Stilstand

If your memory serves you well ...

Willkommenskultur

Zu den mehr oder minder hervorragenden Eigenschaften der Sprache gehört es, dass sie Dinge aus dem Hut zaubern kann, die kein Mensch je sah:

„Rösler fordert Willkommenskultur für ausländische Fachkräfte.“

Jaja, unser Fiepsi als ‚Kulturschaffender‘. Was um Himmels willen soll das denn sein, diese ‚Willkommenskultur‘? Soll der Bürgermeister die Ankömmlinge an der Gangway mit einem Strauß roter Rosen per Handschlag begrüßen? Sollen leicht geschürzte Maiden den ausländischen Fachkräften einen roten Teppich ausrollen, während die Bigband spielt? Sollen randalierende Ausländerfeinde in der wichtigen Phase des Begrüßens doch bitte mal kurz die Schnauze halten? Und was passiert überhaupt danach, dann, wenn nämlich die Zeit des Willkommens vorüber und der Arbeitsvertrag unterschrieben ist? Ist diese ‚Kultur‘ jetzt ratzfatz wieder vorbei? Sobald der triste deutsche Alltag am Arbeitsplatz und auf der Straße die Fachkräfte einholt, dann, wenn der durchsichtige Wortschleier von einer eilfertig und windmacherisch dahergeschwätzten ‚Willkommenskultur‘ fällt, und das blanke Nichts erscheint?

Kurzum: Hohle Nüsse aus dem Wirtschaftsministerium, weil dem die Unternehmen besorgt meldeten: ‚Houston, wir haben da ein Problem‘. Sprachsalbaderei! Aber die vereinigte Presse lacht dieses Wort-Talmi nicht aus, sondern druckt’s und schweigt.

Vermutlich wollte er ja bloß einen humaneren, zivilisierteren und kultivierteren Umgang mit Ausländern fordern. Das aber wäre weiten Teilen seiner Partei dann sauer aufgestoßen, zum Beispiel dem Burschenschaftsflügel der FDP, denen mit den FPÖ-Allüren. Niemand kann rechts hetzen und links den Hut ziehen. Röslers Problem sind die eigenen Reihen …

4 Kommentare

  1. Da verweise ich doch gerne auf Eckhard Henscheids Sammlung „Alle 756 Kulturen“, erschienen anno 2001 bei Zweitausendeins. Da ist es noch nicht drin, das Wort Willkommenskultur. Inzwischen soll Heinscheid aber weiter gesammelt haben und bereitd die Tausendermarke überschritten haben.
    Was allerdings drin ist in meinem Buch und zu all dem Geschwafel passt: Sprechblasenkultur!

  2. Ich nehme an, das mit den Maiden, der Blaskapelle und dem Bürgermeister ist tatsächlich der Kulturbegriff, der Rösler vorschwebt. Hauptsache, es erinnert ihn irgendwie ans 19. Jahrhundert, aus dem auch seine Politik stammt. Damals waren die Liberalen allerdings fortschrittliche Kräfte, die sich den traditionellen deutsch-partikularistischen Kulturen entgegenstellten. Heute sind es Leute, die sich die Provinzialisierung der kalten Welt wünschen, auf dass sie ihnen die vermisste Heimeligkeit vortäusche.

  3. Die oft beklagte Transformation des Liberalismus fand schon im 19. Jahrhundert statt. Die Nationalliberalen, also die wirtschaftsorientierten Bismarck-Anhänger, später dann die DVP, verwandten ja durchaus den Begriff ‚Liberalismus‘ zur Selbstkennzeichnung – und sie meinten damit die Freiheit des Handelns und Spekulierens.

    Heinrich Mann hat diese unterschiedlichen Figuren im ‚Untertan‘ ja durchaus zutreffend gezeichnet: Der ‚alte Buck‘ ist der gebildete Liberale der 48er-Tradition, sein Antagonist, der ‚Diedrich Hessling‘, ist der Hurra-Liberale neuen Typs – heute erlebt dieser nur eine Renaissance. In besonders unverschämter Ausprägung ist er bei der korruptionsanfälligen FPÖ im schönen Austria nahezu in Reinkultur zu besichtigen …

  4. Korruptionsanfällig. Das war jetzt schön gesagt 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑