Stilstand

If your memory serves you well ...

Unter einer Ära tun sie’s nicht

Dort, wo ich stehe, da weht selbstredend der Wind der Geschichte“ – das mag sich so manch kleiner Lokaljournalist denken. Schon greift er zur pretiösesten Vokabel, die ihm bei allen Jubiläen durch die leeren Weiten seines Denkraums kollert. Er singt uns dann von einer Ära, die entweder vor seinen Augen gerade begonnen habe oder aber justamäng gerade endete:

In Eichen ging die Ära Hans Keller als Ortsvorsteher nach 25 Jahren zu Ende.“

Solchen Schreibern fehlt es eigentlich an ‚Geschmack‘, sie merken gar nicht, dass sie mit ihren Dickschiff-Wörtern, die für den Leser immer nach einer ausgepressten Verbalflatulenz mehr klingen als nach der Realität, dass sie damit die erhoffte Wirkung im Ansatz zerstören, statt den Leser mitjubeln zu lassen: „25 Jahre lang schien den Bewohnern Eichens ein Gemeindeleben ohne Hans Keller nicht denkbar“ – das wäre schlicht und würdevoll, es drückt sogar ein wenig mehr auf die Tränendrüsen, und es vergreift sich vor allem nicht an Wörtern, die hier gar nicht hingehören.

Das lateinische Plurale tantum Ära (‚aera‘: ‚die Zeitalter‘, abgeleitet von ‚aes‘: ‚das Zeitalter‘) zählt – im Deutschen wieder singularisiert – zu den Protzwörtern, reserviert für die Haus-, Hof- und Staatsmonografien der Historiker, und nicht für die Festschrift des Schützenvereins Tutmoosingen.

Die bekannteste Wasserscheide bei Zeitrechnungen liegt zum Beispiel zwischen ‚vor Chr.‘ und ’nach Chr.‘, zwischen dem heidnischen und dem christlichen Zeitalter. Man spricht aber bspw. auch – und das völlig zu recht! – von einer ‚Bismarck-Ära‘, die von seiner ersten Ministerpräsidentenschaft im Jahr 1862 bis zum Abgang des greisen Lotsen im Jahr 1890 reichen würde. Danach käme als neue ‚Ära‘ dann der Wilhelminismus mit seinem Klimbim-Militarismus und dem unverantwortlichen Maulheldentum auf allen Ebenen.

Unschwer lässt sich an solchen Beispielen erkennen, dass sich ein historisches Periodisierungssystem kaum für die Zwecke eines medialen Hoflakaiengewerbes instrumentieren lässt. So klingt es für geschulte Ohren immer ‚daneben‘, redet ein Leitartikler von der ‚Ära Kohl‘ oder von der ‚Ära Schröder‘. Personen, nach denen ganze Zeitalter benannt werden sollen, die müssen schon eine gewisse Fallhöhe aufweisen, in Oggersheim oder bei Gazprom steht bis auf weiteres kein Pantheon.

Mir jedenfalls fallen an solchen Stellen die bemühten Pustebäckchen auf, die der Texter hier, hochrot anlaufend, macht – und es riecht zwischen den Zeilen streng und zugleich parfümiert, wie einer jener Duftverstärker, die im hygienischen Bereich zum Einsatz kommen. PR-Sprech und Promi-Klatsch beleidigen immer die feineren Nasen …

Wegen dieser mangelnden Qualitäten aber, das vermute ich jetzt mal, ist das Reden von einer ‚Ära‘ bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten zu einem Hauptvergnügen der Public Relations und des Local-Support-Journalismus geworden. Wer es gewohnt ist, ein ‚Willi-Wichtig-Zeitalter‘ auf allen Ebenen, in allen Spalten und alle drei Tage einzuläuten, der muss sich um seine Spesen keine Sorgen mehr machen. Hier zum Schluss noch einige Beispiele für den grassierenden Wahnsinn:

„Das Ende der Ära Ferres“ (Süddeutsche Zeitung)

„Relikt aus der Klinsmann-Ära“ (Welt online)

„Eine Ära geht in Burtenbach zu Ende“ (Augsburger Allgemeine)

„Das Ende der iPod-Ära“ (FAZ)

usw. usf.


7 Kommentare

  1. Auch gerne genommen: Der Paradigmenwechsel.

  2. Ein Beispiel, das nicht fehlen sollte:

    „Liebe in Zeiten der Kohl-Ära“

  3. @ Kalonis: „Ärzte behandeln immer mehr Frauen mit schweren Quetschungen. Es war wohl der Saumagen, sagt eine Patientin“ …

  4. Wie alles in den heutigen Zeiten ist die Verfallszeit halt kürzer geworden. In wenigen Jahren werden die Zeitungsschreiberlinge bereits von Ära faseln, wenns einen gefühlten Monat gedauert hat.

  5. @ Frank: Das geht schon im September los: „Die ‚Ära Steinmeier‘ in der SPD ist vorüber …“

  6. Wolfgang Hömig-Groß

    3. August 2009 at 9:19

    Natürlich hat der Autor recht, wie ja fast immer. Aber wenn ich mir die Beispiele so ansehe frage ich mich, ob hier langsam keiner mehr weiß, was das Wort eigentlich bedeutet und es für das hält, was man nimmt, wenn man Zeiträume mit Personen verbindet – die Ära des Stromablesers wäre demzufolge die Zeit, die er bei mir mit Zählerablesen verbringt. Solche schleichenden Bedeutungswandel sind ja häufig, und kurioserweise wechselt dabei die Wortbedeutung oft um 180°. So habe ich meiner Jugend noch gelernt, ein Kontrahend sei (in Anlehnung an die lateinische Bedeutung) ein Vertragspartner; heute bezeichnet es das genaue Gegenteil. Leider auch nur meistens, und das kann zu erheblicher Verwirrung führen …

  7. @ Wolfgang: Ersetze mal diese ‚Ära‘ durch die nahezu deckungsgleiche ‚Epoche‘, dann wird dir das Lächerliche solch aufgeblähten Sprachgebrauchs vollends klar: „Die iPod-Epoche ist vorüber …“ …brrrr!

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