If your memory serves you well ...

Monat: März 2013 (Seite 3 von 4)

Deutschland, deine Kolumnisten!

Frank Schirrmacher führt mit einer antikapitalistischen Streitschrift die Bestseller-Listen an, in Italien will ein Kommunitarist wie Beppe Grillo gleich das ganze System aus den Angeln heben, in Frankreich gibt’s – ‘Eat the rich!‘ – satte Zuschläge auf die Vermögenssteuer, in Portugal demonstrieren nie gesehene Menschenmassen gegen Angela Merkel und die schwarzgelbe Austeritätspolitik, unsere Meinungsklempner aber eifern – Linksschwenk, marsch! – gegen eine sozialere SPD-Politik und ‘die Abkehr von den bewährten Prinzipien der Agenda 2010’, die so vielen Vermögenden weitere wirtschaftliche Erfolge beschert habe. Ja, ihr Schlaumeier, womit sollte diese Partei denn sonst wohl Erfolg haben?

“Come writers and critics
Throughout the land
And don’t criticize
What you can’t understand
Your sons and your daughters
Are beyond your command
Your old road is
Rapidly agin’
Please get out of the new one
If you can’t lend your hand
For the times they are a-changin’.”
Bob Dylan

Stimmt doch!

Deutschland ist das coolste Land der Welt”, so verkündete es uns gestern Fiepsi Rösler zum Abschluss des FDP-Parteitages, der großmächtige Herrscher aller Restliberalen. Zugleich schmissen die Delegierten die größten Unsympathen und Unsympathinnen aus dem engeren Machtzirkel und ersetzten sie durch ‘Rebellen’.  Es geschah also das, was bei älteren Damen ‘Lila, der letzte Versuch’ heißt …

Eliminieren wir mal das 80er-Jahre-Schülerenglisch aus Röslers Jubelperser-Katechismus, für den er prompt unter dem Hashtag ‘#ImCoolstenLandDerWelt’ einen nicht enden wollenden Shitstorm in die Scheuern fuhr*, dann ist der Satz doch gar nicht so verkehrt: “Wir leben im kühlsten Land der Welt” – das träfe halbwegs doch zu.

Zwar ließe sich durchaus darüber streiten, ob nicht doch Weißrussland oder Nordkorea noch abgebrühter und unberührbarer wären … geschenkt! An sozialer Kälte macht auch die Bundesrepublik ganz schön was her, auf den Ämtern, in den Medien, in den Verbänden und Parteien. Insofern stimme ich heute mal dem Eismann Fiepsi Rösler ausdrücklich zu, wie auch dem kongenialen Rainer Brüderle, seinem deutschen ‘Väterchen Frost’ …

*Inzwischen – nachdem die Karawane längst vorbeigezogen ist – sind die Profiteure der bestehenden Verhältnisse auch mal aufgewacht – und sie versuchen nachträglich dem Kommentarfluss bei Twitter einen anderen ‘Spin’ zu geben, es sei doch alles Supi-Dupi, verkünden sie etwaigen Latecomern dort  …

Nun ist es amtlich:

Nicht nur in der Schweiz, überall in Europa, ja in der ganzen Welt, spitzt sich der Konflikt «Elite gegen das Volk» zu. Und wo stehen die Journalisten? Auf der Seite der Eliten.”

Tscha, wer hätte gedacht, dass das auffällt? In jenen skandalösen Zeiten, wo nicht mehr die elitären Altmedien allein das Textmonopol im Informationsraum ausüben dürfen …

Apropos: Journalisten werden nicht etwa im und durch den Job ‘umgedreht’, das steht dort unter dem Qualitätssiegel verbriefter Wissenschaftlichkeit dann auch noch im Text. Im Gegenteil: Die meisten Journalisten schlabbern gern den Stiefel ab, der auch ihre Interessen tritt …

 

Die Theorie lebt!

Zumindestens die kritische – sonst gibt’s ja auch keine, die Ansprüchen von Gourmets genügt. Und zunehmend rückt in den Analysen dabei die Rolle der Medien – Wer, wir? – Ja, ihr! – in den Fokus:

“Wir leben in einer Gesellschaft reißender Wölfe, im Geiste kontrolliert von den Medien und unterdrückt durch die Repräsentanten der Reichen.”

Einen Widerspruch zu diesem Panoramabild habe ich allerdings: Keinerlei Wahrheit hätte mehr Chance auf Durchsetzung, sagen die beiden Großtheoretiker, weil dieses arme, veritable Hobbitwesen sich ja an den großen medialen Lügentürmen von Mordor vorbeischleichen müsste. Irgendwie haben die beiden – weil ‘klassisch’ geschult – die Möglichkeiten des Netzes noch nicht so recht begriffen.

Ich prophezeie mal: Der neue Kommunitarismus wird sich über den digitalen Raum an den Medien vorbei organisieren … Wer nicht weiß, worum es sich dabei möglicherweise handeln könnte, möge sich dieses Interview mal reinpfeifen: “Der wahre Beppe Grillo – nicht der aus den Medien.”

Die mediale Grillophobie

In Portugal gingen am letzten Wochenende mehr als zehn Prozent der lusitanischen Bevölkerung auf die Straße, um gegen Angela Merkel und deren Austeritätspolitik zu protestieren – gegen eine Kriegspolitik mitten im Frieden also. Zum Vergleich: Bei der größten Demonstration, die je auf deutschem Boden stattfand, entdeckten in den 80er Jahren nur knapp zwei Prozent unserer Bevölkerung den Weg auf die Rheinwiesen. Zeitgleich mit dem portugiesischen Uproar stimmten in der Schweiz mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten für eine ‘Abzockerinitiative’, um das Gehalt jener Figuren zu begrenzen, deren Portfolios gerade in Spanien, Irland, Griechenland und anderswo mit dem Vermögen der dortigen Bürger gerettet werden sollen.

In Italien wiederum gewann ein gewisser Beppe Grillo die Wahlen, seine Fünf-Sterne-Bewegung wird italienweit zur stärksten Partei – und die ganze deutsche Presse kann es jetzt nicht fassen und verfällt in blanke Italienerbeschimpfung: Wie konnte der zutiefst irrationale Welschmann, dieser Pulcinell, nur einen solchen “Komiker” (SZ) und “Klamauk-Künstler” (FAZ) wählen? Was die gleichen Kommentatoren übrigens nicht daran hinderte, dem Peer Steinbrück jene Ausdrucksweise vorzuwerfen, die sie selbst soeben noch pflegten.

Verwunderlich an dem Fall Beppe Grillo ist allenfalls, dass dieser Fall nicht schon sehr viel früher eintrat: Italien schützt traditionell einen überdurchschnittlichen Anteil von Vorbestraften und Kriminellen durch ein undurchdringliches Parlamentsmandat. Die Mandate dieser Unberührbaren werden nicht etwa vom Volk vergeben, sondern allein von den Parteien. Das italienische System kennt gar kein Direktmandat, sondern nur ausgekungelte Listenplätze, die von Wahlperiode zu Wahlperiode vererbt werden können, sofern man die Geschäfte nicht stört. Auf einem Stimmzettel – sagen böse Stimmen – vermag der italienische Wahlbürger nur ‘Mafia-Süd’ oder ‘Mafia-Nord’ anzukreuzen, gut – die Camorra spielt dann auch noch eine Rolle. Das in etwa ist der Zustand der Demokratie in Italien – eine fest zementierte Mischung aus Parteien, mafiösen Organisationen und Bauindustriellen. Dann gab es bei der letzten Wahl auch noch den Mann von Goldman-Sachs, der die Rückführung der bourgeoisen Assets organisieren sollte, einen gewissen Herrn Mario Monti.

Aus all diesen und noch vielen weiteren Gründen spricht das italienische Volk, ist von Politikern die Rede, nur noch von ‘La Casta’. Was wir nur in milderer Form kennen – eine abgehobene ‘politische Klasse’ – das besitzt Italien im Übermaß.

In einem solchen Land wuchs ein hochbegabter, mehrmals preisgekrönter Schauspieler heran, der zunehmend auch sein kabarettistisches Talent entdeckte. Beppe Grillo, ein ehemaliger Buchhalter, wurde zu Italiens großem Fernsehstar, er erzielte jene Quoten, von denen alle Fernsehsender träumen. Und natürlich ist der Mann eitel, wer wäre schließlich je zu Ruhm gelangt, ohne eitel zu sein? Weil dieser Grillo sich zunehmend politisch zeigt, weil er mit seinen Hanswurstfingern in den Wunden des Systems herumprökelt, schlägt ‘La Casta’ dann endlich zurück: Im Jahr 1993 hat Grillo bei der RAI seinen letzten Auftritt – vor immerhin 16 Mio. Zuschauern, also weit mehr als einem Viertel aller Italiener. Alle Altmedien und Sender bleiben ihm seither verschlossen. Das Phänomen Beppe Grillo lässt sich übrigens den Deutschen ganz gut erklären, wenn man ihnen sagt, dass dort ein Til Schweiger mit einem Volker Pispers und einem Oliver Welke gekreuzt wurde.

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Grenzen der PR

Heute ist Schweizertag im ‘Stilstand’: Denn dort nahm eine Geldelite, die von Windfall-Gewinnen träumte, viel Geld in die Hand, um mit der Wurst nach dem Schinken zu werfen; sie wurde getragen vom übergroßen Wohlwollen der Politik, deren Vertreter sich schon mit wichtiger Miene Stadien einweihen sahen; diese bauauftragssüchtigen Schlaumeier beauftragten in weiser Voraussicht auch überaus renommierte ‘Kommunikatoren’ mit den Sprach-regelungen und Verschwurbelungen der olympischen Sachverhalte, weil man das ja so macht – und was hat es ihnen genützt? Nüscht!

“Die Olympia-Promotoren konnten sich auf eine professionelle Informationsmaschinerie stützen.”

Man beachte den Imperfekt …

Helvetianisch

Auch dort, wo die Deutschschweizer kein Alemannisch schwätzen, sondern sich ums Hochdeutsche verdient machen, hat ihr Sprachgebrauch oft etwas Altväterliches und Gravitätisches – so beispielsweise, wenn ein Schwarzfahrer in Zürich nicht wegen des ‘Schwarzfahrens’ belangt wird, sondern wegen der ‘Umtriebe’, die sein Fall der Allgemeinheit macht.

Wirklich treffend aber, wegen der Konnotationen auch gar nicht ‘altbaksch’, finde ich diesen Fall aus dem Schweizer Wirtschaftssprech: “Börsenkotierte Gesellschaften.” Nein, das ist kein Tippfehler …

Die Retardierten

Die Niederlage ist ein statistischer Ausreisser» schreibt economiesuisse, also der BDI der Schweiz – und meint damit die ‘Abzockerinitiative’. Mit dem ‘Projekt Neoliberalismus’ jedenfalls ginge es unverdrossen weiter wie gewohnt. Schon aber folgt die Initiative der 1:12-Regelung auf dem Fuß, wonach im schönen Helvetien die Differenz zwischen dem niedrigsten und höchsten Einkommen in einem Unternehmen das Zwölffache nicht übersteigen soll. Und es sind keine Anarchisten oder Umverteiler, sondern zutiefst bürgerliche Bürger, die diesen angestellten Managern ein überaus tief empfundenes Unrecht antun wollen …

Ob S 21, ob Italienwahl, ob Merkels verlorene Mehrheit oder auch das Achselzucken beim ‘Fiscal Cliff’ in den USA – wann und wo auch immer der unverantwortliche Demos die großen Gewichte in der Gesellschaft rasseln lässt, da nehmen unsere so reich beschenkten Ideologiegreise ihr Hörgerät heraus, um zu behaupten, es herrschten doch weiterhin Ruhe und Ordnung im beherrschten Land.

Keine Panik!

Deutschlands Verleger sind gar nicht so schlimm, wie dies manche befürchten. Allerkleinste Textausschnitte dürfen weiterhin gratis kopiert werden, wie zum Beispiel derjenige unterhalb dieses Textblocks, der uns zugleich die verlegerseits akzeptierte Maximallänge eines solchen geduldeten Textraubs (auch ‘Mini-Snippet’ genannt) andeutet. Zugleich möchte ich mich für diese Generosität bei Keeses ‘Welt’ recht herzlich und mit einem tiefen Diener bedanken. Allerdings – jede darüber hinausgehende Verwendung eines zweiten oder gar dritten Buchstabens aus dem Alphabet könnte nach dem neuen Gesetz schon lizenzpflichtig und damit auch abmahnfähig sein. Bereits die Ergänzung einer schlichten Buchstabenkombination wie ‘…oof‘ mit Hilfe eines vierten Buchstabens aus dem angewandten Verlags-ABC könnte dann vollends eine geistige Lizenz verletzen, die vor allem deutschen Verlegern recht eigentümlich zusteht:

“D”

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