Stilstand

If your memory serves you well ...

Wo bleibt das Positive?

Diese Frage stellte mir ganz ernsthaft ein Leser in seiner E-Mail. Beschäftigen wir uns also mit der Frage, wie erfolgreicher Journalismus heutzutage aussehen könnte, wenn das Mittelmaß ihm nicht allüberall im Wege stünde. Da Beispiele deutlicher zeichnen als lange abstrakte Texte, greifen ich schlicht einen der erfolgreichsten Zeitungsschreiber der Neuzeit heraus: H. L. Mencken galt zu seiner Zeit als Leuchte Amerikas. Neben Charlie Chaplin und Rudolph Valentino zählten ihn Umfragen zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in den USA. Der erste „Starjournalist“ konnte mit jeder Kolumne eine beliebige Zeitung auf ungeahnte Auflagenhöhen treiben. Sein Nachlass im Mencken-Archiv von Baltimore zählt zu den Kronjuwelen der amerikanischen Geistesgeschichte. Wie aber klang das, was in seinen Kolumnen stand:

„[Die Amerikaner]“, schrieb er, „[seien die] ängstlichste, bornierteste, schäbigste Meute von Domestiken und Muschkoten, die sich je unter einer Fahne in der Christenheit seit dem Mittelalter zusammengerottet hat.“ Auch der glorifizierte amerikanische Pioniergeist sei ein blanker Mythos: „In Wirklichkeit sind die meisten Immigranten vor und nach der Revolution Gedümpelte und Behinderte gewesen, halb verhungerte Iren, Deutsche, die mit der Restauration nicht fertig wurden, Italiener, die wie Unkraut auf verdorrtem Boden wuchsen, knochige, hirnlose Skandinavier, inkompetente Juden, die nicht einmal die Bauern in Rußland, Polen oder Rumänien übers Ohr hauen konnten“.

Ganz klar, hier schmeichelt niemand seiner Leserschaft und deren Überzeugungen. Im Gegenteil – Mencken tritt systematisch alles in den Dreck, was seinem Publikum heilig ist – er trampelt auf den Stars and Stripes herum. Aber er hat zugleich auch gute Argumente für seine Publikumsbeschimpfung – und er verfügt als Sprachgewaltiger zugleich über so viel ehrverletzende Adjektive, dass unserem Wolf Schneider wohl umgehend übel würde. Ein weiteres Beispiel blühender Meinungsfreude:

„[Politiker] verfolgen im Leben nur ein einziges Ziel: so wenig ehrliche Arbeit zu leisten wie möglich, und dafür möglichst viel Gewinn zu machen, sei es in Form von Geld, Macht oder bloßem Ruhm. Da der typische Politiker nicht nur ein Schurke, sondern auch ein Esel ist, legt er sehr großen Wert auf jene kindische Form von Bekanntheit und Speichelleckerei, der vernünftige Menschen aus dem Weg zu gehen trachten“.

Wobei anzumerken ist, dass Mencken diesen Typus aus nächster Nähe kannte. Sein Bekanntenkreis umfasste alle führenden Figuren aus Politik, Kultur und Wirtschaft, die Granden beugten sich demütig vor seiner Sprache. Über seine Kollegen machte sich Mencken allerdings wenig Illusionen, und wenn er gerade in Schwung war, haute er auch mal beide zusammen in die Pfanne:

„Die Politik und der Journalismus üben eine merkwürdige Anziehungskraft auf zweitklassige Köpfe aus“.

Ich stelle mir jetzt mal vor, unser täglicher Schnarchjournalismus heute fände zu solcher Sprachgewalt zurück. Wo in Deutschland sollte denn das gedruckt werden? In Spiegel, Stern oder Welt? Dass ich nicht lache! Guter Journalismus heute würde zuallererst am breiten Bündnis des Mittelmaßes in Verlagen und Redaktionen scheitern. Wer wagt es noch, einen unserer Politiker knietief durch jene Invektiven waten zu lassen, die er sich doch zumeist redlich verdient hat? Wo bliebe denn da das Seriöse?

Nun ja, im wirklich guten Journalismus ist das Seriöse sicherlich nicht zu finden. Ein guter Journalist hat zuallererst aufzurütteln, das Blendwerk von den Kulissen zu reißen und die handelnden Akteure als das darzustellen, was sie sind. Mit den Mitteln der Sprache. Das wäre wahre Aufklärung und Recherche, viel mehr als das gewundene Kritzelkratzel eines Schreibers, der darzulegen versucht, wer, was, wann und wie gewusst haben müsse, weshalb wiederum dies oder das oder jenes gar nicht wahr sein könne. Solche juristischen Beweisführungen versetzen den Leser nur in Dämmerschlaf. Schiebt lieber die handelnden Figuren nackt ins Scheinwerferlicht, zeigt den Typus, und nicht die duftenden Kötel, die er auf seinem Lebensweg hinterließ.

Mencken konnte übrigens auch anders, ihm war die Gabe der Beschreibung gegeben, wie kaum jemand anderem vor und nach ihm. Die verrückte Topographie San Franciscos fasst er in einige wenige Zeilen:

„Eine Halbinsel, mit dem Pazikik auf der einen Seite und der gewaltigen Bucht auf der anderen – eine unebene Halbinsel mit steilen abschüssigen Hügeln, von denen einige fast tausend Fuß hoch sind. Die Bewohner von San Francisco arbeiten in den Tälern und leben auf den Hügeln. Cable Cars ziehen sie in wenigen Minuten nach oben, oder aber sie machen die Fahrt mit erstaunlichen Taxis – Taxis, die offenbar in der Lage sind, eine Hauswand hinaufzufahren. Monument Street, östlich des Monument ist gar nichts dagegen: hier sind die Hügel wirklich steil. Geht man zu Fuß hinunter, muß man sich an den Häusern festhalten. Geht man zu Fuß hinauf – aber ich sollte mich lieber auf das beschränken, was ich kenne.“

Kurzum: Eine solche Beobachtungsgabe, eine solche Meinungsfreude, eine solch verschwenderischer Einsatz von Adjektiven, worin sich alle subjektive Bewertung doch bis heute und in Ewigkeit kleidet, die wären dem Journalismus in seiner derzeitigen Schwundform wieder zu wünschen. Hier läge ein Weg zum Ruhm, der dann auch zwangsläufig durch die berüchtigten Sprachviertel führt. Hier wäre das verlangte Positive …

Alle Zitate aus: H.L. Mencken, Werke 3: Kommentare und Kolumnen, Manuscriptum Verlag 2001


1 Kommentar

  1. Sehr unterhaltsam – von Mencken kenne ich leider fast nur diverse Häppchen. Jetzt kenne ich wieder ein paar mehr, danke.

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