Quacksalber / Public Domain / School of Hieronymus Bosch, Holland, 1474

Wer große Handelsketten betritt, steht vor einer Wand von Büchern, die allesamt den Leser auf einen Königsweg führen wollen, um im Leben Erfolg und Zufriedenheit zu gewinnen. Viele Titel zieren sich mit einem wissenschaftlichen Beiwort, wie ‚Strategie‘ oder ‚Methode‘, um den Absatz zu fördern. Parodistisch formuliert lauten die Überschriften dann: „Was lange gärt, wird endlich gut. Die Sauerkraut-Methode“ oder: „Größer scheinen, als man ist. Die Walfisch-Strategie“. Der Markt für solche Titel wächst jährlich um etwa fünf Prozent, obwohl sie allesamt nahezu das Gleiche lehren: Man müsse bloß positiv denken, dann folge das Glück auch wie von selbst.

Die Kernsätze sind oft wohlfeile Kalenderspruchweisheiten, wie diese aus einem Management-Ratgeber: „Lob ist Dünger und führt zur Blüte, zu Wachstum und zur Frucht. Kritik ist Gift und tötet noch den letzten Keim“ (‚Die naturkonforme Strategie‘). Im Grunde wickelt der Verfasser hier nur längst breitgetretene Erkenntnisse über Motivation und Demotivation in eine neue Bildwelt, in eine naturnahe Metaphorik.

Die viel wichtigere und zielführende Frage ist es, weshalb überhaupt ein solcher Bedarf für Ratgeberliteratur existiert? Offensichtlich sind viele Menschen in Familie, Beruf oder Management überfordert. Sie fühlen ein Ungenügen, und sie versuchen ihr gefühltes Versagen mit Hilfe solcher Ratgeber-Gurus zu überwinden. Nahezu jeder fühlt sich heutzutage mit seinen Problemen allein gelassen, er macht sich, und nicht etwa die Strukturen, die Umgebung oder die Bedingungen für Probleme verantwortlich.

Das Problem lautet also ‚Individualisierung‘. Jeder habe seines Glückes (oder Unglückes) Schmied zu sein, so lautet das kalte neue Gesetz. Wer beim allgemeinen Rattenrennen auf der Strecke bleibe, der habe die Schuld bei sich zu suchen, und bei seiner mangelhaften ‚Selbstoptimierung‘. Der Boom an Ratgeberliteratur, sagt die Soziologin Stefanie Duttweiler, sei eine direkte Folge des neoliberalen Paradigmas.

Die – zunächst positive – Suggestion bestand darin, zu sagen, dass jeder erfolgreich sein könne. Ein Gesetz, das allein mit ein wenig Logik zu widerlegen wäre. Denn das Resultat wäre eine Gesellschaft, wo alle oben stünden. Wer also nur den plakativen Regeln der ‚Känguru-Strategie‘ oder der ‚Plattwalz-Methode‘ folge, der werde irgendwann unweigerlich ‚on top of the hill‘ leben. Weil aber alle diese Methoden komplett von sozialen und psychischen Unterschieden absehen, von Herkunft, Krankheiten oder Psyche, richten sie vermutlich mehr Schaden an, als sie Gutes bewirken. Es genügt hierbei, sich die Vita derartiger Verfasser goldener Lebensregeln anzuschauen. Die meisten von ihnen leben doch keineswegs weit oben auf dem gesellschaftlichen Olymp.

Carnegie’s ‚Sorge dich nicht – lebe!‘, jene millionenfach verbreitete Blaupause aller Ratgeber seither, nutzt einem Menschen nichts, der plötzlich eine Krebs-Diagnose erhält. Sie nutzt dem Facharbeiter nichts, dessen Filiale nach China verlagert wird. Sie nutzt dem Stationsarzt nichts, dessen Arbeit in Bürokratie erstickt. Immer wird suggeriert, nicht die Umstände seien schuld, sondern nur er, das kleine Individuum, das sich gefälligst zu ändern habe.

Natürlich ist es hilfreich und auch gesund, wenn Menschen eine positive Lebenseinstellung haben. Diese Regel schlägt aber in ihr Gegenteil regelhalft dann um, wenn Menschen einem ‚Zwang zum Positiven‘ ausgesetzt sind. Wer es nicht glaubt, der lese Barbara Ehrenreich: „Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt“. Die ist wohl die fulminanteste Abrechnung mit den zahllosen Ideologen der Individualisierung bislang. Barbara Ehrenreich ätzt fundiert und sarkastisch gegen die neuen Scharlatane der „Bewusstseinsindustrie“, deren Lehren allenfalls einen Erfolg bewirken, nämlich den der Verfasser solcher Traktate.

Ehrenreichs Kernpunkt ist, dass ‚positives Denken‘ blind und gefühllos für die Nöte der Mitmenschen macht. Ein Mensch in Not wäre nur ein ‚Psychovampir‘ und ‚Energieräuber‘, der jeder ‚Positivität‘ im Wege stehe. Was ein Armer, Kranker oder Erfolgloser erleide, das sei doch „sein Problem“, womit er bitte aufstiegswillige und positive Menschen nicht belasten möge. Das verächtliche Reden über ‚Loser‘ und ‚Opfer‘ hat übrigens längst auch die Jugendkulturen erreicht, wo das ‚positive Denken‘ dann seine dunkle und menschenverachtende Kehrseite zeigt.

In der Wissenschaft war es einst Martin Seligman, der als Guru der ‚positiven Psychologie‘ – unter Abkehr von Freud – es bis zum Berater von Regierungen brachte. Heute lässt sich sagen, dass diese vorgebliche ‚neue Aufklärung‘, die Seligmann propagierte, krachend gescheitert ist. Die Wissenschaft hat längst den ‚defensiven Pessimismus‘ als Erfolgsformel entdeckt. Der soziale Rambo-Typus Seligman’s ist dort Vergangenheit. Im Gegenteil: Intelligent und erfolgreich seien gerade jene Menschen, die sich mit Hindernissen, mit Möglichkeiten des Scheiterns oder mit Komplikationen im Vorfeld schon intensiv auseinandersetzen, die also den Misserfolg immer schon in ihr Kalkül einbeziehen. Pessimismus sei gewissermaßen ein anderes Wort für Intelligenz.

Bis zu den Regalen der Ratgeberliteratur hat sich das leider noch nicht herumgesprochen.