If your memory serves you well ...

Monat: September 2012 (Seite 3 von 4)

Weicheier!

Unsere Monetaristen hätten so gern eine kleine Inflation, und sei es auch nur um die These zu untermauern, dass Euro-Rettung und unbegrenzter Anleihenkauf ganz gefährliche Instrumente seien, die an allen Vermögen so knabbern wie die Mäuse am Speck. Vor allem würde dann endlich die Welt wieder zum Glauben passen. Also schreiben sie sich eine Inflation herbei:

“In Deutschland sind die Verbraucherpreise im August so stark gestiegen wie seit April nicht mehr. Die Jahresinflationsrate erhöhte sich überraschend von 1,7 Prozent im Vormonat auf 2,1 Prozent.”

Demgegenüber macht es vielleicht dann doch Sinn, an jene wahrhaft inflationären Zeiten zu erinnern, die von den Tagen des seligen Kiesinger bis zur Regentschaft von Helmut, dem Dicken, reichten:

1965: 3,1 Prozent
1970: 3,6 Prozent
1973: 7,1 Prozent
1975: 6,0 Prozent
1980: 5,3 Prozent
1981: 6,3 Prozent
1991: 3,7 Prozent
1992: 5,1 Prozent
1993: 4,4 Prozent

Oh, oh, oh … und heute haben wir schon wieder eine galoppierende Inflation von sagenhaften 2,1 %, und das vor allem bloß wegen der gestiegenen Energiepreise – und gar nicht wegen frisch gedruckter Euros. “Wat schröcklöch!”, barmt da die gesamte neoliberale Wirtschaftsredaktion, um ihre Leser ins Bockshorn der einzig selig machenden Kirche zu jagen …

Oh, Herr!

Gepriesen sei Dein Name! Du erleuchtest die Ungläubigen, so sehr sie auch widerstreben. Du lässest noch immer und allezeit Zeichen und Wunder geschehen, Du vernichtest Hexer und Hexen samt ihrer Handtäschchen noch im kühlen Grab. So Du es willst, welken sogar ökonomische Theorien wie Brennesseln im heißen Wüstenwind. Alle Gläubigen und Dürstenden aber erquickest Du mit neuer Wahrheit, bis sich – hallelujah! – sogar der altböse Feind, der Monetarismus, vor dem Thron Deiner Herrlichkeit beugt und Deine Allmacht anerkennt:

“Briten vor Abkehr vom Neoliberalismus.”

Lady Jennifer Gaga

Wer noch Zweifel hegte, dass Journalismus nur wenig mit Fakten, aber viel mit Erfindung zu tun haben kann, der muss nur mal Jennifer Nathalie Pyka lesen, um letzte Gewissheit zu gewinnen. In ihrem Neuesten schrub uns das journalistische PI-Gewächs im hochseriösen ‘European’:

“Nach dem 11. September 2001 ist Osama bin Laden insgeheim zu einer Ikone avanciert in Deutschland.”

Warum – außer Frau Pyka – hat das bloß niemand bemerkt? Ja, verdammt noch mal, das steht doch da: Das alles ist ‘insgeheim’ geschehen! So macht man das im ‘modernen Qualitätsjournalismus’, wenn man Widerreden im Keim ersticken will. Man erfindet eine versteckte Monstranz, die angeblich jeder erblickte und niemand sah, und instrumentiert hilfsweise einige Füllwörter, die als ‘Bierdeckel’ dem wackligen Tisch dieser Argumentation untergeschoben werden. Genauso wie gleich danach ein unauffälliges “zweifellos” jedes Löcken gegen die folgende haltlose Feiertagsbehauptung unterdrücken soll:

“Zu den Feiertagen, die trotz fehlender gesetzlicher Verankerung von immenser Bedeutung sind, gehört zweifellos der 11. September.”

Ah – ja? Es war ja damals auch gaaanz, gaaanz schlimm bei uns in der Bundesrepublik, wo eine indoktrinierte Bevölkerung aus lauter irregeleiteten Gutmenschen geschlossen den Attentätern applaudierte, statt endlich mal den Israelis zur Atombombe zu gratulieren:

“Hierzulande [rieb man sich] mit einem „Geschieht den Amis recht!“ auf den Lippen schadenfroh die Hände”.

So rappelt das weiter – völlig intelligenz- und faktenbefreit (“Völkerrecht ist keine spannende Angelegenheit und interessiert hierzulande höchstens dann, wenn die Israelis es brechen”), bis das Publikum, sofern noch nicht geflüchtet, es schließlich resigniert aufgibt, in diesem Buchstabenhäufchen noch nach Vernunft zu suchen. Es ist eben ‘Jenny’s Welt’,  ein wild zusammengeleimtes Traumland ohne Kohärenz und Korrespondenz, bei dessen Anblick der Leser sich fragt, wie solch ein Tanja-Anja-Kram in ein Medium gelangen kann, das sich doch so gern mit ‘Seriösität’ schmücken würde …

Kein Text ist übrigens zu blöd, um nicht irgendwem in den Kommentaren damit eine Freude zu bereiten:

“Als Liberaler freut man sich ob der Meinungsbildung, zumal der Kommentarbereich als unfreiwillig repräsentativer Querschnitt der Verneiner, der von Frl. Pyka gekonnt als Fehdehandschuh in die Runde geworfenen Thesen und Analysen (und Ihrer Person) wirkt.”

Da redest du wohl Kninden von der Farbe, du Knödel …

Kausalitätsumkehr

Immer öfter schrappeln unsere Zahnwaltsgattinnen mit ihren ausladenden Nobelkarossen im Parkhaus am Nachbarn und seinem Nissan Micra. Natürlich, dies die Logik dieser seltsamen Species, seien daher nicht ihre Fahrkünste zu gering, nicht ihr SUFF zu groß, sondern bloß die Parklücke zu klein. So ungefähr steht’s derzeit in allen Auto-Motor-Sport-Rubriken zu lesen. Größere Parklücken seien nun mal der notwendige Preis des Fortschritts, keinesfalls aber seien Panzer ungeeignet für den modernen Straßenverkehr. Obwohl ein City-Verbot für Geländewagen genauso wirksam wäre, und auch den Micra des Nachbarn schonte – Outdoor müsste dann eben ‘outdoor’ bleiben. Ein Schild an jedem Parkhaus würde genügen. Aber ich sehe schon – wenn es mal Mode wird, mit dem Maishäcksler ins Büro zu fahren, weil man damit noch dümmer auffallen kann, dann müssen eben breitere Straßen her …

Der toitsche Recke

Sie lernen es nie. Im ‘Cicero’ hat es mal wieder jemanden in die Einkaufsmeile – Entschuldigung, in die ‘Shopping Mall’ – einer deutschen Großstadt verschlagen. Prompt erklingt die alte Leier:

“Wenn wir von dem einen verbindenden Element sprechen, das für Deutschland steht, dann sind es nicht Semmelknödel oder Spätzle, Udo Lindenberg oder Beethovens Neunte. Nein, das alles Verbindende ist unsere Sprache.”

Mit Beethovens Neunter im Kopf findet er im Werber-Tohuwabohu natürlich nur wenig Anlass zu klassischer “Freude!”: “Travel Centers” sieht er, “Coffee to go”, “Beverage” und “Cool to School” – kurzum das ganze schnappatmige Werbe-Papperlapapp aufgedrehter Koksnasen, die sich allein deshalb schon für kreativ zu halten pflegen.

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Nach dem Journalismus

Ab sofort ist mein Buch bei ‘epubli’ erhältlich, entweder als E-Book oder als Book on Demand. Die Preise sind so kalkuliert, dass ich als Autor in beiden Fällen etwa 5 Euro für jedes verkaufte Exemplar erhalte. Das gebundene Buch kostet damit 39,99 Euro, das E-Book ist erheblich preiswerter und kostet 7,99 Euro. Das Buch hat 624 Seiten im A5-Format, auf eine ISBN-Nummer habe ich verzichtet, weil mir der Vertrag mit Holtzbrinck sonst ‘zu intim’ geworden wäre. Eine Inhaltsübersicht findet sich hier … aller Zustimmung, Kritik oder auch den Verrissen sehe ich gefasst entgegen.

Hier noch der Klappentext, den ich für ‘epubli’ geschrieben habe:

“Über den Medienwandel wird zu oft aus Perspektive der ‚Opfer‘ geschrieben, aus der Sicht der Journalisten also. Diese behaupten noch ihre Deutungshoheit vor den Lautsprecherwänden großer Massenmedien, obwohl ihre Arbeit Tag für Tag schon entwertet wird. Glauben wir diesen Altjournalisten, dann welkt der gute, alte ‚Qualitätsjournalismus‘ unter dem Gifthauch eines unqualifizierten ‚Shitstorms‘ aus dem Netz rapide dahin. Schon in diesen Jeremiaden suchen wir stilistische Qualitäten meist vergebens …

Das Buch beginnt mit einer dichten Beschreibung der medialen Ausgangslage, bevor nach etwa 50 Seiten der umfangreiche handwerkliche Teil beginnt. Hier geht es um Techniken des Erzählens, um Sprachrhythmik, um Sprachbilder, um Stilfiguren, um Dramaturgie usw. Es entsteht ein ‚Lehrbuch der Narration‘ oder eine ‚stilistische Erzählkunde‘, wie sie für jeden Schreiber praktischen Nutzen hat – in journalistischen Handbüchern aber selten (bis nie) zu finden ist.

Die große ‚erzählerische Wende‘, die diesen Ansatz begründet, folgt aus der neueren Kommunikationsforschung. Ohne einen grundlegenden Wandel informationstheoretischer Vorstellungen ist die Notwendigkeit einer ‚neuen Schreibe‘ kaum zu verstehen. Leicht verständlich behandelt das Buch daher die ‚Entdinglichung‘ der Information und korrigiert andere kognitive Voraussetzungen, um zu erreichen, dass Autoren sich ein zutreffenderes Bild von ihrer Arbeit am Text machen.

Der kritische Teil versucht allen Schreibern dann die Ehrfurcht vor großen Namen zu nehmen. Exemplarisch werden die stilistischen Tricks und Möglichkeiten einiger Alphajournalisten analysiert – u.a. Broder, Matussek, Seibel, Poschardt, Meckel usw. – um zu zeigen, dass auch sie stilistisch nur mit Wasser kochen, einige sogar nur mit der heißen Luft der Ideologie. Einige neue Schreiber, die ‚Alpha-Blogger‘, dienen zur Erläuterung jener neuen Möglichkeiten, die das Netz bereithält.

Das Schlusskapitel geht noch einmal auf die Frage des medialen Wandels ein. Es zeigt, dass es sich um keine ‚Medienrevolution‘ handelt, es handelt sich eher um eine ‚Evolution‘, die sich als Prozess noch über viele Jahre hinziehen wird. In jedem Fall aber wird sich am Ende die mediale Welt für Autoren wie für das Publikum verändert haben.

Stilistisch versucht das Buch über eine Langstrecke von mehr als 600 Seiten den eigenen Ansprüchen an den neuen Stil zu genügen.”

Titelschutz

Hiermit beantrage ich Titelschutz für “Richard David Precht: Der Coach als Filosof” und “Richard David Precht: Coaching als Philosopfad”, ferner “Richard David Precht: Coaching als Fühlosofit” und “Richard David Precht: Coaching als Viel-oh-so-fad” …

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