Gestern geriet ich in eine rbb-Talkshow, die auf Eins Extra recycelt wurde: Es ging wieder mal um das gut abgehangene Thema: ‚Soll die die deutsche Sprache ins Grundgesetz?‘. In dieser Runde saßen unter anderen der Herr Bosbach von der Union, der Herr Ströbele von den Grünen, der Chef des Muslimrates, eine türkische Publizistin – war es Nekla Kelek? – und eine deutsche Schriftstellerin ungarischer Herkunft. Alle taten so, als gäbe es ‚DIE‘ deutsche Sprache. Dabei bin ich doch schon als Norddeutscher in einer schwäbischen Beiz sprachlich aufgeschmissen. Die deutsche Sprache ist nirgendwo im Singular zu haben, noch nicht einmal im Umkreis der CallCenter-Hochburg Hannover. Die Frage ist also stets, welches Deutsche denn dort im Grundgesetz verankert werden soll: etwa die kalte Verwaltungssprache der Politiker, das informationelle Legoland der Journalisten, das euphemismenreiche Gesülze der PR-Zunft, die hochtrabenden Pretiösen der Dichter, der Straßenjargon der Migrantenkinder, das Missingsch der Küstenbewohner oder das Allemannisch des Schweizer Bergbauern, der uns im Fernsehen nur mit Untertiteln verständlich ist?

Nehmen wir einfach mal die ‚Kanak-Sprak‘ der heutigen Großstadtjugend. ein Ausdruck, den Feridun Zaimoglu 1995 prägte. Dasjenige Deutsch, das von diesen Migrantenkindern der zweiten und dritten Generation gesprochen wird, das ist ja nicht defizitär oder gar ärmer als eine nebulöse ‚Hochsprache‘, welche jene Straßensprache als Norm kontrastieren soll. Dort, in Deutschlands Migrantenvierteln, wächst – zusammen mit den Jugendlichen – ein zutiefst deutscher Soziolekt heran, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er nur von den Eingeborenen des Viertels ‚korrekt‘ gesprochen werden kann. Mit Hilfe der Sprache wird also soziale Gruppenzugehörigkeit konstituiert und unerwünschte Figuren werden ausgegrenzt. So funktionieren prinzipiell alle Sprachen – sprichst du sie nicht, bist du Ausländer, sprichst du sie schlecht, bist du ein schlecht integrierter Ausländer. Die alten Griechen nannten jeden, der ihr schönes Griechisch nicht parlierte, einen ‚Barbaren‘, weil er in ihren empfindlichen Ohren nur ‚bar bar bar‘ machen konnte.

Die Runde sprach unter anderem auch über den Ghetto-Slang, aber so, als hätten diese Migranten-Kids dort vergessen, deutsch zu lernen, als bräuchten sie Nachhilfe. Dabei ist ihre Sprache genauso bildkräftig wie jede andere auch, sie beschreibt allerdings eine Welt, in der es völlig normal ist, zwei- oder mehrsprachig aufzuwachsen. Oder spräche dieser Jungrapper mit türkischen Wurzeln etwa Kisuaheli?

und das sag ich nur
wenn ich mal wenn ich derbe krass drauf bin
und sauf in
kaufin den becksin

und go in
setz mich auf die couch
und call ma meine dyrtis
und feiern die byrthies
und machn flyrties
wenn ma wieder nüchtern
dann schüchtern
dann geh ich auf klo
und sehe kloflüchter
aber das hier nur am rande meine dyrties
woll wir losziehn und tun die flyrties
jetzt fahrn wir im mercedez
und sehn die isches
dann gehst du raus und machst pische pischen
man hast dus immer noch nicht gelernt
deine welle von denen ist noch sehr weit entfernt
aber bruder ich verzeih dir nochma
dreh mich um und du kriegst n paar paar
du dummer scheisser
„man ich bin nich so wie du„
sspar dir deine witze
guck der hinterher und flitze
flitze bis zum tot umfallen
dreh mich um und sie fängt an dirn paar zu knallen
aber jetzt machs ich und danach hast dus geschnallt …

Eindeutiger Befund: Das, was im Text gesprochen wird, ist deutsch und nicht türkisch. Es ist ein Deutsch unter vielen, das auch kräftige Wurzeln im ’neuen Rotwelsch‘ amerikanischer Suburbs hat … das Defizitäre dieser Sprache liegt aber hier ausschließlich in der Gestaltungskraft des ‚Dichters‘, denn ästhetisch ist dieser Text natürlich nicht so prall. Das würde vermutlich sogar ein Hiphopper konzedieren.

So armselig aber wie die hirnbehämmerten und hormonell weichgespülten Schlagertexte einer beliebigen Sendung mit deutscher Volksmusik im Rentner-TV sind diese Zeilen hingegen auch nicht: „Herzilein, du bist mein Augenschein, mit dir im Sonnenschein, und dann ganz allein, wäre das nicht fein …“. Verglichen mit dem verlogenen Murks des Herz-Schmerz-Deutschen ist die deutsche Sprache der Rapper einfach nur rhythmischer, ehrlicher und näher an der Realität. Das Grundgesetz in dieser deutschen Sprache, das wäre eine Überlegung wert. Jedenfalls klänge das Gesetz dann – wiewohl unverändert deutsch – doch erheblich anders.