Stilstand

If your memory serves you well ...

Wo lebt der?

Und vor allem wann? Ach so – ich überlas, der Frank A. Meyer sagt’s uns ja selbst: Der tiefste Wilhelminismus ist der Ort seiner Sehnsucht. Als angeblich das Bildungsbürgertum in gediegenen Salons, umgeben von teutönelnden ‚Schinken‘ aus Markart-Gemälden, den tumben Massen noch die nötige Orientierung gab. So wie bspw. der ‚Alldeutsche Verband‘, der damals alle Kinderchen zu Kaisers Geburtstag in lustige Matrosenanzüge zwängte. Über jene Zeit gibt uns Heinrich Manns ‚Untertan‘ bis heute erschöpfend Auskunft. Also nee, dann doch lieber Internet statt solcher ‚Denkhandwerksschmieden‘:

„Die Denkhandwerker aber schreiben Bücher, halten Vorträge, diskutieren in Salons. Vor allem gestalten redaktionelle Gemeinschaften Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Auf Papier wird vorgedacht, nachgedacht und weitergedacht, wird debattiert und ausprobiert, wird erwogen und abgewogen, oft umständlich, bisweilen auch vollendet elegant.“

‚Auf Papier wird unbedacht‘ – so herum wird schon eher ein Schuh daraus. Es geht heute nicht um ‚Orientierung‘, es geht um Quote. Allenfalls noch um Angela Merkels Wiederwahl. Vermutlich hatte der Mann vom ‚Cicero‘ beim Thema ‚Eleganz‘ ja Andrea Seibel, Dorothea Siems, Jan Fleischhauer, Alexander Marguier, Henryk M. Broder, Uli Dönch, Ulf Poschardt, Malte Lehming und andere Meisterdenker und ihre höchst besinnliche Sprache vor Augen. Jedenfalls, Herr Meyer, so idyllisch wie sie uns die Geschichte austapezieren, so idyllisch war sie eben nicht. Die ‚Weltbühne‘ war nie die Regel, die ‚Weltbühne‘ war immer die absolute Ausnahme. Sie pflegen in ihrem retardierten Streichelzoo einen verkitschten Mythos von der Funktion des Journalismus:

„Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in den Blütejahren der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, bot der Salon – bis die Nazis kamen – den Freiraum zur Debatte über die Zeitläufte. Und tagsüber, wenn der Salon ruhte, lief der Diskurs in Wein- und Kaffeehäusern und in den Zeitungsredaktionen.“

Die ‚Weimarer Republik‘ und ‚Blütejahre der deutschen Demokratie? Ich fasse es nicht – lesen Sie mal ein Geschichtsbuch! Das Volk wurde niederkartätscht und in die blanke Not getrieben, die SPD eierte herum wie ein kaputtes Bobby-Car, immer in Furcht vor dem ‚roten Putsch‘, und die Demokratie wurde nicht erst unter Brüning, Papen und Schleicher immer öfter ausgesetzt, weil mit diesem Volk ja kein Staat zu machen sei. In den paar verbliebenen Kaffeehäusern und Salons laberten damals Blinde von der Farbe, meinethalben gern auch über die Kultur der Renaissance. Längst aber fand der wahre Diskurs auf den Straßen statt – und in den Hetzblättern des Hugenberg-Konzerns. Mit bekanntem Resultat. Noch fieser ausgedrückt: Die Bildungsbürger, die Eliten und auch die von ihnen abhängige Journalistenmeute haben die Demokratie systematisch zugrundegerichtet – und zwar aus blanker Angst vor der Demokratie, wie auch aus nacktem Eigeninteresse.

Ihr hier heilandsmäßig verklärter ‚Bildungsbürger‘ ist bloß eine rückwärtsgewandte Utopie … und die BWL, die inzwischen die Philosophie ersetzt hat, die ist nun mal kein bildungsförderliches Studium, siehe dazu die Interviews mit den irischen Bankstern einen Text weiter unten. Trotzdem herrschen solche Excel-Figuren überall nahezu unbeschränkt. Selbst ein Richard David Precht erzielt vielleicht noch renditeträchtige Auflagen, er holt uns aber mit seinen Traktaten bestimmt nicht aus dem großen Schlamassel.

Kurzum: Einen ‚Intellektuellen‘ oder eine ‚Herrschaft der Geistigen‘ – Angesprochene aus Gründen der Pietät immer ausgenommen – so etwas Gestriges sehe ich weit und breit nicht mehr. Uns hilft heute nicht der gepflegte Diskurs, uns hilft nur noch die Kandare. Aber da sei die Lobby davor. Es wäre ja schön, wenn die ‚Geistigen‘ – whoever that is – diesen Kampf mal aufnähmen, statt vorzudenken und weiterzudenken, statt zu debattieren und auszuprobieren, statt zu erwägen und abzuwägen, statt sich mit dem Teddy ihres leicht käsigen Selbstbildes in einen spießbürgerlichen Schlummer zu wiegen.

4 Kommentare

  1. „Zwar feierte die Laptop-Partei ein paar provinzielle Wahltriumphe, doch sie verflüssigte sich inzwischen wieder fast völlig im Netz.

    Ihr Versprechen allerdings war gewaltig: Sie wollte Transparenz schaffen, hundertprozentiges Sichtbarmachen aller Regungen in der Demokratie. Ein Totalitarismus von gleißender, von blendender Helligkeit – bis in den hintersten politischen Winkel hinein.“

    Da können wir ja alle froh sein, daß diese totalitäre Gefahr abgewendet wurde.

    Jedenfalls in Frank A. Meyers analogem Paralleluniversum, in dem man von Prism und Tempora selbst dann nichts erfährt, wenn man nicht von den Internet-Blockaden der US-Armee betroffen ist:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/umgang-mit-dem-prism-skandal-us-soldaten-duerfen-guardian-enthuellungen-nicht-lesen-1.1707797

  2. Tscha, diese Piraten: Ihr klägliches Scheitern dient ihm als Zeichen für diese ungemeine „totalitäre“ Gefährlichkeit jeder öffentlichen Äußerung außerhalb des etablierten Salondiskurses. Totalitär war dabei allenfalls der Binnendiskurs bei diesem komischen Haufen. Was die Amerikaner wohl denken, wenn sie solche Meyer’schen Salondiskurse mal abhören sollten?

    Wobei ich anmerken möchte, dass mich dieses Piratige nie vom Hocker gerissen hat. Sie hatten das Zeitfenster einer Möglichkeit – und haben die Scheiben zerschlagen. Wenn du eine neue Partei gründest, musst du erst einmal den ganzen Mühseligen, Beladenen, Karrieristen und Trittbrettfahrern auf die Finger hauen, die jetzt ihre individuelle Chance zu ihrem Programm machen möchten. Der politische Gegner kommt regelhaft erst nach dieser Klärung dran.

  3. Was sich dieser Herr Mayer da zusammenschustert, trieft nur so vor ekelerregendem Elitarismus, was für den ‚Cicero‘ selbstverständlich nichts ungewöhnliches ist. Mayer geht es nicht um Bildung, sondern um Exklusivität und überheblichen Standesdünkel, insofern dürften auch die von ihm gepriesenen Salons vornehmlich Leute anziehen, die am liebsten ihre eigenen Fürze riechen. Da schwatzt man auch gerne mal auf Französisch und wirft ein Latein-Zitat ein, hauptsache man grenzt sich ab vom Lumpenpack. Das Internet ist ihnen deshalb zuwider, weil da ja jeder ankommen und mitreden kann, wie ihm das Maul gewachsen ist; weniger schöngeistig, vielleicht oft grobschlächtig oder beleidigend, aber es ist demokratisch. Totalitäre Ansichten findet man hingegen wahrscheinlich eher bei den Salon-Herrenmenschen, zumal die übelsten Faschisten weniger in den Plattenbau-, als eher in den Reihenhaussiedlungen anzutreffen sind.

    Das Festhalten an einem Medium, das sich bewährt hat, verbürgt nicht automatisch für Qualität. Man kann auch sehr eloquent mit goldenem Füller am Mahagoni-Sekretär auf handgeschöpftem Büttenpapier den niederträchtigsten Rotz verfassen. Herr Mayer wirkt gegenüber dem Internet wie ein Etrinkender, der in den Datenfluten nur hilflos mit den Armen rudert. Entsprechend hilflos sind auch seine Attacken gegen Piraten und Netz-Nerds, nichts als verzweifelte Versuche, die Komplexität einzudampfen. Jemand, der seine buddenbrooksche Bildungsbürger-Kitschwelt wie ein Palisadendorf gegen alles Neue verteidigt, wird sich wohl in diesem Leben nicht mehr mit dem Internet anfreunden.

  4. Klaus Jarchow

    1. Juli 2013 at 9:13

    Es nützt nichts, so auf diesen ‚Elitarismus‘ zu schimpfen. Der ist vielmehr typisch für konservatorisch gestimmte kulturelle Führungszirkel. Der Oxford-Historiker John Carey hat diesen antidemokratischen Hass mal sehr schön seziert: „Haß auf die Massen. Intellektuelle 1880-1939.“ Mit dem Fazit (so weit ich es erinnere): Intellektuelle sind zumeist keine unverwurzelten, freischwebenden Hallodris, so wie es Carl Schmitt sah (übrigens selbst einer), sondern sie sind die besten Stützen der Systeme. Intelligenz macht immer anfällig, und nicht immun. Das Reichssicherheitshauptamt, das Herz der Hitler’schen Mordmaschine also, bestand fast nur aus solchen Figuren, nämlich aus den Einser-Juristen einer geschlossenen juvenilen Alterskohorte.

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