If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2012 (Seite 3 von 3)

Wer hat die Kokosnuss geklaut?

Stefan Niggemeier versucht sich an einer Verteidigung von Wolf Schneiders Internet-Kompetenz, ein Unternehmen, das der Quadratur des Kreises gleichkäme, wenn es Aussicht auf Erfolg besäße. Entsprechend laut schallt ein rezeptives Hallo durch jenen halben Kilometer Kommentarkorridor, der sich prompt nach diesem Wagnis geöffnet hat. In gereizten Wortmeldungen heißt es gleich mehrfach, an den Statements der jeweils anderen Partei könne man doch sehen, wie empfindlich diese zarten Blogger-Seelen gestrickt seien. Bis zum Horizont aber – von Detlef Gürtler über Christian Jakubetz bis hin zu Ulrike Langer, vom Heddesheim-Porthmann bis zu Stefan Niggemeier himself – tummeln sich vor meinen Augen dort nur gestandene Journalisten, die allerdings alle auch ‘online’ zu finden sind. Auf den Punkt gebracht: Hier streiten On-Off-Liner miteinander, ob ein nativer Offliner wie Wolf Schneider, der sich ohne Not aufs Glatteis des Web 2.0 begab, trotz notorischer Anfälle von Größenwahn immer noch Pietät verdient.

Sobald unsere Kombattanten auf andere Diskutanten wie Mimosen wirken, müssen sie sich Bloggerseelchen schimpfen lassen; bringen sie faktengestützte Argumente vor, umschmeicheln sie sich wechselseitig als wahrhafte Journalisten. Was aber der gemeine Nur-Blogger draußen auf der weiten Prärie zur großen Beckmesserei am Journalistenstammtisch sagt, das erfahren wir mal wieder nicht …

Pykareskes

Unerhört ist das: Da schreibt Frau mal den einen oder anderen israelunkritischen Text für die berüchtigte ‘Achse des Guten’, wo bekanntlich der Inhalt nur selten hält, was der Name verspricht, und prompt wird sie rechtsextremer Verbindungen verdächtigt! Und das nur, weil sie im redaktionellen Umfeld der von sich selbst – also von allerhöchster Stelle – erleuchteten Muslimophoben schreibt. Sogar von Rupert Polenz, dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, gab’s dessenthalben schon was auf die Glocke, woraufhin die Verteidiger der Schnuckelmaus ihr wiederum die moralischen Schaumteppiche ausrollten:

Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn potentielle Personalchefs die junge Dame googlen und dabei auf derartige „Berichte“ stoßen? Noch dazu, wo nun ein namhafter Politiker wie Sie solch haarsträubende Behauptungen mit dem „CDU-Gütesiegel“ versehen hat?

Naja, wie ich deutsche Personalchefs kenne, hindert es Karrieren nicht, wenn man gelegentlich mal auf der ‘Achse des Guten’ durchs Leben gerollt ist. Wie aber kam es zu diesem Konflikt unter Jüdinnen? Nun – die eine Jüdin unterstützt aus Gründen der Aussöhnung einen israelisch-arabischen Waldorf-Kindergarten namens Ein Bustan dort unten im Unheiligen Land. Dort also, wo derzeit der Netanjahu regiert, gestützt auf rabbizophrene Talmud-Rechtsausleger, die von einem Groß-Israel träumen. Die andere Jüdin, also unsere Pykadora hier, die regte sich mitsamt ihrer Mutti* über einen solchen Kindergarten in Israel maßlos auf und betrieb in sozialen Netzwerken das, worüber sie jetzt im ‘European’ zetert. Für Sympathisanten der ‘Achse des Guten’ wiederum ist diese Opfer-Täter-Doppelrolle kein ganz atypisches Verhalten – ‘bin ich nicht Jekyll, dann bin ich der Hyde’.

“Wenn man sich für „Ein Bustan“ einsetzt ist man nicht nur als Nichtjude schnell ein Antisemit, sondern, wenn man das Pech hat israelischer Jude zu sein, ja dann ist man sogar ein Staatsfeind und jüdischer Antisemit zugleich und wenn man ein ganz gewöhnlicher nichtjüdischer Deutscher ist, ja dann ist man ein antisemitischer propalästinenscher Nazi.” [Ich bitte, auch die Giddel-Kommentare unter diesem Text zu beachten]

Das, worüber unsere tippselnde Ballerina sich hier gekonnt zu echauffieren versteht, das muss natürlich gleich die ganze Antifa sein – unter dem tut sie es nicht. Ein paar Hanseln wären ihrem Anspruch nicht genug. Erst die imaginierte Größe des Gegners hebt einen Kampf mit Windmühlen ins Mythologische:

“Die Antifa ist irgendwie auch nicht mehr das, was sie mal war. … Heute … sitzt sie mit dem Mac auf dem Sofa und fantasiert sich liebevoll einen imaginären Feind herbei, der sich in der Regel nicht durch das Tragen von Glatzen und Springerstiefeln, sondern lediglich durch eine nicht Antifa-konforme Meinung auszeichnet.”

Warum bloß könnte ich jetzt schwören, dass die Schreiberin noch nie einen Antifa-Aktivisten aus der Nähe sah? Egal – mancher würde sogar sagen, dass die Frau Pyka sich hier eine Antifa herbeideliriert. Weshalb aber der ‘European’ der wirren Deern seine Spalten freiräumt, das interessiert mich dann doch. Möge sie doch ins heutige Jerusalem reisen, um dort im Bus bei den anderen Weibern ganz großisraelisch und züchtig verhüllt auf der Hinterbank zu sitzen …

* dies ist die Mutti mit dem übermäßigen Mitteilungsdrang, die beim WDR als ‘Frau Maltzahn’ anrief – in Töchterchens eigenen Worten: “Ankündigungen zufolge [wurden] sogar eigens Musikanten des WDR-Sinfonieorchesters engagiert, wovon der zuständige Intendant allerdings nichts wusste – zumindest teilte er dies meiner Mutter mit, als diese sich dort erkundigte.” Kurzum – wäre da nicht der Kindergarten, müsste man diesen intellektuellen Kindergarten gar nicht ernst nehmen …

Dreister geht’s immer

Es ist sehr die Frage, ob man die neuesten Lottozahlen unserer Demoskopen überhaupt ernst nehmen soll. Lustig aber sind allemal die nachfolgenden Interpretationen der Auguren, die sich je nach politischer Präferenz sprachlich völlig von den Fakten zu lösen vermögen. So hat Infratest dimap, im Nachklapp zu Forsa, gerade die 14-Tages-Ergebnisse der neuesten Wahlumfrage vorgelegt. Hier das Ergebnis der letzten zwei Infratest-Ziehungen im Vergleich:

Dokumentierte Unveränderlichkeit

Wie Sie sehen, sehen Sie gar nichts, jedenfalls keine Veränderungen – nicht ein Wert hat sich innerhalb von 14 Tagen verschoben, die politische Situation ist eingefroren. Was aber schreibt uns – völlig realitätsenthoben – Springers ‘Welt’ über dieses Nullsummenspiel daher? Nun, Folgendes:

“SPD und Grüne verlieren bei der Sonntagsfrage jeweils einen Punkt. Die SPD liegt bei 29 Prozent, die Grünen bei 15 Prozent. Die Linke legt um einen Punkt auf sieben Prozent zu, die Piraten werden unverändert bei sechs Prozent taxiert.”

Tscha, schön wär’s, wenn’s so wär’, ja das wär’ gar net blöd … und gerade von den Welt-Lesern merkt’s ja auch keiner.

Die Biegsamkeit der Welt

Nachtrag: Daniel Friedrich Sturm, der Verfasser des Textes, schrieb mir, dass infratest dimap zwar 14-tägige Umfragen erstellt, diese aber auch im Monatsabstand noch einmal als ‘Deutschlandtrend’ auswertet. So käme es zu der Abweichung bei den Zahlen. Das klingt für mich zwar nach geschäftstüchtiger Doppelverwurstung bereits überholter Daten – aber sei’s drum.

Der Steinbach-Salto

Dero Impertinenz belieben wieder zu delirieren: “Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI …”. Mit Verlaub, Frau Steinbach – das ist doch die Bauernfängerei bei solchen programmatischen Namensgebungen. Gerade weil die Nazis sich – arbeiterhaschend – ‘sozialistisch’ nannten, war ihre Praxis faktisch das völlige Gegenteil – durch die Bank antiaufklärerisch, antiegalitär, antimarxistisch, antiwissenschaftlich und antisozial. Man könnte ja dem Sozialismus vieles vorwerfen, zumindest hat er aber versucht, all diese ‘fortschrittlichen Traditionen’ zu beerben, die Bräunlinge hingegen dezidiert nicht. Die waren in ihrem selbsterzeugten Mythenqualm noch stolz darauf, besonders doof und ‘germanisch’ zu sein. Und ihre erste Tat bestand darin, alle Arbeiterorganisationen und auch die Bibliotheken zu zerschlagen. Im übrigen ist dieser Hang, sich selbst nett zu taufen, wahrlich altbekannt, er kennt zahllose historische Parallelen. Schauen Sie mal hier:

CHRISTLICH Demokratische Union
VOLKSrepublik Nordkorea
Deutsche DEMOKRATISCHE Republik
Initiative Neue SOZIALE Marktwirtschaft

Auch die sind schließlich all das nicht, was sie in ihre Neonreklamen schreiben. Wenn Ihnen also demnächst wieder etwas durchs Hirn wabert, prüfen Sie’s erst, bevor Sie’s ins Netz hämmern, sonst versuchen Sie noch, uns auch den Islamismus, die FDP oder Scientology als Teil einer extra weitgefassten ‘linksextremen Bedrohung’ zu verkaufen. Und dann wäre es bei Ihnen endgültig Nacht – und alle Katzen grau.

Nachtrag: Im Netz wird die Dame jetzt auch grafisch durch den Kakao gezogen

Double Talk

Literweise fließen die Krokodilstränen, wieder einmal fühlt sich ein Mitglied der europäischen Giddel-Szene absolut unverstanden, trotz unübersehbar brauner Streifen in seinen kugelsicheren Verbalunterhosen:

“FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache spricht von einer “parteipolitisch motivierten Schlammschlacht” gegen ihn. Seine Aussagen zu den “neuen Juden” und sein Vergleich mit der “Reichskristallnacht”, dem Novemberpogrom von 1938, beim Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) seien völlig falsch berichtet worden.”

Wie aber und worin zeigte sich diese falsche Berichterstattung? Daraufhin folgt die typische Kamikaze-Argumentation jener Hirnamputierten, an die nur glauben kann, wen es nach Wissen nicht dürstet:

“Strache bestreitet die Aussagen nicht, behauptet aber, sie seien in einem Vieraugengespräch mit Klaus Nittmann, Chef des freiheitlichen Bildungsinstituts, gefallen.”

Schon klar, dann ist ja alles gut. Denn die ‘freiheitliche’ Privatmeinung ist natürlicherweise ganz etwas anderes als die wohlabgewogene öffentliche Meinung eines Männleins, das da unverdrossen meint, dass es irgendwie doch auch ein Politiker wäre wie die Großen, die ihn einfach nicht mitspielen lassen. Wer sich im kleinen Kreis als angeblich braunes Opferlämmchen outet, der muss im großen Maßstab schließlich jemand ganz anderes sein. Wahrscheinlich ein veritables Schaf …

Nebenbei, Herr Strache – nur weil der Jörg Haider vielleicht ähnlich angreifbar dahergeschwätzt hat, verwandelt sich intellektuelle Scheiße noch lange nicht in Rachengold.

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