Stilstand

If your memory serves you well ...

Unbedeutende Füllwörter?

Jaja – es ist ja richtig: Ein Satz sollte kurz und schlicht sein und keinen unnötigen Wörterballast enthalten. Trotzdem machen Füllwörter Sinn, vor allem dann, wenn es darum geht, den Eindruck von Glaubwürdigkeit und exakter Lippenleserei zu erzeugen.

„Uns geht’s ja noch gold“, lautet die stehende Redensart von Kempowskis Mutter in den Tadellöser-Romanen. Ein unerbittlicher Sprach-Guillotin wie Wolf Schneider hätte diesem Satz sofort die ‚überflüssigen’ Beiwörter ‚ja’ und ‚noch’ amputiert, das sei Schnickschnack, Gemüse, Ornament, Sättigungsbeilage, schlicht überflüssiger Ballast: „Uns geht’s gold“, sei zum Sinntransport völlig ausreichend. Recht hat er ja – aber ist das auch so? In meinen Ohren ist diese sprachchirurgische Rigidität wiederum Bullshit, in Schneiders Prokrustes-Bett gehen dem Satz wesentliche Bedeutungselemente verloren.

Das ‚ja’ transportiert ein ‚trotz alledem’, einen Hauch von unverwüstlichem Optimismus, das Glas ist immer halb voll – und nicht halb leer. Während das ‚noch’ zugleich das Gegenteil an die Wand malt: Morgen kann es schon ganz anders kommen, das weiß dieses ‚noch’ bereits. Es führt uns einen tiefen grundlegenden Pessimismus aus blanker Lebenserfahrung heraus vor Augen. Kurzum: Die ganze ‚Volksweisheit’ kommt erst im unverstümmelten Satz zum Ausdruck.

Auch das Wortwörtliche, das Glaubwürdige, Abgelauschte oder ‚Authentische’, um ein Modewort zu verwenden, das ist nur in den Redewendungen mit füllwörterischem Schnickschnack enthalten: „Was hat er sich da man bloß bei gedacht?“ – das ist unüberhörbar norddeutsch, direkt vom Tresen gepflückt. „Was hat er sich dabei gedacht?“ – das ist dagegen bloß langweiliges Schriftdeutsch.

Mit Hilfe richtig eingesetzter Füllwörter transportieren wir also Atmosphäre, Sozialsphäre und Ortskunde in den Text hinein. Dazu aber brauchen wir ‚bloß’ ein gutes Ohr für den mündlichen Redegebrauch rings um uns herum.

Darauf wollte ich euch ja man bloß mal hinweisen …

4 Kommentare

  1. Wolfgang Hömig-Groß

    25. November 2008 at 11:14

    Meiner Erinnerung nach tust du da dem Schneider unrecht – auch er betont die Notwendigkeit „überflüssiger“ Wörter in der Prosa, verleihen sie doch der Sprache erst ihr Bouquet. Seine Rigidität bezieht sich allein auf Überschriften und Presseartikel. Und in denen vernebeln allzu blumige Füllwörter häufig den Inhalt. Dies ist etwa im „Spiegel“ sehr unschön zu beobachten. „Füllwörter“ stärken den ideogrammatischen Charakter eines Textes – und das hat in einem Zeitungsartikel nun wahrlich nix zu suchen, noch nicht mal im Feuilleton. Denn auch das schreiben über Kultur und Sprache sollte möglichst genau sein …

  2. Im Allgemeinen vielleicht richtig, ich kenne nur die Schneider’schen Werke, nicht seinen Unterricht – gerade dieses ‚Uns geht’s ja noch gold‘ aber ist doch eine echte ‚Headline‘, diejenige des zweiten Tadellöser-Romans nämlich. Und sie funktionierte aus verlegerischer Sicht ganz hervorragend.

  3. Ist es nicht etwas perfide, Wolf Schneider etwas vorzuwerfen das er nicht getan hat, um ihn dann zu „widerlegen“?

  4. Naja, ich sauge mir hier ja nichts aus den Fingern, oder aber, andere haben den Meister genauso missverstanden: „KAFKA ist eine vereinfachte, einprägsame Stilhilfe, die den Anregungen bekannter Stilisten wie Ludwig Reiners oder Wolf Schneider folgt.„.

    Das F in KAFKA steht für ‚Füllwörter vermeiden‘ …

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