Stilstand

If your memory serves you well ...

Zeitnahme

Mein Leben lang habe ich nur Uhren ohne Sekundenzeiger besessen. Was soll der Quatsch? Zu keinem Termin dieser Welt muss ich auf die Sekunde genau eintreffen. Moderne ‚Chronometer‘ aber zeigen mir nicht nur die Sekunden an, sondern zum Beispiel sogar den Termin des Sonnenaufgangs in Nairobi oder den Börsenbeginn in New York.

Auch eine ‚Zwiebel‘ besitze ich, eine Taschenuhr aus grauer Familienvergangenheit. Die versteckt ihre profane Funktion hinter einem dicken gravierten Deckel aus Nickel oder Zinn. Ein Klapp, und das ängstliche Schielen hört auf, eine Zeitnahme war damals dann gar nicht mehr ohne Umstände und langes Gefummel in der Westentasche möglich. Diese Uhr kennt ebenfalls keine Sekunden, dafür aber die Mondphasen für glückliche Hochzeitstermine, für die Aussaat usw. Wenn ich dieses mechanische Wunderwerk aufziehe, läuft sie immer noch, mit einem lauten Ticktack, das mich an das Wesentliche der Zeit erinnert: Dass unsere Zeit nämlich unaufhörlich abläuft, wie in einer Sanduhr auch.

Früher wurden Uhren mit einem Haufen von Ornamenten und Symbolik befrachtet, bis ihre mechanische Funktion hinter dem Spielwerk verschwand. In einem Schloss betrachtete ich vor einigen Jahren eine Uhr aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, die in einem echten Totenkopf versteckt war. Der hohle Schädel umfasste das Räderwerk, das Zifferblatt erschien im Halbdunkel zwischen den beinernen Kiefern. Was aber schreiben wir wohl schon bald auf unsere Grabsteine: „Benjamin Broker, gest. 11. 11. 2011, 12:45:34 Uhr MEZ“? Ich meine, wo bleiben da Pietät und Zehntelsekunden?

Wir berauben uns in unserem Wahn der Zeit, überhaupt noch Zeit zu haben …

3 Kommentare

  1. Die grauen Herren mit ihren Zigarren haben sie uns genommen, die Zeit.

  2. Naja, ich habe ne inzwischen veraltete Technikschnickschnack-Armbanduhr, die Zeiger (auch „nur“ Minute und Stunde) fürs grobe Zeitablesen hat – aber auf Wunsch die Uhrzeit in Ziffernotation auch sekundengenau einblenden kann.

    Mir gefiel bei der Kaufentscheidung die Wahlmöglichkeit und ich nutze sie (zugegebenermaszen selten) hin und wieder. Zeiterfahrung ist halt wechselvoll.

    Lediglich die Hundertstelsekundenauflösung der Stoppuhr wirkt etwas lächerlich…

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