Stilstand

If your memory serves you well ...

Unfassbar fies sein

Zu manchen Gelegenheiten möchte jeder Schreiber richtig gemein sein – und auch mal kräftig ausschenken. Da wir aber im Mimosen-Zeitalter leben und hinter jeder Straßenecke abmahnbereite Anwälte lauern, gilt es, die richtige Taktik zu wählen, um diese Straßenräuber ins Leere laufen zu lassen. Zum Beispiel durch übertriebenes Lob, zum Beispiel durch vergiftete Komplimente – oder aber durch das ‚Aus-dem-Sarg-heraus-Reden’, aus dem Sarg der anderen natürlich, von wo aus man mit gebrauchten Zitaten zuschlägt. Am Beispiel unserer Paragraphenritter illustriert zum Exempel so: „Die Kunst der meisten Juristen erschöpft sich doch darin, bei der Rechtsbeugung Formfehler zu vermeiden“ (Carlos Widmann). Kurzum: ein Zitat ist immer nur ein Zitat – es ist durch die Autorität eines großen Verstorbenen gedeckt und auch kaum justiziabel.

„Durch die Reue wird der Mensch immer schlechter„, spie beispielsweise ein Peter Hille all jenen Staatsmännern ins Gesicht, die heute dreimal am Tag Entschuldigungen von diesem und von jenem für kleinste Verfehlungen verlangen, obwohl sich auch bei ihnen im Keller die Leichen türmen. „Ein Farzesel, vor dessen Furz sich selbst der Kaiser fürchtet und der alle Eselsfürze angebetet haben will„, so dürften wir sogar mit Zitaten gegen unseren Ratzi-Papst vom Leder ziehen, denn wir hätten dabei die Autorität Luthers im Rücken. Während wir mit Tucholsky übers deutsche Feuilleton herziehen könnten, um im endlosen Flame War zwischen Bloggern und Journalisten eine neue Kerbe in die Tastatur zu schnitzen: „Banalitäten aufzupusten wie die Kinderballons, das ist ihre Arbeit. Stich mit der Nadel der Vernunft hinein, und es bleibt ein runzliges Häuflein schlechter Grammatik„. Naja, könnten wir dann noch ergänzen, das sei ja schließlich auch kein Wunder, denn „ein Zeitungsschreiber ist ein Mensch, der seinen Beruf verfehlt hat, der aber bis heute nicht genau weiß welchen„. Schon stünde Otto von Bismarck uns zur Seite. Und wenn uns jetzt jemand flauschig-sozialpädagogisch kommt, dass ein solches bösartiges Verfahren doch allen bürgerlichen Werten von Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit und Biederkeit widerspräche, dem antworten wir mit Gottfried Benn: „Lieber lächerlich als bürgerlich“ …

1 Kommentar

  1. Handelt es sich bei dem im ersten Absatz genannten Carlos Widmann um den Journalisten (eine Fundstelle ist ja leider nicht angegeben)? Soweit mir bekannt, ist dieser gesund und am Leben, was ihm noch lange vergönnt sein möge. Sein Zitat wäre also weder „aus dem Sarg“ noch das eines „großen Verstorben“, die „Pointe“ Ihrer Einleitung dafür an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Ein bisschen mehr Mühe darf man sich schon geben.

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