Stilstand

If your memory serves you well ...

Wo lebt der denn?

Angesichts der Dreistigkeit, mit der manche Schreiber realitätsferne Thesen unwidersprochen in die Welt setzen dürfen, fasse ich mir manchmal nur noch an den Kopf. Da faselt eine gewisser Malte Lehming im ‚Tagesspiegel‘ von einer linken Mehrheit in Deutschlands Medien, so als würde unsere Medienlandschaft nicht längst von den Schirrmachern, Matusseks, Poschardts, Diekmanns, Hehnes, Köppels und Broders, zusammen mit einer unüberschaubaren Heerschar dienstwilliger Sterne zweiter Größe, gnadenlos dominiert und täglich randvoll zugetextet:

„Sie wissen, dass es eine stabile gesellschaftliche und parlamentarische Mehrheit für Rot-Rot-Grün gibt, die sich in den meisten Medienhäusern niederschlägt.“

Ja, wo das denn bitte? Vom ‚Spiegel‘ über die ‚Süddeutsche‘ bis hin zum ‚Stern‘ ist die Publizistik in Deutschland seit den 90er Jahren stramm nach rechts gerückt, tief in die denkbefreite neoliberale Zone hinein, man könnte fast sagen, dass die Krise der Altmedien geradezu aus diesem Richtungswechsel resultiert, weil sich die werte Leserschaft in der Welt, die ihnen dort emsig vorkonstruiert wird, immer weniger wiedererkennt. Unsere ebenso dienstfertigen wie jungforschen Mainstreamler aber schmaddern unbewiesenes Zeugs und altrechte Verschwörungstheorien daher, als lebten wir noch zu Zeiten von Noelle-Neumanns ‚Schweigespirale‘. Tröstlich immerhin, dass dieser Malte Lehming auch so aussieht, wie er schreibt, man ist als Leser dann optisch gleich gewarnt, wenn er als verschwörungstheoretisch-publizistisches Schmierfett für die ‚Achse des Guten‘ dient oder mal wieder zu Opas verbeulter Alarmismus-Trompete greift. Aus den Tiefen der Blogwelt heraus erhält der Malte Lehming übrigens schon seit längerem das verdiente ‚Kontra‘, während innerhalb der etablierten Medien eher das Sprichwort vom Sozialverhalten der Krähen gilt:

„Fürwahr, Lehming ist nicht der schlaueste Kopf unter dieser Sonne. Doch wenn man seine Artikel als tägliches Humorfutter begreift, kann man herzhaft über Lehming lachen. Ernstzunehmen ist dieser wortschatzreduzierte Meinungsclown jedenfalls nicht.“

Und da ich mich nun einmal auf die Spuren dieses seltsamen Heiligen und Redaktionsleiters kapriziert hatte, fiel mir auch noch das folgende Fundstück vor die Tippfinger:

„Beruhigend aber ist, wie wenig spektakuläre Informationen das [wikileaks-]Material enthält. Keine Verschwörung wurde aufgedeckt, kein Umsturzplan enthüllt. … Im Wesentlichen funktioniert die amerikanische Außenpolitik offenbar genau so, wie die Medien sie darstellen und Lieschen Müller es vermutet.“

Ach so, Lieschen Müller hätte also schon immer geahnt, dass die amerikanische Außenpolitik u. a. darin bestünde, wehrlose Zivilisten vom sicheren Hubschrauber herab abzuknallen? Und da wundern Sie sich anderswo gleich wieder über einen wachsenden Antiamerikanismus? Gut, dass Sie uns über die Ansichten im Volk derart zutreffend aufklären, Herr Lehming. Darin besteht bekanntlich die Kunst dieses ‚objektiven Qualitätsjournalismus‘, den uns alle Verleger so trefflich zu rühmen wissen … zum Beispiel dann, wenn unser Malte Schmähling den Stuttgart-21-Gegnern den Göring und den Rosenberg ans Bein zu tüddeln versucht:

„Für den Reichsjägermeister und Reichsnaturschutz-beauftragten Hermann Göring bedeutete Waldvernichtung Volksvernichtung. Denn „wenn wir durch den Wald gehen, erfüllt uns der Wald mit einer ungeheuren Freude“.

Jaja – und ich esse gerne gut, und das tat der Göring bekanntlich ja auch.

4 Kommentare

  1. Gerade bei Wikileaks offenbart sich die Gartenzwergsicht der Deutschen – ja, ich verallgemeinere hier bewusst. Wir suchen uns irgendwelche drittklassigen Saufaussagen fünftklassiger Diplomaten raus, die ihre private Meinung zu uninteressanten Ministerdarstellern abgegeben haben, und lachen uns dann quer durch die Medienlandschaft scheckig über die Kleinkrämerei der Amis. Seltsamerweise sehen amerikanische Medien und Politiker die Sache gänzlich anders.

    Dort geht es soweit, dass z.B. der Jurist und Kolumnist für Salon.com, ein großer Verfechter von Transparenz und Wikileaks, gezielt angegriffen und unglaubwürdig machen soll: http://www.salon.com/news/wikileaks/index.html?story=/politics/war_room/2011/02/15/hunton_williams_wikileaks_chamber

    So ganz harmlos und uninteressant ist das geleakte Material wol nicht, erst recht nicht die Implikatonen für die Zukunft, wenn whistleblowing Standard wird. Ob Herr Lemming das weiß?

  2. Ja, die Deutschen, ein hoffnungsloses Volk, möchte man in melancholischen Stunden manchmal glauben. das war aber nicht immer so: Die Deutschen waren auch mal das Volk der wahrhaft Wortgewaltigen dieser Welt. Wo ist das hin? …

  3. deutsche Medienhäuser (Burda, Springer, Bertelsmann…): rot-rot-grün?
    Der Mann hat wirklich keine Ahnung.
    Und deshalb hat er den richtigen Beruf.
    Denn:
    „Jeder Idiot darf Journalist werden, das garantiert das Grundgesetz, und viele werden es auch tatsächlich, das kann man Tag für Tag in den „etablierten“ Medien nachlesen, angucken, anhören….“ (Journalist Niggemeier, taz, 22.12.2007)

  4. @ Jeeves: Hast du denn noch nie von der „linken Kaderschmiede“ namens Bertelsmann-Stiftung gehört?

    Ich glaube übrigens nicht, dass der Mann „keine Ahnung“ hat. Der Lehming schreibt wider besseres Wissen, als ‚a man on a mission‘ oder als ‚hired gun‘ ganz anderer Interessen. Damit er aber glauben kann, dass seine verbalen Rohrkrepierer und Dummdumm-Geschosse überhaupt Wirkung entfalten könnten, muss er parallel wohl ein sehr negatives Bild vom Publikum seiner ‚Qualitätspresse‘ besitzen; wäre es anders, würde er sich mit seinen bemoosten Versatzstücklein ja gar nicht an die Öffentlichkeit trauen. Trotzdem lacht das Publikum ihn faktisch doch bloß aus, zumindest soweit das Internet reicht.

    Wenn aber ein solcher Phrasendrescher auf seinem ideologischen Lego-Türmchen sich grundlos elitär oder gar intellektuell wähnt, dann geht mir das tatsächlich auf den Sack. Dieses eingebildete Gespreize regt mich mehr als alles andere auf. Es erinnert mich an gewisse Kokser, die sich auch solange für Einstein halten, wie die weiße Linie reicht …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑