Der „Gutmensch“ hat begriffsgeschichtlich einen weiten Weg zurückgelegt. Heute ist es eine rechte Kampfvokabel, mit deren Hilfe mentalversargte Hardliner alles zu verteufeln trachten, was ihrer reaganomisch gedachten Restdemokratie im Wege steht. Anfänglich aber war dieses Wort ein Instrument linker Selbstkritik, das vor allem in Satire und Kabarett jene weltfremde Fraktion christlich und humanistisch angehauchter ‚lila Latzhosen‘ glossierte, die im Zuge des Widerstands gegen eine dräuende ‚Nachrüstung‘ durch amerikanische Mittelstreckenraketen umstandslos die Bergpredigt als politisches Programm umsetzen wollten. Eckhard Henscheid von der ‚Neuen Frankfurter Schule‘ nannte damals Uta Ranke-Heinemann, die lauthälsigste jener Figuren, lästerlich eine „Antikriegsheulboje der Nation“.

Das „Wörterbuch des Gutmenschen“ führte erstmals diesen Begriff im Titel. Es erschien 1994 bei Tiamat – also in Maximaldistanz zum Springer- oder Siedler-Verlag. Der Rechtsabweichung unverdächtige Menschen wie Wiglaf Droste, Ulrich Holbein, Eckhard Henscheid, Joseph von Westfalen oder Gerhard Henschel nahmen hier den ‚Gesinnungskitsch‘ und die Wortperlen des ‚Gutmenschentums‘ auseinander, weil sie dessen tintenwolkiger Quallsprache den Verlust an kultureller Hegemonie in der beginnenden Kohl-Ära anlasteten. Das Wort ‚Gutmensch‘ setzte sich also im Zuge linker Selbstkritik und Selbstaufklärung durch, es richtete sich gegen das „SPD-Deutsch“ und gegen die Trottel des eigenen Lagers: „Irgendwas schwafelt bresthaft durch den Kopf – und schon steht’s grell auf dem Papier“ (Henscheid). Die Stoßrichtung zielte vor allem auf das Appeasement der Sozialdemokratie, die es sich der Opferrolle und in der Weltsicht des Gegners kuschelig einzurichten begann:

„Die SPD wird wieder frech und unverschämt. Überall kommen diese politisch-schleimigen Opferdarsteller aus der Schmollecke gekrochen, um sich erneut in die Rolle des staatsmännischen Tätertypus und dann dennoch Versagers einzugewöhnen. Mit dem Hausmacherstolz einer 120jährigen Geschichte greifen sie mit korrupten Fingern all die Themen der sozialen Bewegungen auf und schlürfen sie in ihren stinkenden Tanker – kurz, der SPD gehört schon jetzt prophylaktisch mal wieder eins über die rosa Birne, damit sie sich nicht an den Grünen verschluckt“ (Matthias Beltz, 1985).

Dieser Themen- und Wortklau ist auch heute noch brandaktuell. Denn die Konservativen, seit jeher völlig unfähig, selbst einen gesellschaftlich durchsetzungsfähigen Neologismus zu prägen, haben nicht nur den Begriff des „Gutmenschen“ ohne Copyright-Hinweis expropriiert – von der „Nachhaltigkeit“ über die „regenerativen Energien“ bis hin zum „qualitativen Wachstum“ kommt kein anständiger konservativer Wahlkämpfer heutzutage ohne den genuinen Wortschatz des politischen Gegners aus. Das, was die Hardliner eine ‚Sozialdemokratisierung der Union‘ nennen, ist faktisch nur ein geistiger Ladendiebstahl …