Stilstand

If your memory serves you well ...

Vorurteil und Netzferne

Wer mit netzfernen Leuten spricht, stößt immer wieder auf die gleichen Vorbehalte, sich ebenfalls ins Getümmel zu stürzen. Hier eine kleine Zusammenfassung, obwohl den meisten Netzbewohnern diese Einwendungen gut bekannt sein dürften.

Typisch ist zunächst der Verweis auf die gefürchtete „Anonymität des Internets“, wovon auch die Politiker ständig barmen. Ein ziemlich heuchlerischer Aufschrei, wenn wir bedenken, dass die gleichen Personen nahezu im gleichen Atemzug dann wieder den „Verlust der Privatsphäre“ im Netz beklagen. Ja – was denn nun? Mal dies, mal das, irgendetwas geht dort wohl logisch nicht zusammen.

Hinter dieser ‚Anonymität‘ verbirgt sich vor allem die Furcht vor den „Pseudos“, vor den angenommenen Namen. Eine Furcht, die vor allem viel Ignoranz zeigt, aber wenig Fachwissen. Erstens bleibt jeder Kommentator trotz eines Pseudos seinem Klarnamen wie mit Sekundenkleber verhaftet. Über die IP-Adresse, über die er sich einloggte, weiß ich notfalls immer, wer er ist – wenn’s mich denn interessiert. Wer wiederum seine virtuelle Kometenspur zu verschleiern sucht, indem er ‚von anderswo‘ einschwebt, der gilt hingegen als ‚Troll‘ und er wird umgehend per ‚SpamKarma‘ oder durch ein anderes Tool vor die Tür gesetzt. Selbst die rechten Eiferer, die bspw. bei ‚Welt Online‘ im Forum – also dort bei den ‚Qualitätsmedien‘ in den Kloaken des Internet – unter Namen wie ‚Thilo sein Freund‘, ‚Armes Deutschland‘ oder ‚Oberschollo‘ extremistischen Müll absondern, die vergessen in ihrer Dummheit schlicht, dass sie sich zu diesem Forum über eine E-Mail-Adresse anmelden mussten, die wiederum auf staatsanwaltliches Verlangen vom Verlag ‚klargestellt‘ werden muss.

Andererseits benutze auch ich ein Pseudo – in der ‚Sargnagelschmiede‘ nenne ich mich ‚Chat Atkins‘. Aber nicht, um „anonym“ zu bleiben, sondern aus dem einfachen Grund, damit nicht jeder Kunde beim Googeln schon gleich über den weltanschaulich-politischen Kram fällt, den der Klaus Jarchow mit seinem Hang zum Sarkasmus dort zum Besten gibt. Schaut jemand aber ins Impressum meiner ‚Schmiede‘, dann findet er dort brav alle erforderlichen Angaben, auch den Klarnamen und die Postadresse, sonst wäre ich ein allzu leichtes Opfer für jeden wildgewordenen Abmahnanwalt.

Andere wiederum basteln sich mit ihrem Pseudo eine ‚Kunstfigur‘ oder ‚Sockenpuppe‘, ein Kasperle, das einen ganz anderen Charakter besitzen könnte als der Verfasser im Alltag. Zwischen der realen Person und der virtuellen Persönlichkeit findet dann gewissermaßen eine spielerische Aufgabenverteilung statt, ein Rollenspiel.

Ernster liegt der Fall beim „Verlust der Privatsphäre“. Hier bewirkt das Internet tatsächlich einen tiefgreifenden Wandel der Öffentlichkeit. Wer sich vor seiner Vergangenheit schützen will, der darf sich nicht ins Netz begeben. Niemand zwingt ihn. Punkt. Geht er aber dorthin, dann muss er wissen, dass das Netz nichts vergisst, dass auch niemals ein ‚Radiergummi‘ möglich sein wird, von dem so viele unbedarfte Politiker daher schwadronieren. Fehler lassen sich nicht mehr eliminieren, sie lassen sich nur noch integrieren. In die Biographie, in die Unternehmensgeschichte etc. Das Netz hat ein uferloses Gedächtnis. An anderer Stelle formulierte ich das Problem mal so:

„Die Leute werden daher lernen müssen, sich offensiv zu ihrer Biographie zu verhalten, ja, sich überhaupt erst einmal eine Biographie zuzulegen. Und das ist nun mal kein ‘Paint by Numbers’. Alles ‘Reputation Management’ ist dagegen nur ein Notbehelf für Leute mit einem Putzfimmel …“

Um auch mit dem letzten Vorurteil aufzuräumen: Das Internet ist gar kein „flüchtiges Medium“. Anders als im Falle der flüchtigen Zeitung landen Online-Texte nicht am nächsten Tag im Altpapier, sie werden auch nicht nur ein- oder zweimal gesendet, sie sind tage- und monatelang, oft ohne jede zeitliche Begrenzung abrufbar. Umso wichtiger ist eine korrekte, faire und sorgfältige Formulierung und Schreibweise. Das Internet erfordert mehr Sorgfalt bei der Arbeit als die „volatilen Altmedien“. Heute diese und morgen jene Meinung – das erlaubt das Internet also nicht so leicht …

2 Kommentare

  1. Als wären die Pseudonymphobiker nicht selber Pseudos. Im Offline-Leben spielt doch auch jeder Rollen, ob bewusst oder nicht. Und das ist auch gut so. Würde der Versicherungsvertreter mit seiner Frau so umgehen wie mit seinen Kunden, das würde nicht lange gut gehen. Die Kritik am Internet scheint mir oft auch von Leuten zu kommen, die über das Leben ohne Internet „damals“ auch schon nicht sonderlich viel nachgedacht haben, sondern sich sowohl leidend als auch bequemend eingefügt haben in ihren Slot, der ihnen aus Familientradition und anderen Zwängen zuteil wurde.

  2. Pseudo-Nympho-Biker – ist das jetzt ein Synonym für Möchtegern-Päderasten?

    😉

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