Stilstand

If your memory serves you well ...

Zustand des Lokaljournalismus

Frau Ursula von der Leyen, im Wahlkampf derzeit Merkels große Unbekannte, dank Internet-Sperrgesetz auch mit hohem ‚Miss-Erfolgs-Potenzial‘, besucht also einen Kindergarten im Ostfriesischen, wie es hier zu bewundern ist. Für mich ist das Video-Dokument vor allem bezeichnend für den Zustand des Lokaljournalismus in diesem Land; es gibt hier längst eine journalistische Zweiklassengesellschaft: Ein überregionales Magazin, in diesem Falle also Spiegel TV, wird von der Ministerin persönlich und auch ziemlich undamenhaft laut des Saales verwiesen. Die journalistischen Kollegen von der Lokalpresse aber dürfen zu Füßen der Prominenz im Körbchen bleiben. Von Schoßhündchen im Provinzformat ist nichts Wahlgefährdendes oder auch nur Kritisches zu befürchten. Verlangte jemand von diesen Redaktions-Chihuahuas, mal gegen den Stachel der Etablierten zu löcken, würden die sich als erstes fragen, wie das denn wohl zu schreiben sei …

19 Kommentare

  1. Stimmt, schon erschreckend wie die lokalpatriotischen, äh, lokalmamatriotischen Anbeter dort nahezu hämisch lächelnd zusehen, wie die Kollegen von SPIEGEL TV behandelt werden wie trotzige Blagen, die auf die Stille Treppe gehören. ‚Ha, denen haben wir’s gezeigt!‘ [Ja, dieses seltsame ‚wir‘ haben die gedacht.]

    Ebenso schlimm ist übrigens der Reflex ‚Godwin’s Law‘ zu rufen, wenn Verhaltensweisen und Umstände verglichen werden – egal, ob eine Gleichsetzung dabei heraus kommt oder nicht.

    Immerhin zeigt die etwas überforderte lokale Politgröße, f., ansatzweise demokratischen Anstand. Bis die Gebärmaschine sie zurückpfeift.

  2. Hi!

    Da ich in der Nähe wohne (nämlich noch knapp in Gitta Connemanns Wahlkreis Unterems), werd ich mal fix die Zeitungen der letzten Tage durchsuchen & den entsprechenden Bericht posten. Da bin ich mal gespannt, was da so drin steht. Ich erwarte: Unkritisches Widerkäuen der Politiker-Äußerungen. Schauen wir mal…

  3. Der Bericht über den Lokaltermin:

    http://www.ga-online.de/?id=540&did=18918

    Die meisten Lokal“journalisten“ reißen sich doch speicheltriefend um einen Termin mit einer Bundespolitikerin, zumal wenn sie in der Offline-Öffentlichkeit für so viel „Gutes“ steht. Wobei das auch hier selbstverständlich nur geschickt inszeniert ist.

  4. Um den lokalen Sumpf kleiner Hobbypolitiker (ehrenamtlich wühlende Gemeindevertreter) etwas aufzudröseln habe ich den Fehler begangen und auf die Unterstützung von Kollegen des einzigen Presseorgans hierzulande gesetzt.

    Na denkste, trotz reichlichem Infomaterial und mehrfachem Gesprächsangebot zwecks Info zu den Hintergründen, hat der zuständige Lokalredakteur sich lieber gleich unter die „Rockschöse“ der Lokalpolitiker begeben. Fazit und Überschrift seines Artikel: „Bürger fordern Politiker heraus“. Unter dem Motto „Wo kommen wir denn hin, wenn Bürger die „Oberen“ kritisieren“ hat sich das Schreiberlein bei denen so richtig viele Bienchen geholt.

    Wir haben uns danach auf die „Kleinarbeit“ beschränkt und im Stillen gewirkt: Massive Stellungnahmen an Landkreis, Innenministerium, Staatsanwaltschaft, Umweltbehörden etc. – und es wirkt. So langsam, aber nur ganz langsam kommt Veränderung in Gang.

    Allerdings, der Filz ist flächendeckend. Da ist noch viel zu tun. Auf die lokale Presse verzichten wir – und machen unsere eigene Pressearbeit mit monatlichen Rundbriefen. Witzger Weise funktioniert die Verbreitung immer besser.

    Nun noch kurz zur Rolle von Spiegel-TV und dem gleichnamigen Printmedium. Diese tollen Journalisten wollen jetzt zum Aufklärer der Nation avancieren? Wo bleibt deren Neutralität? Machen sich die lieben freien und angestellten Damen und Herren Medienleute nicht täglich zum Handlanger eben dieses Filzes, nur halt bundesweit?

    Ich habe Anfang der 1990er Jahre, damals wollte die Bundesregierung ihr Zuwanderungsgesetz endlich in trockene Tücher hüllen, hier Spiegeljournalisten erlebt, denen ging es ausschließlich um die Story. Und die bekamen sie vom „Volk“ auch brühwarm serviert. Die Geschichte dazu ist lang und hier nicht zu erzählen, aber wen es interessiert, der kann sich ja mal auf die Suche machen – Landesregierung in M-V installiert Zentrale Auffangstellen (ZAST), Bürger wollen Sinti nicht in ihrer Stadt, Goldberg macht mobil usw. und so fort.

    Binnen kurzer Zeit war es hier gelungen eine Pogromstimmung gegen 40 Menschen zu inszenieren, die nichts weiter wollten als menschenwürdig in einem Gastland zu leben. Die Berichterstattung der Spiegelleute hat diese Pogromstimmung eigentlich nur noch angeheizt und damit ganz im Sinne der Politiker agiert. Ich schäme mich heute noch für solche Kollegen.

  5. @ Morla: Ich will hier den Spiegel keineswegs glorifizieren, der legt oft genug selbst publizistische Stunts aufs Parkett. Er ist aber dennoch eine Macht – und wenn eine Ursula von der Leyen den Spiegel aus ihrem Kindergarten hinausschmeißt, dann bekommt die Ursula von der Leyen eben Publicity der etwas anderen Art. Wie in diesem Fall. Das muss sie beim ‚Ostfriesischen Torfboten‘ dagegen auch bei Fehlverhalten nicht befürchten …

  6. @ IcBifi: Wie erwartet und zu befürchten – im Lokaljournalismus wurde der hochverehrten Frau Ministerin ein Ständchen geträllert. Wie süß!

  7. Ich hab noch mal in der Meppener Tagespost geschaut – für die war der „Video-Termin“ wohl zu nördlich. Der Bericht über den anschließenden Besuch in Lingen bei irgendeiner Einrichtung ist aber wie der oben verlinkte nicht weiter erwähnenswert.

  8. Schaut euch mal den Bericht „Viel show und wenig konkretes“ von extra drei an, findet man auf youtube.
    Der Wahlkampf von Frau von der Leyen ist immer so eine inhaltsfreie Grinsetour.

  9. vertippt der bericht war natürlich von zapp

  10. Schon toll, wie Ihr hier Boulevardmüll wie „Spiegel TV“ als die Retter des aufrechten Journalismus hochjazzt.

    Wahrscheinlich hat Zensursula die rausgeschmissen, weil ihr der Kameramann unter den Rock geguckt hat und nicht weil sie Angst vor kritischem Journalismus hatte.

  11. @ Mäxchen: Wann hättest du denn das letzte mal die Ullala im Rock gesehen? Im übrigen genügt’s, den Film zu schauen, um die Gründe für den Rausschmiss zu erfahren. Gut, das hast du offensichtlich nicht getan – das ist dann aber dein Ding.

  12. @ Klaus

    Doch, doch, das Video hab ich schon angeklickt. Gesehen habe ich aber nur eine unsympathische Bundesministerin und eine nicht minder schlimme Bundestagsabgeordnete (die Dame in grün).

    Ein „nahezu hämisches Lächeln“ (siehe Kommentar Dierk) seitens der anderen anwesenden Journalisten konnte ich nicht entdecken. Auch bitte ich zu beachten, dass anscheinend keine anderen Kameraleute vor Ort waren, sondern nur Fotografen.

    Tippe mal, Zensursula wollte nur mal einen Moment Ruhe vor den Fernsehfuzzis haben. Was ich verstehen kann.

  13. Nee nee, du hast Vorstellungen vom Journalismus ‚aus der guten alten Zeit‘. Im Lokaljournalismus ist bei solchen Terminen heutzutage längst kein Pressefotograf mehr mit vor Ort, vielmehr ist es so, dass der Lokaljournalist als One-Man-Show immer auch eine Kamera dabei hat und für die Fotos zuständig ist. Dafür bekommt er (meist als ‚Freier‘) dann so ‚Pi mal Daumen‘ einen Hunni – wenn überhaupt. Davon bezahlt er Benzin, Rente, Krankenversicherung usw. Mit anderen Worten: Hier wurde selektiv als ‚Störfaktor‘ nur das überregionale Medium ‚hinauskomplimentiert‘, weil auf die Pressebrigade vor Ort ja Verlass ist, im konservativen Sinne …

  14. @ Klaus

    was wirst Du tun, wenn Du erstmal Blogminister bist? Bei jedem noch so kleinen Termin Spiegel-TV und RTL-II zulassen, die nur darauf warten, Dich beim In-der-Nase-popeln zu erwischen?

    Ich habe den Verdacht, dass Du eher selten fernsiehst. Wie sonst ist es zu erklären, dass Du das Boulevardformat ‚Spiegel-TV‘ und das hin und wieder richtigen Journalismus betreibende Magazin ‚Der Spiegel‘ in einen Topf zu werfen scheinst?

  15. Nun ja – ich mache den Matthias Döpfner ja auch für die ‚BILD‘ verantwortlich. Obwohl er sich lieber hinter der ‚Welt‘ versteckt, und vorgibt, einen Franz-Josef Wagner gar nicht zu kennen. Mit anderen Worten: Es ist wohl der unverwechselbare Stallgeruch …

    Ergänzender Hinweis: Auch ‚Spiegel‘ und ‚Spiegel Online‘ unterscheiden sich erheblich voneinander. Bis tief in den Text hinein …

    Partizipation der Medien gehört zur gerühmten Pressefreiheit hinzu, vor allem dann, wenn man auf seine Termine auch noch per Presseerklärung hinweist wie diese Provinzkonservativen. Bei den Grünen (‚Director’s Cut‘) gab es sogar mal das lange ehern durchgehaltene Prinzip der ‚öffentlichen Fraktionssitzungen‘. Die Folgen waren zunächst nicht immer angenehm für die Partei, dauerhaft geschadet haben sie ihr aber auch nicht. Das Medieninteresse ließ angesichts real verbreiteter Langeweile schnell nach …

  16. Hat denn irgendjemand hier wahrhaftig SPIEGEL TV hoch gelobt? Ich sehe das nicht. Mir ist im Grunde auch egal, ob da ein Aufklärer oder die Bunte rausgeworfen wird, oder Hans Niemand vom Reinstorfer Anzeiger.

    Natürlich macht der Rauswurf eines Teams mit dem Sticker SPIEGEL eine größere Welle als wenn es Karl Furztrocken aus Parchim erwischt hätte. Und natürlich wird das eine oder andere kleine Licht klammheimliche Freude empfinden. Statt aufzustehen und mitzugehen, womöglich mit lautem Protest.

    Frau Intelligenzfreier Raum zwischen den Ohren ist eine öffentliche Person, noch dazu eine, die es sich ausgesucht hat [im Gegensatz zu Natascha Kampusch oder Diana Spencer], sie tritt bei einer öffentlichen Veranstaltung auf, noch dazu im Wahlkampf als Wahlkampf. Dazu wurde per Pressemitteilung – auch an SPIEGEL TV – eingeladen.

    Seltsamerweise wird die ganze Geschichte selbst im Indernett vor allem als lustige, kleine Geschichte am Rande abgekhakt, alle mal grinsen und weiter gehts. Dabei ist diese Episode symptomatisch für die Aushöhlung des Grundgesetzes. Ausrufer von SPD und CDU reihen sich locker ein bei links- wie rechtsextremen Gesocks, dass Meinungsfreiheit nur für sich selbst reklamiert, anderen aber den Mund verbieten will.

    Da plärren angeblich ganz bürgerliche Politiker – wieder: vor allem aus SPD und CDU – davon, die Grundrechte abzuschaffen bzw. zu ignorieren, solange das von ihnen gewählte Gut damit gerettet werden kann. Egal, ob das überhaupt irgendetwas miteinander zu tun hat. Und wo bleibt der Aufschrei?

  17. …denkt mal einer drüber nach, ob es den Eltern wohl recht gewesen wäre, daß ihre Kleinen in der Kindertagesstätte gefilmt werden und anschließen bei „Spiegel TV“ zu sehen sind???

  18. Aber Pfottos sind okay – oder wie jetzt?

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