Wenn’s vorn nicht stimmt und hinten nie, ist’s eine Verschwörungstheorie: Will ich mich mal wieder über den aktuellen Stand argumentationsfreien Wirrsinns informieren, begebe ich mich gern auf die Seiten von ‚Mein Parteibuch‘, wo diese intellektuell Derangierten sich in Scharen tummeln. Zumeist beginnen die Texte gleich mit einer handfesten Desinformation, die auf schnöde Fakten souverän verzichtet:

„In der Resolution 1973 hat der UN-Sicherheitsrat Libyen de facto für vogelfrei erklärt und jedes Mitgliedsland dazu aufgerufen, beliebige Angriffskriegsoperationen gegen Libyen durchzuführen.“

Soso, für ‚vogelfrei‘ hätte die UNO also Libyen erklärt – und auch jede Form von Angriffskrieg zugelassen? Dolle Sache das – wenn’s denn bloß so wäre. Dummerweise weiß auch der Verfasser selbigen Wirrsals, dass es dann doch wohl so nicht ist. Deshalb schmeißt er sein Eingangs-Statement zehn Zeilen weiter über den Haufen, um nachträglich den Eindruck von Restbeständen an Realitätskontakt zu erwecken:

„Die UN-Sicherheitsratsresolution 1973 erlaubt einerseits militärische Maßnahmen zum Schutz von Zivilisten, verlangt andererseits aber auch einen sofortigen Waffenstillstand und ein Ende der Gewalt.“

Aha – das wäre ja nun halbwegs zutreffend. Aber warum stand eingangs ganz etwas anderes im Text? Weil’s schmissiger klang? Verschwörungstheoretiker müssen wohl dem kurzen Gedächtnis ihrer Leser grenzenlos vertrauen. Regelmäßig gesellen sich kurz darauf die üblichen ‚Hilfstruppen der Verblendung‘ hinzu, die für die Gehirnwäsche der Massen sorgen müssen, damit diese die ‚wahren Zusammenhänge‘ nicht erkennen können:

„Begleitet wird der von der UNO ohne Gegenstimme beschlossene Angriffskrieg der NATO gegen Libyen von einer massenmedialen Propagandawelle, die selbst die goebbelsche Propaganda vor Hitlers Polenfeldzug blass aussehen lässt.“

Ja – der Rekurs auf den Faschismus ist in den intellektuellen Hamsterrädern der Verschwörungstheoretiker stets probat, auch wenn die arabische Stimme von Al Jazeera unversehens zum ‚Völkischen Beobachter‘ mutieren muss, damit das Feindbild stimmt. Da ist natürlich der Rassismus auch nicht mehr weit – Gaddafis Truppen würden nur deshalb angegriffen, weil es arme, unterprivilegierte Schwarze sind:

„Der “Schutz der Zivilisten” durch die von UNO und NATO im Osten Libyens an die Macht gebombten “Rebellen” besteht hauptsächlich darin, Jagd auf Menschen schwarzer Hautfarbe zu machen, sie in Lager zu sperren, zu foltern und offenbar auch gleich reihenweise zu exekutieren.“

Beweise für solch steile Thesen bleiben natürlich Fehlanzeige – auch das malinesische und nigerianische Söldnertum beteiligter Ausländer wird uns dezent verschwiegen. Zuletzt tritt immer ein möglichst skurril zu wählender Kronzeuge auf – ausgerechnet Nordkorea als Hort des Wahren und Guten betritt jetzt den Ring:

„Die Demokratische Volksrepublik Korea hat völlig recht, wenn sie erklärt, dass der Angriffskrieg der USA gegen Libyen der Welt die wichtige Lektion erteilt, dass auf Sicherheitsgarantien und die UNO kein Verlass ist, und nur wirksame Abschreckungswaffen vor einem US-Überfall schützen. Es bleibt zu hoffen, dass Nordkorea so solidarisch ist, anderen noch unabhängigen Staaten dabei zu helfen, auch in den Besitz von wirksamen Abschreckungswaffen zu kommen.“

Jaja – der altböse Feind muss mal wieder an die Front, nämlich die USA, die bekanntlich diesen Krieg zunächst gar nicht führen wollten. Was aber vermutlich für ihre besonders teuflische Perfidie spricht. Die gesellschaftlichen Folgen sind allemal superlativisch, in diesem Fall „unermesslich“, zumindest für die kleine Gruppe derer, die diese Grütze fressen mögen:

„Bei denjenigen, die die zwar primitiv gemachte, aber massenhaft verbreitete Propaganda gegen Libyen durchschauen und den von der UNO genehmigten Raub des libyschen Öls mittels eines mörderischen Angriffskrieges dahinter erkennen, wächst der Hass auf die Verbrecherbande NATO, ihre Marionetten in der arabischen Liga und den UN-Kriegsverbrecherrat, der diesem Jahrhundertverbrechen ein legales Cover gegeben hat, gerade ins Unermessliche.“

Tschaja, alles Marionetten – außer Papa! Das heißt im Umkehrschluss dann wohl, dass die Mehrheit der Vernünftigen äußerst primitiv sein muss, weshalb sie so etwas Primitives nicht zu durchschauen vermögen – ganz anders, als unser allwissender Verfasser, der seinen Messianismus des Andersseins täglich mit aparten Ansichten düngt. Hier spricht sich eine revolutionäre Avantgarde aus, die auf einem blanken Nichts stolze Wolkenkuckucksheime errichtet.

Ob solche Texte nun rechts oder links sind, mag ich nicht entscheiden, Berufenere mögen sich daran versuchen. Verhaltensauffällig aber sind sie in jedem Fall. Kurzum: Verschwörungstheoretiker sind der schönste Beweis dafür, dass neben dem Kosmos auch die Dummheit der Menschen unendlich ist …