If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2012 (Seite 3 von 4)

Unmöglich zu entschuldigen

Er entschuldige sich, sagt unser Bundespräsident. Es wäre ja schön, wenn’s so einfach ginge. Die Ent-Schuldigung, also die Befreiung von der Schuld, die kann er aber nicht an sich selbst vornehmen, als Methode wäre das ein allzu billiger Ausweg. Er steht schließlich nicht vor einem Spiegel, die Entschuldigung ist kein Akt der Autoreflexion. Nur die Bevölkerung oder das Publikum könnte ihn entschuldigen, nicht er sich selbst. Insofern ist unser eingefahrener Sprachgebrauch – “ICH entschuldige MICH!” – nur Teil des großen Verbal-Bullshits, der uns täglich umschwappt.

Scheininnovation

So heißt im Pharmabereich die Methode, einen Ladenhüter in leicht veränderter Verpackung als ‘dernier cri’ anzupreisen, um satte Windfall-Renditen weiterhin einzustreichen. Ähnlich geht jetzt der Cicero vor, wenn er uns das ‘Wachstum’ als NEUE und brandheiße liberale Leitidee andienern will, so als ob die Liberallas nicht seit Jahrzehnten schon an den Fetisch Wachstum so fest glauben, wie der Katholik an die Jungfrauengeburt:

“FDP-Parteichef Philipp Rösler kann die neue liberale Leitidee „Wachstum“ nicht richtig verkaufen.”

Das Problem liegt doch wohl eher darin, dass noch nicht einmal ein Weizsäcker oder ein Obama die ausgeleierte Wachstumsplatte den Bürgern als ‘neue’ Leitidee und als kommenden Hit verkaufen könnte …

Was Text kann

Wie Sie sehen, sehen Sie hier, ganz ohne Text, nur ein ödes Flussbild. Um es sprechen zu machen, benötigen wir Buchstaben. Vom Bild kommt die Form, der Text gibt dem Ganzen erst den Sinn.

Die Texte helfen einem Bild auf die Sprünge, sie verleihen der grafischen Projektionsfläche die gewünschte ‘Story’:

Jenseits des Wehres war das Wasser still und schwarz. Vor allem war es tief, so tief wie seine Sehnsucht zu enden. Sein Puls ging ruhig, er war frei von jeder Angst. Schon stand er auf der anderen Seite des Geländers, der Moment des Sieges war gekommen. Vornüber gebeugt schaute er hinab … ” Prompt hätten wir mit Hilfe des Textes ein wenig Selbstmord-Kitsch erzeugt, angemessen morbide und pubertär, das Bild erhält gewissermaßen einen Endzeit-Charakter.

Mit Hilfe des Textes lässt sich aber auch für lexikalische Nüchternheit sorgen: “Die Wümme ist der 118 km lange, linke bzw. südliche Quellfluss der Lesum, ein Nebenfluss der Weser im nördlichen Niedersachsen. Die Wümme fließt durch Niedersachsen und Bremen und gehört zu den saubersten Flüssen Norddeutschlands.

Etwas Kriminalistisches gefällig? Bitte sehr: “Am linken Ufer, den Vorderreifen im Wasser, fanden sie das rote Kinderfahrrad. Der Stoffhase hockte noch immer auf dem Gepäckträger und lächelte dumm. Eine Blutspur wies den Fahndern den Weg. Hinter der ersten Baumgruppe lag die geschundene Kinderleiche im zertrampelten Gras.

Es ginge aber auch ästhetisch: “Das berühmte ‘Worpsweder Licht’ zog immer wieder Maler in die weite Moorlandschaft zwischen Hamme und Wümme. Das sanftbraune Wasser mit regenbogenfarbenen Eisenflecken dort, wo es brackig in den Gräben stand, das vom Wind silbrig geriffelte Wiesengrün mit den gelblich-kargen Sumpftönen gleich nebenan, der milchige, plötzlich wieder sturmzerrissene Wolkenhimmel …“.

Und ewig ist es ohne Text das gleiche langweilige Bild. Erst der Text macht die Musik: Ein Bild sagt weniger als 1.000 Worte … und ändert sich der Text dazu, wird’s gleich ein anderes Bild.

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