Stilstand

If your memory serves you well ...

Wie man sich einen Wolf dichtet

Der Wolfsstein

„Wolf! Wolf! – wenn das ein Wolf war, fress‘ ich ‘nen Besen.“ Opa Diercksen regte sich zusehends auf und goss sich erst einmal einen Stonsdorfer ein, damit das Bier besser flutschte. „Wir hingen hier doch alle mit drin, und wenn ich sage, alle, dann meine ich auch alle“, knurrte er abfällig, und wischte sich Schaum von den Lippen.

„Also gut, denn pass mal op, du Jungspund, ich erzähle dir einfach mal die ganze Geschichte, so wie sie wirklich war, damit du nicht doof sterben musst.“

Sofern dieser alte Mann irgendetwas noch konnte, dann war‘s das Erzählen. Dafür war er berühmt, dafür bestellte man ihm gern Bier und Schluck, nur um ihm zuzuhören …

„Tscha, wo fange ich an. Viele von euch Jungen glauben ja, am 10. Mai 1945 wäre der große Krieg plötzlich vorbeigewesen, so quasi im Handumdrehen. Plötzlich hätte überall Ruhe geherrscht. Die Leute kloppten Mörtel von den Ziegelsteinen, um ihre Hütten wieder aufzubauen, und abends kloppten sie dann einen Skat. Kurzum – Friede, Freude, Eierkuchen. So aber war das damals gar nicht. Dieser Krieg ging noch jahrelang weiter: Es gab Krieg ums Fressen, Krieg um Zigaretten, Krieg mit den Fremdarbeitern, Krieg um Schlafplätze für Vertriebene.

Gehst du beispielsweise heute mit deiner Liebsten in ein Restaurant, dann muss dein Steak doch mindestens zweihundert Gramm wiegen, ansonsten könntest du den Wirt glatt verklagen. Nach dem Krieg aber standen jedem Niedersachsen nur einhundert Gramm an Fleisch zu – und zwar im Monat! Das macht eins-komma-zwei Kilo Fleisch im Jahr! Damit bekommst du heute noch nicht einmal einen zünftigen Grillabend hin. In Hannover tobten damals Hungerrevolten, und die britischen Besatzer hatten alle Hände voll zu tun, all die krakeelenden Leute wieder auseinanderzutreiben. Auf den hervorstechenden Rippen der meisten Bewohner konntest du Gurken schaben.

Die meisten Leute denken ja, dass sich die Bauernschaft an diesen Städtern, also an den Hamsterern, eine goldene Nase verdiente: Ein Persianermantel gegen eine Mettwurst, eine Standuhr für zwölf Eier – tausendfach gibt’s ähnliche Tartarengeschichten aus dieser Zeit. Ganz so war‘s aber nicht. Gut, auf dem flachen Land ging’s den Leuten noch etwas besser als euch Hungerleidern aus der Stadt. Solche Geschäfte waren aber auch hier nicht so einfach. Denn es gab ja die Bewirtschaftung – Essen nur gegen Marken auf einem rundum kontrollierten Markt.

Jedes Huhn, jedes Schwein, jede Kuh wurde damals gezählt und erfasst. Und wehe, bei der nächsten Kontrolle gab es Schwund! Natürlich wurde getrickst, was die Bauernschläue hergab. Beim nächsten Besuch hatte sich dann die dicke Sau in ein klitzekleines Ferkel verwandelt, sie hatte also die Lebensbahn einfach mal in umgekehrter Richtung beschritten. Die Zahl stimmte dann wieder, nur eben die Speckschicht nicht. Lauter so’n raffinierten Beschiss war damals gang und gäbe. Und natürlich wurde auch manches Auge zugedrückt. Mit einer Mettwurst in der Hand ließ sich das Herz vieler Wachtmeister vorzüglich erweichen. Auch ihnen raste ja der Hungerdämon im Magen herum. Schlimmer waren da schon die britischen Besatzer. Die waren nämlich satt.“

Helmut Diercksen gönnte sich einen weiteren Stonsdorfer und verlötete ihn umgehend: „Tscha, so war dat! Ringsum gab es einen gigantischen Markt für Fleisch und Wurst, aber beliefern durfte man ihn nicht. Hier beginnt jetzt die Geschichte mit dem famosen Würger vom Lichtenmoor. Denn besonders plietsche Bauern waren auf eine Lücke im Gesetzestext gestoßen: Das Fleisch von gerissenen Tieren war keinesfalls für den menschlichen Verzehr bestimmt – und wurde daher auch nicht von der Bewirtschaftung erfasst. Ein solcher Fall wurde nur notiert. Sofern vorhanden, bezahlte die Viehversicherung ein paar Reichsmark, danach war Ende Gelände. Den werten Kunden aber interessierte es einen Dreck, ob seine Mettwurst nun gerissen oder geschlachtet worden war.

Vor dem großen Auftritt des Würgers hatte dieses Spiel längst begonnen, so ab Anfang Mai 1948. Auf immer mehr abgelegenen Weiden zwischen Nienburg, Rodewald, Fallingbostel und Rethem wurde gerissenes Vieh entdeckt, in einer gottverlassenen Einöde voll dichtem Wald, struppiger Heide und grundlosem Moor. Das Lichtenmoor mittendrin. Ein Wachtmeister nahm anschließend die Leichenschau vor, beguckte sich den Fall von rechts und von links, und meldete den Abgang seiner Registratur. Das schöne Fleisch war danach vogelfrei, es gehörte gewissermaßen dem Dschungel. Fleisch- und der Wursthandel konnten florieren. So und nicht anders war das!

Dummerweise gab es zu viele Nachahmer, ein erfolgreiches Geschäftsmodell wird eben immer kopiert. Allmählich kam es zu mehr Abgängen an Vieh als es überhaupt nachgewiesenes Raubzeug gab. Abhilfe musste her. Einige Bauern wollten zunächst wildernde Hunde gesehen haben, ‚große graue Viecher‘, die sich an so eine arglose Muhkuh auf der Weide herangeschlichen hätten.“ Diercksen nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas.

„Du fragst dich vielleicht, warum diese Hundebeobachter nicht gleich auf diese tierischen Marodeure geschossen hätten? Das ging deshalb nicht, weil die Jägerschaften auf den Dörfern komplett entwaffnet worden waren. Mit ganz wenigen Ausnahmen hatte damals niemand mehr ein Gewehr.

Wie aber haben sich die gerissenen Bauern dann ihr eigenes Vieh gerissen? Nun ja, ich nehme an, dass in der Dämmerung, ob nun morgens oder abends, ein kleiner Trupp Männer mit Messern und einem ‚Hermann‘ – also einem großen Hammer – hinaus in die Pampa zog. Der schwere Schlag traf das arme Vieh mittenmang zwischen den Augen, es brach zusammen und am rechten Hinterlauf wurde dann ein tiefer Schnitt gesetzt, der es sutje piano ausbluten ließ. Weshalb betäubte Tiere immer auf die linke Seite fallen, weiß ich auch nicht – es ist aber so. Dieser Schnitt an der rechten Keule wurde zum Markenzeichen des nun folgenden Geschehens.

Wie gesagt, ein Dämon musste her. Inzwischen war nämlich der Gendarm Karl Quiatkowski aus Rodewald misstrauisch geworden. Er begann das eingespielte Muster zu stören. Am 18. Mai 1948 besichtigte dieser Mann des Gesetzes eine neue Kuhleiche und stellte fest, dass die Wunde am rechten Hinterbein „wie mit einem Messer geschnitten“ worden sei. Doch auch er bewahrte zunächst den dörflichen Konsens und befahl, dass die Kuh liegen zu bleiben habe, um zu sehen, ob sich Hunde ihrem Fest- und Fressplatz wieder näherten. Was natürlich nicht geschah. „Das waren keine Hunde“, schloss Quiatkowski daraufhin messerscharf. Womit er zwar recht hatte, was aber auch erstmals das Gerücht von einem sagenhaften Schlächter in die Welt setzte.

Es wurde ja auch immer schlimmer. In der Nähe von Eilte wurden in einer Nacht zwanzig gerissene Schafe gezählt, die Beine „wie mit einem Beil“ abgetrennt, andere wurden säuberlich aus ihrem Fell geschält. Kurzum – das Monster musste schon ein überaus raffiniertes Vieh sein, mit soliden Erfahrungen im Fleischerhandwerk. Auf die offensichtlichste Erklärung, die daraus folgte, wollte aber aus gutem Grund niemand kommen.

Im Gegenteil: Die britischen Besatzer gaben jetzt Gewehre an die entwaffnete Einwohnerschaft aus, Treib- und Drückjagden sollten ‚dat grote Düwelsvieh‘ endlich erlegen. Natürlich blieb alles ergebnislos. Auch andere zogen in die Pampa, eine internationale Jagdgesellschaft erlegte beispielsweise – zum Leidwesen des Halters – einen steinalten Hofhund, und blies ihm stolz ein letztes Halali. Mit einem Wort: Hier ging’s damals zu wie auf dem Jahrmarkt.

Längst hatte nämlich auch die Presse Wind von den Geschehnissen bekommen. Die war bekanntlich ständig auf der Suche nach auflagesteigerndem Lesestoff. Zudem gähnte vor deren Reportern im Mai bereits schauerlich das gefürchtete und ereignisarme ‚Sommerloch‘. In diesem Jahr 1948 aber konnte das Gemetzel im Lichtenmoor erfolgreich das altgewohnte Loch Ness von den Titelseiten verdrängen. Und zwar weit über Deutschland hinaus. Während die Bewohner von Rodewald und Eilte lernen mussten mit einer wuseligen Pressemeute zu leben. Was nicht immer leicht war, aber auch durchaus lukrativ. Selbst Journalisten müssen essen, trinken und schlafen.

Im nahen Hannover lag damals die journalistische Hochburg Deutschlands. Nicht nur die ‚Hannoversche Allgemeine‘ residierte dort, sondern – neben anderen – auch ‚Spiegel‘, ‚Welt‘ und ‚Stern‘ in ihrer Frühzeit. Den Vogel aber schoss damals ein Radau-Blatt ab, das eine bunt gemischte Truppe aus ehemaligen SS-Leuten und Kommunistenfreunden als Dichter beschäftigte. Es hieß ‚die strasse‘. Dieses Blättchen lebte und starb prompt mit den von mir hier geschilderten Ereignissen.

Nachdem der großmächtige Oberforstmeister Ernst-August Freiherr von Hammerstein erstmals ein großes Buh-Wort in den Mund genommen hatte, und von einem marodierenden „Wolf“ sprach, kannte diese Meute kein Halten mehr. Das eben genannte Revolverblatt ‚die strasse‘ war es, wo der Ausdruck „Würger vom Lichtenmoor“ zum ersten Mal geprägt wurde.

In wilder Folge geisterten immer aberwitzigere Spekulationen durch eine entfesselte Presselandschaft: ein Puma mit Jungen ward zumindest auf dem Papier gesichtet, auch ein Panther oder gar ein Löwe. Wobei letzteres noch nicht einmal aus der Luft gegriffen war. Denn satirisch veranlagte Journalisten hatten einem Lehrer einen ausgestopften ‚König der Steppe‘ geklaut und mitten hinein ins Lichtenmoor verfrachtet. Auf dessen Sägemehl-Korpus ballerte ein heldenhaftes britisches Kommando in heller Panik, bis die Magazine leergeschossen waren. Weil das blöde Vieh aber einfach nicht umfallen wollte, trauten sich die Tommies auch nicht näher an dieses Steiff-Tier heran. Das Rätsel des Löwen wurde deshalb niemals öffentlich gelöst. Auch deshalb, weil der niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf damals Stress mit den Briten befürchtete. Dieses Hohelied englischer Tapferkeit durfte niemals in gedruckter Form erscheinen.

Aus Hamburg, ausgesandt vom Tierpark Hagenbeck, reiste überdies, auf die Nachricht von Raubkatzen hin, sogar ein echter Afrikaforscher und Großwildjäger an. Er hieß Hein Oberjohann, war stilecht in einen schmucken Khakianzug gekleidet, und er hatte weitere 40 Reporter im Gefolge. Leider kamen auch ihm weder Puma noch Löwe bei seiner Safari vor die Flinte, einzig ein verwirrter Dachs saß verschüchtert in einer der aufgestellten Fallen. Das Untier sei „ein ganz raffinierter Hund“, stellte Oberjohann damals dem ‚Spiegel‘ gegenüber fest, womit er gar nicht mal soweit neben der Spur lag.

Den Höhepunkt des Ganzen bildet dann am 13. Juni 1948 die ‚größte niedersächsische Treibjagd aller Zeiten‘ – das gilt übrigens bis heute. 1.500 Treiber, 70 Jäger und ein britisch-deutsches Militärkommando zogen aus, den mythischen Killer zu erlegen. Im Morgengrauen, um 2.30 Uhr, begann die Hetzjagd mit einer Rakete, die in den blassen Morgenhimmel stieg. Überall knatterten Kradmelder herum, Trompeten erschallten – rundum nur Radau und Trallafitti. Die Übertragungswagen von Radio Bremen gurkten auf allen Feldwegen hin und her, Kameraleute schlichen durchs Gebüsch und gefährdeten ihr Leben. Das Resultat war aber ernüchternd, um nicht zu sagen vernichtend. Es hieß schlicht ‚kein Erfolg‘. Überdies waren mitten im Kessel wie zum Hohn zwei weitere Kühe ‚gerissen‘ worden. Kurzum – alles war mal wieder verdammt dumm gelaufen.

Auch die Bevölkerung hatte längst angefangen, den Berichten der Journalisten mehr als ihren Augen zu glauben. Gesinde traute sich nicht mehr zum Bickbeerpflücken in den Wald, Bauern schissen sich ins Hemd, wenn vor ihnen ein Hase aufsprang, die Kommunikation zwischen den Dörfern war auf allen Wegen schwer gestört, und Ehefrauen verrammelten nachts vor den Kinderzimmern die Fenster. Einem solchen Monster war schließlich alles zuzutrauen.“

Opa Diercksen orderte für uns beide zwei weitere Biere und schenkte auch beide Schnapsgläser randvoll: „Naja, ein Gutes hatte das ja. Auch die armen Schlucker, die verbliebenen Fremdarbeiter und die Vertriebenen, wagten sich nachts nicht mehr vor die Tür. Sonst hätten die am Ende auch noch das ertragreiche Geschäftsmodell kopiert.

Sogar bis zu einem Werwolf verstieg sich die blubbernde Gerüchteküche. Du weißt, der Werwolf, das ist dieses sagenhafte Wesen, welches tagsüber als Mensch durch die Landschaft kreucht, um sich des Nachts in ein metzelndes Monster zu verwandeln. Bemerkenswert fand ich damals die Äußerung des britischen Standortkommandanten, als ihm diese neueste Mär zu Ohren kam: ‚Well, dann wird er eben auch entnazifiziert‘, sagte der. Humor haben diese Briten ja …“

Helmut Diercksen feixte und schüttete sich Schnupftabak in die Daumenbeuge. Dann zog er sich den braunen Staub genüsslich in behaarte Nasenlöcher: „Ab jetzt wird die Geschichte gewissermaßen zweigleisig. Übrigens habe ich mich schon oft gefragt, weshalb damals niemand an einer Aufklärung interessiert war, trotz all der unübersehbaren Hinweise auf menschliches Tun.

Klar, die Journalisten wollten lieber ein grässliches Monster und ein Heide-Massaker statt piefiger Bäuerlein beim verbotenen Schwarzschlachten. Ihre Frontberichterstattung beherrschten sie ja noch. Die Briten verzichteten vielleicht deshalb auf eine Verfolgung, weil das große Metzeln auf allen Weiden die trübe Versorgungslage immerhin ein wenig entspannte. Und die deutsche Polizei, naja, die war vermutlich oft stiller Teilhaber am Fleischgeschäft, und tat ansonsten das, was die Briten wollten. Immerhin gab es damals für eine Wurst eine ganze Stange Zigaretten auf dem schwarzen Markt. So ungefähr jedenfalls denke ich mir das alles zusammen. Doch zurück zur Geschichte.

In dem kleinen Dörfchen Eilte lebte damals ein Bauer namens Hermann Gaatz: Ein treuer Jünger des Hubertus, ein wenig auch ein Sonderling, vor allem aber ein Liebhaber der fixen Idee. Weil er mit einem britischen Offizier befreundet war, durfte er als einer von wenigen damals eine Jagdwaffe führen. Der beschrieb später in seinen ‚Memoiren‘ zwar detailliert alle Vorkommnisse, die zielgenau aufs menschliche Schwarzschlachten hindeuteten, trotzdem aber blieb er zugleich fest davon überzeugt, dass ein Wolf der Übeltäter sein müsse. Frag mich jetzt nicht, wie das in einem einzigen Kopf zusammengeht …

Ein ganz raffinierter Wolf wäre dieses Phantom überdies. Mit einem ausgewachsenen Schaf im Maul sei das Untier schnurstracks über große Feldwege hinweggesprungen, nur damit er, der große Jäger Gaatz, keine Pfotenabdrücke zu Gesicht bekäme. Lauter so’n Zeug findet sich in seinem roten Heft, alles Jägerlatein vom Feinsten …

In der Schotenheide, dort also, wo heute der Wolfsstein steht, baute unser Jäger sich einen Hochstand, wo er sechs Wochen lang, Nacht für Nacht, Posten bezog. Nur er und sein britisches Militärgewehr mit dem Zielfernrohr von der Firma Zeiss in Jena.

In der Nacht vom 27. auf den 28. August 1948 war es dann soweit. Hermann Gaatz erblickte im letzten Büchsenlicht einen grauen Schatten, der sich an ein Rudel Rehe heranpirschte, und ballerte los. Nach seiner möglicherweise bloß verwundeten Beute suchen mochte er so ganz allein im Dunkeln aber dann nicht mehr. Er eilte zurück nach Eilte und informierte einen Nachbarn. Der rief, sicherlich vom öffentlichkeitsgeilen Gaatz gebrieft, frühmorgens bei der ‚Welt‘ in Hannover an, während unser Nimrod schon wieder im betauten Gras nach seiner Beute forschte.

Die fand er am frühen Morgen des 28. August 1948 in einer Geländekuhle, dort, wo der gefährliche Würger sein Leben ausgehaucht hatte. Heute steht dort der Wolfsstein. Gaatz buckelte den 95-Pfund-Kadaver zurück nach Eilte, wo vor seinem Haus schon alles schwarz von Reportern war. Stolz posierte der Jäger mit seiner Beute in Heia-Safari-Haltung neben dem Steinhaufen auf seinem Hof.

Die Lefzen hatte er dem Untier noch extra weit hinaufgezogen, damit die Reißzähne gut zu sehen waren. Trotzdem erinnert mich das Vieh doch eher an einen gut gewachsenen Schäferhund – und nicht an ein gewaltiges Raubtier, das mit unboosigen Kräften eine ausgewachsene Kuh meterweit ins Gebüsch schleppen konnte.“ Eine neue Runde Bier und Stonsdorfer stand an. Diercksen grinste und wischte sich den Mund.

„Tscha – und nu kommt’s knüppeldick. Hannovers Oberforstmeister von Hammerstein wollte den Balg des legendären Viehs ausstopfen lassen, um ihn im Landesmuseum auszustellen. Deshalb rief er alarmiert bei Gaatz an, und forderte die sofortige Übergabe an zwei seiner Beauftragten. Ab jetzt gibt es dann zwei Versionen: Nach der ersten stellten sich zwei Reporter dem Gaatz als Hammersteins Beauftragte vor, und unterschlugen so den Würger einfach, um mit ihm ganz ‚exklusiv‘ nach Hannover zu düsen. Nach der zweiten übergab der Jäger die Trophäe einem befreundeten Journalisten, der sich um die alarmierte Berichterstattung besonders verdient gemacht hatte.

Wie dem auch sei, der Würger war jedenfalls plötzlich futsch, und das Dörfchen Eilte sah sich um eine Attraktion gebracht. Das Geschehen war so oder so ein ganz dicker Hund – und die Sache begann buchstäblich zum Himmel zu stinken.“ Eine neue Dosis Schnupftabak unterbrach Diercksens Erzählfluss.

„Wir hatten nämlich Hochsommer. Dieser August des Jahres 1948 war extrem sonnig und heiß, unter dem Blech eines Kofferraums herrschten folglich Grilltemperaturen. Weder Gaatz, noch die Tierärztliche Hochschule, noch das Landesmuseum wussten derweil, wo der tote Würger abgeblieben war. Das richtige Näschen bewies dann der Oberforstmeister. Hammerstein schlich auf den Parkplatz am Pressehaus und ließ sich von seinem Zinken leiten. Und siehe da – im Kofferraum eines Presseautos lag der tote Würger, leider schon reichlich angegangen.

Was also tun? Präparieren ließ sich die stinkende Masse nicht mehr, selbst der Zoo lehnte eine Verfütterung wegen der Seuchengefahr ab. Der Körper des Würgers wurde also anonym bestattet, nur sein Kopf wurde bis aufs Skelett herunterpräpariert und danach mit Fell überzogen. Zwei dunkle Glasmurmeln als Augen, dazu gewaltige künstliche Reißzähne aus dem Dentallabor, ein wenig rote Farbe auf die Zunge – fertig war die Laube. So erblickten Generationen von Schülern den gefürchteten Würger vom Lichtenmoor. Ein angenehmer Grusel war die unausweichliche Folge, und die Sage verfestigte sich. Warte mal, ich habe dir hier ein Foto von diesem Corpus Delicti mitgebracht:

Der nachempfundene Kopf des Würgers / Bild: Heimatmuseum Rodewald

„Tscha – das also ist unser Hasso, der treue Hofhund! Gefährlich sieht für mich irgendwie anders aus. Der Hermann Gaatz aber zählte jetzt zu den bestgehassten Figuren in seinem Dorf. Nicht nur, dass er dem schwunghaften Fleischhandel schwer geschadet hatte, auch die Pressemeute blieb plötzlich aus, und damit die vorzüglichen Einnahmemöglichkeiten für Essen und Übernachtung.

Glücklicherweise war kurz zuvor die Währungsreform in Kraft getreten. Schlagartig sank mit der Einführung der D-Mark auch die Zahl des gerissenen Weideviehs. Was sich wiederum ganz famos auch auf den Tod des großen Würgers schieben ließ.“

Diercksen war kurz verschwunden, um eine Stange Wasser in die Ecke zu stellen, wie er sagte. Stöhnend ließ er sich jetzt zurück auf die Sitzbank fallen: „Du fragst dich jetzt, weshalb ich glaube, dass wir es gar nicht mit einem Wolf zu tun haben. Nun, da wäre zunächst einmal der Befund des Kustos im Landesmuseum, eines Dr. Rolle. Der hatte sich den Penisknochen des Würgers erbeten und ihn mit Präparaten von Wölfen und Hunden verglichen. Das sei kein Wolf, lautete sein Fazit, allenfalls ein Wolfs-Hund-Mischling. Solche Expertise war natürlich nicht sonderlich begehrt.

Die Presse schrieb unbeirrt weiter von einem „sibirischen Steppenwolf“, der dort unten in der Taiga auch „Pferdewolf“ hieße. Vermutlich hätte den ein russischer Soldat nach Deutschland eingeschleppt, das Vieh sei dann über die Elbe gekrault, um im Lichtenmoor sein fleischreiches Dolce Vita zu beginnen. Dem bösen ‚Iwan‘ war damals schließlich jedes Verbrechen zuzutrauen, ähnlich wie den Muslims heute.

Selbst aber Doktor Rolle mal beiseite geschoben, auch die Logik spricht gegen den Würger als Täter. Angenommen, dieser ‚Wolf‘ hätte tatsächlich ein Rind gerissen. Was hätte er dann gemacht? Richtig, er hätte sich am Kadaver gütlich getan, sich kopfüber durch die Bauchdecke zu den leckeren Innereien vorgewühlt, um dann mit blutigem Kopf und vollgefressen irgendwo im Gebüsch drei Tage lang Bubu zu machen. Fraßspuren aber fanden sich damals nirgendwo. Nur immer dieser saubere Schnitt an der rechten Hinterkeule.

Und in einer Nacht sollte das Untier manchmal auch an drei Stellen zugleich zugeschlagen haben. Blanke Mordlust statt Fressgier müsste diesen Würger also beseelt haben, und Hunger hätte er auch nie verspürt. Ist das wahrscheinlich? Nein, das ist völlig unwahrscheinlich.

Hier habe ich übrigens ein Foto vom Würger, das auf Gaatz‘ Hof damals im Gedränge der Pressemeute geschossen wurde. Schau’s dir an:

Auf Gaatz‘ Hof / Bild: zeitgenössisch, GNU

Sieht das Vieh etwa aus, wie ein wahrer Berserker und muskulöser Goliath, der mit ausgewachsenen Schafen im Maul über Hecken, Zäune und Gräben sprang? Der mit unbändiger Kraft gerissene Kühe meterweit ins Gebüsch zerren konnte? Da allerdings habe ich mehr als nur Zweifel. In meinen Augen hat der Bauer Gaatz damals einen großen, herrenlosen Hund erschossen, von denen in den Nachkriegswirren sich viele in der Bottnik durchs Leben schlugen.

Für mich ist der ‚Würger vom Lichtenmoor‘ also schlicht eine niederdeutsche Sage. Die meisten Leute glauben ja, dass eine solche deutsche Sage mindestens bis ins Mittelalter zurückreichen müsse, bis zu den Hexen, den Zauberern und den verwunschenen Prinzessinnen. Aber das Wort Sage kommt schlicht vom ‚Sagen‘ her, also von dem, was man sich untereinander so erzählt. Und da gibt es eben auch ganz moderne Sagen.

Der Ursprung der Würger-Saga liegt in diesem Fall wohl zuvörderst bei der Presse, die damals ihr ‚Narrativ‘ – so nennen sie das ja wohl heute – von einem ‚Würger im Lichtenmoor‘ entwickelte.

Die Existenz einer blutrünstigen Bestie passte auch vielen anderen hervorragend in den Kram. Ein unbedeutender Flecken Südheide war plötzlich ‚sagenumwittert‘, die Schwarzschlächter konnten mit dem Finger auf andere zeigen, die Jäger erhielten ihre Gewehre zurück, und touristisch ist der ‚Würger vom Lichtenmoor‘ bis heute ein echter Hit. Ihren Wolfsstein müssten die Verantwortlichen allerdings  dringend mal aufpolieren. Dort sieht es ja aus wie bei Hempels unterm Sofa.

So jetzt hast du alles zusammen, was ich dir erzählen wollte. Mach was draus. Ich nehme jetzt noch einen Schlenderschluck – und dann geht’s ab in die Heia.“

Sprach’s, kippte den Stonsdorfer, und entschwand.

 

 

1 Kommentar

  1. Klasse, Ihre Geschichtsstunden!

    „Weshalb betäubte Tiere immer auf die linke Seite fallen, weiß ich auch nicht – es ist aber so.“
    Nun, die meisten Leute sind Rechtshänder. Will er die Stirn treffen, steht der „Würger“ beim einhändigen Hammerschlag etwas rechts von seinem Opfer. Das zuckt vielleicht noch von ihm weg (nach links) bevor es fällt, und/oder er schubst nach, damit es nicht in seine Richtung fällt. So ’ne Kuh liegt schwer auf dem Magen.
    Und beim beidhändigen Schlag wird der Hammer eher auf der stärkeren Seite über die Schulter gehoben, so daß die Stellung ähnlich ist.

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