If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2013 (Seite 3 von 4)

Beweis erbracht

Ein Abschluss in den ökonomischen Wissenschaften fördert keineswegs die wirtschaftliche Kompetenz, auch keine nachgewiesene ‘Spezialisierung auf Steuerrecht’, und die vertrauenheischende Fönwelle hilft vor Gericht auch nicht weiter. Jetzt heißt es also – seid verschlungen, Millionen:

“Dass [Karl-Heinz Grasser (FPÖ)] sich auf der Uni Klagenfurt “im Steuerrecht spezialisiert” hat und sieben Jahre Finanzminister war, könne er nicht abstreiten. “Hab ich jemals auch nur eine eigene Steuererklärung abgegeben ohne einen Steuerberater? Nein, hab ich nicht, weil ich steuerlich so ungebildet bin.”

Oh, infelix Austria – eine Steueroase voll ‘wirtschaftlich Ungebildeter’, das kann doch nicht gut gehen. Wie war das noch mal mit dem Bock und dem Gärtner im Finanzministerium? Mir gefällt übrigens der Name Karl-Heinz unseres Jörg-Haider-Spezis in diesem Zusammenhang außerordentlich, auch Klagenfurz als Studienort. Tscha … Skandale säumen nun mal den Weg des ich-fixierten Rechtspopulismus.

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“Sperrt den Karl-Heinz doch endlich hinter Gitter …”

Constantin Seibt zur NZZ

Nun ja, dafür versagt die NZZ regelmässig, wenn wirklich etwas passiert: beim Fall der Berliner Mauer brachten sie nur einen Einspalter, die Bedrohung der SVP für den Liberalismus sahen sie nicht, die Finanzkrise begriffen sie nicht, selbst als das Finanzsystem bereits fast zusammenbrach. Unaufgeregtheit ist noch lang nicht Urteilsfähigkeit. Und deshalb ist Journalismus auch ein interessanter Beruf: Weil er wirklich schwierig ist.”

Sobald ein Journalist tatsächlich in den Dialog eintritt und dialogisch seine eigenen Kommentarspalten befüllt, wird’s regelmäßig spannend. Um auf die Äußerung zurückzukommen: Dass die SVP in der Schweiz so stark ist, könnte daher durchaus etwas mit der publizistischen Landschaft dort zu tun haben, wo Verschnarchtes als Qualitätsjournalismus gilt und Hetze als Informationsjournalismus (s.u.). Dort drucken sie den größten Quark, sofern er nur den Stempel von Blochers Mannen trägt – und ‘das bisschen Mauerfall’ kommt dann eben erst auf Seite Zwei. Da dort ferner nie ein angestellter Schreiber ‘ganz rangvergessen’ in die Kommentarspalten einsteigen würde, wird’s auch nie interessant …

Köppel klingeln die Lauscher

Wie der Kurt Imhof dort vor dem Tribunal gegen die ‘Weltwoche’ und den Roger Köppel vom Leder zog, das ist aller Ehren wert. Zumindest wird der Unterschied zwischen Aufklärung und blanker Hetze, die es zudem unverfrorenerweise wagt, sich ‘Informationsjournalismus’ zu nennen, endlich wieder klar. Der faule Kern all solcher Rosstäuscher-Medien besteht darin, dass sie mit dem Begriff ‘Liberalismus’ ihre argumentativ tauben und egoistischen Dogmen bloß umetikettieren. Sie nennen ihren sauren Essig Wein und reden von der ‘Freiheit’ wie der Erich Honecker von einer angeblichen ‘Demokratie’, die auf dem Willen ‘werktätiger Massen’ basiere, die aber niemand je sah. Nur die roten Bonzen auf den Tribünen wurden durch ‘Vermögende’ ersetzt:

“Hohes Gericht, ich komme zum Fazit. Wie gezeigt, steht in der neuen «Weltwoche» nicht drin, was draufsteht. Sie ist zum Gegenteil einer «liberalen Warte» verkommen. In ihrer Verstümmelung des Politischen auf Freund und Feind zum Ersten, in ihrer dreifachen Dogmatik der Unvernunft zum Zweiten und in ihrem Bestreben, unsere freie Republik in eine nackte Tyrannis zu verwandeln, zum Dritten, manifestiert sich ein zutiefst antiliberaler Standpunkt.

Wo lebt der?

Die „Generation Greenpeace, Gender, Gerechtigkeit“ sperrt sich gegen journalistische Pluralität.”

Wie schön wäre es, mehr ‘Gerechte’ statt ‘Rechte’ säßen auf Chefredakteurssesseln! Dass er sich mit seinem Artikel gerade selbst ad absurdum führt, merkt dieser Wolfgang Bok dabei noch nicht einmal. Artikel gegen eine angebliche ‘gutmenschliche Meinungshoheit’ gibt’s wie Sand in der Wüste. Erwähnt seien, angesichts dieses Hirnflötens, bloß mal: Ulf Poschardt, Gabor Steingart, Alan Posener, Andrea Seibel, Dorothea Siems, Frank Schirrmacher, Jan Fleischhauer, Malte Lehming, Jennifer Nathalie Pyka, Henryk M. Broder, Jasper von Altenbockum, Michael Naumann, Alexander Marguier, Matthias Matussek, Kai Diekmann, Roger Köppel – von kleineren Kalibern bei den Zuarbeitern und Provinzzeitungen gar nicht zu reden. Nahezu alle relevanten Posten sind hierzulande mit beinharten Hayekisten, Marktradikalen oder sonstwie Empathiebefreiten besetzt. Nicht nur deshalb sieht es in diesem Land so aus, wie es aussieht.

Hirngetwitter

Er lügt schon, wenn er die Tastatur anschlägt!
Live im TV – Brülläffchen brüllt vor Brüllaffen.
Wer sonst, wenn nicht die anderen?
Auch das reiche Atlantis versank …
Jedes Imponiergehabe hat dies nötig.
Wie schön – wieder ein ‘Jahrhundertprozess’!
‘Megastolz’ klingt megablöd.
Intellektuelle – die letzten ihrer Art entdeckt.
Am Ende enden alle in der verdammten ‘Pflegefalle’.
Zum Trost – auch Doofe müssen sterben.

In den Zeitungen ist alles Officielle geschraubt, das Übrige platt.” (Goethe)

Manche Suppe ess ich nicht!

Im Herbst werden deshalb nicht unbedingt mehr Menschen für die Liberalen abstimmen. Doch der Beschluss macht deutlich: Die Partei lebt.”

Rekapitulieren wir mal: Eine kleine Ego-Partei krebst seit Jahren an der Nachweisgrenze zwischen vier und bestenfalls fünf Prozent herum. Jetzt vergrätzt sie durch Mindestlohnbeschlüsse ihre allerletzten verbliebenen Stammwähler, was der Autor dort oben ja richtigerweise andeutet. Diese Beschlüsse wiederum sollen ihm zufolge der Beweis dafür sein, dass ‘die Partei lebt’? – Naja, ich denke dabei eher an ‘Kamikaze’ oder ‘Suizid’ … und ich hätte dabei auch noch die Logik auf meiner Seite. Gut, man wird sehen …

Wording

Es ist CSU-Parteitag – eine leere Bühne in strahlendem Königsblau, dann eine Stimme aus dem Off: “Freuen Sie sich auf interessante Erfolgsgeschichten aus dem Chancenland Bayern.” Danach Disco-Rummtata und Einmarsch der Gladiatoren …

Von allen Adjektiven ist ‘interessant’ so ziemlich der profilärmste und totgerittenste Zossen, der noch frei herumlaufen darf. Eine ‘Geschichte’ erzählt natürlicherweise nur etwas, was immer schon vergangen ist. Wahrscheinlich dachten sie ja an den Uli Hoeneß. Und ‘Chancenland’ ist ein Retortenbegriff aus der Wortklempnerei von PR-Strategen, der keinem vernünftigen Menschen je über die Lippen käme, der aber mit Sicherheit hohe Rechnungen verursacht. An die Mieter in München dürften sie dabei kaum gedacht haben, eher schon an ihre Amigos. Kurzum: Haltloses, ideologisches Kasperletheater … wer darauf anspringt, über dessen geistige Verfassung mache ich mir so meine Gedanken.

Schuss ins Knie

Grüne Steuerpläne würden bloß unseren Wohlstand gefährden, schon der kleine Facharbeiter wäre davon erheblich betroffen – so schallt es uns derzeit aus jeder besseren Gazette entgegen. Aus den Blättern derjenigen reichen Familien also, deren Herzensanliegen wunschgemäß die tägliche Vorwärtsverteidigung der Bourgeoisie zu sein hat.

Doch des ‘Spiegels’ Rechtester, der Jan Fleischhauer, geht auch hier seinen aparten Weg, was mich erneut am Zustand seines logischen Apparats erheblich zweifeln lässt. Weil er ständig rechts blinkt und links abbiegt. Er führt selbst den blitzeblanken Nachweis des Gegenteils, was erstens seinen Intentionen schnurstracks zuwiderlaufen dürfte, und zweitens einen ‘gemeinsamen Kampf’ aller Marktradikalen bloß noch parodiert. Er erweist sich damit als der Postillon der sozialen Lage in diesem Land.

Zunächst einmal wendet er sich jenem altbekannten Argument zu, dass die Grünen wie auch die grünen Wähler wohlsituiert wären, dass es sich quasi um eine ‘FDP mit Gewissen’ handele, dass diese verblödeten Parteigranden bloß ihre eigenen Wähler mit schrecklichen Steuerplänen vergraulen würden. Wo die anderen aber allen mit dem Butzemann drohen, schreibt unser Dschang vom ‘anderen Stern’ uns hierzu wörtlich folgendes in die Kolumne:

“Das ist eher Moral-Floristik als soziologisch belastbare Wahrheit. Die Anhänger der Grünen sind überdurchschnittlich wohlhabend, aber damit gehören sie noch nicht automatisch zu den Vielverdienern, wie die Reichen jetzt heißen. … Leider ist der grüne Millionär bis heute die Ausnahme.”

Aha, soso – aber wieso ‘leider’? ‘Überdurchschnittlich wohlhabend’ wären die Grünen also, sagt uns das Orakel vom Hamburger Ericusgraben. Das halten wir hier mal fest. Trotzdem würden die furchtbaren Steuerpläne diese Öko-Fuzzies ja gar nicht selbst betreffen, sondern tatsächlich und wie geplant nur ‘die Reichen’, was Fleischhauers Sohn sofort als eine besondere Perfidie überdurchschnittlich wohlhabender armer Schlucker an den Pranger des ‘Spiegel’ stellt:

“Der typische Grünen-Wähler lebt nicht in der freien Wirtschaft, sondern im Staatsdienst, und da wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Das Jahresbruttogehalt eines Studienrats mit Familie in Hessen beträgt in der mittleren Einkommensgruppe rund 53.000 Euro, das eines C3-Professors 56.000 und das eines Richters oder Oberstaatsanwalts 62.000 Euro. … In jedem Fall wird die Mehrheit der Anhänger von der Anhebung des Spitzensteuersatzes weitgehend verschont bleiben.”

Halten wir also fest – grüne Einkommen bewegen sich erstens weit oberhalb dessen, was ein Facharbeiter verdient, sie seien damit “überdurchschnittlich wohlhabend“, womit der Fleischhauer schon mal all das soziale Gebarme derer von der INSM oder vom Handelsblatt schlankweg in die Tonne tritt. Die fiskalischen Pläne der Nachhaltigkeitsapostel beträfen weder Fachkräfte noch ‘Mittelstand’. Oder wir müssten – zweitens – diesen Mittelstand arithmetisch schon sehr weit von der Mitte entfernt ansiedeln. Also eher bei den oberen zehn Prozent der Einkommen oder aber in der ‘freien Wirtschaft’ dort, wo es täglich tonnenweise leckere Boni schneit. Dann aber wäre auch dieser ‘Mittelstand’ nur noch ein Begriff aus der Rosstäuschersprache konservativer Journalisten.

Was der Jan im Kern hier nachweist: Grüne Steuerpläne betreffen noch nicht einmal die ‘wohlhabenden Schichten’, zu denen er die Grünen ja durchaus zählt, sondern allenfalls die ‘Happy Few’ an der Spitze der Gesellschaft. Kurzum: Der Jan Fleischhauer ist der glaubhafteste Zeuge für die Richtigkeit dieses grünen Fiskalansatzes. Das hat er sicherlich auch nicht von sich gedacht, dass er sich derart ins Knie schießen könnte. Ich dagegen schon … je unzeitgemäßer die eigene Position, desto größer die Verrenkungen.

Wo ist die Avantgarde?

Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir keine Buchbesprechungen im Feuilleton mehr antue. Den Schreibern dort – dies mein erster Ansatzpunkt – fehlt jedes Gespür dafür, dass sie es mit ‘Geistesgeschichte’ zu tun haben, dass es also um Fortschritt und Rückschritt geht auf jenem Gebiet, wo die Erschließung neuer sprachlicher Möglichkeiten und unerhörter Motive ihr Thema wäre. ‘Avantgarde’ hieß das früher mal.

Wie fern sind jene Zeiten, wo Schriftsteller noch den Dadaismus, Expressionismus, Surrealismus oder Futurismus als gemeinsames Projekt begriffen, wo Bücher wie der ‘Ulysses’, die ‘Recherche’, die ‘Pompes funèbres’, das ‘Buch der Unruhe’ oder auch Heimito von Doderers mäandernde Riesenwerke erschienen. An derartigen ‘Wagnissen’ und ‘fruchtlosen Experimenten’ müht sich heute kaum jemand mehr ab, ein David Foster Wallace oder ein Jirgl, das sind Oasen in einer endlosen Plapperwüste voller Handlungsskelette von der Stange, wo die Lektoren alles erschlagen, was noch Leben zeigt. Der Autor sitzt derweil – tausendfach geklont und mit geklauten Motiven – im Kämmerlein und versucht, einen ‘Bestseller’ im Sinne der Verlagserwartungen zu schreiben. Neben der Mausmatte liegen der Sol Stein und der Bescheid vom Finanzamt – die sind Motoren seiner Produktivität: Kreativäffchen im Käfig der Ökonomie …

Unsere Feuilletonisten vollziehen diese Nichtentwicklung brav nach. Wird bspw. irgendwo ein Buch aus dem Hanser-Verlag über den grünen Klee gelobt, dann müssen wir nicht lange blättern, um die korrespondierende Verlagsanzeige zu finden. Feuilleton heute ist eine Abteilung des Marketing, geschätzte zwei Drittel der Artikel sind Public Relations oder Müll. Von einer Richtung, einer Bewegung, einem kulturellen Ziel keine Spur – immerfort “führt der Autor die Heldin in die abgründigen Tiefen der menschlichen Seele“. Da schaudert es Lieschen Müller, da kauft sie diesen vielfach bewährten Kitzel … und die Gebüldeteren suchen nach einem wohligen Dunkelmunkel und einem ebenso ungefähren wie ungefährlichen Pessimismus, sie greifen zum Peter Handke, zum Botho Strauß – oder zu irgendeiner Aphorismenschleuder für Arme. Und im lebenskritischen Falle eines Falles gäbe es dann ja noch die dienst(k)leisternde ‘Lebenshilfe’ à la Richard David Precht …

Kurzum: Geistesgeschichtlich schreiben auch wir Texte zur Zeit, wir produzieren eine ‘Literatur im Neoliberalismus’, oder Verwertbares ohne Wert – eine iPod-Literatur für die iPod-Generation: Nachdenken überflüssig, wird’s zu fordernd, wird einfach zum nächsten Titel geswitcht. Das Urteil über die Literatur unserer Zeit wird später einmal wohl so ausfallen, wie dasjenige über die Salonliteratur während der preußischen Restauration.Wer da dann die Spreu vom Weizen trennen wollte, behielte kaum etwas in der Hand. Dass parallel unsere ‘brotlosen Künste’, also Germanistik, Romanistik, Slawistik usw., gesellschaftlich nur noch belächelt werden, ja, für Beleidigungen taugen, auch das spricht für diesen Befund.

Bei mir liegen deshalb nur noch die ‘alten Tröster’ auf dem Nachttisch, zur Zeit Stendhal oder auch immer mal wieder Jean Paul oder Wieland. Ich mache den Zirkus nicht mehr mit. Neuerer Zuwachs kommt mir nur noch aus dem Genre der Historiker ins Regal. Die erzählen nun mal die besseren Geschichten …

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