Stilstand

If your memory serves you well ...

Würdelos schreiben …

Fließen, kriechen, glimmen, gießen, weben, ziehen, heben, quellen, fechten, erwägen – was ist all diesen schönen Verben gemeinsam? Genau: ihr Konjunktiv II oder ‚Irrealis‘ wird auf Ö gebildet: flösse, kröche, glömme, gösse, wöbe, zöge, quölle, föchte, erwöge. Diese Möglichkeitsformen seien zwar immer noch grammatisch völlig richtig, heißt es bei allen Vereinfachern dann, trotzdem wirkten sie im Alltag ‚voll daneben‘, kein Mensch spräche doch mehr so: ‚Angenommen, ich gösse dir noch eine Tasse Tee ein, protestiertest du dann wohl … ‚.

Nee, nee, nee – wir reden nicht mehr so ‚gewählt‘, wir machen uns vor allem nicht mit auffälligem Wohlklang lächerlich, wir würgen heutzutage die Sprache ganz würdelos mit einem hilfsweisen ‚würde‘: ‚Angenommen, ich WÜRDE dir noch eine Tasse eingießen, WÜRDEST du dann wohl protestieren …‘. Das ist zwar länger, das ist auch plumper, aber wir sind auf jener sicheren Seite, dort, wo unsere Ignoranz, unser geballtes Nichtwissen unentdeckt bleiben kann. Denn wer wüsste schreibend schon noch, auf welchem Vokal der Irrealis jeweils gebildet wird?

Nun gut, wenn’s das Ömmeln auf dem Ö nicht bringt, dann greifen wir zu den folgenden schrägen Verben: erschrecken, binden, verschwinden, stechen, essen, brechen, trinken? Sagt irgendwer, sobald es hier um die bloße Möglichkeit einer Handlung geht, noch: erschräke, bände, verschwände, stäche, äße, bräche, tränke? Nicht wirklich, lautet auch hier die korrekte Antwort nach der Unwirklichkeitsform unserer deutschen Sprache.

Wir haben den guten alten Konjunktiv der Möglichkeit also längst in Pension geschickt, dort mümmelt er auf irgendwelchen verbiesterten Studienratstreffen sein Gnadenbrot und wir behelfen uns dummdreist mit einem ‚würde‘. Allen voran diese Journalisten – und hier wiederum die größten Blätter vorneweg:

Würde Deutschland nur für einen bestimmten Betrag haften, dann wäre nichts gewonnen.

Insbesondere in der Provinz findet sich kaum ein Richter, der den Schlussfolgerungen der Staatsanwaltschaft widersprechen würde.

„Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte diese Situation noch nie geprobt“, sagt Winslet.

Tschaja – „Würde hast du, würde schreibst du nicht„, predigten uns einst die Deutschlehrer. Lang ist’s her. Dabei wäre die grundlegende Regel eigentlich ganz einfach: Der Konjunktiv I der indirekten Rede folgt dem Infinitiv (sei-n – er sei  // habe-n – du habest  usw. ), der Konjunktiv II oder  ‚Irrealis‘ folgt dem Imperfekt. Wenn es im Imperfekt also heißt: ‚Er goss den Eimer aus‘, dann folgt die Möglichkeitsform bei der Vokalisierung diesem ‚goss‘, sie wird zum ‚gösse‘. Und wenn jemand noch ein Bier ‚trank‘, dann heißt es: ‚er tränke wohl noch gern ein Bier‘ – und zwar hier in der Unmöglichkeitsform, denn ‚leider hätte Isabelle etwas dagegen‘.

Ein schwacher Abglanz einstiger konjunktivischer Würde umgibt heute nur noch ganz bestimmte Verben. Wer zum Beispiel schröbe schrübe schriebe: ‚Er fragte Lieselotte, ob sie ihn lieben WÜRDE‘, dem ist nicht zu helfen: Der wird auf der Stelle füsiliert.

4 Kommentare

  1. Sehr schön! Jetzt noch die auf ü: Backen, fahren, graben, helfen, schaffen, schinden, schwören, sterben, tragen, wachsen, waschen, werben, werden, werfen und wissen – büke, führe, grübe, hülfe, schüfe, schünde, schwüre, stürbe, trüge, wüchse, wüsche, würbe, würde, würfe, wüsste!

  2. Tja, die Frage ist nicht, wie der Konjunktiv formal gebildet wird, sondern inwieweit er nötig/korrekt ist. Nehmen wir die im Text genannten Beispiel:

    – Würde Deutschland nur für einen bestimmten Betrag haften, dann wäre nichts gewonnen.

    Alternative: Haftet Deutschland nur für einen bestimmten Betrag, wäre nichts gewonnen.

    Neben dem überflüssigen ‚dann‘ verzichtet die Alternative auf die Doppelung des Konjunktivs, die völlig überflüssig ist. Außerdem wird der Satz direkter.

    – Insbesondere in der Provinz findet sich kaum ein Richter, der den Schlussfolgerungen der Staatsanwaltschaft widersprechen würde.

    Alternative: Insbesondere in der Provinz findet sich kaum ein Richter, der den Schlussfolgerungen der Staatsanwaltschaft widerspricht.

    Bereits der erste Teil des Satzes schränkt die Behauptung weit genug ein, um den Konjunktiv überflüssig zu machen.

    In beiden Fällen waren die Herren oder Damen Journalisten schlicht zu faul und zu feige. Zu faul, sich Gedanken zu machen, was sie schreiben wollen, zu feige, zu ihren Aussagen zu stehen.

    – “Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte diese Situation noch nie geprobt”, sagt Winslet.

    Alternative: „Klar habe ich diese Situation schon geprobt.“
    Oder: „Ich würde lügen, wenn ich behaupte …“

    Die Schwierigkeit liegt hier in der verlorenen Ironie, ich weiß. Winslets Aussage ist von vorne bis hinten ein Anglizismus, entstanden aus der typisch englischen Zurückhaltung, dem Sich-selbst-nicht-Ernst-nehmen. Allerdings ist der doppelte Konjunktiv auch hier überflüssig.

  3. Der erste Satz klingt zugegebenermaßen ein wenig antiquiert, schreibe ich ihn ‚konjunktivisch‘ aus – in meinen Ohren tönt’s trotzdem nicht falsch. Der Konjunktiv ist nur ungewohnt – vor allem, weil er auch noch ‚irregulär‘ gebildet ist:

    „Haftete Deutschland nur für einen bestimmten Beitrag, gewönne es nichts“.

    Im zweiten Fall ließe auch ich im Vorsatz den Indikativ Indikativ sein, weil der Kontext des Satzes genügend Eindeutigkeit schafft. Im zweiten Teil aber ist – nach meinem Sprachgefühl – der Konjunktiv deshalb angebracht, weil er den utopischen Charakter einer solchen Erwartung unterstreicht:

    „Insbesondere in der Provinz findet sich kaum ein Richter, der den Schlussfolgerungen der Staatsanwaltschaft widerspräche“.

    Der konjunktivische Doppelknödel der unbedarften Frau Winslet lässt sich im Deutschen eigentlich nur durch sarkastische Überbietung wiedergeben – ganz ohne konjunktivische Fisimatenten:

    „Tagelang habe ich nur für diesen Moment geprobt“.

  4. Möglichkeiten

    Ein Mensch mit wenig Phantasie, er wüsste
    wohl niemals, dass es vorstellbar sein müsste,
    dass der Staat ihm Renten stöhle,
    dass der Frust den Spaß verdürbe,
    dass mit Geld man mehr gewönne,
    dass laut Titus Geld nicht stänke,
    dass der Anfang vorn entstünde,
    dass ein Zwist mit Streit begönne,
    dass manch Lächeln Trauer bärge,
    dass ein Fluss nicht ewig flösse,
    dass der Hass die Seele fräße,
    dass nicht jeder Wurm erglömme,
    dass ein Ausländer nichts gölte,
    dass am besten er sich hülfe,
    dass mit Maß man besser mäße,
    dass die Zeitung Enten löge,
    dass die längste Miss misslänge,
    dass ein Koch den Braten röche,
    dass ein Schüler Lehrer schölte,
    dass ein Lehrer Schüler schlüge,
    dass die Nachtigall tags sänge,
    dass die Sprache für sich spräche,
    dass sein Spiegelbild ihn tröge,
    dass sein gutes Deutsch erstürbe,
    kurz: dass er all die Schöpfungswunder spürte,
    wenn er den Konjunktiv nicht einstudierte.

    [ Udo von Großenbuch, 2001]

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