Stilstand

If your memory serves you well ...

Wortlügen

Auch einzelne Wörter können uns dauerhaft und tiefgreifend desinformieren. Zu ihnen zähle ich bspw. die geläufige Journalistenstanze von der „Machtergreifung“ Hitlers. Das Wort setzt ein Bild in Szene, dass nämlich damals ein Mann oder eine Partei aktiv nach der Macht ‚gegriffen‘ hätte. Historisch gesehen ist das höherer Blödsinn, eine Worthülse, die vor allem dazu dient, den Blick von den wirklichen Vorgängen abzulenken. Denn in Wahrheit wurden die Nazis von ganz anderen Gruppen ‚installiert‘, es handelt sich um eine ‚Machtübergabe‘ gesellschaftlicher Eliten an einen politischen Desperado, der als Handpupppe eben jener Eliten dienen sollte. Dass dieser Plan gewaltig in die Hose ging, ist wiederum eine andere Geschichte.

Die NSDAP war zum Jahreswechsel 1932/33 jedenfalls gar nicht handlungsfähig oder zu einer ‚Machtergreifung‘ in der Lage. Sie war im ‚inneren Kameradenkrieg‘ versunken, zutiefst gespalten in einen ’sozialistischen‘ Parteiflügel unter den Gebrüdern Strasser und in eine ‚realpolitische‘ Fraktion unter Hitler, Goebbels und Göring. Im November 1932 war sie bei den Wahlen überdies krachend eingebrochen (- 4,3 %), die Parteifinanzen waren mehr als nicht mehr vorhanden, die Bräunlinge waren bei allen Banken bis über beide Ohren verschuldet.

Vorbereitet wurde die Kanzlerschaft Hitlers folglich auch gar nicht in der NSDAP, die Parteispitzen verzweifelten damals an jeder realen Machtperspektive – von einem beherzten ‚Zugreifen‘ also keine Spur. Hitlers Kanzlerschaft wurde in Geheimgesprächen – ganz ohne Hitler – zwischen Hugenberg, von Papen und Hindenburg verabredet, unter Einbezug der Reichswehrspitzen. Hitler sollte als populistischer Kanzler einer bürgerlich-konservativen Regierung ‚entzaubert‘ und ‚eingebunden‘ werden. Seine Kanzlerschaft war daher nichts, was die Nazis aktiv erreicht hätten. Ihnen war vielmehr die Rolle zugedacht, populäre Pappnasen, Trickfiguren und Handlanger abgewirtschafteter gesellschaftlicher Eliten zu werden – im Klartext sollten sie bloß die nützlichen Idioten von industrieller Bourgeoisie, Großgrundbesitz und Militär sein. Fakt ist: Hitler wurde ins Amt ‚gehievt‘, weshalb „Machtübergabe“ jenes Wort wäre, das dem wirklichen Sachverhalt am nächsten kommt. Geplant war im Kern sogar eine „Ohnmachtsübergabe“, wobei der braune Kanzler sich vor dem Parlament müde hampeln und im Falle eines Falles vom Reichspräsidenten gefeuert werden sollte. So ähnlich sieht es übrigens die seriöse Geschichtsschreibung durch die Bank.

Natürlich wäre andererseits die wahre Geschichte bestimmten gesellschaftlichen Gruppen bis heute denkbar unangenehm. Nur so erklärt sich aus meiner Sicht die fortdauernde Karriere des allzu bequemen Wörtchens „Machtergreifung“ – bis tief in die aktuelle Presselandschaft hinein:

„Denn die Machtergreifung Hitlers war der Anfang der Katastrophe …“ (Tagesspiegel)
„Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30.Januar 1933 war für die Juden ein Schicksalsschlag …“ (Fürther Nachrichten)
„Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er aus seiner Dresdner Bank gedrängt …“ (Die Welt)
„Einen ersten Eindruck dessen, was nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgen sollte, mussten die jüdischen Geschäftsleute bereits am 1. April 1933 erfahren … (Märkische Allgemeine)
„Wir erleben wie an der eigenen Haut, welche konkreten Konsequenzen die Machtergreifung Hitlers in ganz anderen Ländern hatte …“ (MDR)
„Nach der „Machtergreifung“ kam er im NS-Terrorapparat unter …“ (FAZ)

Die genannten Beispiele stehen für buchstäblich tausende weitere in der Tagespresse. Bewusstere Redakteure setzen immerhin den Begriff in Anführungsstriche oder sie sprechen ohne nähere Begründung von der „sogenannten Machtergreifung“. Die einzig historisch wahre Formulierung, eine „Machtübergabe an Hitler“, kommt hingegen nirgends vor, weil sie damit Hitler vom ‚Subjekt‘ in ein ‚Objekt‘ verwandeln würden, grammatisch gesehen in ein Akkusativobjekt. So verzerrt ein einziges verlogenes Wort, das Reden in kurrenten Stanzen, permanent die Wahrnehmung der Menschen, insbesondere derjenigen, die nie ein dickleibigeres Geschichtswerk in die Hand nehmen dürften.

3 Kommentare

  1. Die genannten Fakten könnten weitgehend bekannt sein. Aber die Vernebelung „Machtergreifung“ ist ein schlagendes Beispiel für die irrleitende Verselbständigung von Falschbenennungen beim Otto-Normal-Bürger (also mir z.B.).

    Mir hilft der Hinweis hier dazu, den Medienkellnern beim nächsten Andienen der „Machtergreifung“ genauer auf die Finger zu schauen: beim Gebotenen wäre dann erstmal Schlamperei zu vermuten oder problematische Affirmation.

    Danke! – von einem, der zugegebenermaßen selten papierene Totschläger zur Geschichte in die Hand nimmt.

  2. Schon alles richtig, aber sollte man nicht auch die Wahlergebnisse (positiv für die NSDAP) und dann auch das jubelnde Volk (für Hitler) erwähnen?

  3. @ Jeeves: Naja, zu einer absoluten Mehrheit hat es Hitler selbst bei Wahlen unter dikatorischen Bedingungen nicht gebracht. Klugerweise verzichtete er ja später auch ganz auf dieses demokratische Feigenblättchen und ließ sich lieber von herbeigekarrten Massen ‚per Akklamation‘ als Volkstribun bestätigen. Vor seiner Inthronisation durch die alten Eliten, im Jahr 1932, war die Partei richtiggehend ‚abgekackt‘, so dass der große Wehleider Goebbels schon von Selbstmord faselte.

    Dass es in der Bevölkerung eine ‚antirepublikanische Mehrheit‘ gab, ist davon unbenommen, rechnen wir mal ‚Stahlhelm‘, DNVP und ähnliche Kaiser-Wilhelm-Epigonen hinzu. Weimar war eine ‚Republik ohne Republikaner‘ … das ist richtig.

    @ Der Matze: Es sind übrigens die gleichen, die sofort losheulen, wenn eine intellektuell unbedarfte Sportreporterin vom ‚inneren Reichsparteitag‘ daherschwätzt. Es ist das alte Phänomen ‚vom Balken im Auge‘ …

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