Stilstand

If your memory serves you well ...

Verleger vs. Verkäufer

Das eine funktioniert nicht ohne das andere – deshalb gab es in Zeitungen früher die Redaktion und die Anzeigenabteilung. Die Verkäufer waren für die Garnitur mehr oder minder interessanter Artikel mit bunten Anzeigen zuständig und für die Abonnentenwerbung, die Redaktion hatte den Auftrag, eine möglichst große Öffentlichkeit durch ihre Geschichten zu erzeugen.

Heute stecken die Zeitungen in einem echten Dilemma: Versuchen sie eine möglichst große Reichweite – auch online – zu erzielen, dann müssen sie die Schotten zur Öffentlichkeit weit öffnen. Sonst bleiben sie allein zu Haus. Versuchen sie aber, ihre (angeblich) kostbaren Inhalte vor unverantwortlichen, weil unbezahlten Zugriffen zu schützen, dann panzern sie ihren Dampfer mit hohen ‚Paid-Content-Verhauen‘, so wie die Reeder es derzeit vor Somalias Küsten tun. Mit dem Effekt, dass kaum jemand – weder ‚Piraten‘ noch zahlende Fahrgäste – zu ihnen an Bord klettert, weil die meiste informationelle Ladung nahezu unverändert ja auch anderswo zu finden ist. Prompt bleibt auch die Werbung aus, die ja auf ‚Masse‘ setzt. Die bestehende Wahl lautet also: Pest oder Cholera, kein Geld durch freie Verfügbarkeit, oder kein Geld durch mangelnden Zulauf.

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an bord ...

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an Bord ...

Vorangetrieben wird die Entwicklung noch dadurch, dass auf allen Vorstandsbrücken die Verkäufer mit den Gelfrisuren die Verleger mit den Denkertollen längst verdrängt haben. Dabei verspricht – mittelfristig, und soweit ich das sehe – nur der Weg des Verlegers auf dem Meer der Nachrichten noch Erfolg. Der Weg desjenigen also, der mit einem bestimmten politischen oder sozialen Ziel vor Augen eine Nachrichtenquelle seriös betreibt, um gesellschaftlich bestimmte Ziele zu erreichen, indem er einen klaren Kurs fährt.

Die Wahl stellt sich also so dar: Gleich die Ventile öffnen, um das lecke Schiff mittels Paid Content und aus Angst vor den Piraten sofort auf Grund zu setzen, wie es die Verkäufer wollen. Oder doch zu versuchen, die rettende Küste noch zu erreichen, in der Hoffnung, dass bis dahin ein tragfähiger Schlepper namens ‚Bezahlmodell‘ aus dem Küstennebel auftauchen könnte.

Zur Zeit regieren allerdings weithin die Selbstversenker … ich würde, vor die Wahl gestellt, mich für die ‚Cholera‘ entscheiden, und sei es nur, um Zeit zu gewinnen. Die Mortalität ist bei dieser Krankheit einfach geringer, die Cholera ist besser als die Pest an Bord …

2 Kommentare

  1. Ich bin mehr denn je überzeugt, dass wir alle um die falschen Dinge debattieren. Geht es beim Lesen von Zeitungen und Magazinen wirklich um die Nachrichten? Immerhin sind Fakten, Fakten, Fakten gar nicht schützbar, sie existieren und können von jedem weiter verbreitet werden. Dafür haben sich Verleger schon vor beinahe ewigen Zeiten Agenturen gebastelt; schließlich kann nicht jedes Blättchen und Blatt überall Korrespondenten haben [selbst die große ARD hatte wohl keinen in Haiti].

    Niemand der bei einem halbwegs gesunden Verstand ist wird FOX News für einen Nachrichtensender halten, kaum jemand wird die Meinungsmache dieses Murdoch-Outlets gutheißen können. Trotzdem zeigt ausgerechnet dieser Propaganda-Stall, weshalb wir bestimmte Zeitschriften lesen oder Sendungen sehen: Wir suchen nicht die Fakten, sondern deren Einordnung. Im besten Fall selbstverständlich durch vertrauenswürdige, gut ausgebildete, intelligente Menschen [Glenn Beck können wir selber].

    Das Internet eröffnet dem Rezipienten die wunderbare Chance, sich selbst ein Bouquet zusammen zu stellen, das einen breiten Überblick über Nachrichten zu seinen Interessen bringt, ordentlich eingeordnet und interpretiert. Verlasse ich mich auf gedrucktes Material, habe ich ganz schnell mein ganzes Geld ausgegeben, um sowohl meinen Interessen als auch meinem Anspruch, unterschiedliche Interpretationen zu erhalten, gerecht zu werden. Außerhalb der Kommunikationsbranche – vermutlich sogar innerhalb! – werden wohl nur sehr wenige Menschen ein bis zwei Handvoll Tageszeitungen sowie ein bis zwei Dutzend Wochen- und Monatsmagazine halten. Von lesen ganz zu schweigen.

    Meine Damen und Herren Verleger, ich erwarte in einer Zeitschrift vernünftige Recherche, nachvollziehbare Analyse und Persönlichkeit der Schreibenden [vulgo: Stil]. Verzichten kann ich auf Bestenlisten, nichtssagende Stock-Fotos, Spekulationen, Gerüchte, übermäßigen Weißraum* und leere Platitüden. Ehrlich, der politische Diskurs in Deutschland ist seit Jahren nur noch die laienhafte Nachstellung von RTL-Frühabend-Soaps, das muss doch nicht sein.

    Für diejenigen, die kurze Absätze und Pointiertes bevorzugen:

    Gebt uns Qualität!

    *Mike Johnston vergleicht TIME 1968 und 2010: http://theonlinephotographer.typepad.com/the_online_photographer/2010/02/old-time-new-time.html

  2. Those were the days – Danke für denm Link zu diesem schönen Stück über die Zeit, als es noch Journalismus gab – mit richtig langen Texten, tragfähigen Argumenten und relevanten Themen.

    Die grassierende Papier-Designer- und Corporate-Publisher-Pest wäre auch mal ein Thema – oder: Wen interessiert denn das neue Design des ‚Focus‘, solange der ‚Focus‘ der ‚Focus‘ bleibt. Sprich – eine Häppchenplatte aus Irrelevanz für eh schon überzeugte NeoCons …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑