Stilstand

If your memory serves you well ...

1618-1648: Der Krieg als Selbstzweck

Der Krieg nährt den Krieg

„Ein, zwei Stunden kann ich für Sie schon erübrigen. Ich und meine Studenten sind ja wegen ganz anderer Dinge da. Unser Forschungsprojekt lautet ‚Niederdeutsche Ackerbaustädte im Wandel der Zeit‘. Deshalb, weil diese kleinen Orte von unserer Wissenschaft ja noch gar nicht erforscht wurden. Über Hamburg, Bremen oder Osnabrück finden Sie bergeweise Literatur – aber über einen kleinen Ort wie Rethem? Zudem gibt es hier ein gut erhaltenes Archiv. So also sind wir hier gelandet, mit einem Förderprogramm im Rücken …“

Alexander Schirmer sah eigentlich gar nicht aus wie ein Professor, der sich täglich durch Berge von Aktenstaub wühlt. Er war noch jung, Anfang 40 vielleicht, das schmale Gesicht schmückten eine Nickelbrille und ein blonder, sauber gestutzter Vollbart. Dazu trug er eine beige Leinenhose, locker darüber ein offenes, kariertes Sommerhemd. An den Füßen bequeme Laufschuhe, die schon bessere Tage gesehen hatten. Wir beide saßen im Allerhof, oben unter dem Vordach auf der Veranda, mit einem weiten Blick in den blühenden Obstgarten hinein.

Ich erklärte ihm, weshalb uns ein gemeinsames Interesse verband. Ich beabsichtigte, gleichfalls Geschichten aus Rethems Vergangenheit episodenhaft zu illustrieren, dabei aber das Geschehen in eher literarische Bilder zu fassen. Und derzeit hatte ich eben den großen Krieg auf der Palette, beziehungsweise auf dem Bildschirm. Jenen Krieg also, der so vieles in Deutschland veränderte.

„Nicht, dass sie uns dabei in die Quere kommen!“, Schirmer grinste mich an: „Aber ich verstehe schon. Sie wollen den Menschen hier ihre Geschichte nahebringen. Und zwar so, dass sie auch Anklang findet. Unser Publikum hingegen ist ja eher die Fachwissenschaft – und dementsprechend trocken lesen sich die Resultate dann auch. – Aber gut, reden wir also über den Dreißigjährigen Krieg, der fälschlich immer noch als ‚Religionskrieg‘ bezeichnet wird. Da habe ich für Sie als erstes eine Enttäuschung parat. Zwischen 1618 und 1648 lag Rethem – so wie eigentlich ganz Nordwestdeutschland – in einem eher abseitigen Winkel. Das heißt jetzt nicht, dass hier friedliche Zustände herrschten. Die Auswirkungen des großen Krieges waren nur nicht so katastrophal wie die unaufhörlichen Verwüstungen in Flandern, Böhmen oder der Pfalz, wo dieser Krieg nahezu ohne Unterbrechung tobte.“

„Von welchen Auswirkungen reden wir, wo doch die großen Schlachten woanders geschlagen wurden,“ warf ich ein.

„Nun ja, Tilly, Pappenheim, Wallenstein, und wie die großen Söldnerführer alle hießen, die zogen natürlich auch hier gelegentlich die Aller entlang. Aber nicht, um eine Entscheidungsschlacht zu suchen. Generell belauerten sich die Armeen damals eher, als dass sie sich mit Hurra ins Gemetzel stürzten. Und sie folgten, wo es ging, den Flussläufen, weil sich so die Logistik und Versorgung am ehesten sichern ließen. Der Schwarze Tod, der den Heeren immer auf dem Fuße folgte, der forderte dann auch hier in der Heide seine Opfer. Zwei Pestwellen haben auch Rethem wohl getroffen. Hinzu kamen die „Kontributionen“, wie Wallenstein die von ihm erfundene Ausplünderung der Provinzen nannte, was dann auch Rethemer Ställe und Scheunen leerte. ‚Das Land ernährt den Krieg‘, diese Regel galt in der frühen Neuzeit überall – auch an Weser und Aller. Und die Bevölkerung fraß nach dem Durchzug dieser gefräßigen Heuschrecken oft genug Wurzeln und Gras.“

Plünderer berauben ein Dorf

„Und diese Zustände herrschten dreißig Jahre lang? Da verwundert es ja, dass überhaupt jemand überlebte.“ Ich schaute Schirmer fragend an.

„Natürlich nicht.“ Schirmer stopfte sich eine Pfeife und sah den blauen Rauchkringeln nach: „Wir Historiker unterscheiden im Kern vier Phasen – den verworrenen böhmisch-pfälzischen Krieg von 1618 bis 1623, der uns hier in Norddeutschland aber kaum betraf. Dann den niedersächsischen Krieg von 1623 bis 1629. Zu jener Zeit hoffte der dänische König Christian IV., im allgemeinen Tohuwabohu die Herrschaft über die Flussmündungen von Elbe und Weser gewinnen zu können. Mit dem frischen Geld aus den Fluss-Zöllen wäre er zum reichsten Monarchen Europas aufgestiegen. Dänische Truppen zogen im Sommer 1625 also gen Nienburg, wobei sie selbstverständlich auch durch Rethem kamen. Tilly versperrte ihm weiter südlich bei Höxter den Weg, und so entstand ein niedersächsisches Patt, während die dänischen Truppen das Land kahlfraßen.

„Und wie endet dieses Patt?“ Die Dänen hatte ich als Rethemer ‚Volksbeglücker‘ noch gar nicht auf der Liste gehabt.

„Naja, 1630 setzte dann bekanntlich der Schwedenkönig Gustav II. Adolf über die Ostsee. Es folgte ein legendärer Triumphmarsch, der ihn bis vor die Tore Wiens führte, wo er dann bei Lützen fiel. Vermutlich hatte er noch zu viel Wikingerblut in den Adern, denn Armeeführer waren anderswo nur selten in der ersten Reihe zu finden. Diese Phase ging als ‚Schwedischer Krieg‘ von 1630 bis 1636 in die Bücher ein. Mit ihrem unerwarteten Sieg bei Wittstock 1636 konnten die schwer demoralisierten und geldklammen Schweden dann ihren Kopf nochmals aus der Schlinge ziehen. Woraufhin sie im Bündnis mit den Bourbonen den französisch-schwedischen Krieg führten, der von 1636 bis zum Westfälischen Frieden 1648 andauerte.“

„Aber wer hatte in all dem Gewimmel europäischer Mächte dann hier vor Ort das Sagen?“

„Nach den Dänen herrschten seit 1630 in unserer Region die Schweden. Zumindest, seit die Dänen aus Geldmangel aufgegeben hatten. Sie mussten nach dem Frieden von Lübeck 1629 auch ihre Hochburg Verden räumen. Die Kommandogewalt hatte in den dreißiger Jahren dann die schwedische ‚Weser-Armee‘, deren Winterquartier gleichfalls in Nienburg lag. Deshalb, weil Nienburg früh zu einer Festung ausgebaut worden war. Sogenannte ‚Schwedenschanzen‘ aber gibt es verstreut in ganz Deutschland noch heute wie Sand am Meer. Um eine ‚schwedische Armee‘ handelte es sich bei den Nienburger Truppen damals nur dem Namen nach, denn gebürtige Schweden musste man in ihren Reihen mit der Lupe suchen. Geführt wurde die Weser-Armee von dem schottischen Feldmarschall Alexander Leslie. Die Mannschaften bestanden aus einem bunten Völkergemisch – aus Iren, Schotten, Spaniern, Italienern, Deutschen, Letten oder Finnen. Diese Zusammensetzung zeigen die Skelette aus einem Massengrab bei Wittstock, wo nach der gewonnenen Schlacht gegen die Kaiserlichen im Jahr 1636 die Leichen von 125 Soldaten dieser Weser-Armee bestattet und wiederaufgefunden worden waren. Seither wissen wir sehr viel mehr über die einfachen Truppen im Dreißigjährigen Krieg.“

„Arme Schweine, nehme ich mal an.“ Ich schenkte mir Kaffee nach.

Schirmer wiegte den Kopf: „Ja und Nein. Nur drei Jahre und vier Monate überlebte, statistisch gesehen, ein schwedischer Soldat seine Einberufung. Das wissen wir aus schwedischen Akten. Ein solch überzähliger Bauernsohn starb dann aber meist nicht im Kampf, sondern ihn raffte eine jener zahllosen Krankheiten dahin, die so ziemlich alles umfassten, was das Seuchenlehrbuch hergibt: TBC, Ruhr, Fleckfieber, Pocken, vereiterte Zähne, Beulenpest oder Lungenpest. Weit verbreitet war auch die Syphilis. Deren Erreger, das Bakterium Treponema pallidum, schleppten erstmals vermutlich zurückkehrende ‚Conquistadores‘ mit der spanischen Goldflotte nach Europa ein. Die Franzosen sprachen, dem Ausbreitungsweg folgend, dann von der ‚spanischen Krankheit‘, die Deutschen von der ‚französischen Krankheit‘, und die Polen von der ‚deutschen Krankheit‘. Da die Syphilis aber bis zum vierten Stadium, bis zum kompletten Irrsinn, ungefähr dreißig Jahre benötigt, war sie im Krieg nur selten todesursächlich. Allerdings war bei elf der 125 Soldaten im Wittstocker Massengrab diese ‚Lues‘ schon bis ins dritte Stadium fortgeschritten. Das wiesen die Pathologen anhand der typischen Deformation der Knochen nach. Kurzum: Die Söldnerheere der frühen Neuzeit waren ein abgerissener, verdreckter und geschlechtskranker Haufen aus Todeskandidaten voller Ungeziefer, geplagt von Läusen, Flöhen und Wanzen. Diese ‚Geschenke‘ reichten die Truppen dann bei ihren zahllosen Plünderungen und Vergewaltigungen an die Bevölkerung weiter. Um auf mein Nein eingangs zurückzukommen: Diese elenden Gestalten waren nicht nur Opfer, sondern allemal auch Täter. Dieser Krieg wurde dreißig Jahre lang fern jeder Menschlichkeit geführt.“

Ich schaute Schirmer fragend an: „War denn die Lust, Beute zu machen, das Motiv für die zahllosen Grausamkeiten?“

Der wiegte den Kopf: „Das sicherlich auch. Archäologen finden heute noch an alten Hauswänden aus jener Zeit gelegentlich Schmuck und Münzen, die aus Angst vor Plünderern dort vergraben wurden. Wo aber die Besitzer im großen Tohuwabohu dann auch umkamen, ob nun an der Pest oder an Folterung, da wanderte das Wissen um diese Schätze mit ihren Inhabern ins Grab. Viel wichtiger für die Truppen aber waren meist Nahrung und Sold. Fünftausend Soldaten, dies die durchschnittliche Größe einer Armee in jeder Zeit, die wollten ja ernährt und bezahlt werden. Und dieser Sold blieb oft genug aus, weil die Kriegsherren selbst zumeist höchst klamm waren. Fehlte dann auch noch jeder Nachschub an Nahrung, weil ja der Krieg den Krieg zu ernähren hatte, dann kann man sich vorstellen, zu welchen Taten die Truppen durch ihre knurrenden Mägen getrieben wurden. Oft genug wurde selbst das Saatgut konfisziert, was den Bauern nicht nur das Korn raubte, sondern auch jede Hoffnung auf eine Ernte im folgenden Jahr. Jüngere Männer aus dem Dorf wechselten danach oft die Seiten, und schlossen sich diesen Söldnern an. Aufgegebene Dörfer, die sogenannten Wüstungen, waren die Folge. Andere flohen als ‚Waldmenschen‘ ins Dickicht, wo sie auf die Stufe steinzeitlicher Sammler und Jäger zurückfielen. Kannibalismus war damals auch nichts Außergewöhnliches.“

„Die Armeen nahmen Bauernlümmel ohne jede militärische Ausbildung auf?“ Zweifel war in meiner Stimme zu hören.

Schirmer lachte: „Die Schlacht erzieht den Soldaten. Das war damals die Regel. Ein solcher Frischling wurde zunächst einmal Pikenier. Das heißt, er rammte im Ernstfall einen vier Meter langen Spieß im 45-Grad-Winkel in die Erde und erwartete so die Kavallerie, die schnaubend und donnernd mit wild geschwungenen Äxten und Hellebarden auf ihn zu galoppierte. Die Reiterei wollte immer dem seitlich verwundbaren Truppenverband in die Flanke fallen, um der gegnerischen Armee damit den Arsch aufzureißen. Bei diesem Angriff durfte so ein Pikenier dann nicht wanken und nicht weichen. Dies war sozusagen die Grundausbildung in jener Zeit. ‚Von der Pike auf‘ lautet heute noch eine redensartliche Wendung. Bewährte er sich im Getümmel, blieb er also ‚standhaft‘, konnte er später zum Musketier oder Kanonier aufsteigen. Falls er zu dem Zeitpunkt noch lebte. Auch die Reiter trugen später übrigens statt der besagten Äxte leichte Musketen.“

„Diese jungen Kerle erwarteten also sehenden Auges den Tod auf dem Schlachtfeld?“ In meinem Kopf ertönte das unaufhörliche Gebrüll dieser Schlachten, der Kanonendonner, das Wiehern verwundeter Pferde und das Klirren von Metall auf Metall.

„Sofern man überhaupt noch etwas sah“, sagte Schirmer: „Das Schießpulver zu jener Zeit war ja sehr rauchintensiv, und all die Schüsse aus den Feldkanonen und Musketen hüllten die Walstatt binnen kurzer Zeit in dichten Nebel, wo Freund und Feind dann nur noch schwer zu unterscheiden waren. Schon gar nicht an der Kleidung. Das war vermutlich einer der Gründe, weshalb die Belagerung von Festungen und Städten die Zahl der offenen Feldschlachten bei weitem übertraf. Die zahlenmäßig unterlegene Streitmacht zog sich in eine befestigte Stadt zurück. Vor den Mauern trieben die Gegner ihre Schanzen und Minen voran. Freund und Feind waren voneinander in einem solchen Fall klar getrennt. Einer der Gründe übrigens, weshalb die Weser-Armee in Nienburg lag. Das war, anders als Rethem, eine befestigte Stadt, die sich verteidigen konnte.“

„Waren solche Belagerungen denn erfolgreich?“, fragte ich.

„Zumindest waren sie siegversprechender als die Schlachten. Gut es dauerte seine Zeit, bis die Stadtbevölkerung alle Ratten und Katzen verspeist hatte, und entnervt aufgab. Hisste sie allerdings rechtzeitig die weiße Fahne, dann blieb sie von Plünderungen und Vergewaltigungen halbwegs verschont. Nur die Kontributionen wurden eingetrieben. Die gegnerischen Truppen gliederte der Sieger ins eigene Heer ein, der Kommandeur erhielt freies Geleit mitsamt seinem Tross. Denn untereinander zeigten sich die hohen Herren stets gnädig. Erwiesen sich die Verteidiger hingegen als zäh, dann wurde nach der Erstürmung drei Tage lang Tabula Rasa gemacht: Mord, Brandschatzung, Vergewaltigungen. Magdeburg ist wohl das berühmteste Beispiel. Dort schleifte des Kaisers Feldherr, der Tilly, die Häuser und Mauern, bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Stadt wurde zu einem großen Friedhof.“

„Wer oder was ist denn dieser ominöse Tross, unter dem ich mir so gar nichts vorstellen kann?“

Schirmer nickte wissend: „Das ist ja das gemeine Vorurteil, welches in diesem Krieg immer nur die Soldaten sieht. Wir Historiker hingegen nennen die Armeen ‚wandernde Großstädte‘. Nach den Maßstäben jener Zeit natürlich. Denn mit ungefähr 40.000 Vorkriegseinwohnern war Köln schon die größte Stadt Deutschlands. Die meisten ‚Großstädte‘ kamen damals über 2.000 bis 3.000 Einwohner nicht hinaus. Vorneweg zogen also die Bewaffneten. Die Kavallerie schlug sich dabei seitwärts in die Büsche, um auf den Dörfern Proviant zu requirieren. Hinter den Soldaten wälzte sich aber nochmals ein ebenso großer Trupp von Menschen die Straße entlang. Das war der so genannte Tross. Er bestand aus den Frauen und den Techtelmechteln der Soldaten, aus Barbieren, Marketendern, Garköchen, Bäckern, Schlachtern, Prostituierten, Schankwirten und Glücksspielern. Die Gewaltmärsche jener Zeit ließen den Tross und die Heere noch schneller dahinschwinden als die blutigsten Schlachten. Es kam durchaus vor, dass ein Feldherr mit 20.000 Soldaten loszog. 600 Kilometer später waren ihm noch 5.000 Männer verblieben. Gut, nicht alle starben unterwegs, viele desertierten auch, um fortan als Banditen ihr Leben zu fristen. Sie mussten aber aufpassen, nicht dem ‚Profoss‘ in die Hände zu fallen, also jenem brutalen Henker, den jede Armee damals im Gefolge hatte.“

„Das wilde Leben in Wallensteins Lager ist dann auch bloß eine romantische Vorstellung?“ Um eine Illusion ärmer lehnte ich mich enttäuscht zurück.

„Nicht ganz.“ Schirmer nickte mir zu: „Der Krieg war ja damals notgedrungen eine Sommerveranstaltung, er begann frühestens im April und endete im Oktober. Die Wege und Straßen waren ja nicht asphaltiert, auch die Hauptstraßen waren nur bessere Sandpisten. Im Winter wären zum Beispiel die schweren Feldkanonen schlicht im Schlamm versunken. Also bezogen die Armeen damals alle ein Winterquartier, zum Leidwesen der dortigen Bevölkerung natürlich. Die Weser-Armee zeltete, wie gesagt, dann bei Nienburg, mit allen üblen Konsequenzen, die das für unsere Region hatte.“

„Zelte? Das muss im Winter aber mächtig kalt gewesen sein?“ Ich schaute ungläubig drein …

Schirmer lächelte: „Nun, wenn eine eroberte Stadt in der Nähe war, dann fanden die Offiziere natürlich innerhalb der Mauern ihr Quartier. Wo nicht, da bildete das Lager die hierarchische Struktur der Gesellschaft ab. In der Mitte stand meist das kreuzförmige Riesenzelt des Befehlshabers, das Tuch mit Wachs wasserfest gemacht, stets gut beheizt, bestens verpflegt, und umgeben von Palisaden. Die Offiziere und Leibgardisten hausten in Kuppelzelten ringsum. Dann erst folgten die Zelte der Kompanien, durch Fahnen kenntlich gemacht. Weiter außen fand sich der Exerzierplatz und die Hinrichtungsstätte des Profoss. Die Hütten des Markt- und Saufplatzes für die Freizeitgestaltung bildeten einen weiteren Ring. Das alles wurde von Befestigungsanlagen umgeben, um Überraschungsangriffe abzuwehren. Vor diesen Palisaden fand sich der Scheißplatz. Da es aber nachts stockdunkel war, wurde überall im Lager gepisst und geschissen. Entschuldige bitte die derbe Ausdrucksweise.“

Lager mit Scheißplatz

„Die Hygiene dürfte das nicht gerade befördert haben?“ Ich verzog angeekelt mein Gesicht.

„Natürlich nicht!“ Schirmer nickte mir zu. Die Zustände im Lager waren katastrophal, was den Menschenschwund weiter ansteigen ließ. Die Mannschaften in den Zelten schliefen dicht an dicht wie die Sardinen. In der Feuchtigkeit und Kälte breiteten sich Krankheiten rapide aus. Durch das fehlende Waschen und Wechseln der abgerissenen Kleidung gehörten Heerscharen von Wanzen, Flöhen und Läusen zum Alltag, verstärkt noch durch den Aberglauben, dass man beim Zerdrücken der Läuse immer zwei übriglassen müsse, weil die dann das ‚schlechte Blut‘ absaugen. Wollte sich ein Soldat mit seiner Frau oder Konkubine vergnügen, dann musste er sich in die Büsche schlagen. Es gab übrigens deshalb auch viele Kinder in diesen Heeren, die aber nur selten überlebten. Zwei von dreien starben damals im ersten Lebensjahr. Die Frauen hatten eh die schwerste Last zu tragen. Verheiratet waren wohl die wenigsten. Nicht umsonst hieß der Offizier, der für den Tross zuständig war, ganz offiziell ‚Hurenweibel‘.“ 

„Wieso waren die Frauen besonders arm dran?“ Ich guckte verwundert.

„Was für eine Frage?“ Schirmer schaute mich erstaunt an: „Die Soldaten waren mit ihrer Muskete oder Pike beladen, dazu das Sturmgepäck. Wer aber meinst du, trug im Tross wohl all das Gepäck, die Schüsseln und Pfannen, die kärgliche Beute, dazu die Kinder auf dem Arm? Wer musste sich um das Essen kümmern, wenn der Liebste alles Geld mal wieder im Zelt des Sudlers verzockt hatte? Sudler hießen übrigens die Garköche in den Saufbuden des Lagers. Wer flickte die Risse in den Uniformen, wer pflegte die Verwundeten? Überhaupt die Verwundungen: Nahezu jede schwerere Verletzung war damals tödlich, sobald das Wundfieber einsetzte. Die Betroffenen starben an der Sepsis oder an der Blutvergiftung, würden wir heute sagen.“

„So schlimm?“ Ich wiegte den Kopf.

„Jaja, so schlimm! Ärzte gab es ja nicht, zumeist waren es nur Feldscher, die bei einem Bader oder Zahnreißer in die Lehre gegangen waren. Hygiene war damals völlig unbekannt. Bis auf die verfehlte Behandlung mit dem Brenneisen natürlich. Man dachte damals, dass das Schießpulver die Wunden vergifte. Um die Wirkung zu neutralisieren, goss man siedendes Öl ins Fleisch oder man fuhrwerkte mit dem Brenneisen darin herum. Zum Verbinden nahm man dann Lumpen von höchst zweifelhafter Hygiene. Generell mussten verwundete Soldaten für diese Misshandlung auch selbst bezahlen. Für die medizinische Versorgung übernahm der Feldherr nämlich keine Verantwortung. Vor allem die Ärmsten verreckten also völlig unversorgt. Am schlimmsten aber waren die Amputationen. Außer dem Alkohol war ja jedes Betäubungsmittel unbekannt. Mit einer Knochensäge wurde das abgebundene Glied abgetrennt. Von dem Schmerz spürte der Betroffene nur deshalb nichts, weil er meist gleich am Beginn dieser Tortur in Ohnmacht fiel. Du kannst dir also die Schreie und das Gebrüll aus den Feldscher-Zelten nach der Schlacht lebhaft vorstellen. Die Folge – Scharen von Krüppeln, Bettlern und Waisenkindern krochen überall durchs Land, und hofften auf die Mildtätigkeit einer Bevölkerung, die selbst nichts mehr hatte.“

Wer war da Opfer, wer ist Täter?

„Das war ja dann kein Krieg, sondern ein Totentanz!“ Ich schüttelte den Kopf.

Schirmer nickte: „Als einen solchen Siegeszug des Todes haben viele zeitgenössische Künstler das große Gemetzel auch in ihre Kupfertafeln gestochen. Dieser Krieg war buchstäblich die schlimmste Seuche, die Deutschland je betroffen hat.  ‚Außentorische nicht mehr vorhanden‘, konstatierte damals schlicht der Rat der Stadt Rethem, nachdem wieder einmal ein Heerzug dieser Heuschrecken sich durch unsere Landschaft gewälzt hatte. Es war der schlimmste Aderlass, den die deutsche Bevölkerung je erlebte. An vielen Orten sank die Einwohnerzahl im Vergleich zum Vorkrieg auf zwanzig bis dreißig Prozent hinab. Viele Dörfer wurden ganz aufgegeben.“

„Wann endete dies Grauen bei uns?“ Mir schmeckte der Kaffee nicht mehr, und der blühende Obstgarten des Allerhofs erschien angesichts dieser Geschichtslektion fast surreal.

„Nun“, Schirmer überlegte kurz: „Als die Weser-Armee 1636 eilig nach Wittstock aufbrach, und dabei der Aller folgte, dürfte dies der letzte große Elendsmarsch hierzulande gewesen sein. Das Ergebnis der Schlacht bei Wittstock kann man dann, je nach Perspektive, als Glück oder Unglück auffassen. Ohne den unerwarteten Sieg der Schweden dort wären wir heute wohl alle katholisch, mit Kruzifixen an jeder Weggabelung. Andererseits verlängerte dieser Sieg den großen Krieg noch einmal um zwölf Jahre. Allerdings gelang es den Lüneburgern und Braunschweigern für unsere Region im Jahr 1642 eine Art ‚Separatfrieden‘ auszuhandeln: Die Truppen aller Seiten durften weiterhin durchmarschieren und requirieren, sie durften aber keine Kriegshandlungen mehr ausführen. Als nach jahrelangen Vorverhandlungen im Jahr 1648 der Westfälische Frieden geschlossen wurde, war das übrigens noch nicht das Ende hier. Die Schweden saßen noch bis 1650 in Nienburg.“

„Und wer hat den Krieg nun gewonnen?“ Ich hatte von dem blutigen Geschehen genug gehört.

„Dieser Krieg kannte keine Sieger“, sagte Schirmer: „In Münster und Osnabrück wurde nur ein ‚Erschöpfungsfrieden‘ geschlossen. Die Herrscher hatten alle Kreditmöglichkeiten restlos ausgeschöpft, es flossen keine Steuern mehr, Rekruten waren in einem weithin menschenleeren Land auch nicht mehr zu finden, und statt der Untertanen hatte man nur noch eine restlos ausgeplünderte Bevölkerung, die sich zum Teil sogar auf Raub und Kannibalismus verlegt hatte. Nur eines – eines war der Dreißigjährige Krieg nicht. Er war kein ‚Religionskrieg‘, wie viele es noch heute denken. Im Kern ging es immer um Macht, um dynastische Erbansprüche, um die Privilegien der Stände, und um lukrativen Kirchenbesitz. Feldherren, Söldner, wie auch die Bevölkerung – alle wechselten im Zweifel mehrfach den Glauben, wenn dies mehr Geld oder auch nur schlicht das Überleben versprach. Es gab damals jede Menge Opfer, aber keine Märtyrer des Glaubens.“

„Und was kam danach?“ Ich stellte das Aufnahmegerät ab.

„Nicht viel – oder ganz viel.“ Schirmer wiegte den Kopf: „Der Krieg fand ja mitten in der kleinen Eiszeit statt. So nennen wir die Kälteperiode jener Zeit. Die mageren Ernten mussten also nur noch eine stark dezimierte Bevölkerung ernähren, die wiederum noch lange an den Folgen der Unterernährung, an Geschlechtskrankheiten und an der Wiederkehr von Seuchen litt. Der Wiederaufbau des Landes schritt also quälend langsam voran, Bettler und Kriegskrüppel gehörten zum Straßenbild. Manche Historiker sagen ja, dass die Langzeitfolgen dieses Krieges bis hinein in die heutige Zeit reichen, dass hier der Ursprung der ‚German Angst‘ zu suchen sei. Doch jetzt genug von diesem blutigen Geschehen.“

Schirmer winkte die Bedienung heran …

Schlechte Wege durch die Heide

 

2 Kommentare

  1. Erich Pimminger

    23. September 2018 at 10:30

    DANKE
    das sind die Geschichten hinter „Geschichte“ welche interssieren und auch zum nachdenken anregen…

    in Geschichte war ich eine absolute Pfeife, wenn wir bloß solche „Erzählungen“ über die „gute alte Neuzeit“ statt der öd langweiligen Jahreszahlen auswendig zu lernen gehabt hätten, ja dann vielleicht, hätte ich weniger unentschuldigte Fehlstunden ( geistig ) gehabt
    die für mich wichtigste und lehrreichste Aussage:

    Dieser Krieg kannte keine Sieger“, sagte Schirmer: „In Münster und Osnabrück wurde nur ein ‚Erschöpfungsfrieden‘ geschlossen. Die Herrscher hatten alle Kreditmöglichkeiten restlos ausgeschöpft, es flossen keine Steuern mehr, Rekruten waren in einem weithin menschenleeren Land auch nicht mehr zu finden, und statt der Untertanen hatte man nur noch eine restlos ausgeplünderte Bevölkerung, die sich zum Teil sogar auf Raub und Kannibalismus verlegt hatte. Nur eines – eines war der Dreißigjährige Krieg nicht. Er war kein ‚Religionskrieg‘, wie viele es noch heute denken. Im Kern ging es immer um Macht!!!

    Anmerkung von mir:
    Religion war, ist und wird immer sein: ..die billigste und wirkungsvollste Motivation Menschen zu täuschen und zu missbrauchen

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