Stilstand

If your memory serves you well ...

Übers Schreiben im Web 2.0

Der Kollege Jakubetz hat ja zunächst einmal völlig recht, wenn er sich über Journalisten lustig macht, die einfach ihre gebrauchten Publizistikprodukte im Web 2.0 verklappen möchten – und die dann noch meinen, sie wären wunder wie cool und zeitgemäß:

„Aber warum in einem Blog, das sich Blog nennt und unglaublich viele neue kleine Kreativkunstformen böte, Peter Hahne Kolumnen schreibt, die sich wie Peter-Hahne-Kolumnen lesen, und warum Elmar Theveßen Kommentare schreibt, die sich wie Kommentare lesen, bleibt ein Rätsel.“

Stilistisch gesehen ist jedes Blog ein neues Medium, das als primäre Ausdrucksform einer demokratischen Medienrevolution entstanden ist. Blogs benötigen daher vor allem neue Stilformen statt Bericht, Artikel, Feature oder Interview; sie benötigen eben nicht die Holzhausener Grabbelware aus dem wackeligen Redaktionsregal. Einige grundlegende Regeln:

1. One man, one voice: Jeder Text im Web 2.0 sei einer einzelnen Person unmittelbar zurechenbar. Es interessiert nicht länger, was der ‚Stern‘ als Marke meint oder was das ZDF oder das ‚Handelsblatt‘ meint. Das alles mag in der feinen Gesellschaft von Holzhausen früher mal wichtig gewesen sein, aber diese Gesellschaft treibt bekanntlich gerade Tits-up den Styx hinab. Mitsamt ihren ‚großen Marken‘. Ein Kopf, ein Beitrag – so heißt die neue Regel, und wenn dort die Person literarisch unfähig ist, dann taugt’s auch nichts. Ferner, falls nicht Angela Merkel, Michel Glos (gniggel!) oder Elmar Theveßen als Person schreiben oder reden, sondern stellvertretend irgendwelche Pressebubis und Ersatzhirnies ranmüssen, dann wird’s auch nicht rezipiert. Im Web 2.0 herrscht blanker ‚Autorenjournalismus‘, wenn man so will. Die ‚Authentizität‘ zählt. Den ‚Qualitätsjournalismus‘ dagegen, den können sich die Verleger in die Haare schmieren, damit der Scheitel beim Abgang dreiwettertaftmäßig sitzt …

2. Geschmaddert wird nicht: Gerade im Web 2.0 wird kein Text mal eben so hingehudelt wie im ‚Posthausener Torfkurier‘ oder in den anderen Zelluloseartikeln des Medienmarktes. Natürlich sind gewisse Freiheiten bei der Orthographie erlaubt, als Ausdruck der werten Individualität, die es ja hier zu zeigen gilt. Ich kenne aber buchstäblich kein einziges geleseneres Blog, wo nicht der Schreiber den Durchschnittsjournalisten vom stilistischen, orthographischen und grammatischen Können her um einige Zentimeter und sogar um mehr überragt – auch, wenn er manchmal dann wiederum bewusst und aus Daffke ‚alles verkehrt‘ macht. Dass wiederum einige der gelesensten Blogs von Journalisten gemacht werden, das wiederum spricht für die Durchsetzungsfähigkeit von Doppelbegabungen. Allein das Journalistsein jedenfalls genügt nicht. Auch nicht ein Wolf-Schneider-Diplom für gepflegte Langeweile …


3. Ich, ich, ich: Das Schreiben im Web 2.0 ist die Rückkehr der blanken Subjektivität in den Text. Alles, was der Gewohnheitsjournalismus wie einen Klingelbaum vor sich herträgt, all das Objektivitätsgetute, die Faktizität und andere Volksverdummungsmärlein, hinter deren säulendicken Chimären er seine Interessen zu verstecken pflegt, das sind Stilformen von gestern. Statt großmuftimäßig als objektiver Zeitgeist auf dem Bootsdeck eines massenmedialen Luxusdampfers leise kommentierend zu flanieren, muss der Journalist im Web 2.0 lernen, schriftstellerartig auf dem kleinen Bierdeckel seines Selbst Cancan zu tanzen. Und zwar so, dass er Beifall erhält. Den er wiederum an seinen ‚Unique Visitors‘ ablesen mag – bis endlich ein besseres Beifall-O-Meter gefunden sein wird.

4. Jeder Text ist jetzt ein Gespräch: Nichts mehr mit ‚Roma locuta … und dann Affe tot!‘. Nach dem Verfassen fängt die Arbeit am Text regelhaft erst an. Denn jetzt beginnen die Leser mit ihrer Arbeit, sie beginnen zu ‚kommentieren‘ (auch so’n blödes Old-Media-Wort). Im Grunde beginnt ein Gespräch untereinander, mit dem Autor auf Augenhöhe. Am Ende eines Threads kann es sein, dass der Autor einen sehr viel längeren Text geschrieben hat, als er ihn ursprünglich einstellte.

5. Kunst kommt von Können: Es führt kein Weg daran vorbei, sich das literarische Handwerkszeug anzueignen, will ein Schreiber im Web 2.0 bestehen. Ob er dabei zu Dada greift, zur neuen Ehrlichkeit oder zu expressionistischen Methoden, das bleibt ihm überlassen. Es führen viele Wege auf den neuen Parnass. Es gilt nur eine Regel: dpa genügt nicht …

*** to be continued ***

11 Kommentare

  1. Ein interessanter Text, Sie haben jedoch eine wichtige Komponente des Schreibens im Web 2.0 vergessen: die Zensur.
    Unter Punkt 4 verlinken Sie auf Don Alphonsos Blogbar, mit dem Hinweis, dass das Gespräch ein bedeutender Punkt eines Textes ist.
    Aber was ist, wenn unbequeme Stimmen in diesem Gespräch vom Betreiber einfach gelöscht werden? Kann man dann noch ernsthaft von einem Gespräch sprechen? Ist die Kommentarfunktion dann nicht das von Ihnen gesuchte „bessere Beifall-O-Meter“?

    Als Beispiel für die Zensur hier ein Bildschirmfoto des eben genannten Blogs – Kommentar Nr. 40 (und davor schon ein weiterer) wurde entfernt:
    http://www.goringo.de/images/donalphonso_zensur.jpg

  2. Die konkreten Vorgänge an der Blogbar kann ich nicht beurteilen, mir ist dort noch kein Kommentar gelöscht worden. Allerdings hat der Don gewisse Phobien, die es nun mal zu beachten gilt.

    Denn prinzipiell ist jedes Blog auch eine Art privates Verbalwohnzimmer, wo der Bewohner entscheidet, wie weit seine Toleranz reicht. Ein Besucher muss das dann beachten. Wenn ich par exemple weiß, dass mein Gastgeber ein Pazifist ist, darf ich ihm nicht ständig von den Schönheiten des Reservistenlebens vorschwärmen, sonst bekomme ich einen Tritt – oft ist es so einfach wie das.

  3. Ich sehe das anders. Entweder man hat eine Kommentarfunktion oder man hat keine. Hat man eine, so muss man damit leben, dass auch unerwünschte, kritische Äußerungen zu lesen sind. Es ist eben kein Wohnzimmer, denn in ein Wohnzimmer lädt man nicht jeden ein, so wie auf einem Blog.
    Es ist mMn falsch, Leute zum kommentieren einzuladen, dann aber bei Nichtgefallen der Kommentare diese zu löschen.
    Dadurch wird es sinnlos zu kommentieren, es sei denn, man formuliert zustimmend.

    Wenn ich von einem Pazifist einen Tritt bekommen, weil ich eine andere Meinung habe, so ist derjenige wohl kein Pazifist.
    Und wenn der Pazifist von seiner Meinung wirklich überzeugt ist, dann stört in die gegensätzliche Meinungsäußerung doch auch nicht. Toleranz bedeutet ja nicht, eine andere Meinung für gut zu befinden, sondern sie überhaupt zuzulassen.

    In diesem Sinne ist Don Alphonso ein Musterbeispiel für Intoleranz, während seine hetzenden Wutausbrüche („Aber irgendwie finde ich, dass Idioten einfach weniger Recht auf Schonung haben.“ – unter Punkt 4 verlinkter Beitrag) ein Musterbeispiel für Demagogie sind.

  4. Doch, doch – in seinem Blog darf jeder alles. Wenn er dann aber irgendwann keine Besucher mehr hat, dann sieht er, was er von seiner Rigidität hat. Also darf er’s auch nicht übertreiben.

    Der Don kultiviert einen Stil, der ihm bei zarteren Seelen den Ruf des ‚Motzbloggers‘ eingebracht hat. Weil er gelegentlich mit der Keule argumentiert, vor allem, um Leute wieder vor die Tür zu jagen. Das ist in ganz Bloghausen bekannt, wer’s also nicht mag, der soll da nicht hingehen. Ich gehe ja auch nicht zum Blauen Bock, wenn ich klassische Musik hören möchte. So erwarte ich vergleichsweise bei der Titanic drüben in Printstetten auch nicht den Feinsinn eines kultivierten Bildungsbürgers. Alternativen sind aber immer da, die Blogosphäre ist prinzipiell unendlich, notfalls bastelt man sich selber was Apartes …

    Inhaltlich gibt es auch bei mir übrigens Grenzen. Was vor allem rassistische, ’stillose‘ oder schlicht beleidigende Äußerungen betreffen würde. Kein Gast darf mir oder meinen Gästen einfach ins Gesicht rotzen und dann wegen der ‚Toleranz‘ barmend durch die Gassen laufen. Auch einen Troll bittet wohl niemand zu sich aufs Sofa.

  5. „Doch, doch – in seinem Blog darf jeder alles.“
    Wie erklären Sie sich dann, dass er meinen Kommentar Nr. 40 gelöscht hat? Ist der rassistisch, stillos oder beleidigend?

    Selbst ein Argumentieren mit der Keule wäre noch ein Argumentieren. Aber einen Beitrag zu löschen, der einem nicht passt, ist mehr als beleidigend und gerade deshalb ist sein Verhalten doch so inakzeptabel.

  6. Ich habe hier mit ‚rassistisch usw.‘ ausschließlich meine eigenen Kriterien angeführt. Nach den Kriterien des Don ist allein der Don zu befragen. Zum Stil eines Blogs zählt auch der Stil, in dem jemand es führt …

  7. Tscha – gute Idee!

  8. Interessanter Artikel!

    Ergänzend möchte ich diesen Artikel empfehlen:
    http://www.schokoladenes.de/2008/09/kreatives-schreiben-kann-man-lernen/

  9. (zit.):
    Ich kenne aber buchstäblich kein einziges geleseneres Blog, wo nicht der Schreiber den Durchschnittsjournalisten vom stilistischen, orthographischen und grammatischen Können her um einige Zentimeter und sogar um mehr überragt …

    Q: meinten Sie „grammatikalisches Können“?

  10. Nein – ich meinte schon das „grammatische Können“. Ich bin ja schließlich kein Studienrat …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑