Stilstand

If your memory serves you well ...

Zu kurz gedacht?

Diejenigen, die an jeder Ecke des Schreibschulungsmarktes uns ebenso wortreich wie atemlos ihre kurzen Sätze anpreisen, als einzigen Königsweg zum Verständnis des Lesers, der ja bei seiner Lektüre angeblich nichts mehr liebe als den kurzen Hundetrab unterkomplexer Sätze – diese Grammatikbarden, die möchten doch bloß aus ihrer eigenen Unfähigkeit eine allgemeine Regel machen.

Weil jeder Satz idealerweise genau einen Gedanken fasst, deswegen kommen den kurzen Sätzen auch die kurzen Gedanken zu, und den langen Sätzen die langen Gedanken, so dass unsere Regel der Satzlänge sich im Handumdrehen in ein schlichtes handwerkliches Problem verwandelt, in das nämlich, auch anspruchsvollere Gedanken in Aufbau und Struktur so zu organisieren, dass sie ein ‚Nach-Denken‘ des Lesers erlauben, dass die Organisation der Satzfolge einen logischen Ablauf einhält und den Leser nicht über halsbrecherische Knoten und schwankende Konstruktionen führt, sondern dass der Satz ihn vielmehr sicher am Patschehändchen fasst, so dass alle gemeinsam und Arm in Arm mit dem Gedanken zu einem guten wiewohl komplexen Ende kommen.

Noch Fragen …?

3 Kommentare

  1. Allen Liebhabern langer Sätze sei übrigens nicht nur „die verlorene Zeit“ ans Herz gelegt, sondern insbesondere „Die Akazie“ von Claude Simenon, in deren kapitellangen Perioden jede falsche lineare Ordnung von Gedanken, Ereignissen und Beobachtungen zerfließt.

  2. Hermann Broch ist ein weiterer Meister der geschliffenen Langstrecken-Periode …

  3. Der Gedanke mit den langen Sätzen = lange Gedanken gefällt mir. Ich halte auch nichts davon, „kurze Sätze“ zu einem Dogma zu erheben, da komplexere Gedankengänge eben auch einen komplexeren Satzaufbau verlangen.
    Außerdem nervt es mich schon eine ganze Weile, wie sehr die Anpassung an die Dummheit, Unaufmerksamkeit und den eingeschränkten Fokus der Aufnahmefähigkeit dazu geführt hat, daß alles vereinfacht wird. Ich sehe das fast als eine Art von Resignation an, die ich als Schreibender nicht gewillt bin, zum Leitbild meines Schreibens zu machen.

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