Stilstand

If your memory serves you well ...

Vom Tuten und Blasen …

Dass die ‚Welt‘ Bord an Bord mit PI und anderen Giddelschiffen der Netzwelt durchs Leben segelt, ist längst bekannt. Ein solch recherchebefreiter Artikel aber, wie ihn der Alan Posener jetzt auf ‚Welt Online‘ einstellte, ist mir noch selten begegnet. Deutsche Kinderlein würden irregeleitet, weil in einer Broschüre der Regierung gar nicht vom ‚muslimischen Antisemitismus‘ die Rede sei:

„Ein Aufklärungsheft über Rassismus verschweigt den muslimischen Rassismus und Antisemitismus. Böse sind nur die Europäer. Gefördert wurde das Machwerk vom Ministerium für Arbeit und Soziales.“

Im Folgenden versteigt sich Posener tief in die Geschichte, besonders in die mittelalterliche – was er besser gelassen hätte. Zwar ist es richtig, dass es in der muslimischen Welt die ‚Dhimmis‘ gab, tributpflichtige Bürger anderen Glaubens also. Das, was die aber zu bezahlen hatten, reichte nicht im entferntesten an das Zehntsystem abendländischer Herzoge, Kirchenfürsten und Ritter heran, mit dem die ihre Bauern auf ihren Lehen versklavten. Die Vertreibung der Juden aus dem zuvor muslimischen Spanien, der Zug der Sephardim also, der setzte nach der Reconquista ein, als nicht länger die toleranten Muslime dort regierten, sondern christliche Herrscher den Juden blutig nachstellten (nach dem sog. Alhambra-Edikt).

Besonders begehrt waren im Morgenland allerdings ‚weiße Sklaven‘. Gejagt wurden diese vor allem im slawischen Raum, und zwar von den Sachsen und Franken, die daraus ein lukratives Monopol machten. Prag und Verdun waren die Zentren dieses Handels mit ‚weißer Ware‘, wo die gefangenen Männer vor dem Export sogar zu besonders begehrten ‚Eunuchen‘ verschnitten wurden, und zwar massenhaft. Historiker sagen, dass die abendländischen Sklavenjagden ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung Europas seit dem elften Jahrhundert beigetragen hätten. Versklavte Bauern also, Sklavenjagden, Zubereitung der gefangenen Sklaven für den Export – das frühe Mittelalter war im Abendland eine Ökonomie, die ganz wesentlich auf dem Sklavenhandel beruhte. Und zwar gleichzeitig mit jener arabischen Ökonomie, über die der Posener dort so herzzerreißend barmt.

Zu ergänzen wäre, dass ‚Sklaven‘ im muslimischen Raum keinesfalls völlig entrechtet waren, also keineswegs so, wie bspw. im Plantagensystem der amerikanischen Südstaaten später die Neger zu einer ‚Ware‘ gemacht wurden. So wurde aus einer Sklavin samt ihren Kindern bspw. dann automatisch eine ‚Freie‘, wenn ihr Herr gestorben war. Die Freilassung eines Sklaven galt auch als überaus gottgefälliges Werk, Übeltäter wurden vielfach zur Freilassung von Sklaven verdonnert. Die Mamelucken (mamlük = Sklave) errichteten in Ägypten, mitten in der muslimischen Welt, für viele Jahre sogar einen unabhängigen ‚Sklavenstaat‘. Was wiederum nicht heißen soll, dass diese Sklaven nicht ihre Mitsklaven wiederum so versklavten, wie heute ein Hühnerbaron seine Osteuropäer.

Während die christlichen Ritter damals also ungeniert andere Christen versklavten, durfte ein Muslim niemals einen anderen Muslim versklaven. Die Furcht vor der Versklavung war deshalb sicherlich eines der wirksamsten Instrumente bei der Ausbreitung des Islam, das ist zweifellos richtig. Weil nur ein Übertritt vor der Gefahr dieser Sklaverei wirksam schützte. Aber es war eben kein ‚Rassismus‘. Denn ein Muslim war immer ein Muslim, egal ob schwarz, weiß oder braun – also unabhängig von seiner ominösen ‚Rasse‘.

So merkbefreit rattert Poseners Text munter weiter – wobei ich mich frage, was diese Ausflüge ins tiefste Mittelalter uns eigentlich beweisen sollen. Der verschlagene Muslim wäre schon immer böse gewesen? Der ‚Antisemitismus‘ nämlich ist, wie der ‚Rassismus‘ auch, eine Ideologie der Moderne – und er wurde in Mitteleuropa erfunden (vgl. Hannah Arendt z.B.). Zuvor wurden Juden, Muslime, Christen oder generell die Heiden der jeweils einen oder anderen Religion ausschließlich deshalb verfolgt, weil sie an etwas anderes glaubten, oder aber, weil in ihren Häusern der Pöbel Beute zu machen hoffte. Später erst wurden sie deshalb massakriert, weil sie anderen ‚Blutes‘ waren, was immer das heißen soll.

Kurzum: So ist Posener, so ist auch die PI. Geschichte ist denen nur das, was ihnen in den Kram passt … ihnen sei gesagt, dass muslimische Jugendliche zwar hie und da antisemitische Stereotype übernehmen mögen, vor allem in den beliebten ‚bildungsfernen Schichten‘, zunehmend radikalisiert und politisch pseudo-legitimiert auch durch die israelische Landnahme, dass aber der Antisemitismus mitnichten eine unveränderliche muslimische Eigenart ist, deren Ursprung irgendwo im Koran zu suchen sei. Da hat unser Petrus den weitaus stärkeren Stoff zu bieten. Der zunehmende Antisemitismus im arabischen Raum ist ein abendländischer Exportschlager, beginnend im späten 19. Jahrhundert …

6 Kommentare

  1. obwohl ich posener ja ab und an einen eigenen und durchaus lesenswerten (naja, in meinem falle eher hörenswerten) gedanken zubillige: als ich vom artikel hörte und ihn dann soweit konsumierte, bis ich es nicht mehr aushielt: 100% zustimmung bis hin zur (für den einen oder anderen vielleicht) überraschenden schlußbemerkung:

    im oktober 2010 gab’s im DLF mal ein interview mit thoms bauer „Beim Barte der Königin Viktoria – Wieviel Westen im Islam steckt“ der die ergebnisse einer studie der friedrich ebert stiftung ausbreitete und zb. darauf hinwies, daß die aktuell zb. immer noch vorherrschende sexual- und poesiefeindlichkeit, die homphobie etc. im grunde das ergebnis der einwirkung durch uns, konkret der engländer ist.

    leider längst depubliziert, aber – naja, in meinem archiv, ich hab’s gerade noch mal nachgehört.

    nur, an wissen sind ja weder posener noch konsorten interessiert – nur an der „beweisführung“, wobei sie am ende immer nur beweisen, daß sie ignorante vollidioten sind.

  2. @ hardy: Dazu fällt mir noch der Lawrence von Arabien ein, dieser englische Nationalheld also, wie er gleich anfangs in „Die sieben Säulen der Weisheit‘, in seinem Opus Magnum, von den knackigen Beduinenkämpfern schwärmt, „die im Wüstensand untereinander ihr heißes Verlangen kühlten“ (o.ä.). So viel Schwulenschnulz findest du heute noch nicht einmal im ‚For Boys Only‘-Magazin‘. So viel ich weiß (ich bin ja auf dem Gebiet kein Experte) unterscheiden sie im arabischen Raum sehr genau, ob du bei gleichgeschlechtlichem Verkehr ‚Mann‘ oder ‚Frau‘ bist, ob du also penetrierst oder penetriert wirst. Nur die ‚Frauenrolle‘ trifft mal wieder die übliche Verachtung. Das andere ist sittlich schon irgendwie okay und Gott wohlgefällig …

    Hier eine Fundstelle zum ‚arabischen Freiheitskampf‘: „Lawrence-Biographen haben denn auch dem Wüstenkrieger homosexuelle Veranlagung zugesprochen. Verschiedene Äußerungen, insbesondere Schilderungen in den „Sieben Säulen der Weisheit“, lassen mindestens eine wohlwollende Duldung homosexueller Praktiken erkennen. So erwähnte er fast enthusiastisch Gruppen von „Freunden, die gemeinsam mit heißen entblößten Gliedern auf dem gleitenden Sande in höchster Umarmung erschauerten“. An anderer Stelle nannte Lawrence solchen Vorgang „geschlechtslos und geradezu rein“.

    So viel zur muslimischen ‚Homophobie‘ …

  3. naja, lawrence, dessen „sieben säulen“ mmaw in den gemeinsamen bücherschrank einbrachte, just als ich es unbedingt lesen wollte, ist ja 20th century und da hatte das viktorianische england schon der ganzen homoerotischen literatur den garaus gemacht.

    wenn ich diesem filmischen prachtschinken glaube, sind es die türkischen folterknechte die ihn auf den eher masochistischen zweig zerren … beides ein genuss, also buch und film.

    mich stört an diesem ganzen PI-induzierten geschwafel vor allem dieses „DIE“ sind so und so. herr im himmel, der gebildetste und sanfteste mensch, den ich in meinem leben kennengelernt habe, war muslim, gegen den sind alle teutonen von der sorte, die sich tagein tagaus erbricht, unterbelichtete stinker.

    aber vielleicht ist es ja gerade diese unausgelebte erkenntnis die ursache für ihren minderwertigkeitskomplex, den sie partout in völkische überlegenheit umdeuten müssen.

    oder, schlimmer, das gefühl „rassisch religiöser“ ausgegrenztheit, die den einen oder anderen dazu bringt, sich den erben der vernichter von anno dazumals so erbärmlich an den hals zu werfen und für sie den pausenclown zu spielen.

    ich verstehe es nicht, das ist mir zu verquer. eine art intellektueller masochismus, wenn wir schon das spielfeld des erotischen überqueren. da sind wir mit unserem banalen blümchensex und unserer notorischen fixierung auf brüste wahrscheinlich auch einfach nicht kompetent für 😉

  4. Ich mach’s mir da einfach: Ich erkläre mir vieles schlicht mit Dummheit. Das funktioniert, weil selbst der blödeste Mensch noch meint, er wüsste schon alles. Wenn er die Integralrechnung nicht beherrscht, ist diese ohnehin nur Humbug und fauler Zauber. Das kognitive System ist immer abgeschlossen, je kleiner, desto fester verrammelt. Im Extremfall, an der Grenze zur Debilität, wird es dann konsequent monokausal – auf alle Fragen gibt’s nur noch eine einzige Antwort. Eine Ahnung vom großen Meer eigenen Nichtwissens zu haben, benötigt hingegen schon eine gewisse Intelligenz …

  5. klaus,

    du sprichst da eine der (für mich jedenfalls) tiefsten weisheiten aus, zu der der mensch in der lage ist: wir können nicht wissen, was wir nicht wissen … (*)

    wir denken aber immer, daß wir schon wüssten, obwohl das – den gesetzen der logik folgend – nicht funktionieren kann, weil wir ja zu jedem gegebenen zeitpunkt immer nur das wissen können, was wir bis dahin gelernt haben.

    ich halte das für wirklich eine der tiefsten weisheiten/einsichten, zu denen man gelangen kann.

    „seth“ (jane roberts) sagt: „das ego ist ein schöner lügner“. das gauckelt uns vor, wir wäre so was von schlau … und sind doch immer nur so dumm, wie wir eben gerade sind.

    ich denke, die erkannte eigene dummheit ist die beste voraussetzung für eine neue erkenntnis.

    aber, wer will schon dumm sein, geschweige denn, dafür gehalten zu werden …

    (*) das war ein kleiner scherz, der auf ein vielleicht auch für dich interessanten artikel von michael schmidt salomon anspielt, mit dem ich, als ich das glück seiner nähe hatte, dann doch lieber über gentle giant und frank zappa geredet habe, als klar war, daß wir religiös nicht zusammenkommen 😉

    der war ja nicht immer der „papst der deutschen atheisten“, damals war er nur der, der es geschafft hatte, der erste zu sein, dem ein theaterstück („maria syndrom“) schon vor der aufführung verboten wurde und … daher die bekanntschaft … papa einer tochter, die mit meinen spielte.

    einer von den ganz ganz ganz lieben 😉

  6. WiederMalKritiker

    1. August 2013 at 19:36

    Wissen ist wie Festland im Ozean: je größer es ist desto mehr Küste zum Nichtwissen spürt man.

    Mancher lebt auf einer sehr kleinen Insel. Mancher wandert gerne in seinem breiten Wattengebiet. Und machmal gibt es Kontinente, bei denen ich nur noch staune. Was die an Küstenlinien aushalten können…

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