Es war zu erwarten, dass Sarah Palin sich schon bald als Opfer der Bluttat von Tucson stilisieren würde, trotz ihres jahrelangen Gebrauchs militanten Vokabulars und all der Fadenkreuze, mit denen sie ihre Gegner überzog. Wie sie es aber tut, das ist schon eine Anmerkung wert:

“Acts of monstrous criminality stand on their own. … “Especially within hours of a tragedy unfolding, journalists and pundits should not manufacture a blood libel that serves only to incite the very hatred and violence that they purport to condemn. That is reprehensible.”

Die anderen, also die TV-Experten (‚pundits‘), die Journalisten und Kommentatoren, die sie jetzt als geistige Mutter des Todesschützen und als gesellschaftliche Brandstifterin zeichneten, seien also mit jenen Gewalthetzern und antisemitischen Mythenschmieden vergleichbar, die behaupteten, dass Juden kleine Christenjungen schlachteten, um mit deren Blut ihre Matzekuchen zum Passahfest zu backen. Das nämlich ist der semantische Kern des Begriffs „blood libel“, der „Blutlüge“. Und diejenigen, die sie jetzt als zündelnde Biederfrau angriffen, hätten im Grunde doch jene Tat ausgelöst, die dummerweise nur dieser Kritik – jedenfalls nach Auskunft der Polizei – zeitlich vorangegangen ist. Das wiederum ist der typische chronologische Hütchenspielertrick, den alle verrannten Fanatiker so gern verwenden – sie vertauschen ratzfatz Ursache und Wirkung. Und eine solche „monströse Tat“ hat natürlich auch nie Vorbilder oder Ursachen, sie steht wie ein Monolith „für sich allein“.

Dass aber die schärfste Gegnerin eines ausgerechnet jüdischen Polit-Opfers sich nun selbst zur verfolgten Judengestalt stilisiert, das ist für mich nur schwer mit anderen Worten als mit Perfidie zu bezeichnen. Zumindest bleibt die Hoffnung, dass die vielschüssige Verbalgöttin der vernunftfernen Tea-Party-Bewegung sich damit als künftige Präsidentschaftskandidatin endgültig selbst in den Orkus gesabbelt hat:

„The president’s words were an important contrast to the ugliness that continues to swirl in some parts of the country. The accusation by Sarah Palin that “journalists and pundits” had committed a “blood libel” when they raised questions about overheated rhetoric was especially disturbing, given the grave meaning of that phrase in the history of the Jewish people.