Stilstand

If your memory serves you well ...

Vom Verlag zum Portfolio

Thomas Düffert: „Wir werden die Konzerngröße natürlich nutzen, um Prozesse weiter zu vereinheitlichen und zu optimieren, die Effizienz zu steigern, aber auch um Produkte und Geschäftsmodelle auf den Gesamtkonzern auszurollen.“ (Wir werden unsere publizistische Einheitssoße dem Massengeschmack entsprechend abschmecken …)

Siegfried Jacobsohn: „Normaliter sollten auf die erste Seite 46, auf die drei folgenden je 47 Zeilen kommen. Aber auf die erste können auch 45 und 44, auf die zweite und dritte auch 46, auf die vierte noch weniger kommen. Zuwenig Text schadet also fast nie. … Ist der Artikel mehr als vier Seiten lang, haben Sie plein pissoir zu streichen.“ (Der Mann kam vom Handwerk, er trug noch eine Uhrmacherlupe beim Verlagsgeschäft …)

Thomas Düffert: „So mancher Artikel ist zu weit weg vom Leser geschrieben, manches Foto ist ohne Aussagekraft. Unsere Zeitungen im Berliner Format sind im Mantel zu textlastig. Ich denke, wir können hier und da besser werden. Und gerade dafür brauchen die Redaktionen Freiraum. Den bekommen sie nicht, wenn jeder einzelne Titel versucht, den Mantel mit eigenen begrenzten Bordmitteln und Kapazitäten zu füllen.“ (Freiraum gibt’s also nur dann, wenn weniger Leute weniger schreiben müssen …)

Siegfried Jabobsohn: „Doch nicht diese griesgraue Abstraktheit! Konkretheit, Anschaulichkeit, ein bißchen Augenblicklichkeit! Ströbels Artikel ist der einzige, der halbwegs noch mit dem Tage oder der Woche zusammenhängt: den darf man wirklich nicht durch einen schlechten Titel meucheln.“ (Der Mann las noch, was er drucken ließ …)

Thomas Düffert:„Wir haben so viele gute Journalisten im Konzern. Warum sollten denn nicht einige davon für mehrere Titel schreiben?“ (Damit man vielleicht nicht mehr ganz so viele gute Journalisten auf den Gehaltslisten führen muss?)

Siegfried Jacobsohn: „Ja, was wollen Sie denn sonst für den Rest Ihres Lebens tun, als in einer Vierzimmer-Wohnung Feuilletons schmieren? In einer Zweizimmer-Wohnung? Wir zwei Beide sehen uns noch im Zuchthaus wieder. Dann besuchen wir uns immer hübsch umschichtig.“ (Gewissermaßen gingen Verleger und Schreiber damals noch Arm in Arm, und sei’s in den Knast …)

Thomas Düffert: „Wir [haben] auch Titel im Portfolio, bei denen eine Weiterentwicklung vonnöten ist. Aber dieses Problem ist erkannt, und wir arbeiten daran.“ (Weiterentwicklung meint hier doch wohl eher Abwicklung …)

Siegfried Jacobsohn: „Wir wollen weniger (von Mitarbeitern) erhoben und desto mehr (von Kohlköppen) gelesen sein.“ (In dem Punkt glichen sich die Ziele, nur die Mittel haben sich verändert …)

Alle Jacobsohn-Zitate aus dem Band: Briefe an Kurt Tucholsky 1915 – 1926

2 Kommentare

  1. Und SJ an KT (1920): Und „plein pissoir“ ist die Verballhornung aus dem Französischen „plein pouvoir“ = Blankovollmacht?

  2. Ja – im Sinne von ‚unumschränkter Gewalt‘ oder ‚freier Hand‘. Das ‚Verkalauern‘ eines fachlichen und redensartlichen Sprachgebrauchs war zwischen SJ und KT eine stilistische Attitüde …

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