Stilstand

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Wandel der Selbstorganisation

Was gab es einst auf allen Vorstandsetagen für ein Ballyhoo um den Begriff der ‚Selbstorganisation‘! Manager, die mit ziemlicher Sicherheit nie ein Buch über Systemtheorie in die Hand genommen hatten, fabulierten über ‚flache Hierarchien‘, über ‚auto-informative Strukturen‘, ‚dynamische Unvorhersagbarkeiten‘ und über ‚Sklerosen von Entwicklungsmöglichkeiten‘ so, dass es jede akademisch gebildete Sau grauste. Es war die hohe Zeit der ‚Deregulierung‘, systemfremde Elemente sollten sich gefälligst aus dem ‚System‘ der Wirtschaft heraushalten, vor allen anderen natürlich der Staat und seine Würdenträger. Die Wirtschaft wisse schon am besten, was gut für die Wirtschaft sei, völlig autonom könne sie ihre ‚Selbstorganisation‘ problemlos betreiben. In seinem gesetzgeberischen Wahn solle sich der Staat zuvörderst um die Straßenbeleuchtung kümmern, auch das aber allenfalls in Public-Private-Partnership. Es folgten die sattsam bekannten Folgen, Systeme sind eben nur in Kooperation überlebensfähig … aber der gleichfalls systemtheoretische Begriff der ‚Ko-Evolution‘ durfte als geborener Parvenu ja nicht in diesen Rotary Club erlesener Begrifflichkeiten aufsteigen.

Heute stehen dieselben Leute fassungslos vor einem ganz anders angepassten und verfassten ’selbstorganisierenden System‘, das ihnen ihre ‚Marktstrategien‘ und ‚Geschäftsmodelle‘ zu zerschlagen noch nicht einmal für nötig hält. Das neue System lässt die Fußkranken und harthörigen Begriffsentwickler schlicht am evolutionären Wegesrand liegen. Die Rede ist natürlich vom Netz. Das Web entwickelt mit seiner Schwarmintelligenz (vormals ‚Teamwork‘) eigene informationelle Verbreitungsmöglichkeiten (Links, Referrers usw.), es bildet autochthone Geschäftsmodelle aus (Google), eigene Kontrollinstanzen (Wikileaks & Co.), sogar einen eigenen Mediendiskurs (in Blogs etc.) … und es lässt die anderen in ihrem bemoosten Quark nach Belieben reden und mosern.

So aber hatten die sich das mit der Selbstorganisation nicht gedacht – aus diesem trüben Quell entspringt jetzt der neue Regulierungsdiskurs von China über Schirrmacher bis Schavan. Schon komisch, dieser Listenreichtum der Geschichte …

2 Kommentare

  1. Bessergewußt!

    17. April 2010 at 11:47

    „geborener“ oder „Parvenu“. Beides geht nicht.
    (In einem *Stil*blog stolpert man drüber) 🙂

    Ansonsten: Auch die beste Wissenschaft kann zu inflationierten Vulgärformen verschwurbelt werden. Wenn man irgend kann sollte man auf Ratgeber- und Managerliteratur verzichten (womöglich noch eingedampft in einer „Executive Summary“!) und sich die Grundlagen mit echter Fachliteratur erarbeiten.

  2. Der Schwarzrollkragenträger Gerd Gerken – damals ein hochbezahlter ‚Consultant‘ und Leiter des ‚Kreativen Hauses‘ in Worpswede – hat mal allen Ernstes eine erfolgreiche Führungskräfte-Bibel geschrieben, die „Management by Love“ hieß. Junge, das waren noch Zeiten!

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