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Verschiedene Zitierweisen?

Mit dem kreativen Argument, dass es „verschiedene Zitierweisen“ gebe, versucht der FDP-Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis jetzt Kopf und Promotion zu retten. Ihm sei gesagt, dass es im wissenschaftlichen Bereich exakt zwei Formen des Zitats gibt, das ‚direkte‘ und das ’sinngemäße‘:

„Ein großer Teil der Doktorarbeit von Jorgo Chatzimarkakis (FDP) steht unter Plagiatsverdacht. Der Parteifreund Silvana Koch-Mehrins verweist auf verschiedene Zitierweisen. … Bisher hätten sich auf fast 22 Prozent der Seiten Plagiate gefunden.“

Ein direktes Zitat wäre bspw. eine solche Konstruktion: „‚Warte nur balde ruhest du auch‘ – mit diesen Worten weist uns Goethes Wanderer in seinem ‚Nachtlied‘ auf die Unausweichlichkeit des Todes und auf die Kürze des menschlichen Lebens hin.“ Genau an dieser Stelle würde, abgedrängt in eine Fußnote, dann der exakte Quellennachweis folgen, zudem wäre dieser der anerkannten Weimarer Ausgabe entnommen.

Das sinngemäße Zitat darf zwar die Umgangssprachlichkeit eines Ausspruchs ‚aus dem Kopf heraus‘ nutzen, ohne eine Namensnennung geht es aber auch hier nicht ab: „Wie Max Weber schon sagte, ist Politik ein schwerblütiges Geschäft, das vor allem im ‚mühsamen Bohren dicker Bretter‘ besteht.“ Das Zitat ist hier ’nur so ungefähr‘ und nicht im Wortlaut ausgewiesen, die geistige Quelle wird dennoch klar benannt.

Weitere ‚verschiedene Zitierweisen‘, die es einem Schreiber erlauben würden, ganz ohne Quellenangabe zu arbeiten, die gibt es nun mal nicht. Es sei denn, eine Ente wolle als Pfau zum Karneval gehen, dann käme während der tollen Tage vielleicht auch mal das ‚Zitat à la Chatzimarkakis‘ zum Einsatz. Wenn dann alles über ihre aufgedonnerte „spätrömische Dekadenz“ (Westerwelle) lacht, darf sie sich nicht wundern, wenn sie Federn lassen muss – und ‚Promotion‘ sollte sie ihre Maskerade auch nicht nennen …

6 Kommentare

  1. Ich hatte mich auch ein wenig gewundert, was der Herr C. denn da meine. Wenn es tatsächlich nur darum ginge, ob er – ich beziehe mich hier auf eine wörtliche Rede des betroffenen in der SZ – mal einrückt, mal einrückt und Anführungszeichen benutzt oder ein Zitat im Fließtext hat, gäbe es doch gar keinen Vorwurf.*

    Getoppt wurde das wieder einmal vom jungen Grafen L., der weiß, dass C. nicht plagiiert hat, ‚weil er ein so kluger Kopf ist‘. Außerdem sollten öffentliche Bekenntnisse, die einem gewissen Standard unterliegen nicht öffentlich an diesen Standards gemessen werden. In den Worten L.’s: ‚Wir müssen aufhören mit dem Pranger im Internet.’**

    *Außer das Stylesheet ist der Uni wichtiger als der Sinn der Regelungen.
    **Alle Zitate nur so über den Daumen gepeilt, weil ich keine Lust hatte, den Mist aus der Onlne-SZ zu kopieren. Das wird ja bald auch teuer und verboten.

  2. @ Dierck: Bei Zitaten geht’s nie um die ‚Form‘, mit der etwas zitiert wird, auch nicht um französische oder deutsche ‚Tüddelchen‘, sondern immer nur um den korrekten Quellennachweis. Ob ihm jetzt der überbemühte ‚Arbeitersohn‘ ausgerechnet in der FDP weiterhilft?

    Wenn dieser Graf Alexander von und zu Nochsoallerhand jemals promoviert hätte, gäbe es hier von mir gleich mal die nächste dicke Empfehlung für die Spürnasen von VroniPlag. Der Rest der Politik, auch die Opposition, redet übrigens noch standhaft von „Einzelfällen“ …

  3. Soll ich mal Werbung für mich machen, Klaus? Lies mal http://www.dh2publishing.info/Blogged/2011/05/ein-streich-namens-neurotheologie/

    Hat nur insoweit mit deinem Beitrag zu tun, als es um die Rezension einer Dissertation geht.

  4. @ Dierck: Würden sich mehr Doktorväter die Mühe machen, Dissertationen so zu ‚dekonstruieren‘, hätten wir weniger Blender.

    Dem Kern aller Religion kommt der alte Satz, der dem Tertullian zugeschrieben wird, noch am nächsten: „Credo quia absurdum“ („Ich glaube daran, weil es verrückt ist“). Die Absurdität – Jungfrauengeburt, 40 Huris, Himmelfahrten aller Orten usw. – ist ihnen der Beweis der Wahrheit. Insofern ist mit Gläubigen auch nur schwer zu rechten. Ein Freund sagte mal: „Religion ist eine probate Möglichkeit, den eigenen oder gemeinschaftlichen ‚Willen‘, von ihm verstanden im Sinne Schopenhauers, auf einfache Weise durchzusetzen, ohne sich der lästigen Prozedur der Argumentation zu unterziehen“. So ähnlich ist es wohl. Das ‚Neuro-‚, das sie neuerdings als Leuchtreklame vor ihre Kirchen setzen, ist für mich nur Teil ihrer Popkultur, Manga halt – oder Marketing. Der Matussek scheint jetzt auch auf dem voluntaristischen Trip zu sein, seine Mama ist ihm schon als Jungfrau Maria erschienen, bald wird er sich wohl für den Erlöser halten …

    Konstruktivismus ermöglicht übrigens keinesfalls Beliebigkeit, eher im Gegenteil, wir sind geradezu in unseren ‚Konstruktionen‘ gefangen. Nichts ist dauerhafter als unsere ausgelatschten und ausformulierten Synapsenbahnen – und im Konflikt mit der ‚Wirklichkeit‘ beißen die meisten Ideologen lieber ins Gras, als sich der Umwelt anzupassen. So frank und frei, wie du es beschreibst, haben den Konstruktivismus nur die lockerer verdrahteten ‚Postmodernen‘ verstanden, als sie den Verrat alter Ideale auf einer neuen und lukrativeren theoretischen Baustelle legitimieren mussten. So sah diese Baustelle dann auch aus …

  5. Danke für den Hinweis bzw. Werbung Dierks!
    Es ist eine amüsant zu lesende Dekonstruktion der Dissertation des von mir bisher sehr geschätzten Religionswissenschaftlers Michael Blume.
    Offensichtlich bewegt sich die Neurotheologie in der Grauzone zwischen Proto- und Pseudowissenschaft. Also etwa da, wo sich die Psi-Forschung befindet.
    Was für mich bedeutet: ich muss mich von der angenehmen Vorstellung lösen, meine persönliche Auffassung von Spiritualität sei sozusagen wissenschaftlich untermauert.

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