If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2013 (Seite 3 von 4)

Sie verstehen das Netz nicht!

Da ruft ein Kreis von Kultur(auf)trägern unter Führung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann unter großem Trara einen weich gepamperten Verein zum Schutz geistigen Eigentums ins Leben – und dann ist es für mich höchst eigentümlich zu beobachten, wie sehr dort auf der Homepage von ‘Engage’ seit der Gründung nur die toten Hosen noch nachtwandeln – von Heveling bis Schwartmann. Irgendwie fehlt mir seit diesem ‘Auftakt’ die Musik, vielleicht bin aber auch nur schwerhörig …

Blogkrise?

Es kommt darauf an, wie man es betrachtet. Wer Alexa anwirft und Google Analytics bemüht, der mag zu diesem Schluss kommen. So wie dieser SEO-Mann hier:

“Schaut man sich die Traffic-Zahlen der, äh, “guten, alten” Blogs an, steht es gar nicht gut um das Medium “Blog”.

Und tatsächlich, die Klickraten sinken, auf die alle Marketing-Menschen starren wie die Feldmaus auf die Schlange. Anders sieht es aus, wenn ein Blog etwas betreibt, was sich vage als ‘Mission’ oder ‘Aufgabe’ beschreiben lässt. Ich will es an meinem Beispiel illustrieren. Mir bspw. liegen – Leser dieses Blogs wissen es – die aktuelle Schwundstufe des deutschen Journalismus und dessen dafür verantwortliche Protagonisten am Herzen. Damit ich mit meiner Kritik vielleicht zu einem besseren Journalismus beitragen kann. Zu diesem Zweck argumentiert dieses Blog durchaus auch mal ‘ad hominem’, wie es sich wiederum bei Google zeigt.

Zu ‘Dorothea Siems’, der neoliberalen Sozialexpertin der ‘Welt’, weist Google jedem arglosen Besucher – möchte er sich über die Dame informieren – bspw. mit einem ersten Platz den Weg zu einer kommentierten Werkausgabe im ‘Stilstand’:

Auch Andrea Seibel, die stellvertretende Chefredakteurin der ‘Welt’, habe ich mit meinem unverantwortlichen Geschreibsel auf einen beachtlichen zweiten Platz im Suchmaschinen-Index gehievt:

Der Malte Lehming hingegen, Meinungschef vom ‘Tagesspiegel’, schaffte es leider nur auf einen dritten Platz bei Google – aber er übt noch, heißt es:

Mit dem Ulf Poschardt unterm Arm stehe ich derzeit auf dem sechsten Platz, der Jan Fleischhauer wird auf Platz Zwei derangiert – und für Uli Dönch dann, Wirtschaftschef beim ‘Focus’, reichte schon ein einziger Treffer aus den Rohren der HMS Stilstand, um ihn auf dem fünften Platz prominent zu platzieren:

So könnte ich mit meiner Sammlung von meinungsstarken Hobbyphilosophen noch einige Zeit fortfahren. Worauf ich hinaus will: Irrelevant mögen Blogs ja sein, sofern jemand gebannt und bloß ‘quantitativ gepolt’ auf ominöse Klickzahlen starrt. Zieht man das Ranking der ‘Treffer’, ihre Verlinkungen und ihr Gesuchtwerden, bei der Google-Recherche heran (die mir sehr viel wichtiger scheinen, weil sie erste Antworten auf konkrete Suchvorgänge geben) dann sind Blogs alles, nur eben nicht zunehmend irrelevant. Man sollte es allerdings können, ein fruchtbarer Acker muss auch gepflügt werden. Google ist eine Maschine zum Suchen und Finden, die prominente Platzierung entscheidet letzlich, nicht das Hypahypahypa, die Buzz- und Keywords von SEO-Strategen und ihr Herumschrauben am ‘Backend’. Vorne spielt die Musik..

Lustig ist übrigens die Metapher, die der von mir ansonsten hochgeschätzte Heribert Prantl zur Illustration der Krise bemühte:

“Kenner des Internets sagen, auch Blogs und Blogger hätten ihre beste Zeit schon hinter sich, weil sie sich in einer “Sandwich-Position” zwischen Facebook und Google plus einerseits und Twitter andererseits befänden.”

Was er übersieht – in jedem Sandwich findet sich das Beste tatsächlich ZWISCHEN den beiden trockenen Weißbrotschreiben. Nun ja – bei ‘Carta’ trug ihm das prompt einiges an Spott ein

Nachtrag – Vielleicht hilft es ja einigen, die sich von dieser gemeinen Blogwelt jetzt zu Unrecht auf vordere Plätze emporgeadelt fühlen: Je mehr man selbst bloggt, desto unangreifbarer beim Google-Ranking wird man auch. Das Eröffnen eines eigenen Blogs wäre damit die beste Gegenstrategie gegen unverschämte Blogger, und unversehens ist man dann selber einer – also ein vormaliger Kritiker der Elche. Den Henryk M. Broder bspw. – für mich einer der schlimmsten Auswüchse deutscher Publizistik – den fingerzeige ich mit meinen Mitteln einfach nicht. Dazu bloggt der Herr selbst zu viel … und trotz meiner ‘Schandschnauze’ findet sich auch zu meiner Person der erste aversive Beitrag erst ganz weit hinten, tief im ‘Daten-Nirvana’.

Werbung ist für Doofe

Mein Ad-Blocker schützt mich relativ zuverlässig vor unerwünschter Handelsbebilderung, der Spamfilter sagt allen Ukrainern wie auch der Hongkong-Mafia, sie möchten bitte draußen bleiben. Kurzum, dieses Forschungsergebnis zum Netz-Marketing ist genauso, wie Klein-Kläuschen sich das immer schon gedacht hat.

Und komme mir jetzt keiner mit dem tränenreich barmenden Argument, dass ich diese Instrumente unbedingt wieder abschalten solle, damit sich die Netzaktivitäten des weltweiten Kommerzialismus endlich ‘rekapitalisieren’ könnten. Niemand hindert euch schließlich daran, dieses Neuland einfach aufzugeben, und wieder ‘Print’ zu buchen. Die Verleger würden es euch danken – die ‘kaufkräftigen gebildeten Schichten’ euch verfluchen:

“Nutzer mit einem höheren Bildungsgrad bzw. Einkommen klicken weniger oft auf Werbeanzeigen als Nutzer mit einem eher geringen Einkommen bzw. Bildungsgrad.”

Übrigens – schöne Headline dort …

Schulbildend

Auf Journalisten scheint die Schulzeit einen prägenden Einfluss auszuüben, nehmen wir den Perlenfluss ihrer Metaphern zum Maßstab. Selbst die Schulämter müssen bei ihnen neuerdings schon die Hausaufgaben vorzeigen:

“Das Schulamt hat seine Hausaufgaben gemacht.”
“Neubiberg hat seine Hausaufgaben gemacht.”
“Juventus hat seine Hausaufgaben gemacht.”

Auch die einschlägigen Schulstrafen haben in der Erlebniswelt der schreibenden Zunft tiefe Spuren hinterlassen:

“Podolski trifft, aber Arsenal muss nachsitzen.”
“Rating: Musterschüler muss nachsitzen.”
“Verkehrsausschuss muss nachsitzen.”

Kein Wunder, dass sich, mit ihrem publizistischen Lappen in der Hand, so manche Institution schon gar nicht mehr nach Hause traut:

“BUND stellt Bundesregierung schlechtes Zeugnis aus.”
“Studie stellt Schweizer Privatbanken schlechtes Zeugnis aus.”
“Der CSU stellte Franke ein schlechtes Zeugnis aus.”

Die Folgen sind dann jedem klar, der schon einmal eine ‘Ehrenrunde’ drehte:

“Dafür wissen ARD und ZDF jetzt: Wenn sie sich nicht anstrengen, sind sie versetzungsgefährdet.”

Tscha – alles klingt nach den ‘Einträgen ins Klassenbuch’. Hier abschließend noch eine kinderleichte Aufgabe für angehende Journalisten. Schreiben Sie einen Artikel über die Gebrauchshundeschau zu Wuffelstetten. Verwenden Sie hierzu ausschließlich die bestens eingeführte ‘Schulmetaphorik’: “Bello hatte im Unterricht nicht aufgepasst. Die Folgen bekam er jetzt zu spüren, als ihn Herrchen vor die gesamte Klasse rief. Zwanzigmal musste er – ‘Sitz! Platz!’ – unter den strengen Blicken des Kollegiums die gestellte Aufgabe wiederholen. Bei der großen Hundeschau zu Wuffelstetten ging es gestern zu wie auf einer Journalistenschule …” usw. usf.

Headlines der Ahnungslosen

Auch über den Redaktionsfußboden der ‘New York Times’ kullern nicht immer nur Perlen der Aufklärung. So fand sich dort dieser Artikel zum Mord an der Studentin aus Neu Delhi, ein Text, den Springers ‘Welt’ dann übernahm, und zwar unter dieser Überschrift:

“Eva necken” – Aggressionen überschüssiger Männer

Abgesehen von Verniedlichung, die in dieser Headline mitklingt, haut schon die Kernthese dieser Zeile neben die Fakten. Sie lautet verkürzt: Gibt es in einer Gesellschaft sehr viel mehr Männer als Frauen, können jene – Gesetz von Angebot und Nachfrage! – ihren Schniedelwutz nicht mehr regelmäßig ‘wegstecken’. Deshalb kommt es regelhaft zu vermehrter Gewalt gegen Frauen.

Historisch gesehen, ist diese simplifizierte Vorstellung schlichter Bullshit. Demnach herrschen entweder in jeder Nachkriegszeit besonders frauenfreundliche Verhältnisse, weil in jedem Krieg mehr Männer als Frauen sterben. Dank eines gigantischen Frauenüberschusses müsste bspw. dann die Zeit der ‘Bratkartoffelverhältnisse’ in den 50er Jahren unter Adenauer als Blütezeit des Feminismus wie auch der Galanterie gelten. Pustekuchen! Selten wurden die Frauen derart herumgeschubst – siehe Alfred Tetzlaff – weil die verbliebenen Männer es ja gar nicht nötig hatten …

Gegenprobe: Da Frauen zu Friedenszeiten wesentlich früher sterben als Männer, vor allem im Kindbett – die sieben Frauen Heinrichs des Vierten sind ja nur zum Teil durch royale Mordlust zu erklären – deshalb wäre es wegen des Männerüberschusses vermehrt in Friedenszeiten zu brutalen Massenvergewaltigungen gekommen. Auch das ist Bullshit!

Das Ausmaß an Aggression gegen Frauen korreliert ganz einfach nicht mit der Zahl potentiell verfügbarer Partner des einen oder anderen Geschlechts. Das Argument taugt höchstens für Statistiker – aber nicht fürs Leben. Die Aggression ist von anderen Faktoren abhängig.

Vor allem aber ist der Mensch nicht so sexgeil, wie Freud es sich noch dachte. Das ganze Mittelalter und die frühe Neuzeit – beides waren Zeiten einer höchst wirksamen Geburtenkontrolle, und zwar nicht durch den  Todeszug der Pest oder weil wundertätige Weiber einen probaten Abtreibungssud brauen konnten. Die Leute – das erschließt sich uns u.a. durch die Kirchenbücher mit ihren Kirchenstrafen – hatten wohl ganz einfach gar keinen Sex.

Wenn also nachgeborene Söhne und Töchter, die wegen des Hoferhalts nichts erben sollten, sich mal vergaßen und miteinander poppten, dann galt das den ländlichen Gesellschaften jener Zeit als Skandal – und darüber hinaus verwendeten sie dabei meist auch noch “widernatürliche” Verfahren wie den Analverkehr oder den Interruptus, Praktiken ohne unerwünschte Nebenwirkungen. Auch die meisten Knechte und Mägde, davon dürfen wir ausgehen, ließen – wenn überhaupt – nur die Handorgel kreisen.

Dieses Muster brachen dann erst die Fürsten mit ihrer ‘Peuplierungspolitik’ auf, vor allem aber ist der Siegeszug der kapitalistischen ‘Heimindustrien’ verantwortlich, als es auf einmal ‘ökonomisch rational’ wurde, früh zu heiraten und viele Kinder zu haben, weil die schon im frühesten Lebensalter am Unterhalt des ‘ganzen Hauses’ mitspinnen konnten. Damals – in den ländlichen Unterschichten – entstand die berüchtigte ‘Kinderarbeit’. Pestalozzi war davon die rationalisierte und industrialisierte bürgerliche Variante.

Wenn also in Indien eine ‘Kultur der Gewalt’ gegen Frauen herrscht, dann dürfen wir Fug und Recht davon ausgehen, dass dies auch etwas mit ‘Kultur’ etwas zu tun hat, also mit der ‘Religion’, mit ‘Bollywood’, mit der ‘Frauenverachtung’, mit den Texten in den Zeitungen dort, und auch mit der erst jüngst vergangenen ‘Witwenverbrennung’, aber nicht mit irgendwelchen urzeitlichen ‘Trieben’, die in den Menschen schlummern würden. So etwas exkulpiert nur die Täter.

Zur Klarstellung

Nicht Henryk M. Broder hat dem rbb die Brocken vor die Füße geschmissen, so wie er uns jetzt die Trennung darstellen möchte. Ich zumindest sehe das so – und lese meine Version auch aus Broders eigenem Text heraus: Der Sender hat den Broder solange ‘gecornert’, bis dieser sein cholerisches Temperament nicht mehr zügeln konnte und vor allen Ohren eine absolut abfindungsbefreite Show aufs Parkett legte – weshalb ihm jetzt nur Springers ‘Welt’ noch als Sancho Pansa dient:

“Wir lassen den Kommentar mit Ihnen ausfallen und reden stattdessen mit einem Antisemitismusexperten. Und nächste Woche unterhalten wir uns dann in aller Ruhe, wie es weitergeht.”

“In aller Ruhe” – Humor haben sie dort schon, und als ‘Anti-semitismusexperten’ scheinen sie den guten Mann auch nicht gerade wahrzunehmen …

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2020 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑