministerin Aigner beschwert hast, dass es zu selten Weißwürscht in der Bundestagskantine gibt.”

“Boah, so etwas erfahrt ihr alles? Meine Jungs beim BKA sind leider nicht so auf Zack.”

“Selbst das wissen wir längst. Also, was willst du denn nun erfahren?”

“Wenn ich, sagen wir mal, vertraulich mit meinem österreichischen Amtskollegen telefoniere, haben ihr das dann hier auf dem Schirm?”

“Klar, wir wissen auch, welche Farbe deine Socken bei diesem Telefonat hatten. Schließlich warst du doch neulich auf diesem Integrationsgipfel, wo auch etliche Islamisten saßen. Du weißt doch, Terror und so … da geratet ihr selbstverständlich in unseren Fokus.”

“Ist mir schon klar – was muss, das muss. Trotzdem geht’s nicht an, dass ihr ständig so viel mehr wisst als wir.”

“Dann musst du eben an der Qualität deiner Organisation arbeiten.”

“Das sagt ihr so einfach. Ich sehe ja ein, dass ihr als Schutz vor immer mehr Terrorismus auch mal ein paar Firmengeheimnisse nebenbei ausspähen müsst. Wir versuchen das ja auch. Aber was sage ich denn jetzt denen zu Hause? Da kocht nämlich die Suppe – und wir haben schließlich Wahlkampf.”

“Och – da stricken wir uns ein bisschen Non-Speech zusammen. Sag doch einfach, dass die Probleme des Datenverkehrs im Geiste der transatlantischen Freundschaft vertieft und eingehend erörtert wurden – und dass auch konkrete Ergebnisse erzielt wurden, über die du aber aus Geheimhaltungsgründen öffentlich nichts sagen darfst.”

“Oh, danke, das ist endlich mal eine wirklich gute Idee. Das schreibe ich mir gleich mal auf. Vielen Dank, dass ihr euch so viel Zeit für mich genommen habt. Ich werde dann jetzt mal die Freiheitsstatue besichtigen. So etwas Tolles haben wir in München nämlich noch nicht. Einen schönen Tag auch.”

“Goodbye, Peterchen!”

Gute und böse Bürokratie

Endlich mal eine Nachricht aus Brüssel, die nicht nach Bürokratie riecht”. schreibt mir der Gabor Steingart heute in den Handelsblatt-Newsletter. Da stürze ich mich als Leser natürlich in froher Erwartung drauf: Müssen Förderanträge jetzt nur noch mit zwei Durchschlägen gestellt werden, müssen nicht mehr die beglaubigten Geburtsurkunden von Opa und Oma beigelegt werden? Weit gefehlt: Wenig Bürokratie ist, wo’s viel Geld gibt:

“Daimler, Siemens und andere Firmen investieren zehn Milliarden Euro in Forschungsprojekte – die EU schießt zwölf Milliarden dazu.”

Ach so – da habe ich beim ‘Kampf gegen die wuchernde Bürokratie’, wie ihn FDP und andere Wirtschafts-Lobbyisten so hingebungsvoll betreiben, dann wohl etwas missverstanden …

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