Stilstand

If your memory serves you well ...

‚Wording‘?

Der Leiter des FAZ-Hauptstadtbüros, Günter Bannas, hat sich über die ‚mangelnde Akzeptanz‘ im Volk für politische Reformvorhaben höchst elitäre Gedanken gemacht. Er schiebt die Schuld auf ein unpassendes ‚Wording‘ der geplanten Einschnitte. Wobei das ‚Wording‘ jenen Irrglauben politischer Marketing-Fachleute bezeichnet, die unverdrossen der festen Überzeugung sind, man müsse nur ein perfekt ‚designtes‘ Vokabular verwenden, um jede Schweinerei im Volk durchsetzen zu können. Alles Scheitern oder Gelingen in der Politik wäre demnach eine Frage des einheitlichen Wortgebrauchs. Der grundlegende Fehler Angela Merkels sei es beispielsweise, dass sie unvernünftigerweise von einem ‚Sparpaket‘ spreche, statt vernünftigerweise von einem ‚Zukunftspaket‘, wie es der brave Herr Kauder tut:

„Selbst im sogenannten „Wording“, also der Verbalisierung politischer Ziele, werden Differenzen deutlich, wenn es nicht abgestimmt ist. So bezeichnete unlängst der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Kauder in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Verabredungen der Regierungskoalition ausdrücklich als „Zukunftspaket“ – offenbar um dem Ganzen überwölbende Hoffnung zu geben. Frau Merkel benutzte im Gespräch mit dieser Zeitung den Begriff „Sparpaket“. Äußerungen in der Bundesregierung gibt es, Frau Merkel tue sich mit ihrer zur Rationalität neigenden Rhetorik schwer, für die in Aussicht genommenen Projekte zu werben und Sympathien zu wecken. In der Gesundheitspolitik habe die Koalition den Streit um Begriffe schon verloren – weil und solange die CSU, ganz im Widerspruch zur Bundeskanzlerin, diffamierend von einer „Kopfpauschale“ spreche.

Es wäre demnach das Geklingel der Worthülsen, das die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann, ein recht platziertes Wort, und die ungerechtesten Vorhaben würden wahr. Dies ist eine idealistische, ja geradezu klippschülermäßige Sicht der Dinge, weil sie den Aspekt der menschlichen Erfahrung völlig außer acht lässt. So weiß bei einer rosarot und positiv dahergesülzten ‚Reform der Unternehmensstruktur‘ heute sogar der dümmste Arbeitnehmer – und zwar aus eigener, bitterer Erfahrung -, dass er schon bald massiven Arbeitsplatzabbau und Lohnverschlechterung am eigenen Leib verspüren wird.

Man könnte geradezu eine Gegenthese formulieren: Durch das überhandnehmende ‚Wording‘ werden die Ziele, die kommuniziert werden sollen, dem ‚Volk‘ immer verdächtiger und fadenscheiniger. Aus Erfahrung haben die Menschen gelernt, dass aus wohlklingenden Wörtern selten etwas folgt, was ihnen auch wohl tut. Diese Wörter sind für sie längst ins Lager der Lüge gewechselt. Deshalb ist ein Wort wie ‚Reform‘ heute verbraucht wie ein ausgelutschtes Kaugummi. Die ‚Frames‘, die Muster im Gehirn der Menschen, sind inzwischen so gepolt, dass der hageldichte Verbal-Dreck eines weichgespülten Himbeertoni-Gewäsches nur noch Aversion erzeugt und die Alarmglocken schrillen lässt. Dieser einst so probate Sprachgebrauch ist längst ‚durchschaut‘.

Man könnte es auch so ausdrücken: Durch die faktischen Resultate des gesellschaftlichen Handelns hat sich das verschleiernde politische Phrasen-Gebimmel, fachgerecht ‚Wording‘ genannt, selbst all seiner Wirkungsmöglichkeiten beraubt. Dank der Macht gegenteiliger und realer Erfahrungen: Je schöner es klang, desto hässlicher waren regelhaft die Folgen … und genau deshalb wirken die verführerischsten Schalmeienklänge der Rattenfängerzunft nicht mehr. Das Volk pfeift sich längst einen eigenen Reim darauf.

4 Kommentare

  1. Das Seltsame daran ist ja, dass die Neokonservativen den Linken Weltverbesserern political correctness vorwerfen, jene auf postmodernen „Philosophien“ gründende Denkweise, man könne durch Änderung der Wortwahl die Wirklichkeit verändern. Klar, ein Behinderter im Rollstuhl hat plötzlich keine Probleme mehr, Treppen zum Einwohnermeldeamt hoch zu kommen, wenn er weiß, dass es die Gesellschaft ist, die ihn behindert … Und doch sind es ausgerechnet diese Neokonservativen [in D auch Neoliberale genannt] wie Dick Cheney, George Bush, Jr. etc., die den Quark der PR-Abteilung am konsequentesten anwenden: Benenne es nett und die Wirklichkeit wird schön.

    Natürlich lassen sich solche Leute auch nicht durch Fakten beeindrucken, denn die sind ja nur ein Konstrukt unserer Sprache – nicht umgekehrt.

    Ich würde gerne hoffnungsvoll schreiben, dass dieses Problem sich auf natürliche Weise löst, leider bezweifle ich das stark. Zum einen fallen diese mediokren Dumpfbacken in jeder Generation auf große Wörter rein und halten sie für tiefe Gedanken – nicht zuletzt, weil diese Heinis gar nicht tiefer als subkutan denken können. Außerdem sind es ausgerechnet diese Jubelkrieger, die NIE auf den Schlachtfeldern gesehen werden, wenn die nicht mindestens seit 20 Jahren in Geschichtsbüchern versauern.

  2. Ist das nun Absicht, lieber Herr Jarchow, dass ihnen in diesem sprachkritischen Eintrag zumindest zwei mir sofort aufgefallenen Metaphernschnitzer drinne haben? Nämlich: ›ausgelutschtes Kaugummi‹ und ›eigenen Reim pfeiffen‹.

  3. @ molosovsky: Dieses ‚Reim pfeifen‘ ist bewusst gewählt, als umgangssprachliche Mischform oder als Metaphern-Mix: Die beiden Bilder – das Volk ‚pfeift sich was drauf‘ und ‚macht sich darauf einen eigenen Reim‘ – habe ich versucht, in durchaus gewollter Windschiefe parallel zu führen. Als strenger Ästhetiker mag man dies als misslungen ansehen, weil es kein klares Bild mehr ergibt. Das Gemeinte erschließt sich hier eher dem sprichwörtlichen Vorwissen des Lesers. Üblich ist eine Knüpfung eines solchen bildlichen Widerspruchs zur Abbreviatur zweier Gedanken durchaus: Man meint den Sack, und schlägt einen Bogen …

    Dass ein Kaugummi mit unentwegt mahlendem Gebiss auch nur zwischen den Zähnen ‚gekaut‘ würde, wie vom Klischee-GI nach dem Krieg, das legt der Name des Produkts tatsächlich nahe. In Wahrheit – das sage ich jetzt aus erworbener Mundhöhlenerfahrung heraus – wird das Gummi auch gezutschelt, gelutscht, mit der Zunge blasenfertig geformt usw. Das Kaugummi wird – seinem Namen zum Trotz – eben nicht nur gekaut.

  4. Danke für die ausführliche Erklärung (auf meine mit Tippfehlern gespickte Frage).

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