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Das Wort ‚Pferd‘ hat mit dem Abgebildeten dort wenig zu tun – zwischen ihm und dem Wort besteht eine konventionelle Beziehung: Wir sind geneigt, sobald wir das Wort ‚Pferd‘ hören, uns eine Tiergestalt in dieser Art vorzustellen. Je enger wir solche Konventionen befolgen, je näher wir uns am üblichen Wortgebrauch entlanghangeln, desto ‚wirklicher‘ und ‚verständlicher‘ erscheint dem werten Leser auch unser Text. Hier liegt zugleich die überragende Bedeutung des ‚gewöhnlichen Sprachgebrauchs‘. Burghard Damerau schrieb:

„Der Eindruck, daß ein Text der Wirklichkeit nahe ist, beruht genau besehen darauf, daß er einer Konvention gewordenen Art ihrer Darstellung nahe ist“.

Konventionen sind damit nichts Negatives, es kommt beim Schreiben überhaupt nicht darauf an, möglichst unkonventionell und ‚außergewöhnlich‘ zu schreiben. Es sei denn, wir wollten einen eigenen Esoterik-Zirkel auf sprachlichem Beritt gründen, wie einst ein Stefan George oder auch die Swamis in ihren Bhagwan-Centern, die zum Schluss auch nur noch sich selbst verständlich waren. Mit anderen Worten: Das Einhalten von Konventionen verschafft uns Leser und Zuhörer – und die Kunst des Schreibens ist immer ein Va-Banque-Spiel mit den Erfordernissen des Gewöhnlichen und dem Wagnis des Außerordentlichen.

Das heißt noch nicht, dass ich sklavisch am Wortlaut der Konvention kleben muss, am statistischen Peak beim Wortgebrauch. Solange ich den allgemeinen Wortschatz nicht verlasse, könnte ich den Vierbeiner dort oben auch ‚Zossen‘ nennen, ‚Gaul‘ oder ‚Mähre‘. Der Leser würde sich vielleicht fragen, was mir das arme Pferd getan hat, dass ich es so abwertend bezeichne, hierfür müsste ich jetzt eine Begründung nachliefern, die Ebene einer gemeinsamen Wirklichkeit, einer ’shared reality‘ hätte ich noch nicht verlassen. Würde ich diesen niedergeborenen Kaltblüter allerdings hochtrabend einen ‚Zelter‘ nennen, dann würde sich der Leser schon fragen, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe.

Umgekehrt gilt die Regel natürlich auch: Will ich den Eindruck des Unwirklichen und Übersinnlichen erwecken, dann ist es ein probates Mittel, die Ebene des gewöhnlichen Sprachgebrauchs zu verlassen. Ich muss mir dann eine ‚Kunstsprache‘ entwickeln, wie H.P. Lovecraft in seinen Cthulhu-Romanen – oder die konventionelle Wortstellung verändern, oder aber zu antikisierenden Sprachmustern zurückkehren wie ein Wolf von Niebelschütz in seinen Romanen, die in einem erfundenen Geschichtsraum spielen. Solche ‚Literatenliteratur‘ klänge dann bspw. so:

Georg, zum Abgrund des Sommers herabgesunken, lag in der Tiefe des Grillenmeeres. Über ihm hoch, in einer schönen Ewigkeit, gab es einen Vormittag, Insel der Sonnenfriedlichkeit, und möglicherweise war es doch dort, wo sein Leichnam angenehm ruhte … (Albrecht Schaeffer: Helianth, I, 11).

In gewöhnlichen Worten: „Georg lag auf dem Rücken im Gras und schaute in den blauen Sommerhimmel„. Unser sehr viel pretiöserer Albrecht Schaeffer aber, der wurde durch sein Ausbrechen aus der Konvention kurzfristig zum Abgott einer neuen Schriftstellergeneration, die sich mal wieder als Avantgarde empfand, die gleich ihm mit dem Mittel der Sprache der Wirklichkeit zu entkommen suchte, indem sie die Konventionen der Sprache auf solche und auf viele andere Arten zerbrach. Zu seinen Anhängern zählten zum Beispiel ein Hanns Henny Jahnn oder auch ein Arno Schmidt. Die Leserscharen allerdings blieben in allen diesen Fällen aus, denn der gewöhnliche Leser liebt nun mal die Konvention, er will beim Lesen keine Mentalgymnastik vollführen. Dies ist die Crux aller ‚modernen Literatur‘, die im Kern immer auf einem Herumbasteln an den Lesekonventionen, und damit an der geteilten Wirklichkeit beruht. Die Gefahr besteht dann darin, dass der Leser das ‚Pferd‘ nicht mehr als ein Pferd anerkennt:

Das Quagga - ein ausgestorbenes Pferd (Public Domain)

Auch das Quagga war einst ein Pferd (Public Domain)