Stilstand

If your memory serves you well ...

Vorrevolutionäre Situationen

Zu den drei hellsichtigen Denkern, die wesentliche Entwicklungstendenzen der Moderne prophetisch erkannten, gehört neben Karl Marx und Max Weber auch Alexis de Tocqueville. In seinem Buch ‚Der alte Staat und die Revolution‘ findet sich die folgende Passage:

„Die Menschen sind nicht mehr durch Kasten, Klassen, Korporationen und Geschlechter miteinander verbunden und sind daher nur zu geneigt, sich bloß mit ihren besonderen Interessen zu beschäftigen, immer nur an sich selbst zu denken und sich in einen Indidualismus zurückzuziehen, in dem jede öffentliche Tugend erstickt wird. …

Da in einer derartigen Gesellschaft nichts feststeht, fühlt sich jeder, teils durch die Furcht herunterzukommen, teils durch den Drang, sich emporzubringen, in beständiger Aufregung, und weil das Geld, welches zugleich das Hauptmerkmal geworden ist, das die Menschen klassifiziert und in ihrem Rangunterschied bedingt, hier eine außerordentliche Beweglichkeit erlangt hat, indem es unaufhörlich aus einer Hand in die andere geht, die Lage der Individuen verändert, die Familien erhebt oder erniedrigt, so gibt es hier fast niemanden, der nicht genötigt wäre, verzweifelte und fortwährende Anstrengungen zu machen, um es sich zu sichern oder zu erwerben. Die Begierde, um jeden Preis reich zu werden,  die Neigung, Geschäfte zu machen, die Gewinnsucht, das Streben nach Wohlleben und sinnlichen Genüssen sind daher hier die üblichsten Leidenschaften. … Diese schwächenden Leidenschaften kommen [dem Bestehenden] zu Hilfe, sie lenken die Leidenschaft der Menschen von den öffentlichen Angelegenheiten ab, beschäftigen sie fern von denselben und lassen sie bei dem bloßen Gedanken an Revolutionen erzittern.“

Was uns hier so ‚heutig‘ in den Ohren klingt, das ist keinesfalls die Beschreibung einer modernen Gesellschaft, wie sie aus der französischen Revolution erst erwachsen sollte. Alexis de Tocqueville beschreibt hier das ‚Ancien Régime‘, eine ‚alte Gesellschaft‘ also, die ihrem Untergang entgegentaumelt. Es ist ein Bericht über ‚vorrevolutionäre Zustände‘, aus denen heraus die Revolution folgerichtig entspringen wird. Die Guillotine begann erst dann zu klappern, als die Menschen dieser allgemeinen Geldsucht überdrüssig wurden und gründlich mit der Selbstsucht eines grassierenden Individualismus und Egoismus aufräumten.

Bei allen Mustern, die demnach das Scharnier zwischen damaligen und die heutigen Gesellschaften zu bilden scheinen, bleibt für mich die Frage, worin denn der heutige ‚Despotismus‘ besteht, der unsere Öffentlichkeit knechtet, die Gewinnsucht antreibt und die Gesellschaft zusehends zersetzt? Und ob wir am Ende erneut in ‚vorrevolutionären Zeiten‘ leben, wo die Eliten zunehmend von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nichts mehr wissen wollen? Liest man gewisse Pamphlete der Jungen Liberalen, dann liegt der Gedanke nicht allzu fern …

1 Kommentar

  1. siehe auch:
    Neuer Faschismus,Neue Demokratie
    Über die Legalität des Faschismus im Rechtsstaat
    Foucault,Geismar,Glucksmann
    Rotbuch 43 1972 Wagenbach

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑