If your memory serves you well ...

Monat: August 2009 (Seite 3 von 3)

Gelfrisuren

Früher war alles einfacher: Trug jemand eine Matte, dann konnte jeder diesen Waldmenschen unbesorgt um einen Joint oder um einen Schlafplatz in der WG anhauen. Seitdem allerdings Bon Jovi, Torsten Frings und zahllose Sankt-Pauli-Zuhälter mit schulterlanger Mähne durchs Leben turnten, garantiert das Aussehen für nichts mehr. Ähnlich wie in der Lebensmittelabteilung ist auch in den menschlichen Verpackungen nur noch selten das drin, was der Mitmensch darin zu sehen meint. So wird ein Versicherungsvertreter oder ein Bankster bloß wegen seines Maßanzugs aus Londons City charakterlich noch lange nicht seriös. Da mag die gute Oma Monsees von nebenan noch so sehr auf ihre konventionsgestützte Menschenkenntnis pochen. Selbst ein Irokese beweist heutzutage nichts mehr. Auch da ist die große Verweigerungshaltung, einst Kernbestand jeder Punk-Attitüde, den Leuten auf dem Lebensweg komplett verloren gegangen. Denn Verweigern war gestern. Dank Drei-Wetter-Taft und Fingerfarbe aber sitzt das Outfit, egal, wie oft und wie weit die Beine sich beim Lockruf des Dollar schon spreizten. Das persönliche Corporate Design hält so bombenfest, wie die ökologiefarbene Vattenfall-Marke auf dem maroden Atomreaktor.

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Denkfutter

Wer glaubt, dass die Diskussionen um Selbstreferentialität, um Plagiate, um Textklau und Abschreiberlinge erst mit dem Web 2.0 aufgekommen seien, der irrt. Egon Friedell stellte schon den dreißiger Jahren der gesamten Weltliteratur die Diagnose einer grassierenden ‘Blogosphäritis’:

“Die ganze Geistesgeschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Diebstählen … Die ganze Weltliteratur besteht genaugenommen aus lauter Plagiaten.”

Der erste Journalist

Als der Publizist Ludwig Börne im Mai 1832 sein Exil in Paris verließ, um zum Hambacher Fest zu reisen, da säumten begeisterte Menschen schon in Neustadt und Freiburg jubelnd die Straßen. Abends erlebte der schmächtige Mann aus der Frankfurter Judengasse stundenlange Serenaden vor den Fenstern des Gasthofs. Weshalb er die halbe Nacht nicht einschlafen konnte, denn immer wieder wurde er heraustrompetet von Dorforchestern und Sangesbrüdern, die mangelndes musikalisches Können durch patriotische Begeisterung und viel Alkohol wettmachten. Allerdings sei ihm inmitten all der Ovationen auf diesem Fest auch die Geldbörse gestohlen worden. So trocken beschrieb Börne kurz darauf seinen ersten Kontakt mit dem organisierten Liberalismus in Deutschland.

Zweifelsohne war Ludwig Börne damals der populärste Mann in Deutschland. Durch ihn erst war die Publizistik zu einer Macht geworden. Ein großartiger Schreiber mit essigsaurem Witz war er noch dazu, der ob seiner Ironie gefürchtete Herausgeber zunächst der Wage und dann auch der Freien Zeitung der Stadt Frankfurt, die beide in seiner Heimatstadt erschienen. Im freiwilligen französischen Exil, wohin ihn vor allem seine Begeisterung für die Julirevolution 1830 trieb, da machten ihn die Briefe aus Paris (1830 – 1834) vollends zum ‘ersten politischen Publizisten deutscher Sprache’. Heine konnte diesen verwaisten Thron erst nach Börnes Tod im Jahr 1837 besteigen.

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Die Sprachmoglerin

Jetzt kommt es tatsächlich so, wie es die Mehrheit der Netzbenutzer seit längerem befürchtete: Der Kampf gegen die Kinderpornographie sei nur eine Ouvertüre in ihrem Kampf gegen das Netz höchstselbst gewesen, das verkündet uns Ursula von der Leyen. Nun gehe es generell darum, dem großen “Chaos” im Internet endlich den Garaus zu machen. Offensichtlich ist sie – auch durch die Widerständigkeit des Netzes – zum ‘Wife with a Mission’ mutiert, ein Weib also, dessen ideologische Weltwahrnehmung mit der Realität, auch mit einer angeblich ‘virtuellen Realität’ im Netz, nicht mehr viel gemein hat.

Hier zunächst ungekürzt die entscheidende Passage aus dem Abendblatt-Interview, bevor wir uns dann die Dame ein wenig hermeneutisch zur Brust nehmen wollen. Frau von der Leyen im O-Ton:

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Überall nur Qualitätsjournalismus

Manchmal frage ich mich ja, was einigen Bloggern einfällt, solch unverantwortliche Aussagen einem Thomas Kron, dem ehemaligen Chefredakteur der Ärzte Zeitung, in den Mund zu legen und in der Öffentlichkeit breit zu treten. Aussagen, die schon deshalb gar nicht wahr sein können, weil sie inzwischen ratzfatz gelöscht werden mussten. So einfach ist das nämlich mit den Wahrheitsbeweisen in Zeiten der Jurisprudenz. Selbst dann noch, wenn der irregeleitete Herr Kron, wie es scheint, nicht wanken und nicht weichen will: “Dr. Kron selbst hat seine Aussage nach unserem Kenntnisstand bislang nicht zurückgezogen.

Aber seien wir doch mal ehrlich: In einer Welt, wo herunterverdünnte Wirkstoffkonzentrationen von Eins zu zigtausend Quadrillionen wahre Wunder in der Heilkunst bewirken können, wo die geheilten Zeugen Hahnemanns, die strahlend ihre Krücken fortwarfen, in jede Fernsehshow drängen, wo einige Öchsperten die Homöopathie für das Lourdes der Medizin halten, andere wiederum die Analogmedizin für den heiligen Gral erachten, da hätte die produzierende Pharma- und Verdünnungsindustrie einen halbseidenen Gefälligkeitsjournalismus doch gar nicht mehr nötig – und auch nicht irgendwelches Ballyhoo, wie es jene Entrüster dort veranstalten, die den auslösenden Scienceblog-Artikel in weit mehr als homöopathischen Dosen und trotz eines seigneuralen Doktortitels lauthals krawallkommentieren:

“Denen hier gegen die Homöopathie auftreten, ist eines gemein: Sie haben keine Ahnung davon. … Es ist schon eine eigenartige Zeit, wo solche Pfeifen es wagen dürfen, über einen Arzt wie Hahnemann, der sich 70 lange Jahre mit vollen Einsatz mit der Heilkunst beschäftigt hat, zu urteilen.”

Jaja – Hauptsache, der Mann zeigte Anno Dunnemals Einsatz. Denn das ist entscheidend, in der Homöopathie beim Wissenschaftlichkeitsersatz wie im Medizinjournalismus bei der gepflegten Substitution aller medialen Anfangsgründe …

Welcome to the Health an Happiness Show

Welcome to the Health and Happiness Show

Bild: Franz Anton Maulbertsch (1724 – 1796) wikimedia, gemeinfrei

Nachtrag: Das wird ja immer doller. Besagter Thomas Kron weitet die Kampfzone in geradezu erfrischender Ehrlichkeit auf alle Medien aus: “Dass Berichterstattung mit Bezahlung in Gestalt von Anzeigen in Verbindung steht, ist weder etwas Besonderes bei dem oben genannten Medium, noch bei Medien überhaupt. Wer sich nur ein wenig mit Medien beschäftigt, kann das kaum übersehen”, schreibt er in einem neuen Kommentar.

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