Stilstand

If your memory serves you well ...

Zum Jahreswechsel

Er hat vieles vorausgesehen, der Alfred Döblin in seinem Zukunftsroman ‚Berge, Meere und Giganten‘. Zwar ist der Stil an manchen Stellen noch stark mit expressionistischen Eierschalen behaftet, als gewaltige Prophetie aber ist das visionäre Werk aus dem Jahr 1924 ein echter Jahresendzeittext für Literaturfreunde. Drum verkaufe, wer drei Bücher besitzt, davon zwei, und hole sich stattdessen dieses Buch:

„Man hatte in den Stadtschaften kunstvolle zauberhafte Apparate, die nach allen anderen Orten meldeten, womit sich die Menschen hier befassten, was sie zueinander sagten, wie sie ihre Einrichtungen veränderten, was sich bei ihnen hervortat. … Ein Reiz, der aufstand, war wie eine Feuersbrunst, die eben noch Funken einer Flamme, jetzt das ganze Viertel, die Stadt einhüllte. … Zu den Menschen fuhr der Reiz das Wort die Gestalt. … Dann zermorschten die politischen Gewalten. … Mit zwei drei Zügen kämmten die Industrieherren ihre Anlagen fast menschenleer. Sie wollten eine Regelung der Zuwanderung, selbständige Bestimmung über die Verteilung der Güter. Sie lehnten das alte Almosensystem ab. In allen Staaten näherten sich die politischen Machthaber den Industrieherren. Wie einen abgemagerten Fuchs hatten sie die Regierung aus ihrem Bau aufgestöbert. … Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob man zur Einführung der Sklaverei schreiten würde. Das schwallartige Heranwogen unermeßlicher Scharen Farbiger und Mischlinge aus den Ländern Afrikas begünstigte die Neigung dazu. Bald kam es in spanischen und italienischen Stadtlandschaften, die den wildesten Andrang der Massen zu bewältigen hatten, die auch ein außerordentlich leidenschaftliches unduldsames Herrengeschlecht erzeugten, zu Vorfällen, die zu einer raschen Änderung in der Behandlung aufforderten. San Francisco wie London rieten schon längst den Herren von Barcelona Madrid Mailand Palermo zu größter Strenge und Aufmerksamkeit. Man könne Fremde, denen der Mondgottesdienst noch im Blut steckte, nicht behandeln wie Menschen nördlicher Herkunft. Die westliche und nördliche Kultur war von ihnen aufzunehmen, nicht aber zu verschlucken.“

Tscha, auf diese Weise lässt der Text ständig die Assoziationen im Kopf rattern. In der Folge wird noch Grönland abgetaut, irgendwann wandern Dinosaurier wieder über die Erde, und am Schluss schmeißt die Natur höchstselbst mit Felsen. So endet dann dieser Fortschritt …

Euch allen ein neues Jahr, das sich so entwickeln möge, wie ihr euch das wünscht.

3 Kommentare

  1. Den guten Wünschen für das neue Jahr rufe ich ein fröhliches „ebenso!“ entgegen. Es ist immer wieder ein erfrischendes Vergnügen, hier herumzustöbern. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass Döblin-Lektüre meinerseits noch nicht stattfand (guter Vorsatz für 2014 Nr.1?), stattdessen las ich an Weihnachten „Road Dogs“ von Elmore Leonard (RIP) – wie immer kurzweilig, knackig und ohne Schnörkel. Da fällt mir direkt ein Interview mit Herbert Achternbusch ein: „Möchten sie ein Schnörkel sein? Ich nicht. Wie das schon KLINGT“ (bei ihm klang es wie „Schnöhrkl“)!

  2. Auch ich möchte nicht versäumen, auf diesem für mich ganz neuem Blog, für das Neue Jahr meine allerbesten Wünsche zu übermitteln.

    Dieser Döblin-Text aus dem Jahr 1924 scheint ja wirklich brandaktuell zu sein! Er ist mir aber jetzt schon zu deprimierend….

    Die Schumi-Hofberichterstattung von gestern steckt mir noch irgendwie in den Knochen….

    Aber damit nicht genug, erzählt der allseits beliebte Höchst-Intellektuelle Ulf Poschardt in der Welt sogar zu Silvester eine heiße Story über die bequemen Teutschen, denen zu wenig abverlangt wird!

    Das ist ja fast schon die Höchststrafe: Von der Lektüre kann ich nur abraten!

    Aber ich fürchte, es wird im nächsten Jahr so weitergehen mit der medialen Gehirnwäsche.

    Von daher, seid wachsam und haltet die Ohren steif….;)

    MfG

  3. ah, hier ist der echte ort für ein: dir auch, lieber klaus, das beste, was du dir für das jahr wünschst, und liebste grüße rundum in die gemeinde.

    ach ja, kleiner tipp für den nächsten aufreger: der cicero hat gerade ind er gedruckten ausgabe edwards snowden zu einem der verlierer des jahres erklärt …

    ohne dir konkurrenz machen zu wollen, habe ich gerade eine abteilung „sondermüll“ eingerichtet 😉

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