If your memory serves you well ...

Monat: November 2012 (Seite 3 von 4)

Austerität

Gibt’s im Laden weder Brot noch Wurst, Hunger erträgt sich leichter noch als Durst” – mit solchen Sprüchen beschrieb mir meine Oma die Entbehrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit. In immer mehr Ländern Europas hält diese gute alte ‘Austeritätspolitik’ wieder Einzug. Das heißt – den Armen nimmt man ihre Renten, ihre Löhne, ihre Gesundheitsversorgung oder ihre Arbeitslosenversicherung weg, um stattdessen notorischen Triebtätern, nämlich spielsüchtigen Banken und Baukonzernen, auf die knickrigen Beine zu helfen. Für diesen edlen Zweck verzichten die griechischen Krebskranken dann gern auf ihre Medikamente. Inzwischen müssen europäische Staaten schon so sehr sparen, dass internationale Anleger – mangels Staatsanleihen – gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Knatter. Denn alle Schulden sind – wechseln wir bloß die Perspektive – immer auch Portfolio. Daher die Nullzinsen in den wenigen ‘sicheren Häfen’.

Das Wort ‘Austerität’ bedeutet so viel wie ‘strenge Enthaltsamkeit’, ‘Askese’ oder ‘Hungerskunst’, zumeist wird es von unseren Politikern mit ‘Sparpolitik’ verharmlosend eingedeutscht. Es handelt sich dabei um einen Begriff, der für die englische Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg entwickelt wurde. Bei der heutigen Austerität handelt es sich also um eine Kriegswirtschaft in Friedenszeiten. Um etwas ähnliches geht es ja auch, um ein neues Kapitel im ewigen Krieg der Reichen gegen die Armen, um das Schleifen des Sozialstaats, was bekanntlich besonders wirkungsvoll für einen ‘ausgeglichenen Staatshaushalt’ sorgt, dort, wo man die Steuerlast nicht an den volkswirtschaftlichen Bedarf anpassen mag – und von so etwas kommt dann auch so was:

“Straßenschlachten in Rom, Lissabon, Madrid und Barcelona.”

Und was ist die Folge des Wahnsinns? – “Jetzt befindet sich die Euro-Zone offiziell in der Rezession.” Oder: Neoliberalismus wirkt – nur nicht so, wie behauptet …

[Dies war ein Beitrag aus der Reihe ‘EU-Politik – leicht verständlich formuliert’ …]

Der gute Ton

Modemillionär Eickhoff bestätigte … die Razzia. Über seine Stiftung in der Schweiz sagte er: “Damals gehörte es zum guten Ton, Geld ins Ausland zu schaffen. Man konnte ja nicht wissen, ob das Geld in Zukunft in Deutschland sicher ist.”

Aber, aber, das gleicht ja schon einem Geständnis – und wir blicken tief in bourgeoise Moralvorstellungen hinein: Herrgott, was rechts und links alle Reichen betreiben, selbstverständlich nur ‘damals’, das wäre doch schließlich nur comme il faut. Kurzum: Wo andere Leute die Moral tragen, haben sie eine Konvention. Sollte es mal wieder Mode werden, auf den Pöbel zu schießen, dann schauen sie vermutlich nicht in ihr Gewissen, sondern wie’s der Nachbar damit hält.

Geld ist übrigens nirgendwo sicher, je mehr, desto weniger, das ist nun mal Teil seiner Natur. Die humorlose Staatsanwaltschaft allerdings könnte im Prozess versucht sein, statt vom ‘guten Ton’ von ‘unverschämten Einlassungen’ des Angeklagten zu sprechen, und ihm das fehlende Unrechtsbewusstsein strafverschärfend in Rechnung stellen. Immerhin kommen jetzt hoffentlich ein paar vermeintliche ‘Paranoiker’ und Opfer unserer Bourgeoisie aus der Psychiatrie frei:

“Ein Gutachter hatte [dem Mann] ein paranoides Gedankensystem attestiert: Mollath sei “unkorrigierbar” der Überzeugung, dass eine ganze Reihe von Personen aus dem Geschäftsfeld seiner früheren Ehefrau – und diese selbst – in ein “komplexes System der Schwarzgeldverschiebung” verwickelt seien.”

Das ist keine Paranoia, das gehörte ‘zum guten Ton’, wie wir jetzt erfahren …

Lütt Malte

Für den Liebhaber der vergurkten Argumentation und der Wisch-und-Weg-Logik ist es immer wieder einen Genuss, den Malte Lehming zu lesen. Seines Zeichens Chef d’Opinion beim ‘Tagesspiegel’ und anderswo. Meinungsfreude triumphiert hier stets über die Realität – wie auch in diesem Fall fortschreitender Faktenverwirrung:

“Nach welchen Kriterien wollen wir uns aufbauen? Was soll zählen und über Einfluss, Macht und Wohlstand entscheiden? Früher waren es die physische Stärke und die Zahl der Kinder, dann kamen Geburt und Abstammung hinzu.”

Gut, ein Zeitungsschreiber muss nicht alles wissen. So war es in historischer Perspektive eher so, dass Geburt und Abstammung diese Stärke und Fertilität des Neandertalers ersatzlos verdrängten. Abraham hatte 100 Jahre lang gar keine Kinder – und war doch ziemlich mächtig. Hier bei uns im Königreich Hannover gab es mehr als nur etliche geistesschwache und impotente Figuren, die trotzdem zu Herrschern werden konnten – abgesehen von ‘Kindkaisern’ und ähnlichen Hosenscheißern, die anderswo als physisch schwache ‘Regenten’ noch jahrelang in die Windeln pinkelten. Aber auch wenn Katharina II. ihren Gatten, den Reformer-Zaren Peter III., auf ziemlich üble Art massakrieren ließ, dann setzte sie sich auf herrenmenschlerische und revolutionäre Art über Maltes angeblich innovativere Prinzipien der Erbfolge rüde hinweg. Ihr jedenfalls stand der Titel einer Herrscherin aller Reußen aus dynastischen Gründen schlicht gar nicht zu. Kurzum: Maltes evolutionären Stamm rechtmäßiger Herrschaft, um den sich immer neue Schichten von Kompetenzen lagern – Stärke, Kinderzahl, Geburt, Abstammung -, den gibt es gar nicht.

Gut – es muss auch nicht jeder Ahnung von Geschichte haben – nur sollte man dann darüber schweigen, wie es unser Malte leider nicht tut, der im gewohnt plapperfrohen Raum des ‘Cicero’ es sogar unternimmt, im Flicflac jetzt das segensreiche Wirken von Romney und Ryan zu würdigen. Weil diese Zwei von der Teetankstelle durch ihre Niederlage erst erfolgreich verhindert hätten, dass der Obama – so mir nichts, dir nichts – jetzt die Steuern erhöhen kann (oder so). Wer diesen Gedankengang nicht für möglich hält, lese ihn nach. In welchem Zusammenhang Maltes neuer Abenteuerspielplatz mit dem Erbfolge-Diskurs aus dem ersten Teil des Artikels steht? Ja, was weiß denn ich von mentalen Auffahrunfällen? Auf alle Fälle bleibt’s gewohnt wirr und amüsant …

Zunächst einmal macht der Malte aus allen Sozialleistungen wie der Rente, der Gesundheitsversorgung, der Müllabfuhr, der Stromversorgung usw. schlichte “Wohltaten”. ‘Tut also gar nicht nötig’, heißt das dann auf Neudeutsch. Wir lebten in einer ernsten Zeit der Krise und daher wäre auch nicht die Stunde für solch solch gutmenschlerisches Wundertütentum. Sollte der Obama es daher wagen, ehrenwerten amerikanischen Superreichen auch nur einen Cent wegzunehmen, dann würde das bloß dazu dienen, weitere “Wohltaten” einzuführen und das “Anspruchsdenken” zu steigern – am Ende käme es gar zu einer Gesundheitsversorgung für Mittellose oder zu ähnlich unnötigem Allotria.

Warum das nicht hinhauen kann, erzählt uns der Onkel Malte übrigens auch: “Durch das stetige Altern der Gesellschaft steigen die Ansprüche an Wohltaten schneller als die Produktivitätindizes der Gesellschaft.” Also nö, Malte, durch das Altern der Bevölkerung steigt höchstens der Bedarf an Medikamenten und an Pflege. Und das sind keine ‘Wohltaten’, sondern Notwendigkeiten. Dass die ‘Produktivitätsindices’ der amerikanischen Gesellschaft lahmen, liegt wohl auch eher an der großen Arbeitslosigkeit und gar nicht primär am Alter. Denn schlankweg hat unser Märchenonkel deutsche Entwicklungen auf die USA übertragen. Dort nämlich – in God’s own country – schrumpft die Bevölkerung nicht, der Anteil der Alten steigt in demographischer Relation wesentlich sachter an, kurzum – unser kleiner Malte steht mutterseelenallein in imaginierten Fakten herum, und im Widerspruch zu den Zahlen und zur Statistik:

“Das schnellste Bevölkerungswachstum konzentrierte sich auf die westlichen Bundesstaaten, wo die Bevölkerung zwischen 1990 und 2000 um 19,7 Prozent anstieg. Kurz dahinter lag der Süden mit 17,3 %; langsamer wuchsen der Mittlere Westen (7,9 %) und der Nordosten (5,5 %).”

Alles Zahlen, von denen wir in Deutschland nur träumen. So konstatieren wir erneut: Die Cicero-Kost ist auch diesmal das gewohnt eintönige Kraftfutter der Firma Neoliberallala. Wer davon nascht, ist gegen alle “Wohltaten” künftig immun. Und das ist ja auch substanziell für jede kleine Milliardärsvilla. Wie gut also, dass es den Malte Lehming gibt, der uns darüber so kongenial aufzuklären weiß.

Das entscheidende Wort

G“riechenland hat ein Problem mit seinen Eliten.”

So wird uns die Welt in der ‘Welt’-Headline erläutert, mit Anführungstüddelchen und allen Schikanen. Es handelt sich um eine wörtliche Aussage, meint der gewitzte Leser da doch sofort zu wissen. Das entscheidende Wörtchen aber haben die Schlaumeier aus der Welt-Redaktion eskamotiert. Wörtlich – und ausweislich des Textes weit, weit unten im Artikel – hat der Schäuble nämlich gesagt:

“Auch Griechenland hat ein Problem mit seinen Eliten.”

Dieses kleine Füllwort ‘auch’ verleiht der ganzen Aussage eine völlig neue Note: Griechenland steht auf einmal nicht mehr als Solitär am Pranger, sondern allenfalls als ein ‘primus inter pares’, als ein Land, das “wie andere auch” unter seinen korrupten und unverantwortlichen Eliten leidet. Fast könnten wir meinen, der Schäuble hätte sogar Deutschland ‘auch’ gemeint, so dass wir folglich ein generelles Elitenproblem hätten. Da aber sei die Welt-Headline-Redaktion davor, die das brave deutsche Volk vor solchen Konnotationen konsequent zu schützen weiß!

Kurzum: Wie so oft entscheiden die Füllwörter über den Sinn …

Flatulenzen

Sein Gedankengang war so schwer zu verfolgen wie ein Kommentarthread bei ‘Telepolis’ …

Oberschicht ist Mittelmaß. Darüber wird’s erst interessant …

Wo nichts wirkt, war die Troika am Werk …

Bei Steuern wird sogar der Konservative innovativ …

‘Life’s a cabaret’ soll Verfassungsschutzhymne werden …

Piraten wollen Markus Lanz statt Ponader …

Die ‘Herdprämie’ geht bloß für Gucci drauf …

Heiteitei – Guttenberg ziert sich noch ein wenig …

Republikaner suchen Mitglieder mit Spanischkenntnissen …

Schröder nennt China eine ‘lupenreine Demokratie’ …

Die ‘XXXIV. Guidelines of Conduct’ machen Schweizer Banken jetzt noch ehrlicher …

Den Korinthenkackern.

Möge der Grammatik gehorchen, wer nicht denken kann, was er fühlt. Möge sie gebrauchen, wer ihre Regeln beherrscht. Es heißt, der römische Kaiser Sigismund habe, als ihn jemand auf einen Grammatikfehler in einer seiner Reden hinwies, erwidert: “Ich bin König von Rom und stehe über der Grammatik.” Seither ist er als Sigismund super grammaticam in die Geschichte eingegangen. Welch wunderbares Symbol! Somit ist also jeder, der zu sagen versteht, was er sagt, auf seine Weise König von Rom. Der Titel ist nicht schlecht, und Seele-Sein ist Sich-Sein.”
Fernando Pessoa

Der kleine Jan sucht seine Mutti

Unsere Obama-Liebe ist infantil.”

Und weshalb? Weil nämlich die Deutschen eigentlich notorisch Amerikakritik üben würden, und zwar indem sie den amerikanischen Präsidenten so von Herzen lieben. Oder so ähnlich jedenfalls – ganz schlau bin ich aus dieser neoliberal-postelektoralen Wirrsal diesmal nicht geworden. Wer aber auf Fleischhauers Parnass zu wandeln vermag, der möge sich zwecks Aufklärung gern hier melden …

Journalistisch -> Deutsch

Dutzendphrasen und ausgelatschte Metaphern befüllen die Publizistik wie Wassertropfen das Meer. Auch das Reden vom ‘Betonen von Gemeinsamkeiten’ gehört dazu, ein musikalisch-sprachbildlicher Gemeinplatz, den das große Gurgeln mit einer Viertelmillion Treffern belohnt. Zumeist sind es solche aus dem journalistischen Habitat. Hier eine aktuelle Fundstelle mit einigen Alternativen, die uns da doch ganz zwanglos auf der Zunge lägen:

“Merkel und Cameron betonen Gemeinsamkeiten.”
Merkel und Cameron sülzen belangloses Zeug.
Merkel und Cameron haben sich nichts zu sagen.
Merkel und Cameron verlieren sich in Geschwätz.
Merkel und Cameron necken sich mit Nettigkeiten.
Merkel und Cameron kommen einfach nicht auf den Punkt.
Merkel und Cameron führen eine Placebo-Kommunikation.
Merkel und Cameron backen sich Allgemeinplätzchen.
Merkel und Cameron umschiffen jeden Dissens.
Merkel und Cameron labern sich ‘nen Wolf.
Merkel und Cameron hätten auch zu Hause bleiben können.

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